Lars von Trier: abstoßend, faszinierend, gehaßt, geliebt...

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    • Lars von Trier: abstoßend, faszinierend, gehaßt, geliebt...

      [Die folgende Ankündigung - offensichtlich bislang noch nicht in die Tat umgesetzt - löste im allgemeinen Thread über aktuelle Kinoempfehlungen ab hier eine intensivere Diskussion über den Weltuntergangsfilm und über den dänischen Regisseur Lars von Trier aus. Nachdem kein Einspruch erfolgte, gliedere ich die entsprechenden Beiträge in einen eigenen Faden aus, der natürlich fortgesponnen werden möge.
      :wink:
      Gurnemanz]


      Ich werde morgen wahrscheinlich in "Melancholia" gehen, dem neuen Film von Lars von Trier. Ich bin schon sehr gespannt auf ihn und werde berichten, wie er war...

      LG Lotte

    • Charlotte von Lengefeld schrieb:

      Ich werde morgen wahrscheinlich in "Melancholia" gehen, dem neuen Film von Lars von Trier. Ich bin schon sehr gespannt auf ihn und werde berichten, wie er war...
      Liebe Charlotte,

      ich werde am Montag gehen und bin ebenfalls sehr gespannt. Den Dogma-Trier fand ich atemberaubend, den Musical-Trier innovativ und bewegend, den Antichrist-Trier abstoßend und faszinierend zugleich, den Cannes-Kommentare-abgebenden Trier dumm und verletzend, aber völlig überbewertet. Es gibt eigentlich nur ganz wenige Regisseure, wegen denen ich bei jedem Film ins Kino renne, Lars von Trier ist einer von ihnen. Ich bin sehr gespannt auf den Film und auch auf deine Meinung und vielleicht auf die anderer Capricciosi.
      Ich bastele schon seit längerem an einem Thread über das Post-Bergmann'sche skandinavische Kino, in dem für mich von Trier einen besonderen Platz einnimmt, ich habe aber noch kein zufrieden stellendes Eingangs-Posting formulieren können... ;+)

      Dir, mir und allen anderen ein hoffentlich eindringliches Filmerlebnis
      C.
      „Beim Minigolf lernte ich, wie man mit Anstand verliert.“ (Element of Crime)
    • Guten Tag.

      Charlotte von Lengefeld schrieb:

      Ich werde morgen wahrscheinlich in "Melancholia" gehen, dem neuen Film von Lars von Trier. Ich bin schon sehr gespannt auf ihn und werde berichten, wie er war...

      LG Lotte

      Ich bin eigentlich nicht im Gemüt, dass ich im Kino noch einen Weltuntergang sehen wollte. Aber ein sarkastischer britischer Filmkritiker schrieb vor kurzem über "Melancholia": Lars "call me Adolf" von Trier und seinen Weltuntergangsfilm mit Roland-Emmerich-Manier, dann war ich doch sicher, dass der Film auf mein Gemüt nicht niederschlagen würde. Lars von Trier kann wunderbar die Unbequemlichkeit unmittelbar in den Kopf vermitteln, aber die emotionale Eindringlichkeit ist nie seine Stärke. Und so bleibt auch bei "Melancholia" nur noch ein frostiges Gefühl im Kopf, aber nicht im Herzen.

      Erste zehn Minuten, ein Prolog, begleitet vom Vorspiel zum ersten Aufzug von "Tristan und Isolde", ist bereits die Beste, was der Film zu bieten hat: Wir beobachten unseren eigenen Untergang im Zeitlupentempo (aber wenn der Weltuntergang so schön sein kann, bin ich sowas von beruhigt). Darauf folgen zwei Kapitel, "Justine" und "Claire". "Justine" spürt instinktiv die Weltuntergangsangst und stürzt damit ihre eigene Hochzeit ins Verderben. "Claire" weigert sich, den Weltuntergang zu akzeptieren, obwohl sie die Unvermeidbarkeit genau wusste. Der verzweifelte Überlebenswillen von Claire und die Gleichgültigkeit von Justine reflektieren genau die astronomische Konstellation von der sterbenden Erde und der unaufhaltsamen Melancholia.

