Welchen Nutzen haben "Referenzaufnahmen" für den Musikfreund?

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    • Welchen Nutzen haben "Referenzaufnahmen" für den Musikfreund?

      Als der Begriff "Referenzaufnahme" mir das erste Mal begegnete, ging es um Einspielungen von Werken klassischer Musik, die hinsichtlich der Aufnahmetechnik und des Klanges referentiellen Charakter hatten. Mit der steten Verbesserung der Wiedergabemöglichkeiten und der zunehmenden allgemeinen Erschwinglichkeit von Anlagen, die ein solches Hörerlebnis ermöglichten, hatte dieses Kriterium zumindest für einen Teil der Musikfreunde seine Berechtigung, Dagegen stand immer schon der unermessliche Schatz von Interpretationen, die dieses Kriterium nie erfüllen konnten, aber zum Maßstäblichen in der Auseinandersetzung mit einem Werk gehören.

      Inzwischen ist der Begriff auch auf die Interpretation übertragen worden und gibt vor allem unerfahrenen Musikfreunden eine falsche Orientierung, Um diesen überdehnten Begriff geht es im folgenden:

      Was sind schon "Ideal"- oder sog. Referenzeinspielungen? Manchmal glaube ich, sie halten einen mehr davon ab, ein Kunstwerk zu erleben, als dass sie die ideale Voraussetzung für ein Kunsterlebnis sind. Es gibt keine Referenzeinspielung! Wenn eine Einspielung einem das Gehör verklebt für die 1001 Möglichkeiten, ein Werk anders aufzuführen und zu hören, dann stimmt etwas nicht - beim Interpreten oder beim Hörer.

      Was die zu Recht in Kritik geratene "Werktreue" bei der Oper ist (nicht zuletzt weil der Begriff als stupide Waffe gegen kreatives Weiterdenken eingesetzt wird), scheint bei der Instrumentalmusik die "Referenz" zu sein. Das Werk hat das Recht, unabhängig vom Komponisten weiterzuleben - nur so entrinnt es Affirmation und Fetischcharakter, in jeder Aufführung wird es neu geboren, neu geschaffen. Und die Buchstabentreue ist mehr eine Sache der Bürokratie als die der Kunst.

      Liebe Grüße Peter
      .
      Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
      (Hermann Bahr)
    • Naja, lieber Peter, Du bist mir hoffentlich nicht böse, aber ich habe das Gefühl, daß das zu einseitig klingt, was von Dir wohl nicht so gemeint war.

      Erstens: Würde man sagen, es kann nur eine einzige Referenzeinspielung geben, dann würde ich dir hundertprozentig zustimmen. Für mich bedeutet "Referenzeinspielung" aber nur eine modellhafte Wiedergabe (und auch nicht unbedingt die alleinige, aber jedenfalls eine spitzengruppige) nach einer bestimmten Interpretationsauffassung, neben der andere auch möglich sind - einmal mehr, einmal weniger, es kann theoretisch bis ins Unendliche gehen.

      Zweitens: Werktreue mit Buchstabentreue gleichzusetzen, scheint mir sehr vordergründig und meist gar nicht möglich, weil in der Regel ja keine detaillierten Vorschriften seitens des Komponisten/Librettisten etc. vorliegen. Werktreue kann sich daher innerhalb eines sehr elastischen und weiten Rahmens abspielen. Außerdem paßt hier das alte Reiners-Zitat "Der Meister kann die Form zerbrechen". Strittig ist nur, wer wirklich einer ist bzw. ab welchem Punkt das Resultat primär eine Neuschöpfung ist und wann es noch im Rahmen der Ausdeutung bleibt. Das läßt sich aber schwerlich allgemein festlegen, sondern nur von Fall zu Fall - hängt zudem sehr von der individuellen Einstellung des/der Rezipienten ab.

      Liebe Grüße
      Waldi
      ______________________

      Homo sum, ergo inscius.
    • Lieber Peter,

      einerseits hast Du Recht. Wenn dem nicht so wäre, wie könnte sonst Aufführungspraxis „lebendig“ fortgeführt werden. Da in der sog. Klassischen Musik Komponist und Interpret i. d. R. auseinanderfallen, ergeben sich zwangsläufig berechtigte unterschiedliche Interpretationen, welche sich aber am Werk, der größtenteils niedergeschriebenen Komposition, messen müssen. Trotzdem ergeben sich „Spielräume“, da nicht alles schriftlich festgelegt sein muss.

