George Crumb - Geheimnis, Nacht und Numerologie

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    • George Crumb - Geheimnis, Nacht und Numerologie

      Das 20. Jahrhundert hat zwei Komponisten hervorgebracht, die ich als Mystiker bezeichne: Olivier Messiaen und George Crumb. Wie der Franzose, so verwurzelt freilich auch der US-Amerikaner seine Mystik in völlig rationalen Überlegungen. Sein extrem skrupulöses Arbeiten und die fast ausschließliche Beschränkung auf kleine Besetzungen verursachen jedoch, daß Crumb niemals so stark ins Bewußtsein gedrungen ist wie Messiaen.

      Crumbs Leben verläuft denkbar unspektakulär: Er wird am 24. Oktober 1929 in Charleston, West Virginia, geboren und beginnt sehr früh zu komponieren. Er absolviert sein Kompositionsstudium in den USA und in Berlin, nimmt diverse Lehraufträge amerikanischer Universitäten an. 1968 erhält er den Pulitzer Preis für sein Orchesterwerk "Echoes of Times and Rivers".
      Crumbs Tochter Ann ist erfolgreich als Sängerin und Schauspielerin tätig, sein Sohn David arbeitet ebenfalls als Komponist. Mehr ist biographisch nicht zu sagen, und Crumb hat sein Privatleben auch nie öffentlich gemacht.

      Crumb ist eines der originellsten und geschlossensten Oeuvres zu verdanken, das die Musik des 20. und 21. Jahrhunderts besitzt. Drei Mal, und nur in Frühwerken, läßt sich Crumb von der Zwölftontechnik Webern'scher Prägung beeinflussen: "Gethsemane" (1947), "Dyptich" (1955) und, am strengsten komponiert, "Variazioni" (1959).

      Danach beginnt Crumb eine Reise in den Klang - und eine Reise in die Nacht. Zahlreiche seiner Werke nämlich sind Nachtmusiken, manche expressis verbis, manche durch ein eindeutiges Klangvokabular. In nahezu allen Werken gibt es Geheimnis und Ritual. Crumb nützt dabei neuartige Spieltechniken ebenso, wie er seinen Instrumentalisten und Vokalisten Ungewöhnliches abverlangt. So müssen seine Instrumentalisten auch singen und flüstern, Pianisten spielen nicht nur auf den Tasten sondern zupfen auch die Saiten des Klaviers an, die Musiker des Streichquartetts "Black Angels" spielen auch Schlaginstrumente - und ihre Streichinstrumente sind elektronisch verstärkt.

      Überhaupt ist "Black Angels - Thirteen Images from the Dark Land" ein Höhepunkt im Schaffen Crumbs und ein Meilenstein der Quartett-Literatur. Das Werk basiert auf der Numerologie, die Strukturen entwickelt Crumb aus den Zahlen 7 und 13. Dazu kommen Zitate und Anspielungen, etwa Schuberts "Tod und das Mädchen", Tartinis "Teufelstriller" und Beethovens "Les Adieux"-Sonate. Crumbs Musik kümmert sich dabei nicht um stilistische Reinheit, er läßt Atonales ebenso zu wie Tonales. Geistig ist das Werk, geschrieben laut Partitur "in tempore belli" (in einer Zeit des Krieges), eine Auseinandersetzung zwischen Kräften des Guten und des Bösen, und zwar in einem durchaus religiösen, sogar apokalyptischen Kontext.

      Ähnlich bedeutend ist der vierteilige Zyklus "Makrokosmos". Die Teile eins und zwei sind für Klavier zu zwei Händen geschrieben, der Teil drei für zwei Klaviere und zwei Schlagzeuger, der Teil vier für zwei Klaviere. Abermals spielt die Numerologie eine wesentliche Rolle bei der Entwicklung der Strukturen, wobei vor allem aus der Astronomie abgeleitete Zahlen prägend wirken.

      Das wichtigste Vokalwerk Crumbs ist wohl "Ancient Voices of Children" (1970) für Mezzosopran, Knabensopran, Oboe, Mandoline, Harfe, elektronisch verstärktes Klavier, Spielzeugklavier und drei Schlagzeuger. Die Texte stammen von Federico Garcia Lorca. Die Musik scheint von Geheimnissen und alten Ritualen zu künden, die Atmosphäre ist spannungsgeladen, sogar unheimlich. Die Beschreibung der Nacht wird zur Beschwörung menschlicher Abgründe.

