Elgar: Sea Pictures

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    • Die einzige Aufnahme der "Sea Pictures", die unter Elgars eigener Leitung entstand, stammt aus den Jahren 1922/23. Zu diesem Zweck war von HMV ein "Symphony Orchestra" zusammengestellt worden, den Solopart übernahm die bekannte walisische Altistin Leila Megane.

      Am 10. November 1922 begannen die Aufnahmen, die allerdings nur beschränkt erfolgreich waren. Es gelang nur die Aufnahme der Lieder II (In Haven) und IV (Where corals lie). Man traf sich erneut am 14. November, wobei man für diese Aufnahmesitzung das Orcherster etwas vergrößert hatte. Aber auch dieser Tag brachte keine brauchbaren Aufnahmen hervor. Man beschloss sich auf den Beginn des folgenden Jahres zu vertagen. Tatsächlich war dies eine glückliche Entscheidung. Am 8. Januar 1923 konnten alle Lieder aufgezeichnet werden, sodass die Produktionsfirma HMV das vollständige Set zur Veröffentlichung bringen konnte.

      Die in der oben gezeigten Box vorliegenden restauriereten Versionen bringen die beiden älteren Einspielungen von "In Haven" und "Where corals lie" (1922) und die restlichen der 1923er Aufnahme. Lani Spahrs Restaurierung ist ausgesprochen gut, der Klang ist für eine Aufnahme des Alters vollkommen akzeptabel.

      Allerdings unterscheidet sich - wie weiter oben schon gesagt - die Besetzung hörbar von der im Original geforderten. Zudem gibt es doch eine ganze Menge rhythmische Wackler (u.a. verursacht durch Elgars bisweilen stark flukturierende Tempi), sauber musiziert ist das auch nicht durchweg. Zudem ist - ich trage Eulen nach Athen - Leila Meganes Technik nicht unbedingt nach heutigen Standards zu messen. Dennoch handelt es sich um eine beseelte Aufnahme, bei der ich den Verdacht habe, dass sie im Großen und Ganzen den Komponisten zufriedengestellt haben muss - denn warum hätte er sonst darauf verzichten sollen, sie später noch einmal aufzunehmen, wie so viele seiner anderen Werke auch? Zumal er für diese Aufnahme allerhand streichen musste, damit es nicht zu einer Überschreitung der Spieldauer der Platten kommen konnte.

      So werden im "Sea Slumber-Song" die Takte 38/39 zusammengezogen, die Takte 42/43 fehlen. "In Haven" und "Sabbath-Morning at Sea" sind vollständig eingespielt, dafür fehlen in "Where Corals Lie" gleich die Takte 16-28, also fast ein Viertel des Liedes. Das letzte Lied geht Elgar sehr flott an, sogar noch schneller als viel später der flinke Mackerras. Mir scheint es nicht so zu sein, dass Elgar hier nicht nur die Aufnahmezeit drängt, sondern dass er die große innere und äußere Bewegtheit und Dramatik dieses Liedes ganz bewusst ins Zentrum seiner Interpretation rückt.

      Spielzeiten

      Megane - Elgar: 04:07 / 01:39 / 04:50 / 02:49 / 04:39

      :wink: Agravain
    • Danke für den Bericht! Mir ist damals, als ich kurz reingehört habe, eine sehr merkwürdige Aussprache des Englischen bei der Solistin aufgefallen - irgendwie vollkommen verfärbte Vokale - ist Dir das auch so gegangen oder hab ich das falsch in Erinnerung? Oder spricht die Waliserin eben - walisisches Englisch? :D
      "Nichts gleicht der Trägheit, Dummheit, Dumpfheit vieler deutscher Geiger."

      Max Bruch (1838-1920)
    • Archaeopteryx schrieb:

      Danke für den Bericht! Mir ist damals, als ich kurz reingehört habe, eine sehr merkwürdige Aussprache des Englischen bei der Solistin aufgefallen - irgendwie vollkommen verfärbte Vokale - ist Dir das auch so gegangen oder hab ich das falsch in Erinnerung? Oder spricht die Waliserin eben - walisisches Englisch? :D


      Nein, insgesamt ist meinem anglistischen Ohr ( :D ) nichts als überdurchschnittlich seltsam aufgefallen - bis auf eines:
      Miss Megane singt "wind" nicht als [wɪnd], sondern als breites [waɪnd], was schon ein bissl komisch, weil sinnlos ist. Mir kommt es eher wie ein Manierismus vor. Walisischer Akzent klingt anders. Aber ich höre mir das sicherheitshalber in den nächsten Tagen noch einmal auf sprachliche Besonderheiten hin an.

      :wink: Agravain


    • Die heute gehörte Aufnahme der "Sea Pictures" mit Bernadette Greevy, dem London Philharmonic Orchestra und Vernon Handley konnte mich überhaupt nicht überzeugen.

      Sicher, Mrs Greevy galt ehedem als eine der bedeutenden irischen Altistinnen, Elgars Zyklus macht ihr jedoch nur eines: Schwierigkeiten. Ihr größtes Problem ist das tiefe Register, das nur sehr gedrückt kommt und somit im Ton flach und hart klingt. Hinzu kommt ihre Tendenz zur Überartikulation, speziell bei hellen Vokalen, die sie unnatürlich breit nimmt. Sicher, auch Janet Baker hat bisweilen solche Tendenzen, Bernadette Greevy klingt mir aber dann doch etwas zu exaltiert. Nicht, dass sie nicht auch schöne Momente hätte, aber es ist eben der kleinere Teil.