      Referenz heißt nicht „Ideal“ und nicht „Reverenz“.

      Aber die jeweiligen Interpretationen müssen sich auf das Werk, die Komposition beziehen. Umso weiter diese sich davon entfernen, desto weniger Bezug bleibt erhalten (vgl. Werktreue).

      Referenz ist eine Empfehlung „genauer“ Umsetzung innerhalb des Bezugssystems und betrifft:
      - technische Qualität,
      - Darstellung einer Interpretation einer Aufführungspraxis der jeweiligen Zeitgeschichte,
      - Harmonie oder Einklang (sic) bzgl. expressiver Umsetzung und Werkgenauigkeit,
      - Oper: z.B. sängerische Qualität [vgl. unsere Diskussion über 'Qualität'] etc. pp.

      Die „Weiterentwicklung“ beinhaltet vorzugsweise das immer wieder neue Auseinandersetzen mit der Komposition und der Aufführungspraxis, so dass das Ergebnis selbstverständlich mehrere Referenzaufnahmen sein kann.

      Bis dann.

      Edit: 16.11.2011 Uhr 15:50
    • Waldi schrieb:


      Würde man sagen, es kann nur eine einzige Referenzeinspielung geben, dann würde ich dir hundertprozentig zustimmen. Für mich bedeutet "Referenzeinspielung" aber nur eine modellhafte Wiedergabe (und auch nicht unbedingt die alleinige, aber jedenfalls eine spitzengruppige) nach einer bestimmten Interpretationsauffassung, neben der andere auch möglich sind - einmal mehr, einmal weniger, es kann theoretisch bis ins Unendliche gehen.


      So ist es. Aber - und das wäre meine Frage an Dich, lieber Waldi - hast Du nicht auch den Eindruck dass der Begriff meistenteils gerade so nicht benutzt wird, sondern in der Regel so, wie ihn Peter uns nahe gelegt hat, nämlich als Synonym für ein grundsätzliches, andere Möglichkeiten ausschließendes "non plus ultra"? Es mag an mir liegen, aber so empfinde ich das in der Regel.

      :wink: Agravain
    • Nun, das Wort "Referenz" wird bezogen auf die Interpretation eines Werkes ohnehin sehr schnell okkupiert und ausgenutzt - oder um es anders zu formulieren: wenn jemand eine Interpretation als "Referenz" bezeichnet, unterliegt dieser Begriff bereits einer Verfälschung.

      Die Schwierigkeit für mich liegt darin, wie weit man die Grenzen zieht, in der dieser Begriff sinnvoll eingesetzt werden kann. Für wen ist es "Referenz", für wen nicht? Gerade in der Klassischen Musik ist das deutlich zu erkennen, z.B. in den Diskussionen zu den einzelnen Werken. Prinzipiell wird der Begriff auch immer gleich absolut angewendet, d.h. es gibt in der Regel 1 Referenz, manchmal auch 2; aber der Rest wird dann hintenüber gekippt.

      Hier geht es um Wertungen, und die sind rein persönlicher Natur - und nur innerhalb dieser Grenzen ergibt der Referenzcharakter einen Sinn. Es ist ja ohnehin so, daß man sich auch an Details erfreut bzw. stört, die andere so gar nicht empfinden. Daraus ergibt sich vielleicht ein interessanter dialektischer Dialog, aber zu einem Abschluß der Einordnung kommt man nicht. Man kann höchstens zustimmen oder ablehnen.

      Sicherlich ist die "Referenz" als ein Siegel für die Bewertung einer Aufnahme vereinnahmt worden: von der professionellen Kritik, die damit ihren Lesern etwas Griffiges geben wollte (Audio hatte mal ein Punkte-System gehabt mit 20 als das Höchste). In diesem Zusammenhang mag der Begriff sogar ganz sinnvoll gewählt sein, aber dennoch unterliegt er einer gewissen Bevormundung: unerfahrene Hörer richten sich danach, weil sie es nicht besser wissen; aber erfahrene Hörer können daran nur ablesen, ob sie mit dem Kritiker auf einer Linie liegen oder nicht.


