Pfitzner: Palestrina. Frankfurt. Inszenierung: Harry Kupfer. Generalprobe und Premiere im Juni 2009

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    • Pfitzner: Palestrina. Frankfurt. Inszenierung: Harry Kupfer. Generalprobe und Premiere im Juni 2009

      Schostakowitsch und Stalin. So lautet der Titel eines Sachbuchs von Solomon Wolkow, das sich spannender liest als jeder fiktive Politthriller. Das unberechenbare Verhältnis zwischen dem Diktator und dem Komponisten würde auch eine gute Vorlage für ein Opernlibretto abgeben. Regiealtmeister Harry Kupfer hat nun an der Oper Frankfurt Hans Pfitzners Oper Palestrina vor diesem Hintergrund inszeniert. Pfitzners musikalischer Legende, die mit den tatsächlichen Vorgängen um die historischen Person Palestrina nur sehr wenig zu tun hat, handelt davon, dass der Papst während des trienter Konzils geneigt ist, die mehrstimmige Kirchenmusik verbieten zu lassen. Kardinal Borromeo möchte den Komponisten Palestrina, der seit dem Tode seiner Frau keine Note mehr geschrieben hat, dazu zwingen, eine Messe zu komponieren, die Papst Paul IV.
      davon überzeugen solle, dass die Figuralmusik durchaus der Liturgie dienlich und förderlich, da sehr wohl textverständlich, sei. Pfitzner lässt Palestrina in seinem Libretto durch Borromeo die schlimmsten Strafen und Demütigungen, inklusive der Verbrennung seiner bisherigen Werke androhen. Ein solches Szenario lässt sich recht gut in eine moderne totalitäre Diktatur übertragen.

      Hätte Kupfer das Verhältnis Palestrina / Paul IV. an dem Verhältnis zwischen beispielsweise Richard Strauss und Hitler gespiegelt, sähe er sich wahrscheinlich nun mit dem Vorwurf der Relativierung der Verbrechen des Nationalsozialis-mus konfrontiert. Setzt man Palestrina und Paul IV. mit Schostakowitsch und Stalin gleich, drohen weniger aufgeregte Reaktionen. Und das Regiekonzept geht auch erstaunlich gut auf. Während des Vorspiels sieht man auf Videoeinspielungen, wie die Portraits von Palestrina und Paul IV. buchstäblich ausradiert werden und durch Schostakowitsch und Stalin ersetzt werden. Die geistlichen Herren, die in Pfitzners Palestrina in so großer Anzahl
      die Bühne bevölkern, werden in Uniformen sozialistischen Zuschnitts gesteckt. Und wenn dann der ein oder andere Kardinal über seiner stalinistischen Uniform noch eine Stola, ein Pektorale oder einen Pileolus trägt, so ergibt das nur auf
      den ersten Blick eine ideologische Unverträglichkeit. Bisher hat sich noch jede Diktatur mit pseudoreligiösen Mitteln inszeniert: sei es im Vokabular, der Ikonographie des Personenkults oder die liturgieähnlichen Vorgänge bei
      Propagandaveranstaltungen.

      Im Zentrum der Inszenierung, auf der großen Drehbühne, steht die Tribüne des Konzils. An den Seiten- und Rückwänden der Tribünenkonstruktion dieses flexiblen Einheitsbühnenbildes spielt sich das Leben außerhalb des Konzilsgeschehens ab.
      An den seitlichen Bühnenrändern werden über die fast gesamte Länge und Höhe Videosequenzen an die Leinwand geworfen, die dann häufig auch noch über eine herabgelassene Spiegelkonstruktion verdoppelt werden. Diese Videoeinspielungen haben eine kommentierende, teils nur ornamentale Funktion, die keinen Einfluss auf das Handeln der Figuren auf der Bühne hat. Wenn etwa Palestrina von Borromeo mit dem Kerker bedroht wird, sieht man im Hintergrund die Dampfzüge schon in den Gulag fahren. Über weite Zeiträume hinweg sieht man aber lediglich das ikonographische Leitmotiv des sich windenden Stacheldrahts. Sillas Sehnsucht, aus dem bedrückenden Rom Richtung Florenz fortzukommen, übersetzt dann die Videoeinspielung mit den Bildern Moskaus und New Yorks. Solche, häufig grellrot gehaltenen, visuellen Kommentare geben manches Mal ein durchaus beeindruckendes Bild ab, können aber auch zunehmend als unnötig bis aufdringlich empfunden werden. Die „Unverletzlichkeit der Wohnung“ ist für Palestrina und den stalinistischen Terror kein Thema. Ständig können Schergen den Komponisten heimsuchen. Die in Pfitzners Libretto legendenmässig kitschelnde Szene der Eingebung der Missa Pape Marcelli stellt den dramaturgischen Höhepunkt in Kupfers Inszenierung dar. Der Kompositionsprozess erfolgt unter Folter, der erwählte Komponist, Palestrina der Vollender, wird mit einer Dornenkrone aus
      Stacheldraht gekrönt und ans Holz des Deckels eines Konzertflügels geschlagen.

      Der im letzten Akt passive und gebrochene Komponist ist an den Folgen dieses Martyriums gestorben.
      Ab dem zweiten Akt lässt Kupfer die Handlung auf zwei Ebenen spielen. Auf der ersten Ebene spielen die Sänger ihre Rolle, auf der zweiten Ebene treten sie aus ihrer Rolle heraus und singen unbeteiligt aus ihren Noten, die sie in der Hand halten. Der zweite Aktschluss sollte eigentlich eine mörderische Prügelei zwischen den Bediensteten der verschiedenen nationalen Lager sein. Stattdessen steht der Chor um einen einzigen Einpeitscher herum emotionslos da und singt ungerührt
      den Text ab. Ein Bild der Manipulation und Aufpeitschung der Massen.