      Leider wirkt die parkinsonsche Wackelkamera zunehmend störend, da die Bilder nicht mal eine Minute lang ruhig bleiben konnten (umso schöner wirkt der ruhige Prolog, auch nachher). Und die Hauptaussage, "die Welt ist schlecht, die Menschen sind schlecht, die Erde ist schlecht. Wir haben nichts anderes verdient als zu sterben", wirkt auch plakativ. Lars von Trier hätte so oder so gerne gesehen, wie die Welt untergeht, egal ob die Menschheit gut oder schlecht wäre.

      Die zweite Hälfte gefällt mir ehrlich gesagt besser, da sie mir intensiver und verdichteter scheint als die etwas langgezogene erste Hälfte. Und ob mir der Film überhaupt gefallen hat? Ich glaube schon. Wie alle anderen Filme von Lars von Trier ist "Melancholia" ein Kopfkino. Man soll denken, nicht fühlen. Sogar der Moment, als die Menschheit vor unseren Augen komplett erlischt, bleibt gefühlskalt. Ein typischer Lars von Trier Film.

      Schönen Tag,
      Penthesilea
      Auch Rom wurde nicht an einem Tag niedergebrannt - Douglas Adams
    • Hallo Penthesilea,

      vielen Dank für die Schilderung deiner Eindrücke zu "Melancholia".

      Penthesilea schrieb:

      aber die emotionale Eindringlichkeit ist nie seine Stärke

      Bei dieser Aussage musste ich gerade doch stutzen. Allerdings muss ich gestehen, dass ich die letzten 15 Jahre keinen Lars von Trier Film mehr gesehen habe. Nur - kennst du "Breaking the Waves"? Für mich ein emotional sehr eindringlicher Film...

      Viele Grüße
      Frank

      From harmony, from heavenly harmony
      this universal frame began.
    • Melancholia fand ich sehr lohnend, besonders Dunst in der Rolle der depressiven Justine hat mich beeindruckt. Auf einer ersten Ebene ist der Film das Portrait einer klinischen Depression, die mit dem Tod endet, aber vielmehr verstand ich den Film als die Suche nach einem Sinn der Melancholie. Mit Melancholie meine ich nicht die pathologische Depression, sondern vielmehr den menschlichen Charakterzug oder Charakter, der auch in der griechischen Humoralmedizin beschrieben wird, und gerade im Weltuntergang, wenn alle Hoffnung verloren ist, dann kommt dieser Charakter zum Tragen, ist als einziger handlungsfähig und so Justine ermöglicht zumindest ihrem jungen Neffen ein halbwegs versöhnlichen Weltuntergang. Von Trier zeigt also in meinen Augen, dass Melancholie an sich nicht nur ein destruktiver, indifferenter Zustand ist, sondern durchaus auch eine positive, produktive Seite haben kann - vielleicht nur in Zeiten des Weltuntergangs, aber wann waren diese schon nicht.
    • Frank1970 schrieb:

      kennst du "Breaking the Waves"? Für mich ein emotional sehr eindringlicher Film...


      Das finde ich auch, ich habe "Breaking the waves" kaum ausgehalten. Wenige Filme haben mich emotional so mitgenommen wie dieser. Doch, natürlich ein anderer Lars von Trier: "Dancer in the Dark". Und auch bei "Dogville" stoße ich an meine emotionalen Grenzen. Auch wenn alles intellektuell und konstruiert sein mag, von Trier schafft es immer wieder, dass ich völlig fertig bin. Und zwar in einem sehr negativen Sinn, ich genieße das nicht, was da mit mir passiert. So habe ich mir aus "emotionalen" Gründen vorgenommen, sehr vorsichtig mit seinen Filmen zu sein.