      Ich glaube daran, daß jede Aufführung bzw. Aufnahme ihre Daseinsberechtigung hat, zumal die Besetzung und die Örtlichkeiten fast nie exakt gleich sind. Insofern wäre jede Aufnahme eines Werkes als Diskussionsgrundlage beurteilbar. Doch nach welchen Kriterien die Beurteilung vorgenommen wird, das ist - wie gesagt - eher persönlicher Natur.

      Lieber Peter, in Bezug auf eine absolute Wahrheit ist dein formulierter Satz zutreffend. Ich denke auch, daß man sich einer Möglichkeit berauben würde, wenn man sich nur auf eine Lesart beschränkt. Doch habe ich auch festgestellt, daß man sich mit zwei wichtigen Voraussetzungen herumschlagen muß:

      1. Man muß bereit sein, das Werk in jeder neuen Interpretation hören zu wollen.

      2. Man muß sich mit den vorhandenen Einspielungen begnügen.

      Natürlich gibt es 1001 Möglichkeiten, ein Werk zu interpretieren, aber wie man damit umgeht, ist eine reine Einstellungssache. Und die wird noch nicht einmal bei jedem Werk gleich sein. Ob es wirklich ein Problem darstellt, wenn man sich mit einer Einspielung eines Werkes die Ohren verklebt, kann man gar nicht allgemein pauschalisieren. Vor allem aber darf sie nicht als etwas Negatives ausgelegt werden. Das wiederum halte ich ebenso bedenklich.

      Wie man es dreht und wendet, ohne die eigene persönliche Meinung als grundsätzliche Grenze, bleibt der Begriff "Referenz" bedeutungslos. Und wenn man seine persönliche "Referenz" gefunden hat, warum soll man dann noch weitersuchen?


      jd :wink:
      "Interpretation ist mein Gemüse."
      Hudebux
      "Derjenige, der zum ersten Mal anstatt eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation."
      Jean Paul
    • Agravain schrieb:

      ämlich als Synonym für ein grundsätzliches, andere Möglichkeiten ausschließendes "non plus ultra"?
      Das liegt wohl im Wesen der Sprache der Werbung...
      Wenn ich versuche, einem etwa positiven Sinn des Wortes auf die Spur zu kommen, fiele mir etwas ein wie:
      Eine Aufnahme, die den Geist des Werkes exemplarisch wiedergibt, und zwar bis in möglichst viele stoffliche Details hinein. Die das hörbar macht, was drin verborgen ist.
      Und da fängt es ja schon an, Geschmackssache zu sein: für den Einen zählt der große Zug, für den anderen die anspielungsreichen Details...
      Wenn man weiß, welchem Geschmack jeweils der Sprechende anhängt, kann der Ausdruck "Referenzaufnahme" schon informativ sein...

      Gruss
      Herr Maria
      Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
      daß Alles für Freuden erwacht
    • philmus schrieb:

      Wenn man weiß, welchem Geschmack jeweils der Sprechende anhängt, kann der Ausdruck "Referenzaufnahme" schon informativ sein...


      Das genau scheint mir einer der Knackpunkte des Begriffs zu sein. Ich habe oft den Eindruck, dass eben das Geschmacksurteil bei der Nutzung des Begriffes gerade nicht mittransportiert werden soll. Mir scheint es eher so zu sein, dass derjenige, der den Begriff nutzt, gerne ein allgemeingültiges objektives Urteil vortäuschen möchte, das es im Grunde nicht gibt. Und da liegt mein Problem. :D

      :wink: Agravain
    • Lieber Agravain,

      Kein Zweifel, daß diese rechthaberische "non plus ultra"-Haltung, die wirklich nix nützt, oft vorkommt, aber gerade in unserem Forum habe ich den Eindruck, daß das in der Regel nicht so ausschließlich gemeint wird, sondern eher so, wie ich beschrieben habe. Natürlich ist das ein subjektiver Eindruck, den ich jetzt nicht statistisch begründen kann.

      :wink: Waldi
      ______________________

      Homo sum, ergo inscius.
    • Waldi schrieb:

      aber gerade in unserem Forum habe ich den Eindruck, daß das in der Regel nicht so ausschließlich gemeint wird, sondern eher so, wie ich beschrieben habe.