      [Oh, stop, Denkfehler, ich muß mich korrigieren und kurz in den Text eingreifen!
      Hier werden keine Massen aufgepeischt sondern es wird gezeigt, dass die Massen nur das skandieren, was sie eben skandieren müssen. Aber überzeugt sind sie davon nicht.]

      Wie es aber nun zu verstehen ist, dass auch im dritten Akt viele Sänger aus ihrer Rolle heraustreten und mit den Noten in der Hand singen, erschließt sich leider nicht eindeutig.

      Die Rolle des Palestrina mit dem amerikanischen Tenor Kurt Streit besetzen zu können war ein Glücksgriff sondergleichen. Streits warm timbrierte Stimme war in allen Lagen in bester Verfassung und der Partie des Palestrina rundum gewachsen. Haudegen Falk Struckmann verkörperte den heiligen Bösewicht Carlo Borromeo in all seiner Bedrohlichkeit ebenfalls rollendeckend, wenn auch bisweilen mit arg knurrigem Unterton. Auch die in dieser Oper besonders vielen weiteren Rollen waren sängerisch und schauspielerisch allesamt gut besetzt, auch wenn Peter Marsh aus dem ansonsten homogenen Ensemble der alten Meister arg hervorragte. Man achte beispielsweise auf das komödiantische Talent des greisen Patriarchen von Assyrien. Auch der Chor war gut aufgelegt, ich unterstelle hiermit zu seinen Gunsten, dass es beabsichtigt war, dass die Spitzentöne im Engelschor etwas nach Alterstremolo klangen. Kirill Petrenko leitete das Museumsorchester mit uneitlen Gesten und flüssigem Schlag und entfachte einen geschmeidigen Klangzauber im Orchestergraben, der auch stets im richtigen Verhältnis zu den Sängern ausgelotet war und diese nie überdeckte.

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    • PFITZNER: Palestrina - Städtische Bühnen Frankfurt, 07.06.2009

      Hans Pfitzner war knapp 50 Jahre alt, als sein „Palestrina“ 1917 in München unter der Leitung von Bruno Walter zur Uraufführung gelangte. Die Geschichte des Giovanni Pierluigi de Palestrina, der auf Druck der höchsten Kirchenkreise seiner Zeit noch einmal eine Messe, nämlich die „Missa Papae Marcelli“ komponierte, wird von Pfitzner als Folie für ein Künstlerdrama benutzt, das nicht auf die Figur des Palestrina beschränkt bleibt, sondern in dem der Komponist sich ein Stück weit selbst portraitiert und das auch für andere Komponisten in vergleichbaren Situationen Gültigkeit hat.

      Palestrina steht für die Kunst der alten Musik, neuen Strömungen seiner Zeit steht der Komponist zurückhaltend gegenüber. Sein Schüler Silla allerdings begeistert sich für den neuen Stil, wie er in Florenz gepflegt wird. Kein Wunder, dass Silla am Ende des Stückes dorthin aufbricht um bei den angesagten Komponisten seiner Zeit weiterstudieren zu wollen. Geradezu versöhnlich bleibt Palestrina zurück – er weiss, dass die Jugend neues Schaffen und ihren eigenen Weg finden muss.

      So ging es auch Pfitzner. Er war immer der Vergangenheit verpflichtet, begriff sich nicht nur in Sachen Musik als konservativ, nahm aber die Strömungen seiner Zeit sehr wohl war, wenn er sich auch unfähig fühlte, in die Richtung eines z. B. Arnold Schönberg mitzugehen. Seine Musiksprache wurzelt bei Wagner, dessen Farbspiel und dessen Harmonik er interessant erweitert und seine Orchesterbehandlung im „Palestrina“ gehört zum Stärksten, was in der Zeit um den ersten Weltkrieg herum im „alten Stil“ komponiert wurde.

      Bemerkenswert, dass im „Palestrina“ die Gefahr für die Musik nicht in den neuen Tönen aus Florenz liegt, sondern in der reaktionären Zurückführung der Musik in die Zeiten der Gregorianik, die Palestrina mit seiner Musik bereits überwunden hatte.

      Nach 30 Jahren ist für die Inszenierung des „Palestrina“ von Hans Pfitzner Harry Kupfer nach Frankfurt zurückgekehrt. Der Mitsiebziger belegt mit dieser Regie-Arbeit noch einmal, dass er zu den besten Regisseuren unserer Zeit gehört. Kupfer verfügt über ein sicheres Gespür für Bühnensituationen, für das richtige Timing und seine szenische Erzählstruktur ist klar nachvollziehbar, entschieden und unaufgeregt.

      Die offene Bühne zeigt zwei dreieckige Tribünen mit roten Pulten vor grauen Sitzbänken, in die Mitte eingefügt ist eine Spiegelwand, die hochgefahren werden kann, die Bühne wird von Leinwänden, die für Projektionen genutzt werden können, begrenzt.

      Bevor die Musik einsetzt, betreten von links und rechts Menschen in sozialistischem, militärischem Einheitsgrau die Bühne, in den Händen Notenmappen, die auf den Tribünen Platz nehmen.

