Monteverdi: "L´Orfeo" - Theater an der Wien, 14.12.2011

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    • Monteverdi: "L´Orfeo" - Theater an der Wien, 14.12.2011

      Die Geschichte von Orpheus und Eurydike hat schon viele Künstler zur Auseinandersetzung mit diesem Stoff herausgefordert, auch in der Musikwelt, und dort gibt es gerade im Bereich der sog. „Alten Musik“ zahlreiche Vertonungen des Mythos um den thrakischen Sänger. Nicht nur Opern von Peri, Telemann, Rossi, Landi oder Sartorio widmeten sich dem Sänger Orpheus, der seine Frau am Hochzeitstag verliert, in die Unterwelt hinuntersteigt und mit seinem Gesang dort den Unterweltchef selbst besänftigt und seine Frau wieder mitnehmen darf – wenn er es schafft diese auf dem Weg nach oben nicht anzusehen, was bekanntermassen misslingt, vor allem die Vertonungen von Gluck und Claudio Monteverdi erfreuen sich auch heute noch zahlreicher Neuproduktionen auf unseren Bühnen.

      Wie bringt man nun diese Geschichte einem heutigen Publikum näher? Die Möglichkeiten sind zahlreich, man vergleiche nur z. B. die Regie-Arbeiten von Barrie Kosky (Berlin), David Hermann (Frankfurt) oder Jan Bosse (Basel). Eine beachtliche Neuinszenierung des „Orfeo“ von Claudio Monteverdi ist nun auch in Wien zu erleben – und zwar im dafür gut geeigneten „Theater an der Wien“, das der Staatsoper in Sachen „Alter Musik“ genauso Konkurrenz zu machen versteht wie bei der Frage, wer die spannenderen Inszenierung im Programm hat.

      Regisseur Claus Guth versteht sich auf ausgefeilt-psychologisierende Inszenierungen und das gelingt ihm auch mit diesem „Orfeo“.

      Ein weisser Vorhang verschliesst zu Beginn noch die Bühne, eine Frau im schlichten, weissen Kleid und barfuss steht in der Öffnung, wo die beiden Vorhanghälften aufeinandertreffen. Es ist die Musik selbst, die in die Handlung einführt (die Sängerin wird später als Botin und als Hoffnung wieder zu erleben sein). Sie zeigt analog zum Text, die Harfe und – Orpheus. Wenn sich der Vorhang zur Gänze geöffnet hat, sieht man eine modern eingerichtete Wohnung, links eine Sitzecke, darüber die Fenster zum Schlafbereich, in der Mitte der Bühne führt eine dunkle Holztreppe nach oben. Neben einem umgestürzten Beistelltisch liegt Orpheus auf dem Boden. Von der Musik angesprochen steht er auf und geht die Treppe rückwärts nach oben – alles auf Anfang, die Tragödie, die bereits stattgefunden hat, beginnt erneut. Vorhänge, die den linken Bühnenraum verschlossen hatten, öffnen sich und geben den Blick auf Zimmertüren und eine Bibliothek frei.

      Orpheus heiratet heute Eurydike und die Freund/innen der beiden machen aus diesem Ereignis eine Themenparty: altes Griechenland ist angesagt. Die Wohnung wird umdekoriert, man zieht sich entsprechende Kostüme an, man albert herum und hat Spass.

      Orpheus, ein nicht mehr junger Mann, dem die Haare schon etwas ausgegangen sind und der zum Gedichtelesen eine Lesebrille braucht, ist genauso begeistert, wie Eurydike und beide machen den Spass mit, bevor sie sich ins Schlafzimmer zurückziehen. Die Gesellschaft vertreibt sich die Zeit mit Wahrsagespielen (Karten und Knochen werden befragt) und einer Art Fruchtbarkeitsritual.

      Als in diese freundliche Stimmung die Nachricht vom Tod der Eurydike dringt, halten alle auch das für eine Inszenierung, bis aus dem Spass dann doch bitterer Ernst geworden ist.