      Lieber Waldi,

      nun, so sehe ich das auch. Ich bezog mich ja auch nicht grundsätzlich bzw. ausschließlich auf dieses Forum. Ich hoffe, meine Begriffskritik war nicht als Forumskritik zu verstehen. 8|

      :wink: Agravain
    • Ja, der Trick, dass man sich mit so einem Attribut eine Objektivität erschleichen will, ist sicher gegeben. Andererseits hat die Plattenindustrie (Es gab/gibt sowohl ein Label "Reference Recordings" wie auch Reihen "Reference") das ja selbst dadurch relativiert, dass jedes Label alle paar Jahre eine neue Referenz (wie Persil, immer das weißeste Weiß) anpreist.

      Eine gewisse Berechtigung gab es zu vielleicht zu Zeiten, als von manchen Werken so wenige gute Aufnahmen vorlagen, dass über viele Jahre eine oder zwei tatsächlich als Standardempfehlungen gegeben werden konnten. Bei Repertoire wie Beethoven- oder Brahms-Sinfonien war das freilich schon zu Monozeiten anders.

      (Und es gibt nach wie vor Stücke, wo man froh wäre, überhaupt eine einzige halbwegs oder gar richtig gute Aufnahme zu haben; Vorschläge für Händels "Samson", z.B.?)

      Sinnvoll finde ich das Konzept aber in dem Sinne, dass eine Interpretation einen Bezug oder einen Ausgangspunkt darstellt. Wenn ein Rezensent zB eine oder mehrere Referenzaufnahme(n) angibt, die seinen Bezugspunkt oder die Folie für die Rezension bilden, ist diese ggf. besser einzuordnen, sofern man seine Referenzaufnahmen kennt.
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Für mich ist "Referenz" als objektiver Begriff ein Paradox, es sei denn, der Komponist habe sein Werk eingespielt, weil er anderen vorgeben will, wie er es haben will. Ich vermute mal, ohne Genaueres zu wissen, dass die Einspielungen seines Werkes von Stockhausen so etwas sind oder sein wollen. Schon bei Strawinsky gibt es da aber erhebliche Zweifel, denn der hat bekanntlich das Dirigieren erst angefangen, als man ihm sagte, dass er auf die Art viel besser Geld verdienen kann, und war wohl lange Zeit auch selbst der Meinung, dass er nicht der beste Interpret seiner Werke sei. Selbst in einem solchen Fall muss man also den Gedanken der Referenz nicht unbedingt übernehmen, wenn auch der davon vorgegebene Maßstab mindestens respektabel ist.

      Dagegen ist eine subjektive Referenz nicht nur gang und gäbe, sondern legitim. So messe ich zum Beispiel jede Aufnahme des BARBIERE DI SIVIGLIA an der Einspielung Neville Marriners mit THomas Allen, Agnes Baltsa und Francisco Araiza. Die Beispiele ließen sich fast beliebig erweitern.

      Subjektiv für mich sind diese Referenzen auch so gut, dass ich sie jederzeit empfehlen würde. Problematisch wird das erst mit der expliziten oder impliziten Behauptung, eine bestimmte Einspielung eines Werkes, von dem es mehrere gibt, sei "die beste". Aber auch das gibt es hin und wieder. Ich denke da zum Beispiel an Abbados maßstäbliche Aufnahme des SIMONE BOCCANEGRA. In diesem Sinne eines Maßstab-Setzens, d. h. als Vorgabe, die zu übertreffen wäre, finde ich den Begriff Referenz absolut brauchbar und auch dem eigentlichen Wortsinn gerecht.

      Ich vermute aber, dass die Verwendung, über die Peter sich zu Recht erregt, eher in der schon angesprochenen Werbung beheimatet ist. Aber glaubt der hier überhaupt noch jemand? In dem Zusammenhang erzeugt der Begriff auch bei mir allenfalls Reaktanz, d. h. den Wunsch, genau das Gegenteil zu tun oder zu meinen, wie das Harald Martenstein im letzten ZEIT - Dossier so schön als Gegenpol zum Mainstream dargestellt hat.