      Wir wohnen also einer Parteiveranstaltung in einem sozialistischen Land bei, vielleicht einer Art Oratorium für einen „Helden der Arbeit“.

      Mit Beginn der Musik werden Portraits von Palestrina und Papst Pius IV. auf den Leinwänden sichtbar, die schwarz übermalt und dann durch Bilder von Dmitri Shostakovich und Josef Stalin ersetzt werden. Das Bild Shostakovichs wird wenig später mit Notenmaterial von Palestrina kombiniert.

      Die Bühne dreht sich und zwei Betten werden sichtbar, in einem schläft der Sohn Palestrinas, Ighino, und in dem anderen komponiert der Schüler des alten Komponisten, Silla, ein Stück im modernen Stil, vor sich ein Tonbandgerät. Wenn Silla von Florenz schwärmt, wo er hin will, läuft ein Bild der Freiheitsstatue über die Leinwand, dort liegt also die erträumte Zukunft der Jugend.

      Bestimmend auf den Leinwänden wird immer wieder die Einblendung von Stacheldraht sein.

      Palestrina, ein Mann in mittleren Jahren, tritt nicht in Shostakovich-Maske auf. Die Gleichsetzung Palestrina/Shostakvoch findet nicht statt, das Spiel bleibt assoziativ. Durch eine weitere Drehung der Bühne wird ein Flügel sichtbar. Borromeo, der Palestrina zur Komposition der neuen Messe bewegen will, bleibt als Militär erkennbar, allerdings ergänzt durch das Käppchen und die Stola im Kardinalsrot.

      Borromeo bedrängt Palestrina geradezu körperlich. Wenn er davon spricht, dass die Engel besungen werden sollen, erscheinen auf der Leinwand Überblendungen der geflügelten Himmelswesen mit Zeichnungen von Werktätigen, wie man sie von Propagandaplakaten der ehemaligen UDSSR kennt. Spricht Borromeo von Zwangsmassnahmen, falls der Komponist störrisch bleiben sollte, werden dazu Filmsequenzen von Gefangentransporten in die Lager in Russland gezeigt.

      Auf der Tribüne werfen sich einige Militärs Umhänge um und stellen sich mit den Noten in der Hand auf – sie singen die Passagen der verstorbenen Meister der Tonkunst.

      Im Bühnenvordergrund werden hohe Militärs in bodenlangen Ledermänteln Palestrina an den Gliedmassen mit Stacheldrahtbändern fesseln und Palestrina (symbolisch) foltern. Am Schluss wird ihm eine Stacheldrahtkrone aufgesetzt werden, sein weisses Hemd ist da schon blutdurchtränkt.

      Die Sänger der „verstorbenen Meister der Tonkunst“ schieben den Flügel hinaus. Drei Frauen, auch sie im militärischen Grau, mit einem angedeuteten Engelsflügel in Hand, nehmen ihre Position vor den Tribünen ein, genauso, wie die Interpretin von Palestrinas verstorbener Frau, Lukrezia.

      Auf dem zurückgebliebenen Klavierhocker schreibt Palestrina wie besessen die Messe nieder, die in Teilen zu hören ist. Ganz am Ende bricht der Komponist tot zusammen. Ighino und Silla in die Einheitsuniform gekleidet, decken den toten Mann mit einem schwarzen Tuch zu und sammeln die Messkomposition ein.

      Zum Vorspiel des zweiten Aktes sieht man Ighino, der von den Folterern des Palestrina zur Herausgabe des Notenmaterials der komponierten Messe gezwungen wird.

      Der zweite Akt schildert die Vorgänge des Tridentiner Konzils als moderne Parteiveranstaltung, wobei die Vermischung zwischen Uniform und Priesterkleidung, wie sie Borromeo im ersten Akt gezeigt hat, beibehalten wird.

      Hauptschauplatz ist wieder die Tribüne, aber es gibt auch Nebenräume, die zu Absprachen unter vier oder sechs Augen genutzt werden können – neben einer Cafeteria auch eine Toilette, die zu Beginn des Aktes verwanzt wird und weil Kontrolle besser als Vertrauen ist, untersucht einer von zwei Benutzern der Nasszelle, bevor er ein Gespräch aufnimmt, den Waschraum auf eben jene kleinen Abhörgeräte.

      Sicherheitsschleussen werden angebracht, mit Metalldetektoren werden die Konzilsteilnehmer untersucht, mancher der Herren führt unerwünschtes Metall mit sich und der greise Patriarch von Assyrien muss sein Hörgerät beim Sicherheitsdienst abgeben.

      Auf die Leinwand wird eine Überblendung des Papstes Pius IV. mit einem Potrait von Stalin projiziert.

      Mit der Geste von Politikern unserer Tage leitet Morone die Versammlung und auch die Reaktionen der anderen Teilnehmer passen bestens in unsere parlamentarische Welt, inklusive des Abbruchs der Versammlung, weil man sich selbst im kleinen nicht zu einigen vermag. Nach der Sitzungsunterbrechung wird heftig handyphoniert, Schuldzuweisungen inklusive.

      Als am Aktschluss die Dienerschaft untereinander in Streit gerät, wird kurzerhand von einer bewaffneten Soldatengruppe die gesamte Gruppe per Maschinengewehr exekutiert.

      Der dritte Akt läuft dann am stärksten wie ein Oratorium ab, alle handelnden Figuren tragen die Einheitsuniform, alle haben sie die Noten in der Hand.

