Welchen Nutzen haben "Referenzaufnahmen" für den Musikfreund?

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    • ... doch noch einmal zurück mit ein paar hilflosen Fragen an die Fachleute ... keine Philosophie ist möglich ohne die vorherige Definition der verwendeten Begiffe ....

      1. Was ist Interpretation?
      2. Was ist Nachschöpfung?
      3. Was ist Neuschöpfung?
      4. Was ist oder kann in dem jeweiligen Zusammenhang Referenz sein?
      5. Welche Orientierung am "Konsumenten" ist notwendig, welche sinnvoll, welche opportunistisch?
      6. Kann man das durch Parallelen zu anderen Ausprägungen der Kunst (Malerei, Architektur, Dichtung i.w.S., Kunsthandwerk) klarer eingrenzen?
      7. Wie beurteilt ihr das als ausübende Künstler, als konkrete Zielpersonen, als zufällig in Kontakt mit Kunst geratene Mitmenschen, oder als Theoretiker der Kunstästhetik?
      8. Gibt es mögliche Ausnahmeerscheinungen von diesen Definitionen?

      ..... wieso? weshalb? warum? .... wer nicht fragt, bleibt dumm? ;+)
    • Tastenrabe schrieb:

      keine Philosophie ist möglich ohne die vorherige Definition der verwendeten Begiffe

      Stimmt schon - aber was kann es auch anrichten... :D :D :D

      Für mich:

      1. Die Umsetzung (konzeptionell, handwerklich).

      2. Die Noten im Kontext der niedergeschriebenen Partituren zu spielen.

      3. siehe 1.: die Umsetzung.

      4. in Bezug auf 1.-3. - wenn es einem als Hörer besonders gefällt ( ?( ), oder wenn es besonders passend zu sein scheint zu dem Werk (wenn man es kennt).

      5. Orientierung am Konsumenten: das alleine bedeutet bereits, daß man sich an einem Aspekt aufhält, der eine Prognose voraussetzt. Was darf man dem Konsumenten zumuten, was muß man ihm zumuten? Halte ich für sekundär in Bezug auf den Begriff Referenz. Was ist Referenz: Karajans Beethoven-Symphonien oder Hogwoods Beethoven-Symphonien? Würde Sinn machen, aber jeder Zyklus ist Referenz - aber aus anderen Gründen.

      6. Nein. Ist in anderen Kunstarten genauso schwierig zu klären.

      7. Referenzen können hilfreich sein, sie dürfen aber nie bindend werden. Jeder Jeck ist anders.

      8. Ich hoffe nicht, sonst wären die Definitionen unbrauchbar... :P


      Wird Zeit für eine neue Saalschlacht... :D


      jd :wink:
      "Interpretation ist mein Gemüse."
      Hudebux
      "Derjenige, der zum ersten Mal anstatt eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation."
      Jean Paul
    • Ich persönlich benutze den Begriff Referenzaufnahme möglicherweise anders als viele hier. Für mich ist eine Referenzaufnahme eine sehr gute oder überdurchschnittlich gute Aufnahme. Dazu zählt für mich (meistens) auch eine mindestens gute Klangqualität, und sie sollte interpretatorisch nicht zu "extrem" sein. So gehe ich davon aus, dass die "Referenz" grundsätzlich einen Großteil der Hörer zufrieden stellen wird, ohne notwendigerweise bei jedem großen Enthusiasmus zu erzeugen. Somit ist eine Referenzaufnahme für mich keinesfalls gleichzusetzen mit der "besten" Aufnahme, weder in einem subjektiven Sinn, noch in einem sachlich-objektiven Sinn. Letzteres wird es m. E. auch garnicht geben können. Und es bedeutet erst recht nicht, dass ich mir von einem Werk nur noch die Referenzaufnahme anhören würde. Denn Klassische Musik ist nicht statisch, sondern lebt von unterschiedlichen und neuen Interpretationen. Die Referenzaufnahme (sofern ich denn eine von einem Werk für mich benannt habe) hat für mich den Stellenwert, dass ich mit dieser Aufnahme sehr zufrieden bin, und andere Aufnahmen für mich damit vergleiche. Es kann sein, dass ich (etwa eine sehr "extreme") sogar persönlich bevorzuge, die ich aber trotzdem nicht "Referenz" nennen möchte. Zudem ist mein Gesschmack auch nicht konstant. Alles klar? :stern:

      maticus
      Social media is the toilet of the internet. --- Lady Gaga
    • maticus schrieb:

      Alles klar? :stern:

      Ja, natürlich... :D

      Eine Referenzaufnahame verwendest du also als Beispiel für eine empfehlenswerte Aufnahme eines Werks. Das heißt nicht, daß es die beste sein muß, sondern eine Einspielung, die man anderen ans Herz legen kann... :yes:


      jd :wink:
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    • Ich bin auf diesen Thread durch den Hinweis im Faden Leistungsbewertung von Interpreten - gibt es "klare Maßstäbe"? Oder alles nur "de gustibus non est disputandum"? gekommen, hatte aber nicht gedacht, dass er schon 11 Seiten umfasst. :D
      Ich habe leider diese 11 Seiten nicht vollständig durchgelesen und so mag meine Antwort möglicherweise überholt sein. ;)

      Komischerweise verwende ich den Begriff 'Referenzaufnahme' nie und habe ihn eigentlich erst in den unterschiedlichen Foren kennenglernt. Für mich gab es immer bekannte, manchmal legendäre Aufnahmen, aber nie diese 'Referenz', was ich als einen viel stärkeren Hinweis empfinde.

      Eine 'legendäre' Aufnahme war für mich immer ein Hinweis, dass da etwas Besonderes sein könnte und ich vielleicht mal bei Gelegenheit sie mir anhören würde.
      Eine 'Referenz' hat für mich einen viel stärkeren Aufforderungscharakter, nach dem Motto: Das ist sie, die musst du hören! Das ist für ein bestimmtes Werk etwas Ultimatives.
      Das mag jetzt völlig falsch sein, nur so kommt dieser Begriff bei mir an. Zudem scheint mir, gibt es geradezu eine Inflation von Referenzaufnahmen, so wie jeder Typ, der irgendeinem gerade mal gefällt, gleich ein Super-, Mega-, Supermegastar ist. Alles wird ins Extreme hochgepuscht, anstatt zu sagen, dass das etwas ist, was für einen persönlich ganz weit oben steht.
      Zudem sollte man vielleicht auch nicht vergessen, dass bei den Etiketten 'Legendär', 'Referenz' und was es da vielleicht sonst noch gibt, ganz stark auch ein Marketing der Labels mitspielt. Das mag bei jahrzehntealten Aufnahmen nicht mehr die Rolle spielen, aber bei neueren bestimmt.

      Peter Brixius schrieb:

      Was die zu Recht in Kritik geratene "Werktreue" bei der Oper ist (nicht zuletzt weil der Begriff als stupide Waffe gegen kreatives Weiterdenken eingesetzt wird), scheint bei der Instrumentalmusik die "Referenz" zu sein. Das Werk hat das Recht, unabhängig vom Komponisten weiterzuleben - nur so entrinnt es Affirmation und Fetischcharakter, in jeder Aufführung wird es neu geboren, neu geschaffen. Und die Buchstabentreue ist mehr eine Sache der Bürokratie als die der Kunst.
      Unabhängig davon würde ich hier jedes Wort unterstreichen.