      Was mich zudem ausgesprochen verdutzt, ist die enorm breite Anlage des Zyklus durch Handley, einem der an sich stilistisch sichersten Streiter für britische Musik. Hier jedoch gelingt es ihm nicht im Entferntesten, den Ton zu treffen. Die Tempi sind ausgesprochen zäh, die Musik fließt nicht, sondern lindwurmelt so spannungslos dahin, dass im Grunde jedes Lied als hochpotentes Hypnotikum nutzbar wäre. Ganz besonders krass ist das in "Sabbath Morning at Sea" und im - an sich - dramatischen "The Swimmer". Unter Handleys Baton erstarren beide Lieder vollkommen, sind kraftlos, ohne Bewegung, ohne Druck, ohne Spannung.

      Auch das LPO klingt durchweg so engagiert, als müsse es eine Pflichtveranstaltung pro bono hinter sich bringen.

      Knappes Fazit: Dieses Werk scheint Handleys Sache offenkundig nicht zu sein. Ich frage mich nun, wie wohl seine zweite Einspielung mit Janet Baker klingen mag?
      Mein Bedürfnis, die zu hören, ist allerdings spontan verpufft.

      Spielzeiten

      5:38 / 1:59 / 6:25 / 3:54 / 6:40

      :wink: Agravain
    • Das Rätsel ist schon gelüftet: es ist nichts anderes als die Klavier-Version... :D

      Reinhören kann man hier:

      http://www.jdarnborough.f2s.com/Midsummer-mgt/whatsnew/CDpromo/CDoffer.htm

      Sonstwie aufregend klingen die Hörproben leider nicht... :S
      "Nichts gleicht der Trägheit, Dummheit, Dumpfheit vieler deutscher Geiger."

      Max Bruch (1838-1920)
    • Agravain schrieb:

      Also, ich kenne diese Aufnahme nicht. Aber ich bin ja beileibe auch keine Autorität.
      Also bitte, wer wenn nicht Du? Obwohl Dein understatement typisch britisch ist... Du hörst zu viel Elgar! :D

      Agravain schrieb:

      Und wenn ich mir die Hörschnipsel so anhöre, dann muss ich sie auch nicht kennen.
      Du hast Recht, eher suboptimal... Dafür gibt es eine mit 'nem Kerl:



      Ob ich die hören will ist mir auch noch nicht ganz klar... ?( 8|
      "Nichts gleicht der Trägheit, Dummheit, Dumpfheit vieler deutscher Geiger."

      Max Bruch (1838-1920)
    • Archaeopteryx schrieb:

      Dafür gibt es eine mit 'nem Kerl:



      Ob ich die hören will ist mir auch noch nicht ganz klar... ?( 8|


      Diese wiederum soll so übel nicht sein. Und Roderick Williams hat schon eine sehr schöne Stimme. Sie steht auch schon seit einiger Zeit auf meiner Liste, auch wegen dem selten eingespielten "Pageant of Empire".
      Eine andere Aufnahme mit einem Mann ist diese



      mit Konrad Jarnot und Reinhild Mees am Pianoforte. Wie ich sehe, habe ich noch gar nichts zu dieser Einspielung in stammelnde Worte gekleidet. Mal sehen, vielleicht mache ich das demnächst.

      :wink: Agravain
    • Agravain schrieb:

      Diese wiederum soll so übel nicht sein. Und Roderick Williams hat schon eine sehr schöne Stimme.
      Ja, zweifelsohne - nur habe ich bei den Sea Pictures immer eine Frauenstimme im Ohr und dann ist da noch das mit dem Meerjungfrauen-Kostüm... :wacko: Aber vielleicht ist das Gewöhnungssache. Ich mag ja umgekehrt auch Brigitte Fassbaender als Müllerinnen-Liebhaber/Bach bzw. einsamen Winterreisenden.

      Agravain schrieb:

      Eine andere Aufnahme mit einem Mann ist diese [...] Wie ich sehe, habe ich noch gar nichts zu dieser Einspielung in stammelnde Worte gekleidet. Mal sehen, vielleicht mache ich das demnächst.
      Das wäre sehr schön - um diese beiden CDs schleiche ich auch schon eine ganze Weile herum. Ist die Serie eigentlich komplett?
      "Nichts gleicht der Trägheit, Dummheit, Dumpfheit vieler deutscher Geiger."

      Max Bruch (1838-1920)
    • Ihre Londoner Premiere erlebten Elgars "Sea Pictures" als Klavierlieder. Auch heute werden sie bisweilen noch als solche aufgenommen, wobei ich in dieser Besetzung nur die Einspielung mir Konrad Jarnot (Bariton) und Reinhild Mees (Klavier) kenne.



      Immer, wenn ich sie höre (und es ist nicht oft), denke ich zunächst: Wie wichtig ist doch die Instrumentation der Lieder. Elgars war mE ein begnadeter Instrumentator und selten wird das deutlicher als hier. Ohne die Farbpalette des Orchesters klingen die Lieder nackt, der zauberhafte Ton, der über ihnen schwebt, verschwindet, das Ganze macht einen eher kahlen Eindruck.
      Die Ausführenden arbeiten allerdings auch so gut wie gar nicht dagegen. Jarnot ist eigentlich nur in der mittleren Lage gut, das tiefe Register kommt eher gepresst (gleich im ersten Lied), die Spitzentöne (die so hoch ja nicht sind), bewegen sich sowohl in "Sabbath-Morning at Sea" als auch in "The Swimmer" am Rand zum Brüllen. Hochklassig ist anders. Darüber hinaus scheint mir Jarnot mit den Liedern selbst nur wenig anfangen zu können, die Texte bringen ihn in Punkto Gestaltung offensichtlich nicht auf interessante Ideen, eine sinnfällif nuancierte Deutung fehlt. Stattdessen gibt es nicht selten Plakatives, wie die andauernde Gleichsetzung bzw. Verwechslung von Intensität und Lautstärke. Soll die Musik ausdrucksstark sein, dann scheint das für die beiden Interpreten zu heißen, dass man ein sattes Forte singen/spielen muss. Reinhild Mees' Gestaltung des Klavierpartes ist mE ähnlich einfallslos. Linien werden nicht gesehen, stattdessen wird steif Akkord neben Akkord gesetzt, die Tempi sind zäh.
      Tatsächlich habe ich nach mehrmaligem Hören den Eindruck, dass gerade die Klavierfassung eher eine straffe Umsetzung bräuchte. So aber entwickelt sich das notwendige Fließen dieser Meeresbilder (sic!) nicht, Leichtigkeit sucht man vergebens (nicht einmal im tupfig komponierten "In Haven" klappt's), der überwiegende Teil der Musik klingt der erdverwachsen, schwer und - als Beispiel dafür möchte ich die Takte zu Beginn des letzten Liedes ("The Swimmer") nennen - vollkommen ohne Emphase. Das grenzt mE an dieser Stelle schon fast an ein "Thema verfehlt". Insgesamt eine in meinen Augen eher schwache Einspielung.

