Wagner: "Lohengrin" - Nordharzer Städtebundtheater Halberstadt, 20.11.2011 (Premiere: 29.10.2011)

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    • Wagner: "Lohengrin" - Nordharzer Städtebundtheater Halberstadt, 20.11.2011 (Premiere: 29.10.2011)

      Einen Bericht über eine Aufführung des „Lohengrin“ von Richard Wagner mit dem Komponisten John Cage zu beginnen, könnte als Unfreundlichkeit verstanden werden, es sei denn, man befindet sich in Halberstadt.

      Wenn also der Musikfreund schon „vor Ort“ ist, liegt es nahe, einen Eindruck von „Organ 2 – As slow as possible“ von John Cage mitzunehmen.

      Seit 2001 läuft im ehemaligen Kloster St. Burchardi das Werk, dessen Ende für das Jahr 2640 vorgesehen ist. In bestimmten Zeitabständen wird an einer Orgel durch hinzufügen oder entfernen von Pfeifen der Ton verändert, der letzte Klangwechsel fand im August diesen Jahres statt, der nächste folgt im Juni 2012, immer am 05. des Monats – der Komponist John Cage wurde an einem 05. geboren, am 05. September 1912 und zu seinem 89. Geburtstag, am 05.09.2001, startete „Organ 2“

      St. Burchardi liegt am Rande der Halberstädter Altstadt und stammt aus dem 12. Jahrhundert. Als Kirche wurde St. Burchardi aber schon seit dem 19. Jahrhundert nicht mehr genutzt. Der Besucher findet sich im grosszügigen Klostergelände zuerst vor einer verschlossenen Kirchentür wieder. Aber ein Schild bittet darum, einfach im Nebengebäude zu klingeln. Tatsächlich wird man dann in die alten Gemäuer eingelassen. Der Grund für die verschlossene Kirche ist sofort beim Betreten spürbar: die Temperatur im ungeheizten Raum ist frostig – niemand möchte sich hier über einen Zeitraum von 4 Stunden hinweg (der Öffnungszeit in den Wintermonaten) dort aufhalten.

      Eigentlich stehen von St. Burchardi nur noch die Mauern. Der Raum wurde früher als Schweinestall genutzt, die Spuren davon sind auch heute noch sichtbar.

      Schon vor der Tür war der anhaltende Ton der Orgel gedämpft hörbar, in der Kirche ist er jetzt klar und leicht pulsierend zu erleben. Eigentlich unspektakulär steht die Orgel im Raum, 5 Pfeifen sind z. Zt. Installiert, die drei kleineren werden im nächsten Jahr entfernt und zu den bereits ausgetauschten, die durch ein Fenster in einem Raum im Kirchenschiff zu sehen sind, gestellt. Damit die Tasten gedrückt bleiben, sind an ihnen Gewichte angebracht. Imposant dem eigentlichen Instrument gegenüberstehend die riesigen Blasebälge, die über einen Kompressorantrieb verfügen. Ein Foto zeigt aber auch den klassischen Betrieb, wenn die Blasebälge wirklich mit Muskelkraft getreten werden.

      Wer weiss, vielleicht ergibt es sich, noch einmal zu einem späteren Zeitpunkt, einen weiteren Eindruck dieses Projektes zu bekommen. Zeit genug wäre dafür ja…


      Ortswechsel: das „Städtebundtheater Nordharz“ der Städte Halberstadt und Quedlinburg liegt etwas zurückgesetzt an einer Strassenkreuzung. Gegenüber stehen überall Plattenbauten, über denen die Türme des Doms und der Martinskirche erkennbar sind.

      Im Krieg zerstört – eine Zeichnung im Foyer zeigt, wie das Haus ursprünglich aussah – wurde das Theater als „Volkstheater“ aus den Trümmersteinen der Stadt neu errichtet. Das erklärt wohl die ungewöhnliche Verwendung von Backsteinen, die sich auch im Zuschauerraum wiederfindet.

      Beengt geht es zu im Theater Halberstadt. Das Haus selbst ist kaum grösser, als manche Schauspielbühne, keine Ränge, nur Parkett, das aber stärker ansteigt und so einen guten Blick auf die Bühne gewährleistet. Foyer und Garderobe sind zusammengelegt, eine Ausweichmöglichkeit, wenn es in den Pausen voll wird, besteht durch den Kassenbereich.

      Die schmale Öffnung des Orchestergrabens bietet die Möglichkeit, die Szene weit nach vorne zu ziehen, sie bedeutet aber auch, dass die Musikerinnen und Musiker des kleinen Orchesters zum Teil unter der Bühne sitzen.

