VERDI: Aida – Bayerische Staatsoper München, 8.6.2009 (Premiere)

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    • VERDI: Aida – Bayerische Staatsoper München, 8.6.2009 (Premiere)

      So. Dann versuchen der Apfel und die Amsel sich mal an ihrer ersten gemeinsamen Premierenbesprechung. Eine Ehe muss so etwas aushalten :D

      Musikalische Leitung
      Daniele Gatti
      Inszenierung Christof Nel
      Bühne Jens Kilian
      Kostüme Ilse Welter-Fuchs
      Licht Olaf Winter
      Choreographie Valentí Rocamora i Torà

      Amneris Ekaterina Gubanova
      Aida Kristin Lewis
      Radamès Salvatore Licitra
      Ramphis Giacomo Prestia
      Amonasro Marco Vratogna
      Der König Christian Van Horn
      Ein Bote Kenneth Roberson
      Eine Priesterin Angela Brower

      Das Konzept dieser Aida-Inszenierung vorab kurz zusammengefasst: Eine schwarz gewandete Priesterkaste beherrscht König und Volk. Letzteres tritt bei den von Ramphis und seinen Mannen inszenierten Massenveranstaltungen meist als dummer Jubelchor in Erscheinung und lässt sich nach belieben manipulieren. Die wirksamsten Mittel zur Sicherung der Priesterherrschaft sind Kriegsvorbereitungen, Kriege und Siegesfeiern. Vor diesem Hintergrund spielt die Geschichte um den Feldherren Radamès, die Königstochter Amneris und die Sklavin Aida und wird im wesentlichen am Text entlang inszeniert. So hat denn auch die Inszenierung in den außerordentlich präzise choreographierten Massenszenen ihre stärksten Momente, während die Einzel- und Ensembleszenen seltsam blass bleiben. Was allerdings auch damit zusammenhängt, dass dem Regisseur für die Hauptrollen mit Ausnahme von Kristin Lewis leider nur sehr schwache Darsteller zur Verfügung standen.

      Nach dem Orchestervorspiel verkündet Oberpriester Ramphis den mit Rüstung und Schwert aufgereihten Elitesoldaten den Überfall durch die äthiopischen Nachbarn. Die Göttin Isis wird den Feldherren bestimmen, der die ägyptischen Truppen in die Schlacht führen soll. Sie hat eine Vorliebe für Tenöre und wird treffsicher den dicksten unter den aufgereihten Kandidaten küren :stumm: ... Durch Ramphis' Körpersprache und direktes Ansprechen von Radamès wird allen klar, wer der Auserwählte sein wird. Während Radamès in Vorfreude auf seinen Triumph schwelgt, lassen im Hintergrund die anderen Soldaten ihren Frust an den in dunklen Ecken zusammengekauerten Sklavinnen aus, mit denen sie offensichtlich machen können, was sie wollen.

      Die Bühne dreht sich und die Szene blendet damit um in die Gemächer der Amneris, die gleich von einem halben Dutzend Sklavinnen umsorgt wird. Amneris liebt Radamès. Sie beobachtet, wie Radamès die Sklavin Aida vor den Nachstellungen der Soldaten schützt und beschließt, die Sklavin zu ihrer Dienerin zu machen, um aus der Nähe ihren Verdacht prüfen zu können, dass Radamès eine heimliche Beziehung zu Aida unterhält.

      Auftritt König mit Gefolge sowie Ramphis mit seinen Priestern. Der schwarze Block der Priester kontrolliert das Geschehen, der König wirkt willenlos wie eine Marionette. Die Priester treiben einen Boten herein, der wunschgemäß den Überfall durch die Äthiopier bestätigt. Die Strategie geht auf, das Volk jubelt kriegstrunken dem neuernannten Feldherren Radamès zu. Alle ab, bis auf Aida. Solo-Szene und Romanze.

      Während Aida nach rechts hinten abgeht, erklingt vom links aus dem Hintergrund der Gesang der Priesterin aus dem Tempel: Die Zeremonie zur Weihe der Waffen hat begonnen. Die Bühne dreht sich und das innere des Tempels wird sichtbar. Und hörbar: Dieses akustische "Aufblenden" der Musik ist ein sehr schön gedachter Effekt, der später beim Triumphmarsch im 2. Akt ein zweites Mal verwendet werden wird. Während der von Gesängen und Tänzen begleiteten Zeremonie werden die Schwerter der Soldaten mit dem Blut eines Menschenopfers benetzt und geweiht. Die Priester ziehen alle Register... Ende Akt 1.