      In der Mitte der Bühne der tote Palestrina, auf dem Flügel liegend, die Stacheldrahtbänder lose um die Beine liegend. Später werden Kerzenleuchter und Blumenkränze um den so aufgebahrten drapiert, eine Büste von Stalin mit Tiara wird dazugestellt, von der Leinwand schaut Stalin herunter. Nach der Feierlichkeit wird alles wieder abgeräumt. Der Sänger des Palestrina deckt sein totes Double mit einem roten Tuch zu.

      Kirill Petrenko gelingt ein beeindruckender Abend bei relativ zügigen Tempi, wie er die Klangfarben herausarbeitet, wie manche Holzbläser- oder Streicherstelle präsentiert wird, wie er sich schon das Vorspiel langsam entwickeln lässt und die Exaltationen sicher gesetzt werden, so z. B. am Ende des ersten Aktes, das hat grosses Format.

      Beeindruckend vor allem in der schauspielerischen Leistung der Tenor Kurt Streit als Palestrina, der sich auch um eine gute Wortverständlichkeit bemüht. Streits Stimme ist verhältnismässig eindimensional und eine sichere Höhe steht dem Sänger nicht zur Verfügung. Im dritten Akt versucht Streit, dieses Manko mit Kraft auszugleichen, das Ergebnis bleibt zwiespältig.

      Nach einem sehr schwachen ersten Akt liess Falk Struckmann, der Sänger des Borromeo, Indisposition ansagen, die beiden anderen Akte zeigten den Sänger dann aber in einer besseren, stimmlichen Verfassung.

      Johann-Martin Kränzle ragt als Morone aus dem grossen Ensemble positiv heraus, eloquent, stimmschön, sicher – und bei den Damen überzeugt Claudia Mahnke als Silla stärker, als Britta Stallmeister als Ighino.

      Starker Beifall für alle Mitwirkenden, der etwas zurückhaltender für das Regieteam ausfiel.
      Der Kunst ihre Freiheit
    • Aufführung am 20.06.2009

      Gestern hab’ ich’s erlebt (animiert durch die beiden schönen Einführungen oben - ein herzliches Dankeschön!): Selten hat mich eine Opernaufführung so tief bewegt wie der Frankfurter Palestrina. Das Werk ist mir von der Kubelik-Aufnahme her noch gut vertraut, auch wenn ich sie schon lange nicht mehr gehört hatte; so war es ein wohliges Wiedererkennen, was die Musik betraf: Pfitzner hat ja mit einem komplexen Geflecht von Leitmotiven ein Werk geschaffen, wodurch ähnlich wie bei Wagner so etwas wie ein großes symphonisches Gebilde entstanden ist. Die abgedunkelte melancholische Stimmung, die das ganze Werk durchzieht, hat mich schon damals ergriffen.

      Besonders beeindruckte mich gestern die musikalische Leistung: ein wunderbares Dirigat, Kirill Petrenko führte das Orchester unspektakulär, doch souverän und immer im großen Fluß mit schön ausgeschwungenen Spannungsbögen. Falk Struckmann (Borromeo), Kurt Streit (Palestrina) und die vielen anderen Solisten überzeugten mich sängerisch wie darstellerisch. Überhaupt die Personenführung Harry Kupfers: Da zeigte sich die große Erfahrung des Regisseurs, das war lebendig, natürlich, und er hatte Künstler/innen, die das umsetzen konnten. Große Anerkennung!

      Das Regiekonzept fand ich schlüssig und keineswegs aufgesetzt: Nur in einer Diktatur kann ein Kompositionsauftrag (das Thema der Oper) ein derartig brisantes Politikum werden, daß Leben und Tod betroffen sind; insofern fand ich es sinnfällig, den päpstlichen Herrschaftsanspruch des 16. Jahrhunderts mit dem stalinistischen Terror des 20. Jahrhunderts zu verbinden: Stalinbild, Hammer und Sichel und päpstliche Tiara als austauschbare Embleme terroristischer Macht – mit der Anspielung auf die Rolle des Künstlers Schostakowitsch – das fand ich sehr geglückt.

      Die Regie hat den Pfitzner-Text ernstgenommen, ausgedeutet und zugespitzt, letztlich auch gegen die Intention des Dichterkomponisten (dessen Ästhetik des musikalischen Einfalls als Ergebnis von Eingebung durch höhere Mächte, wie sie die Komponierszene am Schluß des 1. Akts vorstellt) – spannend war das!

      Hocherfreulich am Rande: Es waren noch weitere drei (oder vier?) Capricciosi dabei, so daß es auch hier zu einer angenehmen und anregenden Begegnung kam.

      Wer Lust, Zeit und Gelegenheit findet: Pfitzners Palestrina gibt es in dieser Saison noch am 25.6., 28.6. und 5.7. Unbedingt empfehlenswert!
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Gurnemanz, vielen Dank für den Bericht! In diesem Sommer schaffe ich es leider nicht nach Frankfurt, aber wenn ich richtig informiert bin, wird der Palestrina auch in der nächsten Spielzeit noch einige Male aufgeführt. Und dann habe ich (trotz Kupfer :D ) fest vor, mir die Zeit für einen Besuch irgendwo abzuzwacken.

      Das wäre dann nach Nürnberg, München, Berlin und Düsseldorf meine fünfte Begegnung mit dieser Oper, die für mich zu den bewegendsten Werlen der gesamten Gattungsgeschichte zählt.