      :wink: Agravain
    • Agravain schrieb:

      Insgesamt eine in meinen Augen eher schwache Einspielung.
      Lieber Agravain,

      danke für diese Einschätzung. Sind die anderen Lieder auf der CD ebenso wenig gelungen oder lohnt sich das Anschaffen der beiden Teile, um einen Überblick über Elgars Liedschaffen zu bekommen?
      "Nichts gleicht der Trägheit, Dummheit, Dumpfheit vieler deutscher Geiger."

      Max Bruch (1838-1920)
    • LIeber Archaeopteryx,

      Archaeopteryx schrieb:

      oder lohnt sich das Anschaffen der beiden Teile, um einen Überblick über Elgars Liedschaffen zu bekommen?

      die Anchaffung lohnt sich ganau aus diesem Grund in jedem Fall. Viele der Liedinterpretationen scheinen mir durchaus den richtigen Ton zu treffen und sind auch gut anzuhören.
      Beim Hören der "Sea Pictures" in dieser Einspielung hatte ich durchweg das Gefühl, dass sich Jarnot/Mees zu sehr davon haben beeindrucken lassen, dass es sich bei diesem Zyklus um eine populäre Komposition und (sieht man vielleicht von einigen der Chorlieder ab) den Gipfel des Elgarschen Liedschaffens handelt. Die beiden Ausführenden scheinen mir als Konsequenz ihres Wissens um die Stellung der Lieder im Schaffen Elgars diese mittels einer "gewichtigen" Darstellung mit (zusätzlicher?) Bedeutung aufladen zu wollen. Die große Konkurrenz, mit der sich diese Aufnahme zwangsläufig vergleichen lassen muss, zeigt aber, dass das ganz so einfach nicht funktioniert. Vor diesen Hintergrund fällt die Aufnahme dann ab.

      :wink: Agravain
    • Ich habe in den letzten Tagen mal wieder die Sea Pictures in Heavy Rotation gehört :D und will meine neuen Eindrücke hier kurz mitteilen.


      Die von Agravain als "Mercedes" bezeichnete Deutung von Felicity Palmer und Richard Hickox habe ich mit Spannung verfolgt und mittlerweile dreimal gehört. Ich muss allerdings gestehen dass ich nicht restlos begeistert bin. Hickox spielt einen luxuriösen, klanglich eindrucksvollen und differenzierten Elgar, mit dramatisch zupackenden, aber auch lyrisch erfüllten Momenten, die oftmals genau meine Tempovorstellung treffen. Felicity Palmer hat sicherlich nicht das schönste Organ, versteht es jedoch mit intelligenter Gestaltung und kultiviertem Einsatz ihrer stimmlichen Mittel für sich einzunehmen. Der Text wird idiomatisch und durchdrungen dargeboten, allerdings kommt es mir manchmal zu sehr überlegt und "intellektuell" vor, und ich vermisse mitunter das Mitreißende in ihrer Interpretation. Auch hält sie sich mit dem Einsatz der Bruststimme sehr vornehm zurück, was manchmal dazu führt dass ihre tiefen Töne seltsam hohl und "gaumig" klingen. Eine absolute Enttäuschung (zumindest für mich) ist das zweimalige Ignorieren des subito pp auf "Slumber song" im ersten Lied (Takte 8 und 34) und das zumindest für mich nicht hörbare Becken im letzten Lied (ca. bei "sword blade", Takt 87 wenn ich richtig gezählt habe), andererseits ist Palmer diejenige, die von allen Aufnahmen die glut- und klangvollsten Spitzentöne abliefert (das hohe a im letzten Lied ist wirklich grandios!) und Hickox setzt die Orgel in einem Maße ein dass man sie vermisst wenn sie nicht mitspielt.


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      Yvonne Minton, da bin ich mit Agravain einer Meinung, liefert eine der intelligentesten Darstellungen ab, die man sich denken kann. Jedes Wort, jedes Satzzeichen, jede Emotion hat genau ihren Platz und ist stimmlich über ejden Zweifel erhaben wiedergegeben. Sie hat wunderbare pianissimi und den richtigen "Kern" in der Stimme, der die Lieder in ihrer Interpretation in Richtung Wagner ansiedeln lässt, was mich ausnahmsweise bei ihr nicht stört. Ihre Ruhe und Erhabenheit im dritten Lied steht in eindrucksvollem Kontrast zu der hemmungslos entfesselten Dramatik im letzten Lied, wo sie sich mehr als einmal kurz vor der Katastrophe befindet - um Harnoncourt zu zitieren, der meinte, dass es kurz vor dem Ausbrechen der Katastrophe am schönsten ist. Leider, leider, leider verleidet Barenboims weihevolle und salmige Orchesterbegleitung den Genuss absolut. Es klingt bei ihm nicht nach Elgar, sondern nach einer Mischung aus Wagner, Bruckner und Franz Liszt im sakralen Gewand. Das hat meines Erachtens mit Elgar nicht viel zu tun. Zähflüssig und breit wird da gesegelt, und mehr als einmal gründlich über das Ziel hinausgeschossen. Schade, schade, schade!!! Yvonne Minton ist so gut...