      Zu Beginn sieht man auf der Bühne einige Stühle stehen, ganz im Vordergrund liegt ein Steckenpferd, links und rechts stehen Säulen. Wenn sich der Vorhang öffnet, setzen sich diese Säulen fort und lenken den Blick auf einen Theatervorhang im Hintergrund. Das alles sieht ein ganz klein wenig wie in Bayreuth aus. Links und rechts gibt es noch eine Loge, mehr gibt es die drei Akte lang nicht an Bühnenbild zu sehen.

      Die Kostüme deuten auf das Ende des 19. Jahrhunderts hin. Deutschland ist zerrissen, verschiedene politische Gruppen liegen offensichtlich im Streit miteinander.

      Dieser Rahmen genügen dem Regisseur Kay Metzger und seiner Ausstatterin Petra Mollérus , um eine eher unaufgeregte Geschichte zu erzählen. Weder erfahren die Figuren eine individuelle Zeichnung, noch hinterfragt Metzger die Handlung und ihre Figuren. So bleibt auch das Paar Ortrud und Telramund letztendlich blass und die Deutung des Heerrufers als Priester ist ein dekoratives Element, das in die Handlung gut integriert wird, ohne wirklich zwingend zu sein.

      Zum Auftritt des Lohengrin öffnet sich der Bühnenvorhang im Hintergrund, man erkennt wie in einem Scherenschnitt eine Seelandschaft, über die ein flügelbehelmter Lohengrin von einem Schwan gezogen wird. Wie in der „Purple Rose of Cairo“ von Woody Allen tritt Lohengrin aus dem Theater heraus ins richtige Leben und bewaffnet mit einer Schwanenfeder und seinem mit dem Schwan verzierten Büchlein in der Hand, sieht er aus, als käme er direkt vom Poetry Slam Wettbewerb.

      Die Schwanenfeder wird Lohengrin später auch als Waffe gegen Telramund einsetzen, sowohl im ersten, als auch im dritten Akt, das ist insgesamt dann doch arg harmlos, hier eine Märchen(könig)figur als Lohengrin zu inszenieren. Die Kunst, die auch das Böse überwindet, naja…

      Nur an wenigen Stellen verlässt Regisseur Metzger diese Sichtweise. Im zweiten Akt z. B. werden plötzlich schwarzrotgoldene Fahnen geschwungen, die sich vor Lohengrin zum Rednerpult vereinigen. Da wird wenigstens ansatzweise gezeigt, auf was für Verführer die Menschen manchmal hereinfallen.

      Unbewältigt bleibt die Brautgemachszene, hier stösst die Festlegung auf nur einen Raum für alle drei Akte an Grenzen, eine sinnhafte Inszenierung der Auseinandersetzung zwischen Elsa und Lohengrin findet nicht statt.

      Zum Schluss entwickelt Lohengrin noch einmal seine Märchenmagie. Es gibt kein Horn und auch keinen Ring, den Elsa ihrem Bruder Gottfried geben soll, Lohengrin verteilt Seiten aus seinem Büchlein, die auch die Damen des Chores schon verzückt berühren durften. Gottfried ist ein kleiner Junge im Matrosenanzug, der sein Steckenpferd besteigt und mit dem Holzschwert spielt – kein Retter, wie ihn sich das Volk erhofft hat. Die Bühne geht in flammendem Rot auf, die Menschen stürzen zu Boden, einsam erkennt man eine schwarzrotgoldene Flagge in der Mitte der Leiber.

      Auch, wer von einer Inszenierung mehr erwartet, als ein gefälliges Arrangement, kann sich über diese Produktion nicht wirklich ärgern. Die richtig peinlichen Momente bleiben selten (so z. B. die Schwanenfederwaffe), unmotivierte Gänge werden schnell wieder vergessen und dass immer mal wieder jemand einem anderen auf der kleinen Bühne im Weg steht, ist der Beengtheit des Raumes geschuldet.

      Es macht einfach staunen, dass ein kleines Theater in der Lage ist, auch einen „Lohengrin“ zu präsentieren, mit dem es sich nicht verstecken muss.

      Musikalisch betreut Musikdirektor (und Intendant) Johannes Rieger – nicht im Frack, sondern im grauen Anzug – diesen leicht gekürzten „Lohengrin“ und es ist beachtlich, was er da mit seinem kleinen Orchester leistet. Sicher, der Beginn der Ouvertüre wirkt noch dünn und wackelig, so wie übrigens auch später vor allem die filigraneren Elemente der Partitur nicht so richtig glänzen wollen, aber sowie die tieferen Streicher dazu kommen, gewinnt der Klang an Fülle und Kontur, die Blechbläser erledigen ihre Aufgabe zufriedenstellend und beim Holz sind immer wieder auch schöne Farben und gut gestaltete Phrasen zu erleben. Insgesamt halten sich Fehler in vertretbaren Grenzen. Johannes Rieger hilft mit deutlicher Zeichengebung, er ist ein umsichtiger Dirigent. Seine Interpretation ist eher gediegen, denn vorwärtsdrängend – aber z. B. das Vorspiel zum 3. Akt könnte in dieser Form auch an einer grösseren Bühne reüssieren.