      Beste Grüße



      a.d.
    • "Palestrina"

      Lieber Gurnemanz,

      schön, dass Dir die "Palestrina"-Aufführung in Frankfurt auch gut gefallen hat. Für mich ist diese Produktion ein Höhepunkt der gerade zu Ende gehenden Spielzeit der Frankfurter Oper. Deswegen habe ich mich auch entschlossen, relativ zeitnah zur Premiere nochmals in eine der Vorstellungen zu gehen. "Palestrina" wird oft mit Begriffen wie "undramatisch" oder "langatmig" beschrieben, aber Kupfer hat gerade das in seiner Inszenierung weitgehend vermieden. Für mich war der zweite Akt jener, den ich, trotz seiner Bewegtheit, als teilweise etwas "langatmig" empfand. Es dauert, bis dann das Konzil ins Laufen gerät... Dafür fand ich diesen filmischen Charakter, den die Inszenierung hat, sehr gelungen und auch der dritten Akt mit seiner relativen Strenge hat mir gut gefallen.

      Harry Kupfer gehört natürlich zu den Regisseuren, die für mich prägend waren - und ich fand sehr schön, dass er diese Qualität, die ich von ihm kenne, auch nach langen Berufsjahren noch zu bieten vermag. Deshalb freue ich mich auf seine "Damnation de Faust" von Berlioz in der nächsten Saison am Opernhaus in Frankfurt.

      Jetzt bin ich gespannt, wie pfuetz die Aufführung gefallen wird.
      Der Kunst ihre Freiheit
    • RE: "Palestrina"

      Alviano schrieb:

      Für mich war der zweite Akt jener, den ich, trotz seiner Bewegtheit, als teilweise etwas "langatmig" empfand. Es dauert, bis dann das Konzil ins Laufen gerät...
      Langatmig fand ich den 2. Akt nicht; der ständige Szenenwechsel mit der Drehbühne war doch durchaus abwechslungsreich. Daß das Konzil so schleppend in Gang kommt - entgegen dem schon im Orchestervorspiel aufgeworfenen Motto "Schnell zum Beschluß!" (ein hektisch aufsteigendes kleines Motiv) - hat ja seine eigene Ironie und erinnert mich an manche politischen Debatten unserer Zeit - glänzend von Pfitzner arrangiert!
      Jetzt bin ich gespannt, wie pfuetz die Aufführung gefallen wird.
      Ich auch.
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Ich auch... ;) Sonntag ist es dann soweit... ;)
      "Bei Bachs Musik ist uns zumute, als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf." (Friedrich Nietzsche)
      "Heutzutage gilt es schon als Musik, wenn jemand über einem Rhythmus hustet." (Wynton Marsalis)
      "Kennen Sie lustige Musik? Ich nicht." (Franz Schubert)
      "Eine Theateraufführung sollte so intensiv und aufregend sein wie ein Stierkampf." (Calixto Bieito)
    • Palestrina 20. Juni FFM

      Danke für die interessanten Berichte. Ich war letzten Samstag drin und war von der musikalischen Seite her begeistert. Petrenko schafft eine schlichte und sehr ergreifende Lesart, weit entfernt von der weihevollen Emphase eines Thielemanns, Klangschichten schön transparent, sehr farbig, rythmisch und recht modern anmutend. Mir kam die Orchesterbesetzung allerdings etwas klein vor, die Streicher hörten sich stellenweise arg dünn an. Höchstes Lob jedoch für die Holzbläser, v. a. die erste Flötistin und der erste Klarinettist waren hervorragend.

      Nach der Aufführung haben Steffen Seibert, Gerhard R. Koch (ehemaliger Feuilletonredakteur der FAZ), dann etwas später Kurt Streit und Kirill Petrenko über die Oper geplauscht. Koch stellte die interessante These auf, Pfitzner könnte in seinen ersten drei Lebensjahren, als er in Moskau weilte, russische Musik als bewusst oder unbewusst prägend mit erlebt haben. Teile der "Weh"-Ausrufe des Bischofs von Budoja stellen in der Tat beinah ein Zitat aus Boris Godunov dar (Gottesnarr „Wehe dir, du armes Volk!“). Vor allem bei Petrenko spürt man auch an anderen Stellen, z. B. mäandernde Holzbläser über monotone Streicherfiguren, etwas von Mussorgsky, Borodin oder Schostakowitsch. Koch gratulierte Streit dahingehend, dass Streit den Palestrina als einen Mann in den besten Jahren dargestellt hat und nicht als "Wimmergreis à la Patzak". Steffen Seibert stellte zwar die Analogie Papst - Stalin und Palestrina - Schostakowitsch nicht grundsätzlich in Frage, fragte aber etwas scheinheilig, ob die Realisierung denn als "subtil" angesehen werden kann - ihm seien Inszenierungen lieber, die der Phantasie des Zuschauers etwas Platz lassen.

      In der Tat wirkte die Inszenierung über weite Strecken auf mich zu didaktisch. Die Videos waren virtuos realisiert. Ich konnte allerdings mich hauptsächlich - neben der Musik natürlich - entweder auf die Videos oder auf das Bühnengeschehen davor konzentrieren - beides zusammen ergab selten ein theatralisches Erlebnis. Vorteilhaft war, dass anders als bei Schlingensief die Videos das Bühnengeschehen nicht überlagert haben - man konnte die Videos problemlos ausblenden.