      Auch "A Haunted Landscape" für Orchester verschreibt sich dieser Nachtmusik. Tonale Akkordfolgen in den Streichern, kaum je zuvor gehörte Schlagzeugklänge, abrupte Rufe der Bläser, das alles über einem unverändert gehaltenen leisen Baßton, lassen den Zuhörer erschauern. Vordergründige Gruselmusik - oder eben doch der Blick dorthin, wo das Grauen entsteht, nämlich in der menschlichen Seele?

      Crumbs Musik ist verletzlich, denn sie ist spekulativ. Sie verteidigt sich nicht durch objektivierbare Systeme, sondern ist völlig subjektiv - und ihr Vokabular ist alles andere als stilistisch rein: Von Bartók abgelauschte melismatische Tonfolgen von engem Umfang gibt es da ebenso wie mahler'sche Melodiegesten, scharf dissonante Akkordfolgen, Cluster - aber auch simple Dreiklänge. Crumb verwendet sein Material wie Vokabular, er versucht, Musik durch akustische Symbole sprechen zu lassen - dem Zuhörer aber bleibt es überlassen, die Schlüssel für die Themen, zusammengesetzt aus Nacht und Geheimnis, zu finden.
      :wink:
      Na sdarowje! (Modest Mussorgskij)
    • Vielen Dank lieber Edwin, das hat mich animiert etwas zu tun, was ich seit 26 Jahren immer wieder tun wollte aber mit der Zeit nicht mehr aufgeschoben sondern vergessen habe, nämlich eine damals aufgenommene MC wieder zu hören, mit einem Konzert-Teilmitschnitt.

      Hier die Daten:

      Ö 1 - 29.12.1985
      Aufzeichnung vom 22.12.1985 aus dem Großen Musikvereinssaal in Wien
      4. Abonnementkonzert der Wiener Philharmoniker
      Dirigent: Zubin Mehta

      Auf dem Programm:
      Johann Sebastian Bach: Suite für Orchester Nr. 3 D-Dur BWV 1068
      George Crumb: Ancient voices of children
      Richard Wagner: Orchesterfragmente aus der Götterdämmerung

      Ancient voices of children:
      Barbara Martin, Sopran
      Ein Wiener Sängerknabe
      Gottfried Boisits, Oboe
      Walter Würdinger, Mandoline
      Harald Kautzky, Harfe
      Rainer Keuschnig, Klavier
      Roland Altmann, Kurt Prehoda, Franz Zamazal, Schlagwerk

      Crumb gliedert das etwa 25 Minuten lange, wie Edwin schon erklärt hat von Lorca inspirierte Werk in fünf Abschnitte:

      Der Knabe suchte seine Stimme
      Ich habe mich oftmals im Meer verloren
      Woher kommst du Liebling, mein Kind
      Jeden Nachmittag in Granada
      Es hat sich mit Licht erfüllt

      Ich bin völlig hin und weg bei dieser akustischen Wiederbegegnung. Vielfach will ja zeitgenössische Musik originell sein, aber hier habe ich das Gefühl, das will nicht gute Musik sein, das IST einfach Musik. Eine Beschreibung des Ablaufs halte ich hier nicht für weiterführend, denn die Musik lebt davon, wie man in ihre Klangwelt, in ihren Rhythmus, in ihre Magie, in ihre Mystik hineinzutauchen bereit ist. Das Werk wurde damals dem Abonnementpublikum der Wiener Philharmoniker angeboten, nach dem dritten von fünf Teilen hört man zwei gräßliche Huster, offenbar in die Mikrophone hinein. Eine Stellungnahme der Konservativen? Dabei baut (sie prägt gleich den Anfang) speziell die Sopranistin eine wie ich finde ungeheure, immens beseelte Mystik auf, die einen wie einen Sog in diese faszinierende Welt zieht. Und dann die rhythmischen Abschnitte, und die Klangbilder - das ist fesselnde Musik pur, inspirierte, lebende, echte Musik. Plötzlich wähnte ich mich beim Hören in einer Theaterszene, dann wieder in einem puertoricanischen Dorf, dann wieder bei einem spirituellen Gebet.
      So stelle ich mir musikalische Umsetzung von Lyrik, ja weiter zu gebende Inspiration an sich durch Lyrik vor. (Entsetzlicher Gegenpol: Rilke Projekt, Hesse Projekt, wo man sich alle gesprochenen Texte ohne Musik ideal vorstellen kann und meinetwegen auch die Musik ohne die Texte als Stimmungsmalerei, aber doch nicht beides zusammen - wurde natürlich ein Bestseller...)