      Man räumt zusammen und zieht sich zurück, der Brautvater (der die Partien des Caronte und des Plutone singen wird) schmeisst die Überbringerin der schlechten Botschaft hochkant raus.

      Was Regisseur Guth jetzt ins Zentrum seiner Inszenierung rückt, ist die Verzweiflung des Witwers Orpheus. Er kommt gerade vom Friedhof (eine Videosequenz gibt darüber Auskunft) und seine Liebe zu der verlorenen Frau treibt ihn in den Wahnsinn. Die Botin kommt als Hoffnung zu ihm, auch sie bewegt sich, wie Orpheus zu Beginn, zuerst rückwärts. Dann torkelt der sturzbetrunkene Schwiegervater herein, er gibt seinem Schwiergersohn die Schuld am Tod der Tochter. Orpheus imaginiert die tote Ehefrau, sieht, wie sie wieder lebendig zu werden scheint, wie sie an verschiedenen Orten auftaucht, aber wenn er sie zu fassen versucht, z. B. im Schlafzimmer, dann ist da nichts als ein Traumbild gewesen.

      Nachdem der Schwiegervater im Rausch eingeschlafen ist, mischt sich Orpheus einen Schlaftablettencocktail, er will sich das Leben nehmen, um so Eurydike wieder näher zu sein. Er legt seinen Hochzeitsanzug an, sammelt Erinnerungen an Eurydike um sich – ihre Schuhe, einen Kranz, ein Foto.

      Als aber wie von Geisterhand im Schlafzimmer Licht angeht, lässt Orpheus von seinem Vorhaben ab. Verwirrt landet er, nachdem er im Schlafzimmer niemanden gefunden hat, im Bad. Aber auch hier suchen ihn die Wahnvorstellungen heim. Im Spiegel sieht er nicht nur sich, sondern auch Proserpina mit einer Fackel im griechischen Kostüm, genauso, wie die Sängerin tatsächlich unten auf der Bühne steht. Dann, wie könnte es anders sein, erscheint auch Eurydike im Spiegel, die Liebenden versuchen sich zu berühren, da verschwindet das Traumbild und Orpheus zerschlägt den Spiegel.

      Traum und Wirklichkeit verschwimmen endgültig: der Schwiegervater sitzt mit der Schwiegermutter beim Kaffee – und vielleicht ist das eine Erinnerung des Orpheus an seine Brautwerbung, vielleicht sassen die Eltern der Freundin einmal so auf dem Sofa, als Orpheus um die Hand der Tochter anhielt. Orpheus bekommt auch diesmal die Tochter mit, aber als er die Treppe mit der Geliebten hinaufgeht, kommen von links und rechts zwei weitere Bräute hinzu, Orpheus ist verwirrt, er dreht sich um und sieht seiner Braut ins Gesicht. Die Geschichte rundet sich. Orpheus begeht Selbstmord und wir schauen seinem Übergang von den Lebenden zu den Toten zu. Vater Apollo taucht im ersten Stock auf, ganz in weiss gekleidet (die Vorhänge auf der linken Seite sind wieder zugezogen worden), und nimmt den Orpheus mit sich. Der Beginn wiederholt sich: die Freunde kommen noch einmal herein, um die Hochzeitsparty vorzubereiten – auch sie nun im geisterhaften weiss. Orpheus im schwarzen Anzug trägt seine Eurydike voll Freude herein – aber die Wirklichkeit holt ihn ein. Einsam stürzt er zusammen, reisst den Beistelltisch um und liegt dann so da, wie er dem Publikum am Anfang der Vorstellung von der Musik gezeigt wurde.

      Diese unglaublich dichte und im Detail enorm ausgefeilte Regiearbeit von Claus Guth (die ein wenig an Filme von Hitchcock erinnert) hat ein Zentrum – John-Mark Ainsley, der als Orpheus ausserordentlich packend und so berührend ist, dass man sich der Ausstrahlung des Sängers nicht entziehen kann. Ainsley macht die Verzweiflung und den Wahn des Orpheus auf eine bedrückende Art und Weise glaubhaft und begreifbar. Das ist darstellerisch eine ausgezeichnete Leistung und Ainsley ist auch sängerisch eine vollgültige, beeindruckende Besetzung dieser anspruchsvollen Partie. Da sitzen die Verzierungen, da wird immer mit Geschmack artikuliert, da ist Stilsicherheit und Atemökomenie vorhanden, da wirkt nichts angestrengt oder gewollt.