      :wink: Talestri
      One word is sufficient. But if one cannot find it?
      Virginia Woolf, Jacob's Room
    • Penthesilea schrieb:

      die Hauptaussage, "die Welt ist schlecht, die Menschen sind schlecht, die Erde ist schlecht. Wir haben nichts anderes verdient als zu sterben"
      Ist immer so eine Sache mit den "Aussagen" der Kunstwerke. Was Du da anführst, scheint mir, wenn überhaupt, die Pointe von "Dogville" etwa zu sein (um bei Lars von Trier zu bleiben). Aber bei "Melancholia" ist es doch eher die Sichtweise der Hauptfigur, die zudem noch (a) als Krankheitsbild charakterisiert und (b) von der Figur der Schwester zumindest stark gebrochen wird. Das Hedda Gablersche "Sterben in Schönheit" wird zwar ästhetisch aufgegriffen radikalisiert; alle "schönen" Bilder im Film sind welche des Untergangs; und natürlich klingt auch, nicht nur durch die Musik, Wagnersche Weltverneinung durch (Weltuntergang als Happy End) - aber da ist auch das Kind, sind die Pferde, ist der stumm-heroische Kampf von Claire um die Bewahrung des Lebens. Und, sehr im Gegensatz zu Liebestod oder Götterdämmerungs-Finale, hatte ich auch am Ende der Auslöschung gar kein "verklärtes" Gefühl; es war schön, aber wirklich SCHRECKLICH.
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      Musica est exercitium metaphysices occultum nescientis se philosophari animi
    • Guten Tag, Frank.

      Frank1970 schrieb:

      Bei dieser Aussage musste ich gerade doch stutzen. Allerdings muss ich gestehen, dass ich die letzten 15 Jahre keinen Lars von Trier Film mehr gesehen habe. Nur - kennst du "Breaking the Waves"? Für mich ein emotional sehr eindringlicher Film...

      Ja, "Breaking the waves" kenne ich. Das muss schon über 15 Jahre her sein, als ich den Film im Kino sah.

      Meine Aussage über die Emotionalität von Lars von Triers Filmen muss ich ein wenig präzisieren, sonst gibt es unnötige Missverständnisse. Ich finde aber auch sehr interessant, dass seine Filme anderen Zuschauern scheinbar ganz andere (emotionale) Wirkungen haben.

      Lars von Trier versetzt oft ihre Protagonisten in eine extreme Lage, wo Logik oder menschliche Vernunft nur begrenzt aussagefähig ist. In "Breaking the waves" lebt Bess (Emily Watson) in einer ziemlich eigenartigen religiösen Gemeinde. In Elfenbeinturm der Wissenschaft – Krankenhaus – lauern Geister ("Geister"). In einer Pseudogemeinschaft werden Menschen ohne Grund gedemütigt und gequält ("Dogville" und "Manderlay"). Es sieht so aus, als ob Lars von Trier sehr gerne zusieht, wie seine Protagonisten wie Laborratten in einer fiktiven, vollkommen verfremdeten Welt ohne "herkömmliche" logische Handlungsmöglichkeit zurechtfinden. Am weitesten ging er mit "Idioten": Eine Gemeinschaft ohne Sinn und Verstand, die eigentlich den Sinn des Lebens finden wollte und dabei kläglich scheiterte.

      Nur: Alle Protagonisten in Lars von Triers Filmen erleben extreme Grenzerfahrungen und –gefühle, die auch nur innerhalb des Labors von Lars von Trier bedingungslos verständlich sind. Aber wenn ich seine Welt verlasse, dann stelle sich sofort unzählige Fragen: Warum? Wieso? Weshalb? Sorgfältig errichtete experimentelle Umgebung und daraus resultierende emotionale Ausbrüche haben ihre eigene große Wirkung, aber bleiben in der realen Welt nur noch bedingt nachvollziehbar. Deshalb halte ich seine Filme mehr für Kopfkino: Ich kann mich auch vollkommen mit seinen Charakteren identifizieren und alle Handlungen nachvollziehen, wenn ich ständig an "was wäre wenn" während seines Films denke. Aber wenn der Film zu Ende ging, und mir all die filmischen Voraussetzungen plötzlich irreal scheinen, verschwindet auch die emotionale Wirkung.

      Eine Ausnahme wäre dann "Dancer in the dark". Nicht mit der klinisch sauber vorbereiteten fiktiven Welt, sondern mit einem vollkommen absurden Stilmittel – Musical – versucht Lars von Triere die Realität zu brechen. Aber hinter dem "Friede, Freude, Eierkuchen" Gesang sehen wir trotzdem unmittelbar die Grausamkeit der Realität, deren Wirkung außerhalb des Kinos auch nicht verschwindet. Vielleicht ist der Film ein misslungenes Experiment für Lars von Trier. Aber ich wünsche mir mehr von solchen "Misslungenen".

