Verdi: "Don Carlo", Deutsche Oper Berlin, 29.10.2011

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    • Verdi: "Don Carlo", Deutsche Oper Berlin, 29.10.2011

      Hallo Freunde,

      die gestrige, 3. Aufführung seit der Première am 23.10.2011 habe ich besucht und möchte Euch meine Eindrücke mitteilen:

      Die Inszenierung von Marco Arturo Marelli hat mir sehr gut gefallen, zeigt sie doch, dass man mit wenig Mitteln Raumwirkung erzielen kann und die Handlung nicht verdeckt.

      Das Orchester unter Donald Runnicles und der Chor, von William Spaulding eistudiert, habe ich lange nicht mehr so hervorragend gehört.

      Als Philipp II. hatte Roberto Scandiuzzi einen grossen Abend. Man glaubt ihm die Innere Zerrissenheit des Herrschers, der nicht nur Freunde hat. Stimmlich braucht er keinen Vergleich zu scheuen.

      Lucrezia Garcia, für Anja Harteros eingesprungen, war ein fantastischer Ersatz. Die Stimme spricht in allen Registern sofort an, eine glaubhafte Darstellung unterstützte den hervorragenden Gesamteindruck, was durch entsprechen Beifall gestützt wurde. Den Namen sollte sich die DOB merken.

      Massimo Giordano war der Schwachpunkt des Abends. Mag er darstellerisch der Carlo sn, stimmlich waren ungestützte Piani und vor allem gestemmte Höhen zu vernehmen, ebenso ei Anschleifen der Töne, um den "richtigen" Ton zu finden.

      Anna Smirnova machte die durchtriebene Figur der Eboli darstellerisch glaubhaft, stimmlich war allerdings einiges im Argen, denn der überwiegende Einsatz des Brustregisters bringt es nicht. Es war k e i n Ausfall, aber gutes Material reicht nicht.

      Boaz Daniel als Posa brachte eine Leistung, die man als grossartig bezeichnen muss. Er machte dieFreundschaft zu Carlos glaubhaft, so dass man seinen Opfertod als einen Angelpunkt der Handlung betrachten konnte.

      Ante Jerkunica zeigte darstellerisch und stimmlich, wer in Spanien das Sagen hat. Fantastisch.

      Ryan McKinny brachte stimmlich eine grossartige Leistung als Mönch.

      Matthew Pena liess als Herold und Conte di Lerma positiv aufhorchen, ebenso Hila Fahima als Voce dal cielo und Martina Welschenbach als Tebaldo.

      Alexey Bogdanchikov, Hyung-Wook Lee, Simon Pauly, Jörn Schümann, Marko Mimica und Tobias Kehrer überzeugten als Deputati di Fiandra.



      :wink: Bassbariton
      Wie aus der Ferne längst vergang´ner Zeiten...

      GB
    • Hallo,
      ich habe vor einer Woche die Premiere gesehen und kopiere unten mal meinen Bericht, den ich dazu im Klassikforum geschrieben hatte. Im wesentlichen stimme ich Bassbariton zu, mit einer Ausnahme: am Premierenabend war es ein toll gesungener Don Carlo, also von stimmlichen Problemen bei Giordano war da noch rein gar nichts zu hören.
      Heike

      und hier mein Bericht zur Vorstellung vom 23.10.2011:
      zur Inszenierung:
      Sparsam, auf der Bühne dominieren riesige, betonähnliche Ecken, die sich zu Wänden zusammenschieben lassen, Räume und Wege auftun und immer wieder (in den Zwischenräumen) Kreuze bilden. Massiv, beklemmend, einfach, wirkungsvoll, hat mir gut gefallen. Ebenso eindrucksvoll die Lichtregie bzw. die Kostüme. Mit Oberflächen bzw. Farben kann man viel machen, da braucht es wenig Requisiten. In Zenrum der Bilder stand hier ganz klar die Übermacht der Inquisition und die Kleinheit der Menschen dagegen. Sehr simpel und gruselig aktuell die Szene mit der Stimme von oben und den Mönchen, die ein Kind rauben. Etwas fett aufgetragen die Symbolik mit Büchern, die den Ketzern zugehörig sind und mit ihnen auf den Scheiterhaufen geworfen werden.

      Etwas langweilig die Personenregie, also es wirkten mehr die großen Bilder als die kleinen Gesten. Stört aber bei der tollen Musik wenig, lediglich im ersten Akt fand ich es etwas geruhsam.

      Apropos erster Akt - es wurde wieder ohne den Fontainebleau -Akt gespielt, wie schade!

      zur Musik und zu den Sängern:
      Überraschend gut fand ich den Titelhelden, Giordano sah nicht nur gut aus, er spielte auch gut und sang toll, jugendlich hell, mühelos, mit viel Herz. Scandiuzzi war auch gut, aber im Vergeliech zu Rene Pape hat er weniger Eindruck auf mich gemacht. Leider spielte er auch sehr langweilig.

      Als Elisabeth Lucrezia Garcia, die kurzfristig eingesprungen war. An ihrer Stimme gab es rein gar nichts zu mäkeln, eine sehr markantes Timbre mit hohem Wiedererkennungswert, weich und v.a. in den tiefen Tönen sehr sehr schön. Mehr als nur ein Ersatz, die Dame ist noch sehr jung, vielleicht macht sie noch Karriere. Im Wege stehen dürfte ihr dabei vielleicht das hohe Gewicht, sie bewegte sich mehr als majestätisch und hatte manchmal sichtlich Mühe, sich (wenn sie saß oder kniete) wieder zu erheben. Schauspielerisch keine Glanzleistung, wobei man nicht weiß, was mangelndes Talent, was Aufregung war bzw. was sie so kurzfristig alles nicht einstudieren konnte.

      Dasselbe könnte man prinzipiell über Eboli bzw. Anna Smirnova sagen, berührend und makellos gesungen, ein wenig langweilig gespielt. Da fehlte mir irgendwie die Leidenschaft, auch das Böse, das man wohl hörte, aber nicht sehen konnte. Man hätte daraus ein höchst intensives Kammerspiel vor großer Kulisse machen können, wenn die Protagonisten etwas begabter gewesen wären.
      Last not least wäre Boaz Daniel zu erwähnen, ein wendiger, sicherer Barriton, leider auch nicht schauspielerisch überbegabt.

      Vom Orchester her war es genug Dramatik und gerade richtig viel Pathos, ein weng mehr Seele dürfte es in den traurigen Passagen gern noch sein.
      Summa summarum ein schöner Abend, lohnt sich auf jeden Fallanzusehen.
      Heike
      „Wahrscheinlich werden künftige Generationen sich erinnern, dass dieses Jahrhundert das ,Century of Recordings’ war, in dem die Menschen auf die seltsame Idee verfielen, man könne Musik in kleine Plastikteile einfrieren. Mich erinnert das an die Idee der Ägypter vom Leben nach dem Tod. Eine ungesunde Idee. Studiomusik ist eine Verirrung des 20. Jahrhunderts. Das wird verschwinden.“ (F. Rzewski, Komponist, in der FAZ vom 21.4.2012)