Berlioz: La damnation de Faust - Oper Stuttgart, 30.10.11 (Premiere)

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    • Berlioz: La damnation de Faust - Oper Stuttgart, 30.10.11 (Premiere)

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      Die Intendanz Jossi Wieler an der Stuttgarter Oper wurde mit einer Inszenierung der neuen Hausregisseurin Andrea Moses eingeläutet. Wieder einmal Berlioz' musiktheatralisches Erfolgsstück, die Nicht-Oper La damnation de Faust.


      Musikalische Leitung: Kwamé Ryan
      Regie: Andrea Moses
      Bühne und Kostüme: Christian Wiehle
      Licht: Reinhard Traub
      Video: Timo Schierhorn
      Chor: Michael Alber
      Dramaturgie: Thomas Wieck

      Marguerite: Maria Riccarda Wesseling
      Faust: Pavel Černoch
      Méphistophélès: Robert Hayward
      Brander: Mark Munkittrick

      Orchester und Chor der Stuttgarter Staatsoper


      Fast schon eine Ausstattungsschlacht, die Andrea Moses und Christian Wiehle hier veranstalten. An Kostümen und Gedanken wird nicht gespart, es gibt viel Visuelles und Dramaturgisches zu bestaunen. Und das ist ja nicht unpassend für den Zauberkasten von Berlioz' dramatischer Legende. Sehr deutlich ist ein politischer Akzent: Der von Berlioz eher zufällig in Ungarn angesiedelte erste Teil wird zeitgeschichtlich aktualisiert. Faust gammelt melancholisch mit einer Videokamera auf einem Campingstuhl herum. Die singenden Landleute veranstalten eine Roma-Hochzeit, Faust fühlt sich belästigt, Kinder wollen mit seiner Kamera spielen, er begibt sich widerwillig an die Hochzeitstafel. Dann marschieren Rechtsradikale vor einer riesigen ungarischen Flagge auf, zum Rakoczy-Marsch werden die Sinti zusammengeschlagen, Faust filmt das Geschehen. Das ist schlüssig und verwandelt den collageartigen ersten Teil in eine kohärent erzählte Handlung, ist aber im szenischen Detail etwas harmlos-genreartig geraten. Diese politische Dimension wird in der Inszenierung weiterverfolgt: beim Doppelchor am Ende des zweiten Teils drangsalieren die schwarz uniformierten Soldaten die Studenten, nehmen ihnen ihre Bücher ab, wollen sie anzünden - Faust greift ein, muss aber erkennen, dass es sich hier nur um einen inszenierten Konflikt handelt.

      Zweiter Leitgedanke der Regie: Mephisto, hier uncharismatisch und etwas tuntig dargestellt, inszeniert das Geschehen weit stärker als üblich. Bereits beim Osterchoral, der Faust vor dem Selbstmord rettet, handelt es sich um einen von Mephisto arrangierten Coup. Zur Seite steht ihm dabei eine robust-pragmatische Assistentin, die nachher auch die Marguerite spielt. Aus diesem Rollenspiel wird aber später, aus von mir nicht ganz begriffenen Gründen, tödlicher Ernst: Die Verzweiflung Gretchens zur Romanze D'amour l'ardente flamme ist nicht mehr gespielt, am Ende dieser Szene dringen (zu den Reminiszenzen an Soldaten- und Studentenchöre) Männer ein und bereiten eine Vergewaltigung vor.

      Zum Schluss werden beide "Stränge" der Inszenierung zusammengeführt und gesteigert: Mephisto inszeniert sowohl Hölle wie Himmel, das Personal ist weitgehend identisch. In der Hölle wird Faust in eine riesige Seifenblase eingesperrt und von den entfesselten Verbindungsstudenten (die zum erstenmal in Auerbachs Keller aufgetreten waren) hin- und hergerollt. Im Himmel gruppieren sich Burschenschaftler, Frauen und Kinder zu glücklichen, wohlgeordneten Kleinfamilien, die einer vom als geistlichen Würdenträger verkleideten Mephisto veranstalteten liturgischen Zeremonie beiwohnen. Marguerite wird als Madonnenstatue in einem Schrein ausgestellt, erstickt aber schließlich an einer von Mephisto gereichten Hostie. Keine Transzendenz.