      :wink: Rideamus
      Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung
    • Habe ich denn den Begriff "Referenzeinspielung" bzw. "Referenzaufnahme" bzw. überhaupt "Referenz" bisher immer völlig falsch verstanden? Für mich bedeutete dieses Wort immer nur eins: Vergleichsobjekt. So wie in der HiFi-Kritik ein bestimmter Verstärker, ein bestimmtes Boxenpaar oder ein bestimmter Player als "Referenzgerät" genommen wird, anhand welchem man dann andere Verstärker, Boxen oder Player einem Test unterzieht (mit dem Ergebnis, dass sie besser, schlechter oder einfach nur "anders" sein können als das Referenzgerät), so nehme ich mir für bestimmte Werke auch gern eine oder zwei Aufnahmen, welche bei mir einen gewissen Status erlangt haben, und vergleiche eine neu erworbene Einspielung damit. Das heißt doch nicht, dass von vornherein feststeht, dass die bereits bei mir vorhandenen "Referenz"-Aufnahmen besser sein müssen als das neu Hinzugekommene. Oder gar das "non plus ultra" sind. Sie sind einfach nur Aufnahmen, die bei mir bereits im Ohr sind. Während mir das neu Hinzugekommene logischerweise noch unbekannt ist.

      So wie Ihr das Wort "Referenzaufnahme" versteht, finde ich es auch nicht im allgemeinen Sprachgebrauch. Ein Referenzpunkt ist jener Punkt, auf welchen sich eine bestimmte Messung oder Berechnung bezieht. Ein Referenzmaterial ist ein Stoff oder ein Objekt mit definierten Eigenschaften als Vergleich zu dem, was man gerade analysiert (weitere Beispiele findet Ihr bei Wiki).

      Wenn ich eine Aufnahme als das "non plus ultra" empfinde, dann spreche ich eher von "Jahrhundertaufnahme" oder einer "Maßstäbe setzenden Aufnahme". Und welche das ist, das ist höchst subjektiv und kann nun wirklich nicht verobjektiviert werden. Was dem einen sein Toscanini ist, ist dem anderen sein Gardiner. Bei mir hat z.B. de Sabatas 1951er Live-Aufnahme der Sinfonie Nr. 8 von Beethoven einen solchen Status, dass ich meine, niemand kommt da heran (selbst Furtwängler nicht). Aber ein solcher "Referenzstatus" ist doch völlig abwegig für jene Musikfreunde, die sich ohnehin nicht für historische Monoaufnahmen interessieren und klassische Musik nur in allerfeinster Digitaltechnik hören möchten. Oder alles HIP haben wollen. Oder Live-Mitschnitte generell ablehnen. Deswegen kann de Sabata nur eine ganz individuelle "Referenz" für mich sein. Und wenn ich darüber bei Capriccio schreibe, dann mag das jene Leute interessieren, die mit mir das Faible für Interpretationen der 40er und 50er Jahre teilen (solche gibt es ja durchaus viele bei uns). Alle anderen hingegen müssen es doch als völlig hirnrissig empfinden, einen rumpelnden und rauschenden 1951er Mitschnitt als "Referenz" präsentiert zu bekommen. Ebensowenig interessiert es mich schließlich, welcher Interpret des "neuen Beethoven" gerade angesagt ist.

      P.S.: Ich habe diesen Beitrag zeitgleich mit dem von Rideamus geschrieben, kannte ihn also (noch) nicht. Wie ich sehe, liegen Rideamus und ich auf derselben Linie.
      "This is a song about love and loss. Which makes it exactly like every other song I have ever written."
      (Marc Cohn)
    • Welchen Nutzen haben "Referenzaufnahmen" für den interessierten Musiklaien?

      Einen riesigen! sage ich.

      Man lernt ein neues Stück garantiert mit einem vernünftigen Niveau kennen. Vielleicht sogar mit "dem" Spitzenniveau.
      Und lernt das neue Stück vielleicht gerade dadurch lieben.

      Einfach nur als Beispiel:

      Kannte vom "Freischütz" nur den herrlichen Jägerchor. In der Bücherei gab es dann eine Kondens-CD. Entpuppte sich als Glücksgriff.