      Dame Janet deckt sich in dieser Aufnahme sehr gut mit der klassischen Interpretation von 1965, wagt mitunter mehr dramatische Attacke und hat noch glutvollere Spitzentöne zu bieten. Leider ist das letzte Lied noch weniger dramatisch als bei der EMI-Aufnahme und sie scheint enorme Probleme mit ihrer Tiefe gehabt zu haben - die tiefen g's im ersten Lied sind kaum zu hören und im weiteren Verlauf der Lieder oktaviert sie alle tiefen Noten nach oben. Das wirkt etwas merkwürdig und ist sehr schade, denn die Lage der Stücke macht ja einen Großteil des Reizes aus. Dame Janet sagte freilich selbst, dass ihre Stimme im Laufe der Jahre immer höher wurde (was z.B. auch zu dem merkwürdigen Eindruck ihrer zweiten Nuits d'été-Aufnahme von 1990 führt - sie singt in mitunter erschreckend hoch liegenden Tonarten, was ihrer dort schon nicht mehr taufrischen Stimme auch nicht gerade mehr Grazie verleiht; aber das ist OT). Das LPO unter Vernon Handley spielt mitunter recht zügig und kraftvoll zupackend, jedoch passieren ob der Live-Aufnahme einige Unfälle, und der Klang der Aufnahme ist unvorteilhaft trocken und spröde. Alles in allem nur etwas für Hardcore-Bakerianer, und keine Konkurrenz für ihre EMI-Aufnahme.


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      Ich muss meinen ersten Eindruck zu Della Jones etwas revidieren. Natürlich ist und bleibt sie ein hoher Mezzo, der die tiefen Töne zwar singt, aber eher schlachtet als ausfüllt, jedoch versteht sie es m.E. nach wie niemand sonst, die morbiden und kantigen Töne der letzten beiden Lieder herauszukehren. Where corals lie ist super gruselig weil quasi am Rande des Wahnsinns gesungen und dabei absolut charmant und erschreckend glückselig, und in The Swimmer hält sie dann nichts mehr - ihr nimmt man ab, dass sie nach dem extatischen Schluss ins Meer springen will, und die Interpretation des ganzen Zyklus steuert unaufhaltsam darauf zu und nichts kann sie davon abhalten. Das fiel mir in ihrer Lesung das erste Mal so richtig auf, und wiegt für mich im Grunde den beängstigenden Umgang mit ihrem Material völlig auf - sehr opernhaft, aber absolut zupackend und haarsträubend, was von Charles Mackerras wunderbar unterstützt wird, denn er peitscht das RPO in wirklich ozeanischer Manier zu einem zupackenden und dramatischen Elgar-Erlebnis auf.

      Was meint ihr? Klingt das alles nachvollziehbar?
      "Nichts gleicht der Trägheit, Dummheit, Dumpfheit vieler deutscher Geiger."

      Max Bruch (1838-1920)
    • Archaeopteryx schrieb:

      Die von Agravain als "Mercedes" bezeichnete Deutung von Felicity Palmer und Richard Hickox habe ich mit Spannung verfolgt und mittlerweile dreimal gehört. Ich muss allerdings gestehen dass ich nicht restlos begeistert bin.

      Wie? Widerworte? Ich bin entsetzt. :D
      Schade, dass sie Dir nicht so ganz zusagt.

      Archaeopteryx schrieb:

      Leider, leider, leider verleidet Barenboims weihevolle und salmige Orchesterbegleitung den Genuss absolut. Es klingt bei ihm nicht nach Elgar, sondern nach einer Mischung aus Wagner, Bruckner und Franz Liszt im sakralen Gewand. Das hat meines Erachtens mit Elgar nicht viel zu tun. Zähflüssig und breit wird da gesegelt, und mehr als einmal gründlich über das Ziel hinausgeschossen.

      Aber Barenboim ist immerhin konsequent. Sein gesamter Elgar hört sich so an.

      Archaeopteryx schrieb:

      Das fiel mir in ihrer Lesung das erste Mal so richtig auf, und wiegt für mich im Grunde den beängstigenden Umgang mit ihrem Material völlig auf - sehr opernhaft, aber absolut zupackend und haarsträubend, was von Charles Mackerras wunderbar unterstützt wird, denn er peitscht das RPO in wirklich ozeanischer Manier zu einem zupackenden und dramatischen Elgar-Erlebnis auf.

      Nun, da kommen wir wohl nicht zusammen. Ich höre das nämlich im Grunde genau anders herum. Mackerras ist derjenige, der hier führt und eben nicht unterstützt. Und Della kommt mit seinem energischen Ansatz stimmlich nicht klar. Haarsträubend? Da ist schon was dran. ;+)

      :wink: Agravain
    • Agravain schrieb:

      Wie? Widerworte? Ich bin entsetzt. :D
      Schade, dass sie Dir nicht so ganz zusagt.
      Naja wie schon gesagt - ich höre mich weiter rein und vielleicht komme ich noch dorthin, wo Du bist! :thumbsup:

      Agravain schrieb:

      Aber Barenboim ist immerhin konsequent. Sein gesamter Elgar hört sich so an.
      Na Prost Mahlzeit - ich weiß ja welche Elgar-CDs ich in Zukunft nicht hören brauche.