      Da war einer wirklich bereit, der für ihn filterbaren Essenz der Lyrik auf den Grund zu gehen, wahrscheinlich dafür sogar in die eigenen Abgründe, aber auch ins Paradies in sich, und was er (man gestatte mir das Pathos) der Menschheit damit schenkte, ist wirklich hörens- nein lebenswert. (Bitte nicht nur analytisch und intellektuell hören, bereit sein, sich ganz fallen zu lassen...)

      Es gibt übrigens im Netz eine eigene George Crumb Homepage. "http://www.georgecrumb.net/" - mit ausführlicher Diskografie.

      Auf meiner Wunschliste jetzt ganz oben (auch als Streichquartett-Sammler): "Black Angels - Thirteen Images from the Dark Land"

      Danke Edwin, für den Impuls!
      Zur Info: Bis auf weiteres keine aktive Moderationstätigkeit meinerseits.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Crumb ist mir nahezu unbekannt. Ich kenne nur Black Angels und die Cellosonate. Letztere, bereits 1955 komponiert, schätze ich sehr. Sie hat es in das Kernrepertoire der Cellisten geschafft und findet sich immer mal wieder in CDs und Konzerten. Nicht nur wegen ihres Aufbaus, sondern auch wegen der Kürze der einzelnen Abschnitte ist sie für den Hörer vergleichsweise leicht fasslich und sehr dankbar.

      Die gut zehn Minuten dauernde Sonata for Cello hat 3 Sätze:

      Der erste Satz (Fantasia. Andante expressivo e con molto rubato) ist tatsächlich eine sehr melodiöse, tonal klingende Fantasie. Mich erinnert der erste Satz stets an Debussys Cellosonate, was auch am ähnlichen Pizzicato(Gitarren)-Teil liegt.

      Der zweite Satz ist ein Variationensatz (Tema pastorale con variazioni):
      a) Tema: Grazioso e delicato,
      b) Variation 1. Un poco piu animato,
      c) Variation 2. Allegro possibile e sempre prezicato (was heißt das?),
      d) Variation 3. Poco adagio e molto espressivo
      e) Coda. Tempo primo
      Schon die Bezeichnungen pastorale und Grazioso signalisieren, dass man keine Angst vor Schrägem haben muss. Der Satz ist im Vergleich zum ersten ein sehr gelungener Kontrast, einerseits wegen der Strenge des Variationensatzes, andererseits wegen der gesteigerten Expressivität.

      Im dritten Satz (Toccata. Largo e drammatico – Allegro vivace) besonders kann der Cellist den Virtuosen geben. Das Publikum staunt über das technische Vermögen,die Dynamik und – hoffentlich – den Klangfarbenreichtum.

      Im Beiheft der Aufnahme von Helmerson wird Crumbs sehr schöner Satz zitiert: „Music can exist only, when the brain is singing.“ In dieser Haltung kann man sich diese Sonate anhören. Trotz aller – nie die Oberhand gewinnenden bzw. nur äußerlichen – Expressivität gibt es in dieser Sonate durchaus eine romantische bzw. impressionistische Perspektive (so die Beschreibungen im genannten Booklet). Im Booklet der Bertrand-CD ist von Anklängen an die Renaissance zu lesen. Das kann ich nicht nachvollziehen.

      Drei Aufnahmen besitze ich:

      Von Bertrands höchst empfehlenswerter CD wird kein Bild angezeigt. Die ASIN lautet: B00004T6W0 (leider nur noch gebraucht).

      Von diesen dreien gefallen mir Helmerson und Bertrand deutlich besser als Haimovitz. Betrand spielt einen wundervoll warmen Ton. Ihr Zugang ist romantisch und melodienbetont und vibrierend sinnlich. Helmerson ist demgenüber sehniger, drahtiger, ruppiger, aber dafür kerniger und fokussierter. Haimovitz Aufnahme macht im Vergleich auf mich den Eindruck, dass sein Werkverständnis noch nicht richtig rund ist. Sein Spiel wirkt bisweilen flächig, die Sonate insgesamt gesehen hört sich bei ihm noch nicht richtig durchdacht an, als habe er den großen Bogen, den Schlüssel zum Werk noch nicht gefunden.