      Hoffentlich habe ich etwas genauer formuliert, wie ich seine Filme wahrnehme.

      Schönen Tag,
      Penthesilea
      Auch Rom wurde nicht an einem Tag niedergebrannt - Douglas Adams
    • Recordatorio schrieb:

      Penthesilea schrieb:

      die Hauptaussage, "die Welt ist schlecht, die Menschen sind schlecht, die Erde ist schlecht. Wir haben nichts anderes verdient als zu sterben"
      Ist immer so eine Sache mit den "Aussagen" der Kunstwerke. Was Du da anführst, scheint mir, wenn überhaupt, die Pointe von "Dogville" etwa zu sein (um bei Lars von Trier zu bleiben). Aber bei "Melancholia" ist es doch eher die Sichtweise der Hauptfigur, die zudem noch (a) als Krankheitsbild charakterisiert und (b) von der Figur der Schwester zumindest stark gebrochen wird. Das Hedda Gablersche "Sterben in Schönheit" wird zwar ästhetisch aufgegriffen radikalisiert; alle "schönen" Bilder im Film sind welche des Untergangs; und natürlich klingt auch, nicht nur durch die Musik, Wagnersche Weltverneinung durch (Weltuntergang als Happy End) - aber da ist auch das Kind, sind die Pferde, ist der stumm-heroische Kampf von Claire um die Bewahrung des Lebens. Und, sehr im Gegensatz zu Liebestod oder Götterdämmerungs-Finale, hatte ich auch am Ende der Auslöschung gar kein "verklärtes" Gefühl; es war schön, aber wirklich SCHRECKLICH.


      Habe ich auch so erlebt. Noch ein paar Worte zur Filmmusik: Einerseits ist das Tristan-Vorspiel eher konventionell eingesetzt, aus dem Off, suggestiv und vor allem etwas zu häufig. Aber dann doch auch wieder bemerkenswert intelligent: das Vorspiel zur Oper als Musik zur filmischen Ouvertüre (komplementär: nur zum Abspann ertönt das Vorspiel zum dritten Akt), der Zusammenprall der beiden Themen auf dem dynamischen Höhepunkt zum Zusammenprall der Planeten, und vor allem - besonders unheimlich - die Basslinie des Endes zu der zweimaligen Szene mit dem scheuenden Pferd.

      Der Film setzt ja wie der Tristan auf die Konfrontation einer zunächst übermächtigen, sich dann aber als ohnmächtig erweisenden "Tagwelt" mit einer immer mehr dominierenden "Nachtwelt", verkörpert durch die beiden Schwestern (die Parallele zu Isolde und Brangäne drängt sich mir auf, ich bestehe aber nicht darauf). Vielleicht hätte Lars von Trier in Bayreuth ja doch was Beachtliches hingekriegt.


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Zwielicht schrieb:

      Vielleicht hätte Lars von Trier in Bayreuth ja doch was Beachtliches hingekriegt.
      Vorgestern habe ich Melancholia gesehen, meine erste Erfahrung mit Lars von Trier. Gerade zu Beginn erschienen mir die Bilder in extremer Zeitlupe wie eine ideale Visualisierung etwa des Tristan, hätte ich mir als Operninszenierung gut vorstellen können.

      Der Film insgesamt: Merkwürdigerweise war ich zunächst nicht emotional berührt, aber die Bilder wirken lange nach und lassen mich nicht los. Von mir aus gern "Kopfkino", was ich nicht negativ fände. Die relativ unspektakuläre Darstellung des Weltuntergangs, immerhin eine Katastrophe, gegen die die schlimmsten Erfahrungen der Menschheitsgeschichte verblassen: ein ruhiger, episch breiter Film ohne Massenpanik, ohne heroische Rettung in letzter Sekunde o. ä. Das alles hat mich nachdenklich gestimmt.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Gurnemanz schrieb:

      ...meine erste Erfahrung mit Lars von Trier.