      Die Bühne: Schwer zu beschreiben. Ein um seine Mittelachse drehbares Quadrat, auf dem sich eine Reihe von verschiebbaren Aufbauten befinden. Durch Drehen der Bühne und Verschieben dieser Aufbauten ergeben sich immer neue Kombinationen von Innen- und Außenräumen, die ägyptischen Monumentalbauten nachempfunden sind, allerdings stark stilisiert. Die Bauten sind einheitlich grau gehalten, zusammen mit der Lichtregie gelingt es bei der dauernden Konstruktion neuer Räume dennoch unterschiedliche Stimmungen zu erzeugen. Seinen großen Auftritt hat das drehbare Bühnenbild bei der Siegesfeier im 2. Akt. Leider stört an einigen musikalisch leiseren Stellen das Knirschen beim Drehen der Plattform. Farblich ist die gesamte Bühne eher monochrom: Grau die Wände, schwarz die Priester, weiß das Volk, goldener Schmuck hier und da. Die Sklaven sind durch farbige Kostüme als "Fremde" klar erkennbar.

      Kein Vorhang zwischen 1. und 2. Akt. Zu Beginn des 2. Aktes sind wir wieder in den Gemächern de Amneris. Mit ihren Gespielinnen lässt sie sich von tanzenden Sklavinnen unterhalten. Aida bringt das Gewand, das Amneris bei den anstehenden Siegesfeierlichkeiten tragen soll. Etwas redundant der Einfall, ein Bild von Radamès mit dem Gesicht zur Wand aufzuhängen. Amneris wird das Bild während der folgenden Szene Aida entgegenhalten, damit die auch wirklich versteht, dass Amneris ihre Konkurrentin um die Gunst Radamès' ist.

      Die anschließende Siegesfeier der Ägypter ist die am virtuosesten inszenierte Szene des Abends. Da ist zunächst die ausdrucksstarke Dynamik zwischen den verschiedenen Gruppen auf der Bühne, der massive Block der schwarzen Priester erscheint mächtig und bedrohlich, die ägyptischen Soldaten fanatisiert, das Volk, ganz in weiß, ist aufgeteilt in verschiedene Jubel-Gruppen, dazu Kriegsgefangene und verschleppte Frauen. In der Ballettszene ist die Bühne quasi der Hauptdarsteller: Sie dreht sich während der ganzen Szene ununterbrochen, durch Neugruppierung der Aufbauten öffnen sich immer neue Bilder, in denen die Ballettszenen getanzt werden. Es entsteht dadurch eine wie im Film geschnittene Folge von Einstellungen, in denen abwechselnd Kriegsszenen, die Verschleppung von Sklavinnen und jubelnde Ägypter tänzerisch dargestellt werden. Wie ein Schlafwandler schreitet Radamès durch die Szenen. Nachdem die Gefangenen in der Bühnenmitte buchstäblich aufgestapelt wurden, stürzen sich die Priester mit Dolchen bewaffnet auf sie. Der Massenmord wird durch Radamès' Gnadengesuch verhindert. Als der König kurz der Kontrolle seines Oberpriesters entgleitet und Gnade gewährt, und auch das Volk plötzlich in seinem Mitleid den Hassgesängen der Priester die Stirn bietet, gruppiert dich der Chor neu. Ein kleine Bewegung genügt, und die bisher optisch dominierende schwarze Gruppe sieht sich umzingelt. Für einen Augenblick scheint es, die Machtverhältnisse könnten kippen. Aber die Hoffnung trügt, Ramphis kann die ursprünglichen Machtverhältnisse wiederherstellen. Die Gefangenen werden freigelassen, bis auf Aida und ihren Vater, den König Amonasro, der als einfacher Soldat verkleidet unter den Gefangenen war. Warum ausgerechnet diese beiden gefangen bleiben, ist auch weiterhin ein Geheimnis der Librettisten...

