Gräfin Mariza - 29.Oktober, Landestheater Linz (Premiere)

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    • Gräfin Mariza - 29.Oktober, Landestheater Linz (Premiere)

      Wien 1924 – die Folgen des von den Habsburgern angezettelten und in der Folge verlorenen Krieges sind unverändert spürbar: Arbeitslosigkeit, Inflation, Armut,… Die Krone, als letztes Symbol der untergegangenen Monarchie, wird abgeschafft und am 20.Dezember durch den Schilling ersetzt; die zwei Jahre zuvor gewährte Völkerbundanleihe ist an dramatische Auflagen geknüpft und kann die daniederliegende Wirtschaft in keiner Weise stimulieren. In diese Zeit fällt die Ära der Silbernen Operette mit Emmerich Kálmáns (eigentlich Imre Koppstein) „Gräfin Mariza“, mit triumphalem Erfolg am 28.Februar 1924 im Theater an der Wien uraufgeführt, als einen Höhepunkt.Vor diesen historischen Hintergrund stellt Olivier Tambosi seine Inszenierung, die letzten Samstag, 29.Oktober, den Tag vor Kálmáns Todestag, im Linzer Landestheater Premiere hatte. Tambosi lässt diese „Gräfin Mariza“ in einem Café von einer Laientruppe spielen, man spielt um Essen statt um Geld, und das Stück von den Kaffeehausbesuchern mit historischen Zitaten kommentieren. Die Inszenierung umgeht dabei bewusst jede scheinungarische Folklore (Bühnenbild: Andreas Wilkens), gewinnt aber durch Zitate an die so genannt goldenen 20er-Jahre (Kostüme: Brigitta Lohrer-Horres, Choreographie: Stephan Brauer) an Dichte und Ausdruck. Und wenn das Bühnenbild in den Szenen am Landgut der Gräfin bewusst mit Requisiten geizt und die bunten Prospekte an mit Wasserfarben gemalte Schülerbilder erinnern, werden in anderen Szenen und als groteske Begleitung mit optischen Zitaten an George Grosz realitätsnah karikierende Gegensätze gesetzt. Die Parallelen zu Politik und Wirtschaftsleben von heute sind gewollt und unübersehbar. Und dennoch, trotz aller Realitäsbezogenheit arbeitet Tambosi nie mit dem Holzhammer.Die musikalische Seite des Abends hinterlässt im Gegensatz zur Inszenierung eher zwiespältige Gefühle. Alexander Pinderak nimmt man den Grafen Tassilo nicht wirklich ab und auch der tenorale Schmelz fehlt ihm hörbar; Tineke van Ingelgem ist eine von Ausstrahlung und Stimme unterkühlte Mariza; Elisabeth Breuer (Lisa) und Matthäus Schmidlechner (Baron Koloman Zsupán) sind ein annähernd ideales Buffo-Paar; Franz Binder gibt einen rollendeckenden Fürst Moritz Dragomir Populescu; Katharina Hebelkova , Ulrike Weixelbaumer und Eugen Victor sind deutlich auf der Habenseite des Abends. Berechtigt vom Publikum bejubelt werden Günter Rainer als Penizek (ihm wurde auf offener Bühne vom Landeshauptmann für drei Jubiläen – 70.Geburtstag, 50 Jahre auf der Bühne und 25 Jahre Zugehörigkeit zum Landestheater – eine hohe Auszeichnung überreicht) und Erich Josef Langwiesner als Fürstin(!) Bozena. Sehr gut der Chor des Landestheaters, hervorzuheben einmal mehr der Kinderchor. Das Bruckner Orchester unter der Leitung von Marc Reibel habe ich allerdings schon inspirierter spielen gehört.
      Wer Operette nicht als harmloses Spektakel, sondern als Spiegelbild der Zeit erleben möchte, dem sei die Reise nach Linz angeraten.


      Michael