      Der ungemein detailreiche, nie beliebige, aber oft auch sehr kleinteilige Regiestil ist - zumindest hier - für Andrea Moses charakteristisch. Typisch die Szenerie zum Tanz der Irrlichter: Kinder führen im Vordergrund eine ausgeklügelte, etwas kryptische Choreographie auf, während hinten Faust und Marguerite glückliches Großfamiliendasein vorspielen, mit Schwangerschaft, Haarekämmen, Vorlesen etc. etc., das alles noch mit bühnenbildnerischen Goethezitaten (Spinnrad) garniert. Das war mir manchmal zu wuselig und zu wenig konzentriert, während die Personenführung bei den drei Hauptdarstellern nicht immer überzeugte und erst am Schluss mehr Biss bekam: wenn Faust dem wollüstig stöhnenden Mephisto den Teufelspakt auf den Bauch signiert, anschließend zum Höllenritt Faust auf Mephistos Schoß reitet und so schwuler Sex imitiert wird.

      Dass aber bezüglich der Inszenierung bei mir die positiven Aspekte dominieren, ist auch der virtuosen Beherrschung der Bühne und dem hier tatsächlich einmal überzeugendem Einsatz der Videotechnik zu danken: Die gelegentlich (Fausts Anbetung der Natur) vollständig leere Bühne wird immer wieder neu möbliert und unterteilt, die schnellen szenischen Schnitte bereiten keinerlei Probleme. Zu Fausts Traumszene am Ufer der Elbe werden auf einen monumentalen Scherenschnittkopf unterschiedlichste Bilder projiziert: ausgehend von Fausts Physiognomie vermischen sich Landschaftsbilder mit den Gewaltszenen des ersten Teils, die Kamera fährt einen Fluss - die Elbe - entlang, auf Dresden zu. Schließlich verschmilzt dies alles in Gretchens Kopf als Zielpunkt. Marguerite bewohnt dann auch einen puppenstubenhaften 3-Zimmer-Loft mit Blick über die Elbe auf die Dresdner Hofkirche. Zum Höllenritt erzeugt die Videotechnik auf einer vor die Bühne gespannten Folie die Suggestion ungeheurer Geschwindigkeit, ohne dass die projizierten Formen jemals greifbar gegenständliche Gestalt annähmen.

      Gesungen wurde, nunja, akzeptabel: Den Faust von Pavel Cernoch fand ich sogar ziemlich passabel, wenngleich nicht ganz idiomatisch und etwas farbarm. Für die extremen Höhen rettete er sich recht geschickt in die Kopfstimme. Gut, aber mit etwas scharfem Timbre ausgestattet, Maria Riccarda Wesseling als Marguerite. Robert Hayward als Mephisto machte mit vibratogeschüttelter Stimmkraft Eindruck, das aber leider durchgehend - die Möglichkeiten zur charakterisierenden Differenzierung, die seine Partie reichlich bietet, verschenkte er weitgehend.

      Souverän wie immer: der Stuttgarter Chor, der allerdings in der Osterszene und Fausts Traumszene schnell laut wurde und die notierten Dynamikgrade um einiges überschritt. Das kann man vielleicht auch Dirigent Kwamé Ryan anlasten. Dieser blieb mit dem Orchester der Partitur die letzte Raffinesse und Präzision schuldig, ließ gelegentlich auch etwas phantasiearm phrasieren (Geigen im Sylphen-Ballett), hatte dafür aber viel Sinn für Farben und bot eine fulminant gesteigerte Höllenfahrt. Überhaupt waren die fünf Episoden des vierten Teils - Gretchens Romanze, Fausts Naturanbetung, Höllenfahrt, Höllenszene, Himmelsszene - orchestral sehr beeindruckend.

      Insgesamt hatte die Frankfurter Produktion vom letzten Jahr musikalisch (insb. sängerisch) die Nase leicht vorn, während Harry Kupfers kohärentere, aber auch routiniertere Regie dort weniger wagte als Andrea Moses in Stuttgart.