      Na, dann solltest Du Dir aber aus der nächsten Stadtbücherei mal zumindest

      Breaking the Waves
      Dancer in the Dark (mit Björk, grandios!)

      und auch die TV-Serie Geister

      ausleihen, um einen besseren Einblick in sein Universum zu erlangen. :)

      Matthias
      "Bei Bachs Musik ist uns zumute, als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf." (Friedrich Nietzsche)
      "Heutzutage gilt es schon als Musik, wenn jemand über einem Rhythmus hustet." (Wynton Marsalis)
      "Kennen Sie lustige Musik? Ich nicht." (Franz Schubert)
      "Eine Theateraufführung sollte so intensiv und aufregend sein wie ein Stierkampf." (Calixto Bieito)
    • Wenn mir kein trauriger Planet dazwischenfährt, könnte es schon mal dahin kommen, lieber Matthias! ;+)

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Nutze freie Tage derzeit für ein kleines hauptstädtisches Kulturprogramm. Dementsprechend habe ich mir auch einen Kinobesuch eingerichtet. Und es konnte ja kaum etwas anderes geben als "Melancholia". Da habe ich meine Zeit sehr gut investiert.

      "Europa" war der erste Film von Lars von Trier, den ich sah. Das muss Anfang der 90er gewesen sein, zu Studentenzeiten in Kiel, ich glaube in der "Traumfabrik" (gibt es die noch?), einer Art Kulturzentrum mit Disse, Restaurant und eben auch einem kleinen Kino (mit guter Filmauswahl). Seitdem habe ich von Triers Filme immer mit Interesse gesehen. "Breaking the waves" wirkte auch in mir mit erstaunlicher emotionaler Wucht nach - einer der Filme, bei denen man zunächst sprachlos bleibt. Die anderen (inklusive "Geister", das war glaube ich eine Fernsehserie, lief auf arte?) sind immerhin so rätselig, dass es ein Vergnügen ist, sie zu sehen. Wenn man diese Arbeiten mit dem sogenannten Mainstream-Kino nach US-Prägung vergleicht, dann ist es einfach eine Freude, dass einem nicht alles vorgekaut wird, dass man seine eigenen Gedanken anstellen kann und alles deuten mag, wie es einem sinnvoll erscheint. Insofern will ich hier auch gar nicht weiter auf das hier dazu schon Geäußerte eingehen. Vielleicht nur so viel: Ich stimme Bernd sofort zu, dass eine Opernarbeit von Triers in Bayreuth (oder sonstwo) bestimmt reizvoll wäre.

      Ach ja, und dann besuchten wir zuletzt noch "Gerhard Richter Painting". Das lief nur noch als Sonntagsmatinee, was mich immerhin zum ersten Besuch des "International" brachte (vielleicht hätte man das aber auch besser im "Delphi" gesehen, wo das Publikum vermutlich noch um einiges mehr artsy gewesen wäre). Wen die Bilder Richters interessieren, wird den Film mit Gewinn sehen. Weniger, weil Richter Unglaubliches zu berichten hätte (schön ist aber seine freundlich-abgeklärte Haltung zu allem und jedem, insbesondere dem Kunstbetrieb), sondern weil man ihm bei der Arbeit zusehen kann. Fand ich interessant. Und an schönen Bildern ist ohnehin kein Mangel.