      Agravain schrieb:

      Nun, da kommen wir wohl nicht zusammen. Ich höre das nämlich im Grunde genau anders herum. Mackerras ist derjenige, der hier führt und eben nicht unterstützt. Und Della kommt mit seinem energischen Ansatz stimmlich nicht klar. Haarsträubend? Da ist schon was dran. ;+)
      :D So untershciedlich können die Geschmäcker sein - aber schön dass Du zumindest das haarsträubende ebenfalls heraushörst... :D
      "Nichts gleicht der Trägheit, Dummheit, Dumpfheit vieler deutscher Geiger."

      Max Bruch (1838-1920)
    • Ein interessanter und reger Austausch, den ihr da geführt habt, lieber Agravain und Archie, hat mich neugierig gemacht. Zumal ich zu meiner Schande gestehen muss, kein einziges Werk von Elagr zu kennen.

      Auf yt gibt es eine Version dieser Lieder mit Marilyn Horne und dem NYPO unter Zubin Mehta.
      Mir hat sie sehr gut gefallen (allerdings habe ich auch keinen Vergleich)

      "https://www.youtube.com/watch?v=CUS1TGQ2N84"
      "Allwissende! Urweltweise!
      Erda! Erda! Ewiges Weib!"


    • Edward Elgar: Sea Piuctures, op. 38

      Sarah Rose Taylor - Mezzosopran
      Nigel Potts - Orgel
      Grace Cloutier - Harfe

      Die letzten Wochen haben sich in Sachen Neuveröffentlichungen von Tonträgern mit Werken von Sir Edward nicht eben durch übergroße Aktivität ausgezeichnet. :heul1:

      Und wenn denn etwas tatsächlich nicht wieder-, sondern wirklich neuveröffentlicht wird, so regt die Qualität der Aufnahmen (z.B. im Fall der Orgelwerke) nicht eben zu Begeisterungsstürmen an.

      Eine Veröffentlichung, die mir zunächst interessant zu sein schien, stammt aus dem Hause MSR Classic. Mein Interesse wurde geweckt, weil hier Wagners Wesendonck-Lieder in Kombination mit Elgars „Sea Pictures“ und dem „Angel’s Farewell“ aus „The Dream of Gerontius“ vorgestellt werden, und zwar in einer Bearbeitung für Singstimme, Harfe und Orgel.

      Die Arrangements, die hier zu hören sind, stammen samt und sonders von dem amerikanischen Organisten Nigel Potts, der auf der Aufnahme auch selbst spielt (The Schoenstein & Co. Orgel, Christ & Episcopal Church New York). Sie gefallen mir durchweg gut. Hat man den Orchestersatz der „Sea Pictures“ in Ohr, so kann man nur staunen, wie farbig Potts' Arrangements insgesamt klingen. Selten wird man beim Hören darauf aufmerksam, dass es nicht das Orchester ist, das hier den Gegenpart zur Singstimme bildet. Der Anfang zu „In Haven“ beispielsweise wirkt ausgesprochen warm und körpervoll, wobei es auch gerade der Klang der von Grace Cloutier gespielten Harfe ist, der für das letzte Quäntchen Atmosphäre sorgt. Die ersten Takte von „Sabbath Morning at Sea“ wirken auf mich sogar, als seien ursprünglich für Orgel gesetzt. Überhaupt macht sich die Orgel als Orgel (und eben nicht als Orchesterimitation) besonders in diesem Lied gut, beispielsweise wenn es heißt „And though this Sabbath comes to me / Without the stolèd minister, / And chanting congregation“. Nur selten kann mich Potts Spiel nicht überzeugen. So bin ich der Meinung, dass beispielsweise dem „Sea Slumber Song“ ein wenig mehr Zug gut bekommen wäre. Auch gibt es ein paar Momente, wie unter anderem die Darstellung der wogenden Wellen im ersten Lied oder die einleitenden Takte zu „Where Corals Lie“, die auf mich zu schwer und etwas zu mechanisch wirken. Aber das sind nur Kleinigkeiten, die der an sich ansprechenden Leistung,die Potts als Arrangeur und als Organist hier zeigt, keinen wirklichen Abbruch tun.

      Problematisch empfinde ich indes Sarah Rose Taylors Darstellung der Lieder. Von einem schärferen Blick auf ihrer Wiedergabe der Wesendonck-Lieder, die schon aufgrund ihrer massiven Schwierigkeiten mit der Artikulation der deutschen Sprache scheitert, sehe ich an dieser Stelle zwar ab, aber an den Schwierigkeiten, die sie mit den „Sea Pictures“ hat, kann ich doch nicht vorbeisehen. Hier ist das grundsätzliche Problem natürlich nicht auf der rein sprachlichen Ebene anzutreffen. Tatsächlich geht es vielmehr an die Substanz. Die Aufgabe des Liedsängers ist es doch, eng am und mit dem Text zu arbeiten, ihn gestaltend zu interpretieren und seine Auslegung dem Hörer nahezubringen, ja ihm Ohren und Geist zu öffnen. Das ist niemals eine leichte Aufgabe, fordert sie doch einen scharfsinnigen und differenzierenden Gestalter. Sarah Rose Taylors Darstellung der „Sea Pictures“ merkt man diese Eigenschaften – zumindest auf dieser CD – nicht wirklich an. Tatsächlich habe ich mich beim Hören nicht eben selten gefragt, ob die Sängerin tatsächlich versteht, was sie singt.

