Verdi: Otello - Oper Frankfurt, 16.12.2011

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    • Verdi: Otello - Oper Frankfurt, 16.12.2011

      Musikalische Leitung
      Sebastian Weigle 'http://www.oper-frankfurt.de/de/page305.cfm'
      Regie
      Johannes Erath 'http://www.oper-frankfurt.de/de/page743.cfm'
      Bühnenbild
      Dirk Becker
      Kostüme
      Silke Willrett
      Licht
      Joachim Klein
      Dramaturgie
      Norbert Abels
      Chor
      Matthias Köhler
      Kinderchor
      Michael Clark
      Otello
      Carlo Ventre 'http://www.oper-frankfurt.de/de/page744.cfm'
      Jago
      Marco Vratogna 'http://www.oper-frankfurt.de/de/page745.cfm'
      Desdemona
      Elza van den Heever 'http://www.oper-frankfurt.de/de/page143.cfm'
      Emilia
      Claudia Mahnke 'http://www.oper-frankfurt.de/de/page140.cfm'
      Cassio
      Teodor Ilincai 'http://www.oper-frankfurt.de/de/page746.cfm'
      Rodrigo
      Simon Bode * 'http://www.oper-frankfurt.de/de/page505.cfm
      Lodovico
      Magnús Baldvinsson 'http://www.oper-frankfurt.de/de/page158.cfm'
      Montano
      Franz Mayer 'http://www.oper-frankfurt.de/de/page152.cfm
      Herold
      Kihwan Sim * 'http://www.oper-frankfurt.de/de/page676.cfm'

      Chor und Kinderchor der Oper Frankfurt
      Frankfurter Opern- und Museumsorchester

      Der gestrige Otello klingt noch nach - "Salce, salce, salce" - Desdemona/Elza van den Heever war der Star des Abends. Im Ohr habe ich Mirella Freni in der Aufnahme mit Karajan, Frau den Heever macht es aber noch schöner! Ihre Stimme ist absolut ausgeglichen in allen Registern, sehr weich und trotzdem tragfähig. Sie wagte stellenweise ein extremes pianissimo - und gewann - möglicherweise auch durch das unglaublich gut spielende Orchester unter Sebastian Weigle. Die SängerInnen scheinen sich so wohl zu fühlen unter seiner Führung, dass sie jegliches Forcieren (was leider sehr oft in Opernhäusern zu hören ist) vermeiden oder als unnötig ansehen. Sie werden vom Orchester getragen.

      Zweiter Star war für mich der junge Tenor Teodor Ilincai als Cassio - von ihm wird man noch viel hören, ein wunderbares italienisches Timbre mit strahlender Höhe.

      Dann auch noch Marco Vratogna als Jago - dämonisch in Darstellung und Stimme, auch er ohne jedes Forcieren. Ein großer Sänger!

      Jetzt fragen sich alle Leser natürlich: Was ist mit Otello? Carlo Ventre ist ein famoser Sänger mit sicherer Höhe, der sich im Laufe des Abends immer mehr steigert. Die Partie ist mörderisch, und Ventre gestaltet sie großartig. Allerdings ist sein erster Auftritt noch etwas "geräuschhaft" in der Stimme, auch das Liebesduett kann man inniger gestalten, was natürlich besonders auffällt, wenn Desdemona so berückend singt.

      Typisch für Frankfurt übrigens auch die hochkarätige Besetzung bis in die Nebenrollen hinein: Claudia Mahnke, Simon Bode, Franz Mayer und Magnus Baldvinsson singen in anderen Produktionen Hauptrollen. Erfreulich, wenn ein Opernhaus diese Partien ernst nimmt.

      Zur Inszenierung schreibe ich hier erstmal nicht viel, das nähme noch einmal viel Raum ein. Grundsätzlich vermittelte sie mir keine großen, neuen Sichtweisen, war aber ansonsten dem Stück angemessen und stellenweise recht eindrucksvoll.
    • Danke, lieber Bösendorfer, für Deinen Bericht - zumindest musikalisch würde sich ein Ausflug nach Frankfurt also lohnen.

      Ein paar Anmerkungen zur Inszenierung fände ich übrigens ganz nett: DEine Andeutungen lassen auf eine eher traditionelle Darstellung schließen...?

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Gurnemanz schrieb:

      Danke, lieber Bösendorfer, für Deinen Bericht - zumindest musikalisch würde sich ein Ausflug nach Frankfurt also lohnen.

      Gurnemanz schrieb:

      Ein paar Anmerkungen zur Inszenierung fände ich übrigens ganz nett: DEine Andeutungen lassen auf eine eher traditionelle Darstellung schließen...?