      :wink:
    • Lars von Trier - geliebt und gehasst, gefürchtet und verächtet, gemieden und verdrängt. So auch von mir. Ich habe ein gespaltenes Verhältnis zu Ihm und seinen Werken. Irgendwie verehre ich Ihn schon, aber eben nicht rückhaltlos und mit kritischer Distanz. "Breaking the Waves" fand ich nervtötend-sentimental; "Geister" durchaus sehenswert, aber nicht herausragend; "Dancer in the dark" in seiner depressiven Brutalität unerträglich (möchte ich nie mehr sehen); "Dogville" und "Manderlay" beide in ihrer Genauigkeit, schonungslos ehrlichen und kritischen Haltung meisterhaft; "Antichrist" einfach nur langweilig und jetzt "Melancholia" wirklich überwältigend (natürlich gerade der planetarisch-bombastische Schluß). Ich habe Ihn am Sonntag gesehen, und er wirkt sehr stark in mir nach. So etwas erlebe ich nur noch außerordentlich selten nach dem Verlassen des Kinos. Es waren zwei Stunden Film, die mich sehr gefordert haben, aber die das konzentrierte Ansehen gelohnt haben. Allein die aufgebotene Schauspielerriege beeindruckt: John Hurt, Charlotte Rampling, Stellan Skarsgard, Brady Corbet, Kiefer Sutherland, Charlotte Gainsbourg und Kirsten Dunst. Die Hochzeitsfeierszene am Anfang ist mal wieder eine typisch von-Trier'sche Abrechnung mit bürgerlich-erstarrt-verlogenen Riten und Gepflogenheiten. Charlotte Rampling als desillusioniert-angewiderte Mutter der Braut ist in Ihrer bissig-sarkastischen Art und Weise wohl die absolute Idealbesetzung für diese Rolle und darf in Ihren wenigen Szenen einige sehr "schöne" Sätze von sich geben (jeder, der den Film gesehen hat, weiß, was ich meine). John Hurt als gutmütig-humorvoller Vater ist der ideale Gegenpart zu Rampling. Kirsten Dunst spielt also Justine, die Braut und neben Ihrer Schwester Claire (gespielt von Charlotte Gainsbourg) eine der Hauptfiguren des Films. Justine verzweifelt an dieser Hochzeit, zieht sich während der Feier zurück, kapselt sich ab, versinkt in Depression. Ihre hier noch stark auftrumpfende Schwester Claire und Ihr Ehemann (gespielt von Kiefer Sutherland) unterdrücken ihren Unmut über dieses Verhalten nicht und traktieren Justine damit. Die Hochzeit scheitert schlußendlich an einem vernichtenden Verbalangriff von Justine auf Ihren zukünftigen Schwiegervater (Stellan Skarsgard), der offensichtlich der Inhaber einer Werbeagentur ist. Dies scheint auch den potentiellen Ehemann endgültig zu verschrecken, der Justine alleine zurücklässt. Ein drastischer Anfang für einen Film, der allerdings notwendig erscheint, um im Folgenden den ungeschminkten Blick auf die beiden Schwestern Justine und Claire freigeben zu können. Justine ist schwer depressiv, zu einem eigenständigen Leben nicht fähig und somit von Ihrer Schwester Claire abhängig, die mit Ihrem Ehemann und Kind zusammen mit Justine in einem prächtigen Landschloss wohnt. Die beeindruckendsten Szenen des Films waren für mich die, wo Justine, vollkommen im Griff der Depression, nicht fähig ist, in eine Badewanne zu steigen oder ein Essen zu sich zu nehmen. Ihre hier schutzlos dargestellte Hilflosigkeit wird von Kirsten Dunst tief bewegend gespielt, wie Sie in sich zusammengefallen und mit dunklen Augenringen von zwei Menschen gestützt werden und ins Bett gebracht werden muß. In solchen Szenen scheint Lars von Trier zu sich selber zu kommen. In dieser Intensität und Glaubwürdigkeit habe ich die Darstellung eines zutiefst depressiven Menschen noch nie gesehen. Szenen, die ich wohl nie vergessen werde.
      Justines Rettung aus der bürgerlich-familiären Umgebung und Ihrer Krankheit sind Ihre nächtlichen Ausflüchte in die Natur, in die Umgebung des Schlosses, an einen mondbeschienenen See. Hier findet Sie Ruhe. Lars von Trier stellt diese Szenen traumhaft schön dar.
      Die am Anfang noch souverän wirkende Schwester Claire rückt dann im letzten Teil des Films in den Mittelpunkt. Hier zeigt sich, daß auch Sie alles andere als souverän und abgeklärt ist. Sie fürchtet sich vor der Kollision der Erde mit dem Planeten "Melancholia", die für Sie unmittelbar bevorsteht. Ihr Mann, offenbar ein Astronom, versucht Sie vom Gegenteil zu überzeugen. Mithilfe eines Fernrohrs und einer Apparatur, die ich nicht genau benennen kann, gelingt Ihm dies auch. Claire beruhigt sich. Am nächsten Tag allerdings wird Ihr Mann tot in einem Pferdestall aufgefunden, wo er offenbar von einem Pferd totgetreten wurde. Dies ist ein Wendepunkt, denn Claire muß nun feststellen, daß die Gefahr keineswegs vorüber ist, sondern der Planet beständig näher an die Erde heranrückt. Sie verfällt nun vollkommen in Angst und Panik und sucht für sich, Ihren Sohn und Justine Schutz vor dem Zusammenprall. Der Schutz wird den Dreien verwehrt, der Zusammenprall kommt und der Film endet mit einem mächtigen Crescendo des Zusammenpralls.
      Erwähnt werden muß natürlich noch die Filmmusik, die eben nahezu ausschließlich aus dem Vorspiel zu Tristan&Isolde besteht. Und Lars von Trier setzt sie sehr gekonnt und wirkungsvoll ein. Allein der Vorspann umfaßt nahezu das ganze Vorspiel. L.v.T. lässt hier bereits Planeten kreisen, zeigt die Erde im Weltall und gibt damit einen Vorgeschmack auf das kommende Ende.
      Lars von Trier, der "Meister der Depression", verherrlicht im Grunde mit diesem Film (seine?) Depression bzw. sucht er nach einem Weg damit fertigzuwerden.
      Abschließend möchte ich nochmals meiner Begeisterung über Kirsten Dunst Ausdruck verleihen. Nichts mehr von Ihren mädchenhaften Darstellungen in "Spiderman" oder "Suicide Virgins". Dank L.v.T. ist Sie wohl zu einer ernsthaften und tiefgründigen Schauspielerin geworden.
    • Eine treffende Beschreibung und Bewertung, die sich im wesentlichen mit meinen Eindrücken deckt. Ein Detail nur:

