Janáček: Das schlaue Füchslein - Komische Oper Berlin, 02.10.2011

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    • Janáček: Das schlaue Füchslein - Komische Oper Berlin, 02.10.2011

      Janacek-Festspiele in Berlin: Einen Tag vor der Berliner Premiere des Chereau-"Totenhauses" im Schiller-Theater (sehe ich erst am 17.10.), hatte sich Andreas Homoki für seine Abschiedsinszenierung an der Komischen Oper "Das schlaue Füchslein" ausgesucht, dieses für die Tradition des Hauses so bedeutsame Stück, war es schließlich 1956 eine der wichtigsten und erfolgreichsten Inszenierungen Walter Felsensteins - mittlerweile auf DVD zu besichtigen.

      Es ist - dies vorausgeschickt - eine seiner besten Produktionen am Haus geworden, virtuos in der Anwendung der szenischen und theatralischen Mittel und gleichzeitig sehr berührend und intensiv. Das Vertrackte am "Füchslein" ist der scheinbare Widerspruch zwischen dem putzig-niedlichen Ambiente mit Füchsen, Dackeln, Hühnern, Insekten pp. als Protagonisten einerseits und der emotional bewegten, melancholisch gefärbten Musik mit ihren hymnischen Aufschwüngen andererseits. Homoki gelingt es weitgehend, diesen Widerspruch aufzulösen, ohne auf den ja auch enthaltenen kauzigen Humor und drastisch-reale Darstellung zu verzichten. Bei ihm stellt sich das Stück dar als eine Traum, Erinnerung und Realität vermengende Rückschau des Försters auf sein Leben dar - im Traum fließen die Zeitebenen ineinander und aus jedem Menschen wird schnell ein Tier und umgekehrt - dass die gefangene junge Füchsin für den alternden Mann praktisch zum Symbol für jugendliche Ungebärdigkeit wird und erotische Assoziationen auslöst, steht ja schon im Text (Regieanweisung zum zweiten Zwischenspiel im ersten Akt: "Die Füchsin verwandelt sich in ein junges Mädchen"). Und so sehen wir Menschen, die sich durch Aufsetzen überdimensionaler Tierköpfe als Tiere zeigen und ebenso schnell wieder zurückverwandeln. Wir sehen Szenen aus dem Leben des Försters, der etwa in der Liebesszene der Füchse an seine eigene Jugend erinnert wird und bei deren Hochzeit an seine eigene - mit bitterem Erwachen in der Realität.

      Dass das ganze kein undurchschaubares Durcheinander wird, verdankt Homoki dabei vor allem zwei Elementen: Einmal dem schier genialen Bühnenraum von Christian Schmidt: Die Bühne besteht aus einer naturalistisch, aber spärlich eingerichteten Gasthausstube, die sich auf der Drehscheibe befindet. Die Scheibe dreht sich, und wir sehen die Gaststube erneut, nur in einigen bedeutungsvollen Details verändert, und das wiederholt sich immer wieder. Der Wald ragt durch eine in der Mitte befindliche große Flügeltür in den Raum hinein (die in einer Szene - Übergang 2./.3. Akt plötzlich fehlt - ein schockierendes Detail!). Der fortlaufende Wechsel der Zeit- und Erzählebene erscheint so plausibel und wohlgeordnet.

      Zum anderen verfügt Homoki (wie im Rosenkavalier von 2006, der Bohème von 2008 und den Meistersingern im Vorjahr) erneut über ein wunderbares Ensemble, das die Konzeption mit Hingabe und Präzision umsetzt. Jens Larsen ist der so temperamentvolle wie melancholische Förster (wohl nicht zufällig mit an Janacek gemahnender Maske) - eine Säule des Ensembles genau wie Brigitte Geller, die der Titelrolle viel Temperament, große Wandlungsfähigkeit und gesanglichen Wohllaut mitgibt. Wenn sie und Karolina Gumos (Fuchs) in ihren Duettszenen die wenigen vorhandenen Anlässe zu melodischen Aufschwüngen nutzen, lugt hinter Janacek deutlich Richard Strauss hervor - beide haben vor nicht allzulanger Zeit hier Sophie und Octavian gesungen. Der pointiert gesungene Schulmeister (gleichzeitig der Hahn) von Andreas Conrad steht für Kontinuität im Haus, obwohl er ja heute gar nicht mehr zum Ensemble gehört, dessen verlässliche Stütze er zu Kupfer-Zeiten war: Eine besondere Freude, diesen außergewöhnlichen Sänger mal wiederzusehen. In der Textverständlichkeit übertroffen wird er nur von Carsten Sabrowski, der dem grobschlächtigen Wilderer Haraschta, der die Füchsin erschießt, markantes Profil gibt. Gesungen wird deutsch, in einer durchaus präzisen und bis auf einige Holprigkeiten gut singbaren Übersetzung des Dramaturgen Werner Hinze.

      Spielfreudig und gesanglich stark wie immer der Chor, dessen Mitglieder auch kleinere Solorollen ausfüllen, präzise und klangschön das Orchester, obwohl die musikalische Einstudierung von Alexander Vedernikov den Perspektivenreichtum der Szene nicht ganz erreicht. Der große Bogen stimmt ebenso wie die heikle Balance zwischen Bühne und Graben, aber vor allem in den vielen orchestralen Zwischenspielen wird doch gelegentlich allzu flott über die markanten Details hinwegmusiziert. Schade bei einem Stück, das doch wesentlich von den widerborstigen Details lebt.

      Insgesamt ist dies jedoch eine Einschränkung, die nicht wesentlich ins Gewicht fällt angesichts der vielen Vorzüge dieser Produktion. Gerade wer (wie ich) dieses Stück besonders liebt, aber von putzniedlichen Verharmlosungen (Thalbach 2000 Deutsche Oper!) stets enttäuscht war, kommt hier auf seine Kosten. Unbedingt reingehen!!