      Szenisch fand ich den dritten Akt fast am gelungensten. Mich hat der letzte Akt stark an das Ende des Romans 1984 von Orwell erinnert - im nachhinein gibt es sogar im ersten Akt einige Parallelen, z. B. wenn ausgerechnet die neun verstorbenen Meister der alten Tonkunst (sehr schön zurückhaltend gesungen übrigens), die der Palestrina als alte Vertraute begrüßt, die Folterknechte herbeirufen. Im dritten Akt kommt nach der Gehirnwäsche die innere Leere, und als zum Schluss der Palestrina-Double sich wieder einreiht in die sitzenden Parteigenossen mit den Worten "Nun schmiede mich, den letzten Stein An einem deiner tausend Ringe" und mit einem resignierenden Lächeln ist der Palestrina (oder was von ihm übrig geblieben ist) wieder parteikonform geworden.
    • "Palestrina"

      ManonTanto schrieb:


      Szenisch fand ich den dritten Akt fast am gelungensten.

      Ich würde das für mich so nicht formulieren, aber die Richtung ist die gleiche. Mich hat der dritte Akt in seiner Strenge und seiner Ruhe sehr beeindruckt. Ich hatte mich schon im ersten Akt (vor allem, wegen des Endes dieses Aktes) gefragt, wie Kupfer das auflöst und fand das, was man dann sieht, stimmig und konsequent.

      Was nun die Videos angeht: Kupfer lässt sich immer wieder viel Zeit, die Bilder wirken (bis auf wenige Ausnahmen) nicht unruhig und passen auch gut zur Atmosphäre der Musik.

      Insgesamt fand ich das eine sehr spannende Inszenierung. gerade auch, weil die Analogien assoziativ bleiben und nicht quasi ein Ausrufezeichen setzen. Ich freue mich sehr drauf, das jetzt noch einmal sehen und hören zu können.
      Der Kunst ihre Freiheit
    • auch ich habe die vorstellung am samstag - gemeinsam mit meiner
      schwester - besucht, und wir beide teilen die fast ausschließlich sehr
      positiven rezensionen nicht.

      weder stimmlich, noch von der inszenierung her fanden wir das
      überzeugend. streit gefiel uns kaum - ein recht eindimensionaler
      vortragsstil (das wurde hier auch schon einmal volkkommen zurecht
      angesprochen) - er konnte das bild und die person palestrina m.m.n.
      nicht vermitteln. der sänger des borromeo hatte hörbare
      intonationsprobleme insbesondere in den pianobereichen. auch die
      anderen stimmen überzeugten uns nicht. es war kein 'glanzlicht' dabei.

      chor und dirigat hingegen waren sehr gut!

      nun zur mißlungenen inszenierung: die penetrante, vollkommen unnötige
      und naive gleichstellung von papst und palestrina mit stalin und
      schostakowitsch waren nervig. dabei böte der grandiose stioff doch
      inhaltliches und selbstredendes genug!! das erste mal, daß ich mich
      gezwungen habe, von einem teil der inszenierung wegzusehen. die
      viedeoüberblendungen waren aufdringlich und lächerlich zum teil.

      und das demgegenüber, was sich regiemäßig auf dem proszenium abspielte: denn hier waren regie und einfälle wirklich grandios!

      der mittlere bereich wiederum wirkte mit den albernen starwars-kostümen
      der tonsetzer und engel und den absolut überholten und nervenden
      ss-schergen(oder was immer die uniformen darstellen sollten, denn
      sowjetkommunisten waren es nicht) auch nicht gerade innovativ bzw. eher
      enervierend.

      generell fand ich beachtlich, daß diese inszenierung angeblich eine
      neue und nicht eine 20 jahre alte sein soll, wenn ich recht informiert
      wurde. meine schwester und ich bemerkten beide gleich zu beginn, daß
      man ihr doch die 80er jahre anmerkte und die zeitverhaftetheit....

      insgesamt also eine note: 3. denn pfitzners musik, so sperrig sie sein mag, reißt viel heraus.

      :wink:
      Muss es sein? - Es muss sein!
    • Roi_des_etoiles schrieb:

      der sänger des borromeo hatte hörbare intonationsprobleme insbesondere in den pianobereichen. auch die anderen stimmen überzeugten uns nicht. es war kein 'glanzlicht' dabei.
      Dabei hatte Falk Struckmann als Borromeo letzten Samstag einen vergleichsweise guten Tag ... Ich fand übrigens Frank van Aken als Kardinallegat Novagerio sehr gelungen, aber es ist nicht die dankbarste Rolle. Sängerisch fand ich fast alle Rollen gut besetzt. Ein wirkliches Glanzlicht gibt es übrigens im Münchner Palestrina, und zwar Christiane Karg als Ighino.
    • Die von Gurnemanz so treffend charakterisierte Aufführung war auch für mich ein tief bewegendes, noch lange nachwirkendes Erlebnis - vor allem in bezug auf Pfitzners Musik!

      Dem 'Palestrina', den ich vor über 15 Jahren in der beim Label 'Berlin Classics' erschienenen Aufnahme unter der Leitung von Otmar Suitner und mit Peter Schreier in der Hauptrolle kennenlernte, haftete in meinem Bild über das Werk bis kurz vor dieser Vorstellung das Vorurteil des Schwierigen, Grüblerischen und Langatmigen an. Sehr hilfreich zur Revidierung desselben war ein erneutes komplettes Durchhören des Werkes zwei Tage vor der Aufführung, so daß ich mich in aller Ruhe auf das Stück einstimmen und den Ablauf der Handlung wie der Musik einigermaßen gut erinnern konnte.