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Ich teile Bernds Einschätzungen beinahe zur Gänze - möchte aber bemerken, dass alle drei Protagonisten für meine Begriffe die durchaus vorhandenen leichten stimmlichen Defizite durch eine sehr engagierte und überzeugende darstellerische Leistung wettmachten. Ihnen wurde in dieser Hinsicht durchaus Einiges abverlangt. Welche Problematiken beispielsweise damit verbunden sein können, gleichzeitig zu singen und libidonöse Entbrennung darzustellen, wurde hier ja an anderer Stelle schon ausführlich und kontrovers diskutiert :D Ein gesanglicher und szenischer Höhepunkt war für uns Marguerites Ballade vom König in Thule. Frau Wesselings erstaunliche Schärfen in der Höhenlage störten hier nicht, und während ihres Gesangs traute sich Faust aus seinem voyeuristischen Versteck hinaus, um sich hinter Marguerites Rücken in ihre Bettstatt zu kuscheln.

      Was die orchestrale Seite betrifft, so konnte man in der Tat schon bedauern, dass Sylvain Cambreling erst 2012/2013 GMD in Stoccarda wird. Wirklich schlecht war Ryans Dirigat sicher nicht, aber für den Chef eines französischen Orchesters fiel ihm imho erstaunlich wenig ein, dem Nuancenreichtum der Partitur gerecht zu werden. Allerdings ist der Orchesterpart auch voller heikler Passagen, die ein mittelprächtiges Opernorchester schon einmal an den Randbereich seiner Möglichkeiten führen können.

      "Traumtheater" heißt es in der Überschrift unseres Threads zur Damnation, und dieser Ansatz eines Traumtheaters prägte hier sehr deutlich den Ansatz der Regisseurin. Konkrete Handlungsverläufe, traumartige Sequenzen und nahezu psychedelisch-rauschhafte Vorstellungen wurden hier auf sehr faszinierende Weise miteinander verwoben. "Ausstattungsschlacht" - so habe ich das keineswegs wahrgenommen. Teilweise wurde auch mit sehr einfachen Mitteln ausgekommen. Allerdings wurden alle verfügbaren Mittel der Bühnentechnik, Beleuchtungseffekte, Videokunst etc pp weidlich ausgenutzt, ohne dass mir dies jedoch als Selbstzweck erschienen wäre.

      Für mich und meine ungarischere Hälfte war es schon ein nachdrückliches und verstörendes Theatererlebnis, in der ersten Szene als "Soldaten" die faschistoiden Schlägertrupps aufmarschieren zu sehen, die heute leider zur ungarischen Realität gehören. Die Kostüme waren den Uniformen der "Neuen Ungarischen Garde", die sich gern in Gefolgschaft der Jobbik Magyarországért Mozgalom zeigt, verblüffend ähnlich - noch beim letzten Ungarnaufenthalt im August mussten wir diesen Anblick inmitten des Touristentrubels am Balaton ertragen. Dass in der Schlußszene, in der der Chor der himmlischen Geister Marguerites Rettung feiert, dieselben Roma, die zu den Klängen des Rákoczy-Marschs blutig zusammengeknüppelt worden waren, auf ihre Peiniger Auge in Auge zugingen und sie zum Tanz einluden, war ein berührendes Bild, das lange im Gedächtnis bleibt.