      Ebenfalls einer Erwähnung wert, was der kleine Chor an Klangschönheit und an differenziertem Singen zu Wege bringt. Mit etwas mehr Disziplin einzelner Sänger/innen und einer grösseren Genauigkeit beim gemeinsamen erreichen von Zielkonsonanten könnte Chordirektor Jan Rozehnal mit seinem Kollektiv sehr zufrieden sein.

      Titelrollensänger Wolfgang Schwaninger füllt immer wieder einmal als Gast jene Lücke, die es zu schliessen gilt, wenn ein kleineres Haus grosse Tenorpartien besetzen muss. So sang Schwaninger in Münster den Tristan, kürzlich war er als Stolzing in Hildesheim zu hören, demnächst folgt die Titelpartie in Wagners „Siegfried“ in Detmold.

      Die klangvolle und tragfähige Stimme überrascht. Nachdem Schwaninger seinen Auftritt „Nun sei bedankt“ völlig in den Sand gesetzt hatte, wurde die gesangliche Leistung im Laufe der Vorstellung merklich besser. Leider neigt Wolfgang Schwaninger auch zu einigen Unarten. Die starke Ausnutzung von Nasenresonanzräumen führen zu unschönen Ergebnissen, genauso, wie das aspirieren von Vokalen oder die Zwischenatmer innerhalb einzelner Phrasen. Viele Vokalverfärbungen tun ihr übriges. Schwaningers Gesang bekommt damit etwas pathetisch-altmodisches, mehr so, wie man sich vielleicht den Gesang eines Tenors gemeinhin vorstellt. Würde Schwaninger mehr „auf Linie“ singen, mit mehr Delikatesse, man würde ihm gerne einmal wieder begegnen.

      Die Elsa von Katharina Warken litt zu Beginn unter stärkeren Intonationsproblemen, zumal ihre Höhe auch nicht sicher anspricht und das wenig jugendliche Timbre munter vor sich hin schepperte, aber auch hier fand die Sängerin später zu einer zumindest akzeptablen Leistung.

      Interessant die Mezzosopranistin Gerlind Schröder (Ortrud). Sie verlangt ihrer schönen Mezzostimme mit fast brachialer Gewalt die benötigten Töne ab, was sie deutlich an ihre Grenzen bringt, aber neben im Einzelfall fadendünner Tonproduktion, gelingt es Gerlind Schröter Spitzentöne mit vollem Risiko zu setzen, die keine Verlegenheitslösung sind.

      Mit fahlem Bass und erst langsam an stimmlicher Kontur gewinnend der König von Klaus-Uwe Rein, immer wieder auch er an der Grenze zum Forcieren.

      Unauffällig Bariton Juha Koskela als Telramund und der Bassist Gijs Nijkamp als Heerrufer.

      Das Publikum feierte vor allem den Dirigenten Johannes Rieger mit Standing Ovations. Das war ein so berührender Moment, dass ich hier nochmals unterstreichen will, dass es bemerkenswert ist, wie ein Theater wie das in Halberstadt einen Lohengrin stemmt und wie es das Publikum vor Ort mit dieser Produktion zu begeistern vermag. Es muss einem um die Leistungsfähigkeit eines Theaters, das soetwas schafft, nicht bange sein. Bange muss einem vor Politikern sein, die dieses Potential ihrer Theater nicht erkennen: auch in Halberstadt, im Verbund mit Quedlinburg , soll das Haus kaputtgespart werden – die Zuschüsse sollen halbiert werden. Bei vielleicht zehn Solist/innen, etwa doppelt so vielen Chormitgliedern und rund 40 festen Musiker/innen ein Irrwitz. Sollten die Sparbeschlüsse umgesetzt werden, wäre dies das „Aus“ für das „Nordharzer Städtebundtheater“.
      Der Kunst ihre Freiheit
    • Lieber Alviano,