      Gurnemanz schrieb:

      Danke, lieber Bösendorfer, für Deinen Bericht - zumindest musikalisch würde sich ein Ausflug nach Frankfurt also lohnen.

      Ein paar Anmerkungen zur Inszenierung fände ich übrigens ganz nett: DEine Andeutungen lassen auf eine eher traditionelle Darstellung schließen...?

      :wink:
      Nein, traditionell ist die Inszenierung nicht. Es wird mit Symbolen gearbeitet, die leitmotivisch wiederkehren, das Brautkleid von Desdemona z.B., militärische Stiefel, die an- und ausgezogen werden etc. Da stecken schon viele Gedanken drin, für mich war diese Aufführung aber wesentlicher durch das Musikalische geprägt.
    • Oper Frankfurt

      Peter Michaelow schrieb:

      Danke für den Bericht aus Frankfurt. Ich möchte bald mal eine Vorstellung in diesem Haus besuchen, von dem ich schon so viel positives in letzter zeit gehört und gelesen habe.
      Ich liebe ja die Frankfurter Fledermaus-Inszenierung von Christoph Loy. Wurde gerade wieder aufgenommen (leider nicht mehr mit Christian Gerhaher und Michael Nagy) - morgen schaue ich sie mir an. Bei den Wiederaufnahmen kommt man wenigstens an Karten, ansonsten sind die meisten Vorstellungen frühzeitig ausverkauft.
    • Aufführung am 25.05.2012

      Nun hatte ich auch Gelegenheit, den neuen Frankfurter Otello zu sehen, fünf Monate nach der Premiere allerdings in fast allen Rollen umbesetzt. Scheint Usus zu sein in Frankfurt, wie sich aus dem Spielzeitprospekt 2012/13 ergibt: Dort findet sich praktisch bei jeder Wiederaufnahme aus der Vorsaison eine völlig andere Besetzung.

      Eine Ausnahme auch hier: Elza van den Heever singt wenigstens in dieser Spielzeit in allen Vorstellungen; und in dieser VErsion müsste die Oper "Desdemona" heißen. Ich stimme vollständig zu:

      Bösendorfer schrieb:

      Otello klingt noch nach - "Salce, salce, salce" - Desdemona/Elza van den Heever war der Star des Abends. Im Ohr habe ich Mirella Freni in der Aufnahme mit Karajan, Frau den Heever macht es aber noch schöner! Ihre Stimme ist absolut ausgeglichen in allen Registern, sehr weich und trotzdem tragfähig. Sie wagte stellenweise ein extremes pianissimo - und gewann -
      Elza van den Heever ist - ungeachtet der erwähnten pianissimo-Kunststücke, eine vor allem kraftvolle Desdemona, die mit vollem Einsatz erst um ihre Liebe und dann um ihr Leben kämpft, weniger mit der Freni vergleichbar als etwa Leonie Rysanek, die die Desdemona 1962 in einer Aufnahme mit Jon Vickers sang: Vokal vielleicht die großformatigste, dramatischte Version überhaupt.

      Die neuen Partner: Zjelko Lucic war als Jago stimmlich unangefochten; sein heller Bariton überstrahlte auch die Orchesterwogen im Credo mühelos, aber auch die Gestaltung der subtilen dialogischen Passagen, etwa mit Otello im zweiten oder im TErzett des dritten Aktes, imponierte. In der Darstellung blieb er ein bisschen zu gemütlich und statisch, strahlte Teuflisch-Schurkisches nur über die Stimme aus.

      Otello war jetzt Frank van Aken, und an seinen rauhen Gesangsstil (er klingt immer ein bisschen als ob er heiser wäre) muss man sich zunächst gewöhnen. Dann aber erlebt man eine gesanglich und darstellerisch rasant und präzise umgesetzte "Fallstudie" zum Thema Eifersucht: Unsicherheit, Verführbarkeit, fatale VErtrauensseligkeit gegenüber dem Falschen lassen sich mit Händen greifen. Gesanglich fehlt van Aken für den Otello vielleicht ein bisschen das baritonale Timbre; er macht das aber mit viel Kraft einerseits und mit geradezu schmerzhafter Intensität gerade der leisen Töne mindestens wett: Sein enorm eindringlicher Monolog im dritten Akt war ein Höhepunkt der Aufführung.