      Zitat aus Wikipedia:
      "Der Rákóczi-Marsch (ungar.: Rákóczi-induló) ist ein ungarisches Nationallied und eine inoffizielle Hymne von Ungarn. Eine erste Version des Marschliedes entstand vermutlich um 1730 als das Werk eines oder mehrerer anonymer Verfasser, obwohl es der Tradition folgend der Lieblingsmarsch von Franz II. Rákóczi (1676–1735) gewesen sein soll. Diese frühe Version, das Rákóczi-nóta (Rákóczi-Lied), war ein Klagelied, das das Unglück der Magyaren und die Unterdrückung durch die Habsburger beweinte. Das Lied flehte Franz II. Rákóczi zur Rückkehr an, um sein Volk zu retten. Es war im 18. Jahrhundert in Ungarn sehr populär, wurde aber im 19. Jahrhundert von dem ausgefeilteren Rákóczi-Marsch überflügelt. Der Rákóczi-Marsch wurde von János Bihari schon zwischen 1809 und 1820 gespielt. Hector Berlioz nahm eine Bearbeitung des Marsches 1846 in seine dramatische Legende La damnation de Faust op. 24 auf und verlegte die Handlung des ersten Teils dieses Werkes dazu eigens in die ungarische Puszta. Franz Liszt verfasste eine Reihe von Arrangements, darunter seine Ungarische Rhapsodie Nr. 15, die auf diesem Thema basiert. Weitere Bearbeitungen stammen unter anderem von Johannes Brahms, Ferenc Erkel und Richard Franck (Suite op. 30). Der Pianist Vladimir Horowitz komponierte eine eigene Variation über den Rákóczi-Marsch, die auf dem Werk von Liszt basiert."

      Überhaupt kann die Vielzahl der Regieeinfälle und die Vielschichtigkeit der Bildersprache Andrea Moses' im Rahmen unserer kleinen Besprechung nur in Ansätzen beschrieben werden. Gut gefiel mir z.B. der auf der Bühne vollzogene Wechsel von zeitgenössischen Outfits zu Kostümen der Entstehungszeit des Werks zur Musik des "Tanz der Sylphen" - welche dramaturgische Überlegung allerdings dahinter stand, erschloß sich mir nicht ohne Weiteres. Generell wurden manche interessanten Ansätze der Regisseurin einfach nicht plausibel genug umgesetzt - das war ganz klar die Kehrseite der Medaille bei einer solch üppigen Bilderflut. Die größten Probleme hatte ich mit der ständigen Metamorphose der Figur der Marguerite - zunächst ein stummes und willfähriges Werkzeug Mephistos (sie bringt zB auf Mephistos Geheiß die Kamera "in Sicherheit", mit der Faust das Roma-Massaker aufgezeichnet hatte; die aufgezeichneten Szenen werden Faust später im Rahmen einer Art Gehirnwäsche vorprojiziert), erglüht sie dann plötzlich doch in ehrlicher Liebe zu Faust, um dann aber wieder im Business-Outfit zur kühlen Karrierefrau zu mutieren, bevor sie schließlich in Madonnengestalt verklärt wird. Wirklich schlüssig war das alles für meine Begriffe nicht unbedingt...

      Weshalb sich die Szenerie nach der Abkehr von den grausigen Geschehnissen in Ungarn nach Dresden verlagerte? Zunächst habe ich dies als Hinweis darauf verstanden, dass wir auch in Deutschland, speziell in Sachsen, noch immer eine viel zu hohe Zahl an ungestört agierenden Rechtsextremisten haben. Inzwischen habe ich aber erfahren, das Dresden die Geburtsstadt der Regisseurin ist - vielleicht also eher deshalb.

      Dem Schwäbischen Tagblatt gab Frau Moses kurz vor der Premiere ein aufschlussreiches Interview, das hier nachzulesen ist.

      Cheers,

      Lavine :wink:
      "You gotta grab'em by Debussy" (DJ Trump)
    • Zwielicht schrieb:

      Dann marschieren Rechtsradikale vor einer riesigen ungarischen Flagge auf, zum Rakoczy-Marsch werden die Sinti zusammengeschlagen, Faust filmt das Geschehen.

      Anderthalb Jahre nach der Premiere hat jetzt eine ungarische Nazi-Webseite die Inszenierung, oder vielmehr: diese Szene aus der Inszenierung entdeckt. Die Ergebnisse ihrer Hetze können in den Kommentaren auf der Facebookseite der Stuttgarter Oper besichtigt werden ("https://www.facebook.com/operstuttgart). Zitate daraus spare ich mir lieber. Mal schauen, wie lange die ersten offiziellen Proteste der ungarischen Regierung auf sich warten lassen.