      :wink: Wolfram
    • Eine "Referenzaufnahme" müsste schon auf besondere Art "zertifiziert" sein, etwa durch Aussage des Komponisten oder, falls der schon tot war, eines Schülers etc.
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    • putto schrieb:

      Eine "Referenzaufnahme" müsste schon auf besondere Art "zertifiziert" sein, etwa durch Aussage des Komponisten oder, falls der schon tot war, eines Schülers etc
      Also als Urur…...enkelschüler von Schlagmichtot wäre ich dann "zertifiziert" eine Aussage zu Aufnahmen zB. von Monteverdi zu machen? Mal abgesehen davon, das ich mir keinerlei Kompetenz zuschreibe, wie wolltest du das überprüfen? Wie sollte diese Kompetenz vererbt werden? Tradition? :) Kenntnisse aus 5. Hand? Das ist wie kalter Kaffee im 3. Aufguß. :D 8)
    • lothar schrieb:

      putto schrieb:

      Eine "Referenzaufnahme" müsste schon auf besondere Art "zertifiziert" sein, etwa durch Aussage des Komponisten oder, falls der schon tot war, eines Schülers etc
      Also als Urur…...enkelschüler von Schlagmichtot wäre ich dann "zertifiziert" eine Aussage zu Aufnahmen zB. von Monteverdi zu machen? Mal abgesehen davon, das ich mir keinerlei Kompetenz zuschreibe, wie wolltest du das überprüfen? Wie sollte diese Kompetenz vererbt werden? Tradition? :) Kenntnisse aus 5. Hand? Das ist wie kalter Kaffee im 3. Aufguß. :D 8)
      Genau - Traditionen und "Vererbungen" sind nicht mehr für "Referenz" tauglich.
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    • Liebe Forenmitglieder!

      Gestattet mir bitte, dass ich mich vorstelle. Das ist mein erster Post!!!
      Ich wohne in Wien, bin mittleren Alters, habe einen absolut musikfernen Beruf, genieße das Wiener Musikleben in wechselnder Intensität seit meinem 19. Lebensjahr. Vorher habe ich mich, da aus der österreichischen Provinz stammend, aus der Konserve ernährt. In den letzten Jahren ist es propter Beruf und Familie ists auch eher wieder die Konserve.

      Doch nun zum Thema: Ich beschäftige mich seit Jahren damit, für jedes Werk des Kanons der Klassik eine Referenzaufnahme zu finden - in den Zeiten vor YouTube wo man ja in die meisten Aufnehmen reinhören kann, ein teures Unterfangen....
      Ich will ja gar nicht von Symphonie X und Oper Y mehr als ein, zwei Einspielungen besitzen. Es geht mir persönlich mal vorrangig eher um Werk und Komponist und deren kulturellen Kontext und nicht nur um die Ausführenden, die sind eher das Mittel zum Zweck (ist weder böse noch überheblich gemeint).
      Die Referenzaufnahme ist mE eine ganz wesentliche Orientierungshilfe für denjenigen, der die Reise in die Welt der Musik antreten will. Frank Sinatra sagte ja bekanntlich: Its not the song, its the singer who undertains you - das Abenteuer Interpretation!
      Um zu erklären was ich meine: Ich versuchte meine Frau für Wagner zu begeistern, kaufte Tickets für Meistersinger unter Thielemann (diese Aufführung, die für DVD aufgezeichnet wurde). Ich dachte bei mir - holla die Philharmoniker spielen so disziplieniert wie zuletzt unter Karajan, aber es ist fad, superfad!!! (OMG!) Und wie ging es erst meiner armen Gattin, der ich die Meistersinger als kurzweiliges Konversationsstück angepriesen hatte! Einzig den tapsigen Bohta fand sie süß....Wagner ist seitdem als Paarvergnügen gestorben. Wir waren in Maskenball, Figaro, Beethoven Symphonien Zyklus uam.
      Wären die Meistersinger eine prickelnde spritzige Aufführung gewesen, hätte Wagner gewonnen - davon bin ich überzeugt!
      Hört man zB den Don Giovanni mit Guilini, Wächter, Sutherland, Taddei usw man kann nur begeistert sein. Meine Initialzündung war als Kleinkind die Nachtmusik mit Karajan Wien EMI, für die Oper dann später Tannhäuser Sawallisch Bayreuth Philips, für Beethoven Toscanini Symphonie 5,8 RCA, für Tschaikowski Klavierkonzert Mitropoulos, Rubinstein - die Liste ist lang.
      Für mich soll eine Referenzaufnahme begeistern, eine akzeptable Tonqualität haben und keine negativen Ausreisser haben.
      Refernzstatus ist aber auch für mich äußerst hörerabhängig. Nehmen wir zB den Nibelungenring: Ein Ersthörer wird sicherlich mit Böhm oder Keilberth (Testament) bestens bedient sein: Tonqualität, die einen die Musik genießen lässt (deswegen scheiden ja leider Furtwängler EMI und Knappertsbusch Orfeo aus) und die Möglichkeit bei einem spannenden (Wieland sei Dank), extrem stimmigen Opernabend dabei zu sein, der unendlich große Einzelleistungen (Varnay, Hotter, Adam, Neidlinger, Rysanek, King, Vinay, Greindl,....) bietet. Karajan hingegen ist doch eher etwas für Gourmets oder Fortgeschrittene (oder solche, die den Windgassen net megn - großer Künstler und Intellektueller mit leider wenig Sex-Appeal). Bei einem Ersthörer kann gut sein, dass er vom Karajan dezent ennuyiert ist...
      Wobei es mir wichtig ist, zu betonen, dass der Ring nicht von Karajan, sondern von Wagner, der Don Giovanni von Mozart , und nicht von Giulini ist!