      3. Akt. Die intimeren Szenen waren wie gesagt eher nichtssagend inszeniert, daher ist über den 3. Akt wenig zu berichten. Schade eigentlich, ist das doch der schönste Akt der Oper. Die Regie hangelt sich am Text entlang, die Sänger spielen mal mehr, mal weniger. Manches wirkt recht unmotiviert: Warum z.B. der lauschende Amonasro während der Szene zwischen Aida und Radamès permanent sein Versteck von der linken Säule zum rechten Türvorsprung und zurück wechselt, hat sich uns einfach nicht erschlossen. Eine Regie-Idee gibt’s dann doch noch: Nach der Entdeckung durch die Priester zaubert Amonasro ein im Schuh verstecktes Messer hervor, das er im Kampf verliert. Offenbar durchsuchen die Ägypter ihre Gefangenen nicht besonders gründlich. Aida nimmt das Messer an sich und wird sich damit im Finale die Pulsadern aufschneiden. Erkenntnisgewinn? Unbekannt.

      4. Akt. Amneris fängt die Wachen ab, die Radamès zur Verhandlung bringen sollen. Während ihres letzten Gesprächs treffen die Priester ein, die über den Verräter richten sollen. Jeder von ihnen ist mit einer Ledertasche ausgestattet, aus der Kapuzen entnommen werden. Die Richter setzen die Kapuzen auf und betreten die Halle, in der die Verhandlung stattfinden wird. Auch diese Regie-Einfälle erscheinen uns nicht wirklich zwingend: Zum bisherigen Auftreten der Priesterkaste hätte ein großer, öffentlicher Schauprozess besser gepasst. Die Priester haben es weder nötig, sich hinter bürokratischen Zwängen zu verstecken (Ledertasche), noch müssen sie ihre Gesichter verbergen. Der Prozess findet übrigens in dem Raum statt, in dem Radamès eingemauert werden wird – könnte als Hinweis gewertet werden, dass das Urteil ohnehin schon feststeht. Während der Vernehmung treiben Ramphis und die Priester Radamès buchstäblich vor sich her, die halb im Dunkeln stehenden Priester wirken wieder wie eine erbarmungslose dunkle Kraft, vor der es kein Entkommen wird. Die Inszenierung wird immer dann spannend, wenn Massen auf der Bühne zu choreographieren sind.

      Nach der Verurteilung verlassen die Priester den Raum. Die rebellierende Amneris wird von Priestern abgeführt - erst Mal eine gute Idee: Sogar die Königstochter ist vor den Schwarzen nicht sicher. Irgendjemandem fällt aber ein, dass Amneris am Ende noch ein Paar Zeilen zu singen hat. Die Priester-Wachen lassen sie also los, damit sie sich (mit dem Bild von Radamès) am Bühnenrand für ihren letzten Auftritt bereithalten kann. Am Ende also keine wirklich überzeugende Szene. Die Bühne dreht sich und blendet über in das Grab, in dem Radamès eingemauert wurde. Ein von unten beleuchteter Boden, ganz ohne sichtbare Mauern nun - die denkt man sich im Hintergrund unwillkürlich dazu. In dem Raum steht Aida, mit aufgeschnittenen Pulsadern in zwei großen Blutlachen. Was immerhin den Effekt hat, dass wir zum ersten Mal verstehen, warum Aida in dieser Szene so schnell stirbt... Während des Finales nähert sich aus dem Dunklen langsam eine große Gruppe von schwarzen Gestalten, die am Ende das Grab von 3 Seiten eng umschließt und gewissermaßen eine menschliche Mauer bildet - zum Schluss also wieder ein starkes Bild.

      Insgesamt also ein zwiespältiger Eindruck. Die Inszenierung ist sicher kein großer Wurf und erlaubt sich auch das ein oder andere überflüssige Mätzchen. Die Einzel- und Ensembleszenen sind irgendwo unbefriedigend - bessere Darsteller könnten das vermutlich rausreißen. Auf der Positivseite aber die großartig inszenierten Massenszenen. Für die lohnt sich der Besuch allemal.

      Musikalisch war die Aufführung weder richtig gut, noch richtig schlecht. Die erheblichen Buhrufe gegen Gatti konnten wir nicht wirklich nachvollziehen, auch wenn keiner von uns sonst kein Gatti-Fan ist. Zwar war er sich mit Radamès nicht immer im Tempo einig und hin- und wieder stockte die Musik aus unerklärlichen Gründen. Aber es gelangen ihm auch schöne leise Momente. Eher verhalten klang der Triumph-Marsch, was aber durchaus zur Inszenierung passte und uns beiden ohnehin viel besser gefällt.