      Schon der „Sea Slumber-Song“ klingt einigermaßen ausdrucks- und vor allen Dingen auch bedeutungslos, auch wenn es hier immer wieder einmal Momente gibt („‘I, the Mother mild, Hush thee, O my child‘“), bei denen kurz so etwas wie Gestaltung auszumachen ist. Bei „In Haven“ entscheidet sich die Sängerin dazu, jede der drei Strophen zum einen identisch und zum anderen ohne jegliche Emphase (es geht doch immerhin um das dreimalige emphatische Bejahen der Liebe als Orientierung und Sicherheit gebende Konstante im Leben) durchzusingen. Hinzu kommt es aufgrund von unsauberer Artikulation zu einem unfreiwillig komischen Moment, wenn aus den Foam-Flakes „Cornflakes“ werden. Das dritte Lied ist das erneut von unfassbarer Blässe: Wo ist die feierliche Atmosphäre, die die erste Strophe heraufbeschwört? Wo das brodelnde Wasser in der zweiten, die Verinnerlichung in den folgenden Strophen? Und am tragischsten: Warum singt Sarah Rose Taylor an der hymnischen, enthusiasmierten Leidenschaft der Klimax dieses Liedes so vollkommen vorbei? Fragen über Fragen. Man könnte nun weitermachen und darauf hinweisen, dass ihre Darstellung von „Where Corals Lie“ bar jedes Geheimnisses daherkommt und dass sie schließlich auch die komplexe emotionale Bandbreite von „The Swimmer“ in ihrer Interpretation voll und ganz verfehlt, doch möchte ich an dieser Stelle lieber zu einem Ende kommen. Nur eines: Wenn man eine Aufnahme der „Sea Pictures“ produziert, eines Liederzyklus‘ also, von dem Interpretationen von so herausragenden Sängerinnen wie Dame Janet Baker, Dame Felicity Palmer, Yvonne Minton, Della Jones oder Sarah Connolly auf Tonträger gebannt vorliegen, dann muss man sich auch an diesen messen lassen. Und diesem Vergleich hält Sarah Rose Taylor in keiner Weise stand.

      :wink1: Agravain


    • Elder (2014) - Alice Coote, Hallé: 05:15 / 1:42 / 05:47 / 3:57 / 5:52

      Edward Elgars Liederzyklus „Sea Pictures“, op. 37 ist von einer Reihe der bedeutendsten Mezzosopranistinnen, die Großbritannien hervorgebracht, eingespielt worden: Dame Janet Baker, Dame Felicity Palmer, Gladys Ripley, Sarah Connolly, Della Jones, Bernadette Greevy und viele andere haben sich an den kurzen, vermeintlich genrehaften und technisch scheinbar nicht allzu herausfordernden Liedern versucht. Die Interpretationen sind tatsächlich aber von ganz unterschiedlicher Qualität, was darauf schließen lässt, dass der Zyklus tatsächlich nicht so gefällig ist, wie er scheint, denn die einzelnen Liedern fordern die Interpreten auf unterschiedlichen Ebenen intensiv heraus. Zum einen ist es an ihnen, jede Textzeile gedanklich und eben auch musikalisch zu durchdenken, denn die tatsächlich zum Teil nicht eben starken Texte sind von Elgar höchst durchdacht in Musik gesetzt worden. „Eben mal durchsingen“ – das geht hier nicht, denn dann wird’s schnell uninteressant, platt und – im schlimmsten Fall – ziemlich kitschig. Zu der Forderung einer durchdachten und somit vielfarbigen Gestaltung kommt die Forderung nach einem breit aufgestellten Stimmmaterial. Weich muss die Stimme für diesen Zyklus sein können, mütterlich, zärtlich; gleichzeitig fähig zu Hymnik und Ekstatik, mit rundem tiefen und kraftvollen hohen Register. Alles andere funktioniert nicht.

      Nun haben sich Alice Coote, das Hallé und Sir Mark Elder in den Reigen der Künstlerinnen und Künstler eingereiht, die ihre Lesart der „Sea Pictures“ für die interessierte Klassik-Gemeinde eingespielt und für die Ewigkeit auf Tonträger gebannt haben. Eine regelrecht gute Entscheidung war dies allerdings nicht. Doch die gute Nachricht zuerst. Sir Mark und das Orchester aus Manchester liefern eine hervorragende Ausleuchtung des Orchestersatzes ab. Da hört man viele Details, die sonst dazu neigen, in der Fülle des Wohllautes unterzugehen. Ich denke da an die ein oder andere Stelle, in denen Elder das Tam-Tam besonders dunkel tönen lässt oder die Harfe oder die Orgel klanglich intensiver nach vorne holt, als das meist zu erleben ist. Dass seine Deutung zu einer gewissen Schwere und atmosphärischen Abschattierung neigt, und zwar auch in dem eher luftigen „Where Corals Lie“ und dem sicher drängender gemeinten „ The Swimmer“, mag Intention sein, überzeugt jedoch nicht wirklich, weil dem Zyklus so die Farbe etwas verloren geht.