      Durch diese zuträgliche Art der Vorbereitung sah ich mich nun imstande, mich auf das immerhin dreieinhalb Stunden in Anspruch nehmende Stück einzulassen. Und ich muß anerkennen, die Mühe hat sich voll und ganz gelohnt!

      Pfitzners gehaltvolle, symphonisch gearbeitete Musik hat mich, vor allem in den dunkel getönten, getragenen Abschnitten des I. Aktes (Palestrinas Resignation und das sich daraufhin ereignende Erscheinen der neun verstorbenen Meister der Tonkunst) verzaubert. Die schattenhaften Klangfarben und düsteren Harmonien im Orchester sowie im Zusammenklang der Stimmen der Meister hatten Gänsehautcharakter.
      Ein weiterer, unter vielen anderen Höhepunkten der Aufführung, der mich tief ergriffen hat, war die (in dieser Inszenierung anders dargestellte) Schlußszene, in der Palestrina - draußen vom Volk gefeiert - alleine zurückbleibt und auf seiner Orgel wie weltentrückt eine Weise anstimmt und diese in einem lang ausgehaltenen Ton, immer leiser werdend, wie im Nichts verschwindet. Ein nach konventionellen Opernvorstellungen vollkommen unspektakulärer, jedoch zutiefst wirkungsvoller Schluß, der den innigen Charakter von Pfitzners Komposition so treffend veranschaulicht.

      Was die Inszenierung und die musikalische Interpretation betrifft, kann ich mich den positiven Besprechungen meiner Vorrezensenten durchaus anschließen. Vor allem hat Pfitzners Meisterwerk in Kirill Petrenko, mit seiner souveränen und einfühlsamen musikalischen Leitung, einen ausgezeichneten Fürsprecher gefunden. Auch die sängerischen Darbietungen fand ich durchweg gut bis hervorragend!!!

      Den einzigen Kritikpunkt, den ich anbringen möchte, betrifft die darstellerische Leistung Kurt Streits in der Rolle des Palestrina. Stimmlich fand ich die Bewältigung der Partie vorbildlich - was jedoch die Darstellung auf der Bühne angeht, ist Kurt Streit
      1. in seinem Erscheinungsbild zu jung, um den alternden Palestrina glaubwürdig verkörpern
      und 2. schauspielerisch zu agil, um den gebrochenen und resignativen Charakter des Komponisten überzeugend darstellen zu können.
      In dieser Hinsicht kann ich mir den aus meiner Einspielung bekannten Peter Schreier in dieser Rolle auf der Bühne sehr viel glaubhafter vorstellen.

      Besonders positiv möchte ich das, angesichts dieses raren Stückes, erstaunlich zahlreich erschienene und überaus diszipliniert der Musik lauschende Publikum erwähnen. Sicher waren sehr viele Kenner des Werkes anwesend, die diese großartige Gelegenheit wahrgenommen haben, das Stück einmal live auf der Bühne zu erleben. Bestimmt auch einige aus weiteren Regionen angereiste Liebhaber wie unser lieber Davidoff nebst Begleitung.

      Somit wünsche ich Dir, lieber Matthias eine ebenfalls sehr anrührende und erinnernswerte Aufführung dieses völlig zu Unrecht vernachlässigten Opernjuwels!

      :wink:
      Johannes
    • Guercoeur schrieb:

      Kurt Streit (ist)
      1. in seinem Erscheinungsbild zu jung, um den alternden Palestrina glaubwürdig verkörpern
      und 2. schauspielerisch zu agil, um den gebrochenen und resignativen Charakter des Komponisten überzeugend darstellen zu können.
      In dieser Hinsicht kann ich mir den aus meiner Einspielung bekannten Peter Schreier in dieser Rolle auf der Bühne sehr viel glaubhafter vorstellen.
      Warum soll Palestrina unbedingt als alt dargestellt werden? Ighino und Silla nennen ihn zwar alt (was evtl. nur "deutlich über 30" heißt). Palestrina selbst sieht sich "in der Mitte des Lebens". Der geschichtliche Palestrina hat die Missa Papae Marcelli mit ca. 37 Jahren geschrieben.
      Ist es nicht interessanter, wenn Palestrina im 1. Akt gerade nicht allzu greisenhaft dargestellt wird - wird damit nicht der Kontrast zum dritten Akt, als er (in Frankfurt) als gebrochener Mann erscheint, um so bewegender?
    • Ich habe gerade in die Schreier/Suitner Aufnahme wieder reingehört - Schreier singt sehr viel "kultivierter" als Streit, aber er hört sich für meine Begriffe nicht alt an und sieht auf den Bildern auch nicht alt aus (er dürfte bei der Aufnahme um die 47 gewesen sein). Gedda bei Kubelik hört sich da schon älter an - und leider auch weinerlicher. Übrigens hat Wunderlich die Partie in Wien gesungen - mit 34 Jahren.
    • Interpreten

      ManonTanto schrieb:


      Schreier singt sehr viel "kultivierter" als Streit

      Nicht nur, Schreier bewältigt die Partie insgesamt sehr gut, das ist bei Streit nicht der Fall. Das Problem des Tenors, nicht nur in dieser Partie, das war schon bei seinem Tito von Mozart, ebenfalls in Frankfurt, hörbar, ist die Höhe. Kurt Streit gerät da sehr schnell an Grenzen, die er auch nicht mehr kaschieren kann. Das absolute Alter des Interpreten spielt in dieser Inszenierung eigentlich keine Rolle, deshalb fand ich in dieser Beziehung Streit richtig gut.
      Der Kunst ihre Freiheit
    • "Alt" ist nun wirklich relativ, aber ich denke, das Resignative, die Schaffens-, ja Lebensmüdigkeit, die Pfitzner in seine Hauptfigur gelegt hat, ist nicht besonders gut mit Jugendlichkeit zusammenzudenken. Palestrina singt ja auch selber im letzten Akt:" ...bin nicht mehr jung...."