      Kristin Lewis bot darstellerisch vermutlich die beste Leistung am Premierenabend. Stimmlich hatte sie auch schöne Momente (z.B. am Schluss), aber es gab auch immer wieder intonations-unsichere und verwackelte Stellen (z.B. ihre Arie im dritten Akt). Hier muss man vielleicht aber auch die besondere Nervosität des Premierenabends zugute halten, sie war wohl während der Generalprobe noch krank.
      Licitra hat in der Mittellage eine sehr schöne Stimme, aber in den Höhen wird es doch oft eng. Insgesamt war er uns auch zu ausdruckslos (als Darsteller und als Sänger). Ähnliches gilt auch für Gubanova Amneris, die natürlich Fortestellen ausreichend laut singen kann, aber insgesamt wenig Ausdruck hat. Auch sie fanden wir allerdings im letzten Akt am besten.

      Star des Abends war aber einmal mehr der Chor der Staatsoper - grandios gesungen und gespielt.

      Viele Grüße
      Michel&Melanie
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • Na, das war doch ein hervorragender Anfang......

      Ungeachtet dessen, dass ich den Bericht wirklich sehr gut und vor allem anschaulich finde, gebührt Dir allein für diesen Satz

      Sie hat eine Vorliebe für Tenöre und wird treffsicher den dicksten unter den aufgereihten Kandidaten küren :stumm:


      ein :juhu: und :thumbsup:

      LG
      Rosenkavalier
      Ich glaube, dass es in jedem Sänger einen einzigen, reinen und kleinen Ton gibt, welcher der wahre Ton der Stimme ist, und was immer man tut und wie man auch seine Stimme auf diesen Ton aufbaut, man muss zu ihm zurückkehren können, sonst ist es aus. (Agnes Baltsa)
    • Hallo Le Merle Bleu,
      danke für den ausführlichen und anschaulichen Bericht.
      Ein paar meiner Gedanken dazu, denn ich empfand diese Aida insgesamt enttäuschend.
      Es war wie will und kann nicht.
      Die Absicht war zu entstauben, die kammermusikalischen Aspekte herauszustellen, die Beziehungen zwischen Menschen in einer Welt von Gewalt und Unterdrückung darzustellen.
      Es hat einen aber nicht gepackt, wie man so sagt.
      Mit dem Bühnenbild und der sich immer wieder verändernden Drehbühne kann man sich gut anfreunden. Es ist ein eher zeitlos wirkendes Ambiente mit sich stets fließend verändernden Perspektiven, die uns gleichsam mit dem Geschehen mitgehen lassen und -teilweise auch musikalisch reizvoll- den Zuschauer wie in der Realität allmählich an den Schauplatz führen. Schwieriger wird es schon bei den Kostümen. Die Bösen sind schwarz, die Krieger und das Volk weiß und silber, Königs und Oberschicht erhalten noch etwas Gold. Die "Anderen" sind grau und schmutzig bunt. Es gibt Helme, jede Menge Schwerter, ein paar weiße Fahnen und Blumen. Der Pharao muß natürlich überhöht werden- auch die Tochter- und sieht aus wie Echnaton mit goldener Nofretete-Mütze auf Goldstelzen. Das ist mir alles zu plakativ und wirkt eher hilflos aufgesetz. Genauso wirkt die Inszenierung. Sklavinnen kreuchen gebückt herum, werden immer wieder mal zu Schlimmerem weggezerrt, irgendwo wird ein lebloser Körper mal eben abgelegt, ein paar Wächter blicken forschend aus einer Nische, die Soldaten tanzen einen Säbeltanz, ein abgedroschenes Opferritual weiht die Schwerter. Peinlich substanzlos.
      So ist die Wirklichkeit nicht. Die ist viel härter.
      Auch die Personenregie ist nicht das, was das Konzept eigentlich will. Da wird einfach zuviel rampenmäßig herumgestanden und Radames ballt schon mal die Faust, Amneris reckt verzweifelt die Hände gen Himmel, Aida hält sich die Ohren zu und windet sich. Wo ist die Rivalität zwischen den Frauen, wo die bedingungslose Liebe bei Feldherr und Sklavin? Wo spürt man die Konflikte?
      Auch musikalisch war es nicht überzeugend.
      Die Feinheiten werden herausgearbeitet, kommen aber nicht durch. Die Sänger werden zum Forcieren angeregt.
      Wie es gehen kann, zeigt die hervorragende Einspringerin Angela Brower als Priesterin.
      Christian Van Horn als König ist auch stimmlich eher der schmale Echnaton, die Tiefe ist leicht im Ungefähren, Giacomo Prestia's Ramphis fehlt die Autorität. Der Amonasro von Marco Vratogna ist ein wahrlich besiegter und geschlagener Mann. Salvatore Licitra, der Radames vom Dienst, stemmt sich durch, bei seiner Eingangsarie wird einem Angst und Bange, wie das weitergehen soll, dass es eine schwere Partie ist, wird einem jeden Augenblick bewusst. Kristin Lewis wird in die Aida hineinwachsen, jetzt fehlt es an der Phrasierung und dem Legato, Dramatik ist nicht laut, sondern intensiv. Stimmlich am besten war noch Ekaterina Gubanova's Amneris. Sie braucht jedoch noch mehr Tiefe und Mitte, um die Rolle voll auszufüllen.
      Der Chor verdient Lob.
      Die Buhs waren nicht unverdient.
      Traurig aber wahr.