      Meine Referenzaufnahmen- Kandidaten wechseln auch mit den Jahren. Nehmen wir den Tannhäuser. Ich mag Sawallisch 62 immer noch gerne, höre gerade wie ich diese Zeilen Schreibe Haitink und kann mir gut vorstellen, dass ich ihn nun zu Referenzstatus erhebe. Keilberth 54 und Kempe 55 Met (Vinay!!!) fallen ja leider aufgrund des ruinösen Klanges aus
      Das war jetzt viel - danke für Eure Geduld - freue mich auf Rückmeldungen - bis bald!
    • Lars schrieb:

      Hört man zB den Don Giovanni mit Guilini, Wächter, Sutherland, Taddei usw man kann nur begeistert sein.
      Es gibt Leute, die finden erst mit HIP-Aufnahmen einen intimeren Zugang zur Epoche der Klassik - also auch hier gilt, dass es individuell ist, und es einfach keine Aufnahme gibt, bei der "man nur begeistert sein kann". Und somit kann es bei Werken vor dem 20. Jahrhunderts meines Erachtens gar keine Referenzaufnahmen geben, höchstens "Referenzaufnahmen" für jeweilige Varianten des Zugangs.
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    • Lars schrieb:

      Hört man zB den Don Giovanni mit Guilini, Wächter, Sutherland, Taddei usw man kann nur begeistert sein.
      Na ja, wer ist "man"? Ob Wächter nun das Musterbeispiel eines galanten Verführers ist und gleichzeitig genug diabolisch "Getriebener", darüber kann man vor dem Hintergrund der Existenz von Aufnahmen mit Siepi und London m. E. durchaus diskutieren. Und eventuell haben HIP-nahe DIrigenten noch mehr Funken aus der Partitur geschlagen als Giulini.

      Aber ich höre die Aufnahme auch sehr gerne!

      Gruß
      MB

      :wink:
      Die Hammerklaviersonate macht anspruchsvoll. Von ihr berührt, wird man ungeduldig gegenüber vielem Mittelmäßigen und Mäßigen, das sich wer weiß wie aufspielt und doch nichts anderes ist als eine höhere Form der Belästigung. (Joachim Kaiser)
    • Lieber Lars,