      Wenn jetzt jemand den Eindruck gewonnen haben sollte, dass ich Werbung für das Werk mache: So ist es! Es lohnt sich unbedingt. Und wenn ich mir die o. g. Diskographie mal so anschaue, gewinne ich den Eindruck, die Cellosonate könnte Crumbs erfolgreichstes Werk sein.
    • Ich hatte eine Zeitlang ein gewisses Interesse an Crumbs Musik. Die Initialzündung dafür war sein Streichquartett "Black-Angles" mit dem Kronos Quartett. Hat sich aber etwas vermindert, da andere Zeitgenossen aus den USA sich inzwischen vorgedrängelt hatten...

      Aber so ein Thread ist eine gute Gelegenheit sich wieder mal was von Crumb zu gönnen.

      Anbei das Streichquartett zum Schnuppern:

      "www.youtube.com/watch?v=11o8nHk-l_o"

      "www.youtube.com/watch?v=eY-jMEPQinY&feature=related"
      "www.youtube.com/watch?v=3-SIGXdyyIs&feature=related"
      "www.youtube.com/watch?v=3qp987PdgwM&feature=related"

      :wink:
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Unbedingt zu erwähnen wäre hier noch, dass Crumbs Partituren auch bereits von ihrer graphischen Gestaltung her Kunstwerke sind, die man sich zur Dekoration an die Wand hängen könnte:

      Beispiele:
      h**p://www.violinstudent.com/images/crumbspirallarge.gif
      h**p://www.scottstedman.com/wp-content/uploads/2011/02/53586_1610204386659_1582733482_1445386_8264209_o-2.jpg
      h**p://groovesandwich.typepad.com/.a/6a0154323f44c7970c015393009d34970b-800wi

      Viele Grüße
      Frank
    • Wobei das nicht Umsetzungen durch professionelle Grafiker des Verlags sind, sondern es ist Crumbs höchsteigene Handschrift. So wird auch verständlich, wehalb er an einem Werk dermaßen lange schreibt - auch die Notenkalligraphie braucht Zeit.
      :wink:
      Na sdarowje! (Modest Mussorgskij)
    • Durch wiederholtes Stöbern vor einigen Tagen auch auf diesen Faden und damit diesen Komponisten gestoßen (man wird aber auch wirklich immer fündig). Deswegen habe ich mir heute einiges an Crumb gegeben.
      Dessen Partituren, wie hier bereits erwähnt, ja schon selbst als Kunstwerke laufen können.
      Edwin hat zu den Werken oben ja schon das wichtigste gesagt :

      Cellosonate
      Wunderbar zu hören und weniger "modern" als ich es überhaupt erwartet habe, klingt sogar fast ein wenig romantisch.

      Black Angels-Quartett
      Nun ja, mein erster Gedanke : Ist das scheußlich! :P Aber ich wollte standhaft bleiben und habe es bis zu Ende gehört. Es stellte sich ja dann auch raus, dass es nicht die ganze Zeit wie am Anfang (das Stück fand ich schon anstrengend) weiterging. Gerade der zweite Teil, wo so eine geheimnisvolle, ja fast schon mystisch-magische Athmosphäre aufgebaut wurde, hat mich in Bann geschlagen.

      Ancient Voices of Children
      Musikalisch hat mir das sogar sehr gefallen, aber der Vokalpart hat mich genervt. Als reines Instrumentalstück würde es mir wahrscheinlich besser gefallen. Beide Parts wirkten auf mich auch nicht sonderlich als homogenes Stück, ja den "Gesang" empfinde ich als Störfaktor.

      Makrokosmos

      mein absoluter Favorit, sehr, sehr, sehr faszinierendes Werk, das eine ganz eigentümliche Stimmung erzeugt. Es wirkt so natürlich und dabei doch so fern von allem. Ich würde gerne mal sehen, wie das auf der Bühne gespielt wird.

      Alles in allem bin ich unglaublich fasziniert von diesem Komponisten (obwohl ich absolut keine Ahnung von Numerologie habe), seine Werke sind spannend, anders und wirken trotzdem seltsam vertraut, Ich bin schon durch Crumbs Nacht gelaufen und habe mich dort wohl gefühlt.
      Vielen Dank, dass dieser Faden mich darauf aufmerksam gemacht hat.