      Seitdem liebe ich (nicht nur, aber diese ganz besonders) die "Arie der Agathe" heiß und innig.
      Denn so, wie es die Gundula Janowitz singt, wird die Agathe in meinen Ohren geradezu zu einer "Verdi-Sternstunde"
      (bilde mir ein, so ein paar Stellen klingen ähnlich... ...und ich liebe den Verdi nun mal ganz besonders)

      "http://www.youtube.com/watch?v=6SwsMHRAtnE"

      Bei einer mäßigen Sängerin wäre ich von dieser Arie vielleicht nicht so begeistert gewesen.

      Die "Referenzaufnahmen" können dem Laien halt den Zugang zu einem (neuen) Stück sehr erleichtern, außerdem vermeidet man damit eklatante Fehlkäufe. Nicht jeder kann sich von einem Stück gleich eine ganze Kollektion verschiedener Einspielungen zulegen.

      :wink:

      amamusica :pfeif:
      Ein Blümchen an einem wilden Wegrain, die Schale einer kleinen Muschel am Strand, die Feder eines Vogels -
      all das verkündet dir, daß der Schöpfer ein Künstler ist. (Tertullian)

      ...und immer wieder schaffen es die Menschen auch, Künstler zu sein.
      Nicht zuletzt mit so mancher Musik. Die muß gar nicht immer "große Kunst" sein, um das Herz zu berühren...



    • Die "Referenzaufnahme" hat m. E. durchaus einen Nutzen, wenn man den Begriff so versteht, daß er eben halt nicht die von Peter vorgetragenen Bedenken verstärkt.

      Wenn man die "Referenzaufnahme" eines Werks als diejenige Aufnahme (oder gerne auch mehrere Aufnahmen) versteht, die eine hinreichend große Gruppe von Musikliebhabern als bedeutend einstuft, so bietet dies Orientierung. Ich z. B. sammle eher möglichst viele Werke als viele Einspielungen einiger ausgewählter Werke (was sich durchaus noch ändern kann). Für mich ist es daher wichtig, eine Aufnahme empfohlen zu bekommen, die mir erstmal und vorläufig als Bezugspunkt dienen kann und die ich nutzen kann, um das Werk besser kennenzulernen. Das soll aber nicht bedeuten, daß ich andere Ansätze zur Interpretation des Werkes ablehne, vielmehr verschiebe ich die umfangreichere Auseinandersetzung mit Interpretationsansätzen zunächst (!) auf einen späteren Zeitpunkt.

      Ob die "Referenzaufnahme" Sinn macht oder nicht, hat insofern m. E. auch etwas mit der Sammeltaktik eines Musikliebhabers zu tun.

      LG :wink:
      "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler
    • Ich nenne es immer „meine Referenzaufnahme“. Dies schließt eine weitere Auseinandersetzung des Werkes mit neuen und anderen Interpretationen nie aus. Da schließe ich mich auch music lover im ersten Abschnitt seines Beitrags 14 an.

      Ergänzend möchte ich noch anfügen, dass es für mich auch immer um das eigene Werkverständnis geht: Was lese ich aus den Noten heraus, wie nahe kommt der Interpret diesem, meinem Verständnis. Wo treffe ich mich mit ihm bei meiner Interpretation?

      Wie entwickelt sich ein Stück bei der eigenen musikalischen Auseinandersetzung, mit wem fühle ich mich da verbunden? Wohlgemerkt geht es hier nicht mehr um das reine Hören verschiedener Aufnahmen, sondern um eigenes Tun, was zugegebener Maßen wohl schon OT ist.

      Ich fände es vermessen „meine Referenz“ als letztgültige „Referenz“ zu bezeichnen. Aber der Begriff als solcher hat, so denke ich, in einem Klassikforum wie diesem schon eine gewisse Berechtigung. Amusica formulierte es in Ihrem Beitrag 15 recht treffend: Es kann anderen Hilfestellung bei der eigenen Findung guter Interpretationen sein.