      Die schlechte Nachricht ist, dass sich Alice Coote nicht in die erste Reihe der Interpretinnen dieses Zyklus‘ einreihen kann. Ein entscheidender Grund dafür ist, dass ihre Interpretation der Absicht zu folgen scheint, Text und Musik mit Bedeutung aufzuladen, und zwar durch ein ständiges Raunen und Hauchen, dass so wirkt, als sei aus der Pop- oder Filmmusik abgekupfert scheint. Das mag ja in einem Fantasy-Schinken zweiter Klasse oder einer tragischen Liebesschmonzette seine Berechtigung haben, aber in einem Lied wie „In Haven“ hat eine Textzeile wie „Kiss my lips and softly say…“ nicht zu klingen wie Klassik-Porn. Gleiches gilt für ähnliche Momente in „Where Corals Lie“: man höre einmal ganz intensiv ihre Gestaltung der Zeile „When night is deep, and moon is high“ oder „Ye, press my eyelids close, 'tis well“, um zu begreifen, wie sehr ein Künstler bisweilen daneben liegen kann. Billigster hollywoodesker Kitsch? Das hat Elgars Zyklus nicht verdient. Genau so problematisch ist es, dass Alice Coote gestalterisch auch nicht viel mehr einfällt. Dort, wo ein Deuteln und Erda-haftes Raunen schlicht sinnlos wäre, fehlt es an Ideen. Besonders deutlich wird die Einfallslosigkeit der Darstellung in den beiden auch textlich komplexeren Liedern „Sabbath Morning at Sea“ und „The Swimmer“. Da gibt es kaum Arbeit am Text, unterschiedliche Begriffe werden immer identisch gestaltet („turbulent“ vs. „glorified“), die Botschaft wird anscheinend nicht durchdrungen, die Emphase von „Sabbath Morning“ wird verfehlt, der todesselig-euphorische Druck, der an sich die gesamte Atmosphäre und Struktur von „The Swimmer“ bestimmt, ist im Grunde nicht wahrnehmbar. Nicht selten wird nachgerade gegen den Text gestaltet („Babble and prattle, and ripple and murmur“). Nun könnte man ja allerhand verknusen, wenn Alice Coote stimmlich begeistern könnte. Aber auch hier finde ich wenig, was mich – bezogen auf die Anforderungen dieses Zyklus – hinreißen könnte. Die natürliche Tessitura wirkt ziemlich eng, für die hohe wie die tiefe Lage braucht sie allerlei Anstrengung und klingt dann nicht immer gut. Zudem fehlt dann doch bisweilen das Volumen, was zum Beispiel in „Sabbath Morning“ dazu führt, dass Elder das Orchester bei der Klimax des Liedes (T. 64 ff., Grandioso: „He shall assist me to look higher…“) deutlich zurücknehmen muss, sodass selbige vollkommen widersinnig verpufft. Hört man im Vergleich dazu beispielsweise die Aufnahme Felicity Palmer/Richard Hickox, dann wird der himmelweite Unterschied dazu, wie man – nicht nur – dieses Lied auf höchstem Niveau gestalten kann, noch offenkundiger. Insgesamt ist dies eine Aufnahme, die man nicht zwingend gehört haben muss.

      :wink: Agravain


    • Barenboim (2019) - Elīna Garanča, Staatskapelle Berlin: 4:41 / 1:45 / 6:11 / 3:58 / 7:06

      Daniel Barenboim ist – und dafür sind ihm viele „Elgarians“ weltweit zu Recht dankbar – seit vielen Dezennien ein Champion der Musik Edward Elgars. Nach einer Reihe von CD-Produktionen in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts ist er seit einigen Jahren dabei, wichtige Werke mit der Staatskapelle Berlin noch einmal aufzunehmen und herauszubringen. Neben den Symphonien, dem Cellokonzert und „The Dream of Gerontius“ sind nun auch die „Sea Pictures“ und der „Falstaff“ bei Decca veröffentlich. Auch dies sollte Anlass zur Freude sein. Doch nagt am Schreiber dieser Zeilen nach dem Hören dieser Veröffentlichung erneut der Zweifel daran, in wie weit er mit dem, was Barenboim dem interessierten Hörer (und auch dem Konzertpublikum) mit großem Engagement als Elgar präsentiert, mitgehen kann.

      Schon bei den alten Sony-Aufnahmen schien ihm Barenboims Wille zur Idiosynkrasie deutlicher zu überwiegen als das Interesse daran, einen frischen Blick auf Elgar zu werfen. War es damals vielleicht der Wunsch, sich mittels eigensinniger (wenn nicht gar eigenartiger) Deutungen gegen die bis dato im Amt befindlichen Sachverwalter des Werkers Elgars Sir Adrian Boult oder Sir John Barbirolli abzusetzen, so bleibt heute dem verwunderten Hörer anlässlich solcher Barenboim’schen Elgar-Exegesen wie der auf dieser CD vereinten nur zu fragen: Wie versteht Barenboim Elgar eigentlich? Welches Bild von Elgar will er den geneigten Hörerinnen und Hören vermitteln?

      In einem Interview mit der „New York Times“ antwortete Barenboim auf die Frage, warum er Elgars Musik so sehr liebe, wie folgt: „Es ist schwierig, auf diese Frage zu antworten, da man zugeben muss, dass Elgar historisch gesehen nicht so wichtig ist. Hätte es Elgar nicht gegeben, so wäre die Entwicklung der Musik keine andere gewesen. Man muss auch vergessen, dass er – bedenkt man, was zeitgleich von Schönberg, Strawinski und anderen komponiert worden ist – irgendwie anachronistisch war. Aber es gibt in seiner Musik eine Ebene, die mich enorm anspricht: etwas Emotionales – im besten Sinne des Wortes. Nichts Äußerliches, sondern etwas sehr, sehr Tiefes und Ehrliches, das mit seinen Modulationen, mit seiner harmonischen Sprache zu tun hat, die sich von der vieler anderer Komponisten unterscheidet.“

      Hier wird es deutlich: Barenboim liebt an Elgar das wenig Moderne, seine tiefe Emotionalität und seinen Personalstil. Nimmt man nun seine neue Interpretation der „Sea Pictures“ und des „Falstaff“ zur Hand und versucht, Spuren dessen von dem, was Barenboim ausführt, zu finden, dann gestaltet sich das nicht sonderlich aufwändig. Die „Sea Pictures“, wie sie Barenboim spielen lässt, sind bar jeglicher Modernität, voll von breit-ausladendem Spiel, von brokathaft schwerer Gefühlswelt. Barenboim öffnet ein Fenster in die Welt des Chintz. Das Problem ist, dass viel mehr auch nicht angestrebt wird. Der Dirigent scheint zu glauben Elgar einfach damit beikommen zu können, dass man seine Musik als Aneinanderreihung "schöner Stellen" spielt und das klanglich möglichst satt. Und dazu ein bisschen somnolent. Denn umso langsamer, umso schöner. Man gewinnt den Eindruck, dass der Dirigent Elgars Musik sei gerade dann gut, wenn man sie sich mit viel Zeit auf der Zunge zergehen bzw. in die Ohren träufeln lässt. Dass der Komponist in den von ihm selbst geleiteten Aufführungen und Aufnahmen seiner Werke selbst eher zu einer griffigen Gangart neigte, scheint vollständig an Barenboim vorübergegangen zu sein.