      :juhu: :juhu: :juhu:
      "Allwissende! Urweltweise!
      Erda! Erda! Ewiges Weib!"
    • Edwin schrieb:

      Überhaupt ist "Black Angels - Thirteen Images from the Dark Land" ein Höhepunkt im Schaffen Crumbs und ein Meilenstein der Quartett-Literatur. Das Werk basiert auf der Numerologie, die Strukturen entwickelt Crumb aus den Zahlen 7 und 13. Dazu kommen Zitate und Anspielungen, etwa Schuberts "Tod und das Mädchen", Tartinis "Teufelstriller" und Beethovens "Les Adieux"-Sonate. Crumbs Musik kümmert sich dabei nicht um stilistische Reinheit, er läßt Atonales ebenso zu wie Tonales. Geistig ist das Werk, geschrieben laut Partitur "in tempore belli" (in einer Zeit des Krieges), eine Auseinandersetzung zwischen Kräften des Guten und des Bösen, und zwar in einem durchaus religiösen, sogar apokalyptischen Kontext.

      Succubus schrieb:

      Black Angels-Quartett
      Nun ja, mein erster Gedanke : Ist das scheußlich! :P Aber ich wollte standhaft bleiben und habe es bis zu Ende gehört. Es stellte sich ja dann auch raus, dass es nicht die ganze Zeit wie am Anfang (das Stück fand ich schon anstrengend) weiterging. Gerade der zweite Teil, wo so eine geheimnisvolle, ja fast schon mystisch-magische Athmosphäre aufgebaut wurde, hat mich in Bann geschlagen.
      Diese 5-6 Jahre alten Anmerkungen kombiniere ich mit einer aktuellen, aus dem neuen Faden zu Schuberts Streichquartett "Der Tod und das Mädchen":

      Zwielicht schrieb:

      Zudem ist das Quartett [scil. Schubert D810] ein Werk, das bis in die Moderne wirkt: z.B. in Becketts Hörspiel All that fall und als Zitat (und eigener Satz) in einem der großartigsten Werke moderner Quartettliteratur, "Black Angels" von George Crumb (hier mit Noten ab 6:15).
      Gibt's dazu CD-Empfehlungen?

      Von zwei Klavierkompositionen Crumbs finden sich (noch zu wenig gehörte) Aufnahmen bei mir, mit Steven Osborne (den ich auch sonst sehr schätze):

      Processional
      A Little Suite for Christmas, A.D. 1979



      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Gestern noch gehört:



      George Crumb:
      Black Angels – Thirteen Images from the Dark Land (1970)
      Kronos Quartet

      Mein Höreindruck:

      Unheimliche, teilweise schockierende Mystik mit ihren abrupt irisierenden plötzlichen Szenenwechseln zwischen elektrischen Insekten, verlorenen Glocken, Teufels- und Gottmusik, dunklen Engeln und seltsam verklärt harmonischen Pavane- und Sarabande-Abschnitten bestimmt das 1970 entstandene dreisätzige, beim Kronos Quartet (CD Elektra Nonesuch 7559-79242-2) 18:15 Minuten lange Streichquartett.. Die Mitglieder des Quartetts müssen (wie es Edwin weiter oben ja auch schon erwähnt) zusätzlich zu ihren Instrumenten auch Schlaginstrumente spielen sowie auch schon mal rufen und flüstern, und die Streichinstrumente sind elektronisch verstärkt. Die Komposition entstand als Reaktion auf den Vietnamkrieg. Die drei Sätze tragen Titel, und die Abschnitte innerhalb der Sätze sind auch betitelt. Dies alles vor Augen (im Booklet der Kronos Quartet Aufnahme mit genauen Sekundenangaben aufgelistet) erschließen sich Aufbau wie Inhalt recht einfach. Crumb lotet die Ausdrucksmöglichkeiten aufs Kontrastivste aus. Edwin verweist auch weiter oben auf Werke, die darin zitiert werden (Schubert, Tartini, Beethoven). Beim Hören die Detailtitel mitgelesen habend, habe ich es vielfach „ziemlich heavy“ um die Ohren gekriegt.