      Bis bald
      corda vuota
    • music lover schrieb:

      So wie Ihr das Wort "Referenzaufnahme" versteht, finde ich es auch nicht im allgemeinen Sprachgebrauch. Ein Referenzpunkt ist jener Punkt, auf welchen sich eine bestimmte Messung oder Berechnung bezieht.

      music lover schrieb:

      Wenn ich eine Aufnahme als das "non plus ultra" empfinde, dann spreche ich eher von "Jahrhundertaufnahme" oder einer "Maßstäbe setzenden Aufnahme".
      Der "Punkt, auf den sich eine... Messung ... bezieht" ist doch der, nicht "Maßstäbe setzt", sondern Maßstab ist, oder was? :D
      aber es ist schon verständlich, nur wird man doch schon die "Maßstäbe setzende Jahrhundertaufnahme" dann zu seiner Referenzaufnahme erklären und nicht irgendein solides Mittelmaß? Ich finde den Begriff verständlich, wenn jemand ihn benutzt, weiß ich, daß es auch Ausdruck von Begeisterung ist, das kann von mir aus auch "absolute Referenz" oder "non plus ultra" heißen. So verbohrt, sich keine andere mehr anzuhören, schätze ich hier niemanden ein.
      Das Wort klingt halt auch irgendwie Kenner-mäßiger als "gefällt mir", deswegen tauchts ja so gern in der Werbung auf: Es täuscht eine gewisse Objektivität vor, durch die Assoziation mit "messen"...

      Gruss
      Herr Maria
      Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
      daß Alles für Freuden erwacht
    • Liebe Capricciosi!

      Eigentlich ist ja schon alles auf mich Zutreffende gesagt worden: Ich habe "meine Referenzaufnahme(n)", die gleichsam meiner Meinung nach musterhafte akustische Wiedergaben des Notentextes sind, und kann weitere Aufnahmen und Aufführungen somit mit diesem Maßstab vergleichen. Vielleicht nicht objektiv messen (das ist ab einem gewissen Niveau sowieso schwierig), aber immerhin Gemeinsamkeiten und Unterschiede vergleichen. Eine Referenzaufnahme kann sich dabei selbstverständlich auch ändern. Dann kann ich schreiben "das ist jetzt meine neue Referenzaufnahme", z.B. die neue solistische Kuijken-Matthäuspassion.

      Und dann gibt es noch Referenzaufnahmen, die wohl absolut gesetzt werden können, weil sie die einzig vollständigen, einzig qualitätvollen oder überhaupt einzigen Aufnahmen eines Werkes am Markt sind. Das betrifft z.B. den Abbado-Simon Boccanegra, den Rideamus schon erwähnt hat. Auch das ist kein Nonplusultra (eine bessere Aufnahme ist vorstellbar), aber es ist bis jetzt die klassische Aufnahme, an der die anderen gemessen werden müssen.

      Liebe Grüße,
      Areios
      "Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
      Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.
    • "Referenz" kommt von lat. "referre", was hier wohl so viel heißt wie "sich auf etwas beziehen". Und da liegt meines Erachtens das Problem: Von wenigen Ausnahmen abgesehen entstehen Einspielungen nicht in Bezug auf andere sondern als Versuch, auf der Basis einer Partitur Neues zu schaffen. Eine angemessene Rezeption muss meines Erachtens daher zunächst und vor allem jede Aufführung oder Einspielung in ihrer ganz eigenen Individualität wahrzunehmen und zu begreifen versuchen. Der "Bezug" auf eine andere Aufführung steht diesem Vorgang eher entgegen, weil er mit Erwartungen an die Sache herangeht, die dieser unter Umständen - oder sogar in der Regel - gar nicht angemessen sind. Das vergleichende Hören kann zwar sinnvoll sein, um überhaupt die individuellen Besonderheiten verschiedener Einspielungen zu bemerken, hilft aber nicht bei deren Verständnis. Vor allem, wenn es mit einer Wertung verbunden ist, beinhaltet es immer die Gefahr, das im wahrsten Sinne des Wortes "Wesentliche" einer Einspielung misszuverstehen oder ganz zu überhören, weil man die inneren Gesetzmäßigkeiten einer Einspielung mit denen einer anderen vermischt und verwechselt. Besonders auffällig ist das, wenn einzelne musikalische Parameter, wie z.B. ein bestimmtes Tempo, herausgenommen und zur "Referenz" erklärt werden: Damit wird der Blick vor den inneren Zusammenhängen, die zu diesem Tempo geführt haben, verschlossen, und man beraubt sich selbst der Chance, eine Komposition in der Vielfalt ihrer Interpretationsmöglichkeiten neu zu erleben.


      Viele Grüße,

      Christian
      Jeder Eindruck, den man macht, schafft Feinde. Um populär zu bleiben, muss man mittelmäßig sein.
      Oscar Wilde