      Tatsächlich – und das ist tatsächlich eine Entscheidung, die Elgars Musik den Todesstoß versetzen kann – nutzt Barenboim jede Gelegenheit das Fließen dieser Musik (man erinnere sich daran, dass sich diese Lieder im Kontext „Wasser“ bewegen) nachhaltig zu bremsen. Jede, aber auch wirklich jede Vortragsbezeichnung, die man als Tempoanweisung verstehen kann (mein Favorit hier: „Tranquillo“), reißt Barenboim zu einer mehr oder minder deutlichen Verlangsamung hin. Dass vielleicht eher der Charakter des Vortrags beschrieben werden soll, scheint nicht aufgefallen zu sein. Auch Hinweise zur Dynamik werden auf diese Weise gedeutet. Piano und Pianissimo (von ppp will ich gar nicht sprechen) ist hier das neue langsam. Die beiden Lieder (Nr. 2 und Nr. 4), für die Elgar „Allegretto“ bzw. „Allegretto ma non troppo“ notiert, wirken durch die klangliche Glättung des Orchestersatzes langsamer als sie tatsächlich sind, das „Allegro di molto“ zu Beginn des letzten Liedes wird nur volle fünf Takte durchgehalten, dann tritt Barenboim wieder auf die Bremse, schließlich notiert Elgar dann „dolce“. Und dolce heißt ja auch langsam. Es wird deutlich: Der schöne Klang, er darf nicht ziehen. Elgars Modulationen und seine Harmonik – sie sind es, die Barenboim hier interessieren. Und so wirkt das Ganze wie der Versuch des unmöglichen Festhaltens der Klänge. Elgars Thema ist das an dieser Stelle - meine ich - nicht.
      Enthusiasmierend scheint Barenboims Ansatz im Übrigen nicht gewirkt zu haben. Selten habe ich die Berliner Staatskapelle - bei aller Schönheit des Klanges - routinierter, ja desinteressierter musizieren hören.

      Für Mezzosopranistin Elīna Garanča scheint – und das macht das Ganze nicht besser – der gesungene Text ebenfalls keine größere Rolle zu spielen. Konsequent gestaltet die Garanča im Verbund mit Barenboim stets nur das Offensichtliche. Natürlich - dies sind keine Text von höchster literarischer Qualität und tiefster Introspektion. Doch darf das die Interpretinnen und Interpreten nicht dazu verleiten anzunehmen, es gäbe nur eine Oberfläche. Tatsächlich sind diese Texte vielschichtig. Doch die Garanča beleuchtet nur (und auch das nur selten). Durchleuchtet wird hier an keiner Stelle. Eine Herausschälung verschiedener Bedeutungsebenen ist nicht erkennbar. Überhaupt begegnet man hier keiner sonderlich differenziert gestaltenden Künstlerin. So werden beispielsweise Vortragsbezeichnungen nur selten wahrgenommen, bisweilen schleppt sie, es kommt zu rhythmischen und sprachlichen Ungenauigkeiten. Dies könnte man darauf schieben, dass es sich um einen Live-Mitschnitt handelt. Dennoch muss dergleichen auch dann nicht sein. Schlimmer ist noch, dass man nicht den Eindruck gewinnt, die Künstlerin brenne für diese Musik. Es fehlt Garančas Darstellung vollkommen an Zauber, Geheimnis (Lieder Nr. 1, 2 & 4), an Enthusiasmus (Nr. 3) oder an geradezu bipolarer Zerrissenheit (Nr. 5). Zentrale Momente (Lied Nr. 3 , Takt 66 „HE shall assist me to look higher“ bis Schluss oder Lied Nr. 4, Takte 29 ff. „Yes, press my eyelids close, ‘tis well“) werden in der Regel nicht entwickelt, sondern erscheinen isoliert und nicht selten wie das mit Qualm und Knall aus dem Zylinder gezauberte Kaninchen. Vieles wirkt so, als sei die Solisten gedanklich nicht wirklich bei der Sache, ja als würde lediglich professionell „vom Blatt“ gesungen. Eine intelligente Deutung dieser Lieder sieht nach meinem Dafürhalten anders aus. Man vergleiche das, was Elīna Garanča hier anbietet einmal mit Yvonne Mintons Gestaltung in Barenboims älterer Aufnahme. Da ist jedes Komma, jeder Bindestrich, jedes i-Tüpfelchen zu hören und trägt zu einer sinnhaften Textdeutung bei. Zudem ist die Minton ein Beweis dafür, dass man die eigene interpretative Leistung nicht zwingend von einem (dort wie hier) nur schwerlich als herausragend zu bezeichnendem Dirigat abhängig machen muss.

      Insgesamt – insbesondere vor dem Hintergrund solcher Einspielungen wie der von Jones/Mackerras, Palmer/Hickox und ja: auch Baker/Barbirolli – eine verzichtbare Aufnahme.

      :wink: Agravain