      inland_empire schrieb:

      Am nächsten Tag allerdings wird [Claires] Mann tot in einem Pferdestall aufgefunden, wo er offenbar von einem Pferd totgetreten wurde.
      War es nicht so, daß der Mann die Schlaftabletten seiner Frau entwendet und sich damit umgebracht hat? Ich bin mir allerdings nicht sicher. Vielleicht läßt der Film auch mehrere Deutungen zu.

      Ohnehin scheint dort manches unter undurchsichtigen Gesetzen zu stehen, das erinnert mich z. B. an Kafka (Der Torwächter) oder an einen Film von Buñuel (?), in dem es den Mitgliedern einer feinen Gesellschaft nicht möglich ist, den Festsaal zu verlassen, obwohl die Ausgänge unverschlossen sind. In Melancholia gibt es eine unsichtbare Grenze: die Brücke, an der Justines Pferd zweimal scheut, und auch Claire kann später mit dem Golfwagen (?) dort nicht passieren: eine Art dämonischer Magie. Zeitweiligen Trost bietet dagegen die "magische Höhle" aus Holzstäben am Ende.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Der Tod des Ehemanns bleibt in der Tat im Unklaren, allerdings bin ich mir ziemlich sicher, daß er nicht die Tabletten von Claire entwendet hat, denn die hat Sie doch nach dessen Tod noch aus der Schublade geholt - oder irre ich mich da jetzt vollkommen?
      Die letzte Szene, in der der Mann lebend erscheint ist doch die am Morgen, wo er in einem braunen Anzug ganz gebannt durch das Teleskop starrt und Claire gerade zum Frühstück erscheint und Ihn fragt, ob er Kaffee möchte, worauf er verneint. Die nächste Szene ist doch dann bereits, wo Sie Ihn tot im Stall vorfindet. Nähere Erläuterungen über die Todesumstände kommen dann nicht mehr.
    • inland_empire schrieb:

      Der Tod des Ehemanns bleibt in der Tat im Unklaren, allerdings bin ich mir ziemlich sicher, daß er nicht die Tabletten von Claire entwendet hat, denn die hat Sie doch nach dessen Tod noch aus der Schublade geholt - oder irre ich mich da jetzt vollkommen?


      Die Dose ist schon noch da - aber als Claire sie schüttelt, ist sie leer.


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Genauso isses. Und die Dramaturgie (Szene, als sie die Tabletten gekauft hat usw.) impliziert ziemlich eindeutig, dass er sich umbringt (weil er an seinen Berechnungen und dem Teleskop bemerkt hat dass "Melancholia" eben doch mit der Erde kollidieren wird). Dabei denkt er übrigens kein bisschen an Frau und Kind, denen er diesen Weg des Selbstmords damit versperrt. Ein typisch von Triersches, gnadenlos realistisch-misanthropisches Figurenporträt.
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