      vielen Dank für deinen präzisen Bericht vom "Lohengrin" aus Halberstadt und vielen Dank vor allem auch für dein Plädoyer für die "Provinztheater", die mit respektablem Niveau und viel Idealismus Oper und Theater auch zu den Menschen bringen, die nicht mal eben in eine der Metropolen fahren können.
      Wolfgang Schwaninger habe ich vor einigen Jahren als Baron Kronthal in einer Übertragung aus dem Münchner Gärtnerplatztheater gesehen und gehört, ich erinnere mich an eine hübsche, wenngleich nicht sonderlich auffällige Tenorstimme und einen Darsteller mit komödiantischem Talent. Nach dieser einzigen Erfahrung mit dem Sänger hätte ich nicht unbedingt erwartet, dass er jetzt ins heldische Fach strebt. Im Gegensatz zu Schwaninger kenne ich Kay Metzger, der bis vor einigen Jahren Intendant des Nordharzer Städtebundtheaters war, sehr gut. Über ihn als Regisseur und als Intendant könnte ich Einiges an Meinungen beitragen, beschränke mich aber, da es hier um eine Wagner-Inszenierung geht, auf das Lob für seinen "Ring des Nibelungen" am Detmolder Landestheater, den ich vor zwei Jahren sehen durfte. Da gab es einen sehr plausiblen und einfallsreichen "roten Faden" über alle vier Opern hinweg, klar ausgearbeitete Details und vor allem auch Humor und Menschlichkeit. Diesen "Ring" fand ich absolut grandios, ich kann jedem Opernfreund nur empfehlen, sich das bei Gelegenheit einmal anzusehen. Da hat Kay Metzger aus meiner Sicht gezeigt, dass er zu richtig großen Inszenierungen in der Lage ist. Für seine Interpretation der "Hermannsschlacht" von Kleist war er im letzten Jahr sogar für den "Faust" nominiert, diese Inszenierung habe ich allerdings leider nicht gesehen.
      Darf ich aber so indiskret sein, lieber Alviano, zu fragen, was dich gerade in diesen Helberstädter "Lohengrin" verschlagen hat? Gerade um die Ecke ist der Harz für dich doch nicht und weder der Sänger der Titelrolle noch der Regisseur noch der Dirigent sind doch eigentlich so prominent, dass man wegen ihnen nach Halberstadt reisen würde.

      Liebe Grüße,
      Lars
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde
    • Lieber Lars,

      ein paar Hinweise, warum ich nach Halberstadt gefahren bin, finden sich verstreut in meiner kleinen Besprechung der "Walküre in Detmold" von Ralph Bollmann und dann - in Folge - in der "Saisonvorschau 2011/2012". Tatsächlich war es der Regisseur Kay Metzger, von dem ich gerne eine Regie-Arbeit kennenlernen wollte und ich bedauere jetzt schon, dass ich rein terminlich einen Besuch des "Ringes" in Detmold im Mai 2012 nicht schaffen werde. Die Bilder dieses "Ringes" fand ich sehr ansprechend und da hätte ich gerne einen Live-Eindruck gewonnen. Notiert habe ich mir für Detmold auf alle Fälle den "Parsifal" - das klappt möglicherweise zeitlich bei mir besser.

      Ansonsten: manchmal mache ich sowas und schaue mir Produktionen auch in Theatern in kleineren Städten an, das hat was mit Neugierde zu tun (auch auf die jeweils bereisten Städte) und oft finden sich wirklich beachtliche Aufführungen an Orten, die im Feuilleton nicht allzu häufig Erwähnung finden. Im Frühjahr konnte ich in Altenburg den "Wallenstein" von Weinberger erleben, in Gera den "Uhlenspiegel" von Braunfels. Das waren beides keine langweiligen Inszenierungen und die kleinen Theater der beiden Städte haben sich mit Erfolg um die wenig bekannte Musik bemüht. Unsere einmalige Theaterlandschaft ist so vielgestaltig, dass eine Verengung des Blickes nur auf die grösseren Häuser doch schade ist. Auch in der sog. "Provinz" wird Abend für Abend ein wichtiger Beitrag zur kulturellen Vielfalt einer Stadt geleistet und deshalb sind die Theater (wie es in einem überall zu lesenden Schlagwort des "Nordharzer Städtebundtheater" heisst: ) "Unverzichtbar".

      :wink:
      Der Kunst ihre Freiheit
    • Alviano schrieb:

      Besuch des "Ringes" in Detmold



      Ralph Bollmanns Buch "Walküre in Detmold: Eine Entdeckungsreise durch die deutsche Provinz" kennst Du vermutlich, lieber Reinhold? Kürzlich hörte ich dazu im Radio eine sehr positive Besprechung. Da tritt wohl allerlei Erstaunliches über die rund 80 Musiktheater in Deutschland von Aachen bis Neustrelitz zu Tage.

      "You gotta grab'em by Debussy" (DJ Trump)