      Als ich begonnen hatte, Opernaufnahmen zu sammeln, dachte ich auch, daß jeweils ein bis zwei, maximal drei, Einspielungen pro Werk genügen müßten, sofern sie Referenzqualität erreichten (also salopp gesagt, in allen wesentlichen Faktoren Spitzenqualität böten). Sehr bald bin ich aber darauf gekommen, daß es eben sehr verschiedene Möglichkeiten gibt, ein Werk zu interpretieren und das Referenzniveau auf ganz unterschiedliche Weise erreicht werden kann, oft auch nur partiell, aber dafür in dieser einzelnen Hinsicht einfach umwerfend. Damit war die Beschränkung kein erstrebenswertes Ziel mehr. Natürlich gebieten Börse, Platz und Vernunft, die idealen Wünsche den realen Möglichkeiten anzupassen, aber die Erkenntnis, Vollkommenheit immer wieder neu zu erleben, nie "satt" zu werden, ist zunächst vielleicht etwas erschreckend, aber dann umso mehr begeisternd. Wäre es nicht nicht irgendwann langweilig, nichts Neues mehr empfinden zu können? Vollkommenheit ist doch gerade dadurch charakterisiert, daß man sie nie ausloten kann. So bin ich längst auf dem Punkt angekommen, wo es nicht mehr um ein Entweder-Oder geht, sondern um ein Sowohl-als-auch. Längst habe ich aufgehört, meine "Traviatas" zu zählen, jedes Ranking stürzt mich in Qualen und frägt man mich, was ich - in minimalem Ausmaß - auf die Insel mitnehmen will, so antworte ich trotzdem: ALLES! Und weil das nicht geht, werde ich jeden Trick versuchen, um ALLES auf die Insel zu schmuggeln. Und ich rede dabei nicht nur von der Oper... Ich weiß, ich bin meschugge (mein durchaus nicht opernfeindliches Eheweib bezweifelt mild lächelnd von Zeit zu Zeit meine Zurechnungsfäigkeit), aber hier stehe/sitze ich, ich kann nicht anders...

      :wink: Waldi
      ______________________

      Homo sum, ergo inscius.
    • Danke für die Rückmeldung. Natürlich bin ich hier ein bisschen subjektiv gewesen. Ich mag halt den generellen Zugang von Waechter - er singt nicht, er IST Giovanni, Jochanaan, Posa und Eisenstein sowieso (kenn mehrere Verwandte von ihm persönlich).
      Wobei der Guilini Govianni sicherlich genauso wie Falstaff 1 Karajan, Rosenkavlier Kleiber Vater, Tristan Furtwängler, Tosca De Sabata usw. sicherlich in vielen Refenzlisten steht und damit der Prototyp einer Referenzaufnahme ist.
      Dieser Giovanni ist halt eine Referenzaufnahme, die mir persönlich supergut gefällt.
      HIP hab ich bisher großflächig vermieden, nehme aber an dass es da natürlich schon X Klassiker und Referenzaufnahmen gibt.
      Neulich habe ich in die Zauberflöte Jacobs reingegehört. Da gefällt mir der Ansatz sehr gut, die ersten Aufführungen durch Schikaneders Truppe nachzustellen mit allem Bombast der Wiener Vorstadtbühne. Unerträglich finde ich Zauberflöten ohne Dialog, mit gekürztem Dialog oder einem Erzähler - sorry Otto, sorry Niko! Thema verfehlt, setzen!
      Wobei ich hier mich noch mit unnützem Wissen wichtig machen muss: Alle inkl Otto Schenk halten Papageno für einen typischen Wiener. Dabei kommt Emanuel Schikaneder ja aus Straubing und ist daher der Ahnherr aller bayerischen Comediens! Wäre gerne bei der Uraufführung dabeigewesen - war er eher wie Gerhard Polt oder wie Michael Mittermeyer?
      Schönes Wochenende!
    • Lars schrieb:

      Wobei der Guilini Govianni sicherlich genauso wie Falstaff 1 Karajan, Rosenkavlier Kleiber Vater, Tristan Furtwängler, Tosca De Sabata usw. sicherlich in vielen Refenzlisten steht und damit der Prototyp einer Referenzaufnahme ist.

