Wagner: Lohengrin - Theater Freiburg, 21.1.2012

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    • Wagner: Lohengrin - Theater Freiburg, 21.1.2012

      Sage niemand, Freiburg sei ein Provinztheater im Südwesten - nicht erst seitdem das Haus in den letzten Jahren den kompletten "Ring des Nibelungen" in der Regie von Frank Hilbrich erarbeitet hat, ist deutlich, welches Potential in diesem Theater liegt. Am letzten Wochenende nun hatte der "Lohengrin" Premiere. Die Regie lag abermals bei Frank Hilbrich, es dirigierte wieder Fabrice Bollon, auch die Sänger waren fast alle bewährte Kräfte.

      Hilbrich zeigt eine sehr düstere Version des "Lohengrin". Das Bühnenbild (Stefan Heyne) ändert sich nur wenig, die Handlung ist in einer riesigen Bibliothek angesiedelt. Ähnlich wie bei der "Götterdämmerung" am gleichen Haus stehen die Papiermassen für das Gesicherte, die Geschichte, das Überkommene, das man mit sich herumschleppt. Folgerichtig untermauert Telramund jeden einzelnen Schritt seines Vortrags gegenüber dem König mit Dokumenten und gewichtigen Aktenordnern, die er dem zunehmend genervten König Heinrich unter die Nase hält. In der Weise, wie das Stück uns vorgeführt wird, hat Telramund (Neal Schwantes) die Akten und das Recht auf seiner Seite, nur dass eben bei Wagner die Rechthaber nie besonders sympathisch sind. Die auch äusserlich im ersten Akt derangiert wirkende Elsa (Christina Vasileva) steigert sich ganz wie in der Partitur vorgesehen in einen Erwartungsrausch hinein, der vom gewaltig auftrumpfenden Chor (Bernhard Moncado) unterstützt und verstärkt wird. Als Lohengrin (Christian Voigt) dann erscheint, steht der Chor am Bühnenrand und donnert bei "ein Wunder!" ein markerschütterndes Fortissimo ins Publikum. Der Kampf zwischen Lohengrin und Telramund besteht eigentlich nur darin, dass Lohengrin den Tisch mit Telramunds Akten umwirft und seinem Gegner eine Bibel über den Kopf schlägt - dem Volk reicht es, um "Sieg!" zu brüllen und das gespeicherte Wissen der Bibliothek zu verwüsten, Elsa genügt das ebenfalls. Bereits im ersten Akt überzeugt diese Deutung, dass Lohengrin als charismatische Gestalt sich jeder Nachfrage nach seinem Wesen und seiner Herkunft entziehen möchte und dass seine Legitimität sich auf Dauer kaum wird halten können.

      Im zweiten Akt wird die dramaturgische Anlage konsequent weitergeführt - der Chor stellt keine Fragen, sondern stellt seine Gefolgschaft aggressiv zur Schau. Die brabantischen Edlen werden auf üble Weise misshandelt, weil sie sich der neuen Ordnung nicht gleich fügen wollen. Viele Details zeigen, dass die Regie nie gegen die Musik arbeitet und eher illustriert, was das Orchester andeutet. Im dritten Akt dann halten sich Lohengrin und Elsa gegenseitig den Spiegel vor, und die Zweifel Elsas führen zur Frage nach Lohengrins "Nam' und Art". Offen bleibt, ob es an Ortruds und Telramunds Intrigen oder an Elsas eigenem Nachdenken liegt, dass sie Lohengrin doch kennen will. Lohengrin enthüllt seine Geschichte; ob die nun stimmt, kann auf der Bühne niemand nachprüfen. Aber die Autorität des Königs war seit Lohengrins Ankunft ohnehin dahin, Telramund ist tot, Lohengrin zieht sich zurück - auf der Bühne bricht Anarchie aus, eine wüste Gewaltorgie, die Ortruds letzte Ausbrüche begleitet, bevor auch sie von einem Choristen ermordet wird. Elsa hat nach Lohengrins Ankündigung, nun zu gehen, sich über Telramunds Leiche gebeugt: Sie verliert den Ehemann, aber auch den Ziehvater und steht vor dem Nichts, ebenso das ganze Land, denn der verwandelte Schwan ist ein totes Kind, wie Elsa selbst entdeckt, die sich ein letztes Mal ("mein Gatte, mein Gatte!") hilfesuchend an Lohengrin wendet, der sich ihr jedoch entzieht und sich den Weg durch die Leichenberge nach hinten bahnt. Das Stück endet also in einem düsteren Desaster.

      Stimmlich wirkte Christian Voigt manchmal etwas angestrengt, aber sein Timbre passt genau für diese Rolle. Christina Vasileva hätte genausogut Ortrud singen können, da sie über ein gewaltiges dramatisches Potential verfügt. Gleichzeitig ist sie aber zu zartesten Piani fähig. Man merkt ihr sprachlich ihre Herkunft sehr deutlich an, aber vor allem im ersten Akt artikulierte sie doch sehr deutlich und klar. Von ihrer Stimme her eine ungeheure Bereicherung für dieses Haus und dieses Stück, denn hier ist Elsa für einmal kein naives Häschen. Jin Seok Lee sang einen kraftvollen König Heinrich, dessen Donnern doch nicht verdecken kann, dass er über keine Macht verfügt. Neal Schwantes war im ersten Akt noch etwas belegt, im zweiten Akt dann frei und zeigte überzeugend einen alten, stolzen Adligen, der sich keiner Schuld bewusst ist und nicht einsieht, weshalb er nun im Unrecht stehen soll. Sigrun Schell hatte im Ring bislang Sieglinde und Gutrune gesungen, ist nun aber ins dramatische Fach eingestiegen - und mit Erfolg. Ihre Szene mit Elsa im zweiten Akt war einer der vielen Höhepunkte dieses grossen Abends. Fabrice Bollon brachte das Orchester hier mit berückendem Legato förmlich zum Blühen. Sonst zeigte er viele Facetten der Partitur, nicht zuletzt die blechernde Brutalität, die immer wieder den Chor und die Verwandlungsmusik im dritten Akt begleitet.

      Das Publikum dankte es dem gesamten Team mit langem, intensiven Jubel. Kurzum, in Bayreuth habe ich schon musikalisch weit weniger hochwertige Abende erlebt. Einen szenisch so aufregenden Abend wie diesen habe ich hingegen ausserhalb Freiburgs fast noch nie erlebt!

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Sintolt der Hegeling ()