      Mit grosser Stimme gibt der Bassist Philipp Ens den Caronte/Plutone, lotet aber nicht jedes Extrem (zumal in der Tiefe) aus. Eine angenehme Mezzostimme, die anfängliche Nervositäten schnell in den Griff bekam, konnte Katija Dragojevic als Musica/Messagiera/Speranza beisteuern und die wenigen Takte der Euridice waren bei Mari Eriksmoen in guten Händen. Unbedingt erwähnt werden sollen die Hirten: Cyril Auvity (dem man gerne mal als Orfeo begegnen würde), Jeroen de Vaal, Jakob Huppmann und Maciej Idziorek sorgten für weitgehenden Wohlklang. Vervollständigt wurde das Ensemble mit einem eher schwachen Mirko Guadagnini als Apollo und Suzana Ograjensek als etwas schmalbrüstige Ninfa und Proserpina.

      Nur Gutes lässt sich von den Mitgliedern des „Freiburger Barockorchesters“ berichten – Dirigent Ivor Bolton wählte eine angemessen kleine Orchesterbesetzung und seine mitunter sehr langsamen Tempi verliehen dieser Musik über weite Strecken eine unglaubliche Traurigkeit, die bestens mit der Szene korrespondierte. Die Balance zwischen Bühne und Orchester war gut und der Klang teilweise berückend. Ebenfalls ein Pluspunkt der Aufführung: der von Erwin Ortner vorbereitete Arnold Schönberg Chor.

      Direkt nach dem Schlusston brüllte ein Herr vom Rang „Schwachsinn“ in den Raum, nunja… Tatsächlich durfte sich vor allem John-Mark Ainsley über viele Ovationen freuen, das gleiche gilt für Dirigent Ivor Bolton und das Orchester. Claus Guth und sein Ausstatter Christian Schmidt bekamen zwar auch einige Missfallensbekundungen zu hören, aber auch für sie überwog die Zustimmung.

      Als bemerkenswert diszipliniert erwies sich das Wiener Premierenpublikum. Es war weitgehend absolut still im Zuschauerraum, eine solche Ruhe würde man sich öfter im Opernhaus wünschen.
      Der Kunst ihre Freiheit
    • Alviano schrieb:

      John-Mark Ainsley, der als Orpheus ausserordentlich packend und so berührend ist, dass man sich der Ausstrahlung des Sängers nicht entziehen kann. Ainsley macht die Verzweiflung und den Wahn des Orpheus auf eine bedrückende Art und Weise glaubhaft und begreifbar.


      Lieber Alviano,

      dies zu glauben, fällt mir nicht schwer - unter allen Orfeo-Einspielungen gefällt mir seit Jahren diese hier mit JMA am Besten. Sein "Possente Spirto" geht unter die Haut. Schön, dass er die Rolle 20 Jahre später immer noch so gut beherrscht. Sehr schade, das ich zZ nicht nach Wien fahren kann.



      Cheers,

      Lavine :wink:
      "You gotta grab'em by Debussy" (DJ Trump)
    • John-Mark Ainsley

      Mon Général,

      Ainsley ist einer jener Sänger, die nicht nur singen, sondern auch spielen können. Ich habe ihn jetzt dreimal live gesehen ("Billy Budd" in Frankfurt, "Totenhaus" in Berlin und jetzt "Orfeo"), das ist alles bemerkenswert gewesen. Und dieser "Orfeo" in Wien lohnt sich allein schon wegen Ainsley, der sich auch traut, ein Augenmerk auf die Gestaltung zu haben - und nicht "nur" schön zu singen. Natürlich tritt er zur vorgestellten Aufnahme mit sich selbst in Konkurrenz - aber was macht das schon, wenn man eine solche Aufführung geboten bekommt?

      :wink:
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