      Na ja, damit kommen wir auf dasselbe Problem, welches in diesem Thread schon ziemlich früh herausgearbeitet wurde: Wie definieren wir "Referenzaufnahme"? Gibt es nur eine zu jedem Werk?

      Ein Forianer schrieb ziemlich früh in diesem Thread mit klugen Worten:

      Mir scheint es eher so zu sein, dass derjenige, der den Begriff nutzt, gerne ein allgemeingültiges objektives Urteil vortäuschen möchte, das es im Grunde nicht gibt.


      Lars schrieb:

      Dieser Giovanni ist halt eine Referenzaufnahme, die mir persönlich supergut gefällt.
      Den Nebensatz kann ich natürlich akzeptieren. Den Hauptsatz ... na ja. Solange man keine gemeinsame Definition von "Referenzaufnahme" hat, ist es halt schwierig, darüber zu reden.

      Gruß
      MB

      :wink:
      Die Hammerklaviersonate macht anspruchsvoll. Von ihr berührt, wird man ungeduldig gegenüber vielem Mittelmäßigen und Mäßigen, das sich wer weiß wie aufspielt und doch nichts anderes ist als eine höhere Form der Belästigung. (Joachim Kaiser)
    • Hallo Lars! Willkommen hier im Forum, ich bin übrigens auch aus Wien. Ich muss Dir aber in diesen Punkten widersprechen:

      Lars schrieb:

      Die Referenzaufnahme ist mE eine ganz wesentliche Orientierungshilfe für denjenigen, der die Reise in die Welt der Musik antreten will. Normal 0 21 [...]
      Um zu erklären was ich meine: Ich versuchte meine Frau für Wagner zu begeistern, kaufte Tickets für Meistersinger unter Thielemann (diese Aufführung, die für DVD aufgezeichnet wurde). Ich dachte bei mir - holla die Philharmoniker spielen so disziplieniert wie zuletzt unter Karajan, aber es ist fad, superfad!!! (OMG!) Und wie ging es erst meiner armen Gattin, der ich die Meistersinger als kurzweiliges Konversationsstück angepriesen hatte! Einzig den tapsigen Bohta fand sie süß....Wagner ist seitdem als Paarvergnügen gestorben. Wir waren in Maskenball, Figaro, Beethoven Symphonien Zyklus uam.
      Wären die Meistersinger eine prickelnde spritzige Aufführung gewesen, hätte Wagner gewonnen - davon bin ich überzeugt!
      Hört man zB den Don Giovanni mit Guilini, Wächter, Sutherland, Taddei usw man kann nur begeistert sein. Meine Initialzündung war als Kleinkind die Nachtmusik mit Karajan Wien EMI, für die Oper dann später Tannhäuser Sawallisch Bayreuth Philips, für Beethoven Toscanini Symphonie 5,8 RCA, für Tschaikowski Klavierkonzert Mitropoulos, Rubinstein - die Liste ist lang.
      Ich finde, die Suche nach Referenzaufnahmen eigentlich ziemlich unnötig. Erstens ist Musik für das Liveerlebnis gedacht, daher denke ich, dass der bessere Zugang live erfolgt, und zweitens: Was bringt es, wenn man die - angeblich - beste Aufnahme definiert hat? Eigentlich nichts, man läuft dann Gefahr, diese eine Aufnahme zum Maß der Dinge zu erheben und alle anderen nur an ihr zu messen, was an der Sache ja auch vorbeigeht.
      Ich mag zB Wagners Opern überhaupt nicht und Thielemann ebenfalls überhaupt nicht - dessen Dirigierstil ist mir meistens wirklich unerträglich. Also wenn man mich versucht, so für die Meistersinger zu begeistern, würde das ziemlich sicher schief gehen (abgesehen davon, dass generell alles schief geht, wofür man jemanden begeistern möchte - deshalb hab ich auch keinerlei Absichten gehabt, meine Exfreundinnen für "meine" Musik zu begeistern, entweder sie wollten mitkommen oder sie wollten es nicht, fertig), nicht zuletzt wegen der verstaubten Inszenierung.
      Und ich bin nicht der Meinung, dass man dann begeistert sein muss, wenn man eine gut realisierte Aufführung hört. Natürlich gewinnt ein Werk subjektiv an Qualität, wenn es gut dargebracht wird. Aber ich hab zB im Nov. 2018 einen Kammermusikabend in Wien gehört mit Künstlern, die auf ihrem Gebiet zur Weltspitze gehören dürften (Jean-Yves Thibaudet, Lisa Batiashvili, Gautier Capuçon): Schostakowitsch und Ravel hab ich ganz wunderbar gefunden, den Mendelssohn aber so öde und belanglos wie immer (ja, ich fang mit Mendelssohn einfach nichts an). Daran haben auch die wirklich guten Interpreten nichts geändert.