      Schreier habe ich vor etlichen Jahren in München live als Palestrina erlebt; er verkörperte die Figur auf der Bühne ganz exzellent und deutlich überzeugender als die drei anderen Tenöre, die ich sonst noch in dieser Rolle gesehen habe (Rene Kollo in Berlin war allerdings durchaus glaubwürdiger, als ich zunächst erwartet hatte).


      Auf der Konserve finde ich nach wie vor Julius Patzak in der Aufnahme mit Heger am eindrucksvollsten, wobei ich mir gut vorstellen kann, daß es hier genug Leute gibt, die Patzaks Gesangsstil nicht mögen.


      Viele Grüße


      a.d.
    • Interpreten

      arundo donax schrieb:


      Auf der Konserve finde ich nach wie vor Julius Patzak in der Aufnahme mit Heger am eindrucksvollsten, wobei ich mir gut vorstellen kann, daß es hier genug Leute gibt, die Patzaks Gesangsstil nicht mögen.


      Julius Patzak ist schon beeindruckend - aber: seine Stimme ist, so würde ich das beschreiben, nicht schön. Auch sein Tonfarbenspektrum ist nicht sonderlich breit. Aber wie er mit seinen Mitteln umgeht, macht Eindruck. Er hat die Partie mindestens noch einmal für den Rundfunk aufgenommen, ein Jahr nach der Münchener Aufnahme unter Heger für den WDR in Köln.

      Für mich sind klar Schreier und Gedda die Favoriten für den Palestrina - die Wunderlich-Aufnahme fehlt mir leider immer noch. Und den Mitschnitt aus Frankfurt werde ich nicht erwerben wollen... :D .
      Der Kunst ihre Freiheit
    • ManonTanto schrieb:

      Gibt es denn einen Mitschnitt aus Frankfurt bzw. soll es einen geben?


      Es gibt eine Partnerschaft zwischen der Frankfurter Oper und dem Label "Oehms". Zwei Produktionen pro Spielzeit werden mitgeschnitten und auf CD vorgelegt. In dieser Saison war das der "Lear" von Reimann, den gibts auch schon auf den Silberscheiben und es folgt eben der "Palestrina" von Pfitzner. Das Orchester hat mir auch sehr gut gefallen, das würde ich mir also auch zu Hause anhören wollen. Aber wenn ich die Sängerinnen und Sänger nur hören kann, hätte ich an dieser Aufnahme keine Freude, dazu ist die Leistung von Streit dann doch zu schwach, von Falk Struckmann gar nicht zu reden.
      Der Kunst ihre Freiheit
    • So, gestern waren wir also auch im Palestrina. Es war die 5. Vorstellung, und es war die Vorstellung, die zur CD-Aufnahme genutzt wird. Veröffentlichung ist im Herbst, so steht es im Programmheft.

      Wir sind nicht zur Podiumsdiskussion im Anschluß geblieben, haben uns aber die Einleitung von Malte Krasting angehört. Er hat uns durch fehlerfreien, flüssigen, ohne Füllworte auskommenden, komplexen grammatikalischen Vortrag beeindruckt. Und inhaltlich auf das, was Kupfer umgesetzt hat, vorbereitet (Obwohl wir ja wußten, was kommt... ;) ).

      Ich hatte mich, wie Johannes, mit dieses CD vorbereitet:



      Ich fand die Oper beim ersten Hören spröde, und nicht so "themenreich" und "strukturvoll", wie z.B. Wagner. Petrenko aber hat diesen Eindruck massiv verändert. Insoweit ist hier also musikalisch wirklich ein Mehrwert für mich entstanden.

      Daher überwiegt hier auch der sehr positive Eindruck.

      Andererseits sind "der pfuetzin" und mir auch einige Dinge nicht ganz klar geworden.

      1.) Warum die alten Meister in Militäruniformen vom Blatt singen war uns nicht nachvollziehbar
      2.) Warum Palestrina an den Flügel gefesselt werden muß, war uns ebenfalls nicht ganz eingängig.

      Die Personenführung und das Bühnenbild sind sehr gut, und auch der Transport zu Stalin und Schostakowitsch ist nachvollziehbar.

      Wie Jörg und wohl auch seine Schwester sind uns aber nicht alle Regieeinfälle vollkommen nachvollziehbar erschienen.

      Dennoch: Ein überwiegend sehr positiver Eindruck! Ein Nachmittag, der sich vollauf gelohnt hat!

      Matthias
      "Bei Bachs Musik ist uns zumute, als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf." (Friedrich Nietzsche)
      "Heutzutage gilt es schon als Musik, wenn jemand über einem Rhythmus hustet." (Wynton Marsalis)
      "Kennen Sie lustige Musik? Ich nicht." (Franz Schubert)
      "Eine Theateraufführung sollte so intensiv und aufregend sein wie ein Stierkampf." (Calixto Bieito)