      Die brauchte insgesamt ein bisschen Zeit ehe sie richtig Fahrt aufnahm: Unter Erik Nielsen war der stürmische Einstieg zwar laut, aber nicht so gewalttätig wie er angelegt wird; auch dem Credo fehlte ein Schuss Innenspannung. Dafür war das Klangbild geradezu vorbildlich transparent, so dass man etwa im dritten Finale auch Nebenstimmen wie den konspirativen Dialog Jago/Rodrigo schön heraushören kann. Nach der Pause stimmt dann auch der große Spannungsbogen, vielleicht auch, weil Desdemona im dritten und vierten Akt stärker am Geschehen teilnimmt. Bis zu ihrem Tod allerdings - das Finale blieb seltsam blass.

      Das mag auch an der Inszenierung von Johannes Erath gelegen haben, dem zum Ende nichts mehr einfiel. Zuvor gab es auf der fast leeren Bretterbühne und ein paar wenig plausible Symbole wie ein putziges Reh im Hintergrund, Otellos schwarzes "Alter ego", das, obwohl zum "Esultate" von ihm erwürgt, wieder aufsteht und ihm immer wieder folgt oder die leeren Soldatenschuhe die zu Desdemonas Ave Maria die Bühne bevölkern. Auch muss Desdemona die Huldigung der zypriotischen Bürger im zweiten Akt in einer Art Grab, liegend entgegennehmen.

      Mag sich jeder einen anderen Vers darauf machen, zumal diese Beigaben keine zentrale Rolle spielen: In der Personenführung war der Regisseur erfolgreicher, vor allem in den Szenen Otello-Desdemona. Einleuchtend und bewegend der Einfall im vierten Akt, Otello schon bei Desdemonas Ave Maria auftreten und dieses, von ihr ungesehen, stumm mitbeten zu lassen: Beide Figuren wirken so unheimlich nah; schmerzlich wird dem Zuschauer bewusst, dass es wohl nur einiger klarer Worte zur rechten Zeit bedurft hätte - und die SAche wäre gut ausgegangen. In solchen Einfällen bewährt sich die Regie von Johannes Erath und drängt die Einwände in den Hintergrund.

      Insgesamt wars eine sehr gelungene, spannende und musikalisch eindrucksvolle Vorstellung, die im dritten und vierten Akt Maßstäbe setzte - vor allem wegen der Desdemona von Elza van den Heever!
    • Hallo,


      auch ich habe die Aufführung am 25. Mai gesehen. Was die Akteure angeht, so kann ich meinem Vorredner praktisch uneingeschränkt zustimmen. Nicht von ungefähr war Zjelko Lucic auch beim Publikum der Star des Abends - gut am Applaus zu merken. Ich hatte ihn vorher schon als Scarpia in Frankfurts Tosca gesehen, da fällt einem erst auf wie sehr sich die beiden Rollen doch ähneln :) .

      Das Orchester hatte nach meinem Gefühl im 1. Akt doch etwas Probleme mit der Synchronisation, da sind mir einige nicht ganz saubere Einsätze aufgefallen. Das verschwand dann allerdings später.

      Mit der Inszenierung konnte auch nicht nicht allzuviel anfangen. Es fanden sich einige Symbole, deren Bedeutung oder Aussage nebulös blieb. Z.b. die Rehfigur in einem Beleuchtungspodest am hinteren Bühnenrand, ein Silberkopf im 1. Akt im Hintergrund, die häufigen Stiefel- und Kleidungswechsel, in einer Szene schauen einige Statisten teilnahmslos abgewandt nur mit dem Oberkörper aus Klappen im Boden heraus ... das war nach meinem Gefühl alles inkonsequent. Entweder lege ich den Schwerpunkt auf das Personenspiel und die Beziehungen untereinander - dann brauche ich aber solche halbgaren Hilfsmittel nicht. Wenn ich aber auf Symbole setze, dann müssen sie auch eine Wirkung haben, was hier nicht der Fall war.

      Insgesamt aber, besonders dank der stimmlichen Leistung der Akteure ein recht erfreulicher Opernabend.
      Schöne Grüße aus Frankfurt!

      Martin Georg
    • pedrillo schrieb:

      Insgesamt wars eine sehr gelungene, spannende und musikalisch eindrucksvolle Vorstellung, die im dritten und vierten Akt Maßstäbe setzte - vor allem wegen der Desdemona von Elza van den Heever!


      Und das galt am 19.12.2014 immer noch! Es sang wieder Elza van Heever, und auch die anderen Rollen war sehr gut besetzt.

      Dieser dritter und vierte Akt haben mich mit Verdi versöhnt! Endlich ein Verdi, den ich mag!

      Matthias
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