      Wie gesagt: Ich denke, besser viel Live-Musik hören und auch nicht so gute Aufführungen in Kauf nehmen anstatt zu Hause die Referenzaufnahme ever suchen wollen.


      Aber nichtsdestoweniger: Willkommen im Forum, und vielleicht können wir uns hier ja auch über aktuelle Aufführungen in Wien austauschen :clap:
    • In der Physik werden, soweit wie ich weiß, die Nobelpreisträger durch ein Verfahren ermittelt, welches einen guten Teil Statistik beinhaltet. Nämlich werden die Spuren eines Forschers in nachfolgenden Arbeiten gesucht, sprich, wie oft wird welche Arbeit eines Forschers zitiert. Und die mit den meisten Referenzen haben dann gute Chancen den Preis zu erhalten.
      Das ist vermutlich auch der Grund, weshalb so viel uralte Leute heute den Preis erhalten und nicht mehr, wie noch in den 20 und 30iger die jungen Wilden. Man traut sich nicht mehr, sprich man hat keine Ahnung und Vertrauen mehr von/zu der aktuellen Forschung!

      In der Klassik scheint es mir mit Referenzen ähnlich zu sein. Aufnahmen, die seit ca. 50 Jahren ohne Pause im Katalog vorhanden sind, sind eben referenziell aus sich heraus. Da deutelt man eben nicht herum.
      Sie werden immer wieder zitiert, eben weil und so setzt sich ein Kreislauf in Gange, den man Selbstreferenzierung nennen darf.
      Das gilt übrigens auch für die sog. legendären Aufnahmen,
      Gruß aus Kiel
      Ich vergesse niemals ein Gesicht. Doch bei Ihnen mache ich eine Ausnahme! (Groucho Marx)
    • Eine mit voller Absicht provozierende Frage/Feststellung/Behauptung:
      Sind Referenzaufnahmen vielleicht doch jene, die auch -zig Jahre nach ihrem Ersterscheinen noch immer im Hochpreissegment gehandelt werden ? (Der weiter oben erwähnte "Don Giovanni" unter Giulini - auch subjektiv für mich eine Referenzaufnahme - ist dafür ein gutes Beispiel; Ausnahmen im Versandhandel bestätigen die Regel)
    • brunello schrieb:

      Sind Referenzaufnahmen vielleicht doch jene, die auch -zig Jahre nach ihrem Ersterscheinen noch immer im Hochpreissegment gehandelt werden ?
      Da fällt mir sofort eine Ausnahme ein:



      Die 1965 entstandene Aufnahme des Elgar-Cellokonzerts mit du Pré und Barbirolli und dem LSO gilt ja weithin als legendär und referenzwürdig. Großartig finde auch ich sie. Aber ob sie allen anderen Aufnahmen des Werks sosehr überlegen ist? Mir scheint, hier spielt zumindest ebendas mit:

      Doc Stänker schrieb:

      In der Klassik scheint es mir mit Referenzen ähnlich zu sein. Aufnahmen, die seit ca. 50 Jahren ohne Pause im Katalog vorhanden sind, sind eben referenziell aus sich heraus.
      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
      Künstler und Schwein gelten erst nach dem Tode etwas.
      Max Reger