      1 Departure (fall from grace)
      Threnody I: Night of the Electric Insects
      Sounds of Bones and Flutes
      Lost Bells
      Devil-music
      Danse macabre

      2 Absence (spiritual annihilation)
      Pavana Lachrymae (hier wird Schuberts Quartett D 810 zitiert)
      Threnody II: Dark Angels!
      Sarabanda da la Muerte Oscura
      Lost Bells (Echo)

      3 Return (redemption)
      God-music
      Ancient Voices
      Ancient Voices (Echo)
      Threnody III: Night of the Electric Insects
      (darin: Sarabanda da la Muerte Oscura (Echo))

      Plastisch mystische Streichquartettmusik!
      Zur Info: Bis auf weiteres keine aktive Moderationstätigkeit meinerseits.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • 1970 hatte der amerikanische Komponist Crumb - Jahrgang 1929 - dieses Stück für elektrisch verstärktes Streichquartett unter dem Eindruck des Vietnamkrieges geschrieben und man hat den Eindruck, dass das Stück keinen Tag gealtert ist. Dreizehn kurze Bilder einer Seelenreise zusammengefasst zu drei "Sätzen" Departure, Absence und Return.

      "Night of the Electric Insects" heißen das erste und das letzte Bild, flirrende, sirrende Streicherklänge in höchster Lage und Intensität gespielt - todbringende Drohnen ist da die Assoziation, die uns heute sofort kommt. In seiner Mischung aus avantgardistischen Techniken und dem Rückgriff auf archaische Trauergesänge (Pavana Lachrymae, Zitat aus Schuberts Tod und das Mädchen) ist dies Stück ein Vorreiter dessen, was wir heute als Postmoderne zu bezeichnen pflegen. Vieles wird nur angedeutet und klingt wie von ferne, Erinnerungen an eine lang zurückliegende Zeit.

      U.a. mit dieser immer noch maßstabsetzenden Aufnahme hat das Kronos Quartett seinerzeit seinen Weltruhm begründet. Daneben gibt es mindestens fünf weitere Einspielungen im Katalog (Miro, Latinoamericano, Brodsky, Concord, Diotima), von welchem neueren avantgardistischen Streichquartett gibt es das schon?
    • Herzlichen Dank für Eure informativen Erläuterungen! Muß mal schauen, wo ich lande: Bei Black Angels ist die Auswahl in der Tat groß!

      Ein wenig liebäugle ich mit dieser Einspielung (Miró Quartet):



      Hier ist noch ein Liederzyklus mit dabei: Unto the Hills (komponiert 2002) mit Ann Crumb, Sopran (Tochter des Komponisten), dem Orchestra 2001, Ltg.: James Freeman

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Dann verweise ich für Black Angels auch hier nochmal auf den Youtube-Clip mit Partitur, deren Mitverfolgen allein schon wegen des Notenbildes, der Überschriften und der zahlreichen Vortragsanweisungen sehr erhellend ist. Es spielt das Stadler-Quartett:
      youtube.com/watch?v=44u71qJFh00

      Seit ich das Werk vor Jahren mal im Konzert gehört habe, liebe ich Crumbs Liedzyklus Apparition (1979) nach Gedichten von Walt Whitman. Präpariertes Klavier hört man ja öfter in der Moderne, aber nie so klangsinnlich wie hier. Und die melismatische Führung der Gesangslinie ist wunderschön. Es muss eine Freude sein, das zu singen. Zahlreiche Interpretationen auf Youtube (ich verlinke nur eine, die ich gut finde: youtube.com/watch?v=xq8V0Nk2CNc), aber auch eine erhältliche Version auf CD (mit Christine Schäfer, habe ich mir damals auf Empfehlung von Chris/Eifelplatz gekauft, sehr gut):



      :wink:
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Zwielicht schrieb:

      Dann verweise ich für Black Angels auch hier nochmal auf den Youtube-Clip mit Partitur, deren Mitverfolgen allein schon wegen des Notenbildes, der Überschriften und der zahlreichen Vortragsanweisungen sehr erhellend ist. Es spielt das Stadler-Quartett:
      youtube.com/watch?v=44u71qJFh00
      danke für den Link.. krasses Zeug das.
      aber schöne Klangfarben, schon in den "Sounds of Flutes and Bones", das klingt echt wie originale asiatische Flöten... oder die "Lost Bells"
      Nun ja, ich halte mich gern an dem fest, was mir irgendwie diatonisch reinläuft...
      Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
      daß Alles für Freuden erwacht


    • Metamorphoses (Book I)

      Hier handelt es sich um einen durchaus an Mussorgskys “Bilder einer Ausstellung” anknüpfenden Klavierzyklus, „Ten Fantasy-Pieces (after celebrated paintings)“, komponiert 2015 bis 2017 für teilweise präpariertes Klavier, und auch die Stimme kommt da hin und wieder zum Einsatz. George Crumb hat den Zyklus für die Pianistin Margaret Leng Tan komponiert, deren auf einem Steinway Flügel gespielte Aufführung vom 21.10.2017 bei den Donaueschinger Musiktagen kürzlich auf CD veröffentlicht wurde (CD mode 303).

      Hab´s so gehört:

      Der knapp über 40 Minuten lange Zyklus nimmt für jedes Stück eine (auch im Booklet zu findende) Bildvorlage und malt quasi eine musikalische Assoziation dazu. Atmosphärisch starke Klangbilder, teilweise impressionistisch, teilweise eben mit den unterschiedlich möglichen Klangwirkungen des präparierten Klaviers arbeitend, klangmalerisch pointiert, reihen sich aneinander. Gegenüber manchen Schockwirkungen die sich in Crumbs früheren Werken finden nimmt sich der Großteil hier aber altersmild kulinarisch aus.

      Nr. 1 Black Prince (Paul Klee) – doch eher unheimlich.
      Nr. 2 The Goldfish (Paul Klee) – ja, wie ein Goldfisch im Wasser.
      Nr. 3 Wheatfield with Crows (Vincent van Gogh) – beklemmend, unheimlich, mit “Krähenstimme” atmosphärisch verstärkt.
      Nr. 4 The Fiddler (Marc Chagall) – auch atmosphärisch stark.
      Nr. 5 Nocturne: Blue and Gold - Southampton Water (James McNeill Whistler) – ditto.
      Nr. 6 Perilous Night (Jasper Johns) – das Bild wurde durch ein Cage Klavierstück mit diesem Titel angeregt, insofern ein interessanter Bogen, Musik – Bild – Musik.
      Nr. 7 Clowns at Night (Marc Chagall) – mit Toy Piano, Poltergeist und Stimme.
      Nr. 8 Contes barbares (Paul Gauguin) – ein tahitianisches mystisches Dreipersonenstück, wieder mit Stimme.
      Nr. 9 The Persistence of Memory (Salvador Dali) – zitiert im offenen Klangfeld Mozarts Klarinettenkonzert, Beethovens Sonate op. 110 und Amazing Grace.
      Nr. 10 The Blue Rider (Wassily Kandinsky) – im Booklet vom Komponisten durchaus als Mit-Assoziation verdeutlicht: Erlkönig!

      Am eindringlichsten empfinde ich, wie Crumb das Kornfeld mit Krähen und die Clowns bei Nacht musikalisch ausleuchtet.
      Zur Info: Bis auf weiteres keine aktive Moderationstätigkeit meinerseits.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Auf George Crumb's Musik bin ich das erste Mal vor fast genau 10 Jahren in München gestoßen. Die Münchner Philharmoniker spielten das Werk "Star Child" von ihm und ich fand die Konzertankündigung so spannend, dass ich mir gleich eine Karte gekauft habe - ohne den Komponisten näher zu kennen. Vorwegnehmen muss ich, dass ich den Komponisten anschließend aus den Augen verloren habe (was nichts mit diesem Werk zu tun hat). Und dementsprechend vague ist auch meine Erinnerung an dieses Konzert.

      Sehr bewusst ist mir noch, dass sich dieses Werk im gesamten Raum abspielt und die Musiker dementsprechend zum Teil an verschiedenen Orten im großen Saal im Gasteig platziert waren. Die Musik war dann letztendlich doch mehr avantgardistisch als ich es erwartet hatte. Gut erinnere ich mich auch an ein Bild der Partitur von "Star Child", das diese außergewöhnliche und komplexe Musik bereits auf den ersten Blick sichtbar machte (Abbildung aus Wikipedia).

      Was mir auch noch sehr präsent ist: für nicht wenige Zuhörer (Abonnementen?), die sich anscheinend eher unvorbereitet in dieses Konzert verirrt hatten, verließen dieses zwischendurch und der ohnehin schwach besuchte Saal im Gasteig wurde noch leerer...

      Das einfach als kleinen nachgetragenen Konzertbericht... lange, lange ist's her.