      Gruss
      isarwinkler
    • Rosenkavalier schrieb:

      Na, das war doch ein hervorragender Anfang......

      Ungeachtet dessen, dass ich den Bericht wirklich sehr gut und vor allem anschaulich finde, gebührt Dir allein für diesen Satz

      Sie hat eine Vorliebe für Tenöre und wird treffsicher den dicksten unter den aufgereihten Kandidaten küren :stumm:


      ein :juhu: und :thumbsup:

      LG
      Rosenkavalier


      Liebe Rosenkavalier,

      man muss jetzt aber fairerweise dazusagen, dass die 6 Konkurrenten Tänzer waren, was den Eindruck natürlich verstärkt hat (was man aber auch erst später kapiert hat). Aber in der Vorstellung konnte ich mir ein breites Grinsen wirklich nicht verkneifen :D

      Viele Grüße,

      Melanie
      With music I know happiness (Kurtág)
    • Lieber Isarwinkler,

      ich glaube wir kommen, trotz Detailunterschiede eigentlich zu derselben Einschätzung: Die Aufführung war eher lau. Das ist womöglich eine schlimmere Kritik als eine Aufführung wirklich schlecht zu nennen, wenn z.B. eine neue Sicht gewagt wurde, aber das Team gescheitert ist.

      Bist Du häufiger in der Münchner Oper?

      Viele Grüße,

      Melanie

      PS: Schöner Avatar, übrigens :wink:
      With music I know happiness (Kurtág)
    • Hallo Isarwinkler,

      Schön, dass wir nicht die einzigen Capriccios in der Vorstellung waren :) . So sehr unterschiedlich haben wir die Vorstellung gar nicht wahrgenommen, glaube ich. Es wahr halt insgesamt nicht toll, aber auch nicht wirklich buh-würdig. Du hast natürlich recht, dass man die Kostüme etwas plakativ nennen kann, ich fand aber, dass die klare Zuordnung der Farben die geschilderte Dynamik der Massenszenen erst möglich machte. Wir saßen allerdings in der Galerie und hatten von oben den vollen Überblick, und ich habe mir schon während der Vorstellung die Frage gestellt, was davon eigentlich aus dem Parkett zu sehen ist. Wo hast Du gesessen, wenn man fragen darf?

      Michel
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • Hallo Michel, Hallo Melanie.

      Hier sind wohl mehr BSO-ler unterwegs als man denkt.

      Bin erst seit einem Jahr wieder in der Münchner Gegend.
      Inzwischen aber wieder eingefleischter "Galerist" bestimmt einmal pro Woche.

      Auch wenn es vielleicht anders klingt, ich bin kein "Nörgler".
      Man sollte auch immer die andere Seite im Blick haben.
      Lieber pro Künstler als Besserwisser.

      Wir können ja zukünftig ein Capriccio- Button als Erkennungszeichen tragen. :D :pfeif:

      isarwinkler
    • isarwinkler schrieb:

      Wir können ja zukünftig ein Capriccio- Button als Erkennungszeichen tragen. :D :pfeif:

      isarwinkler
      Och, wenn wir uns alle so verkleiden, dass wir unseren Avatars möglichst ähnlich werden, dann erkennen wir uns schon ;)

      Als Nörgelei ist hier übrigens nichts angekommen. Ich bin ja hier, um mich mit Leuten anderer Meinung auszutauschen. Sonst könnte ich ja die ganze Zeit Selbstgespräche führen. 8)

      So. Letzter Beitrag für heute. Gute Nacht. :wink:

      Michel
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • Liebe MMMs und liebe Isarwinkler,

      nach einem langen Tag habe ich mich jetzt total über Eure Rezensionen der Aida gefreut (tausend Dank) und hatte einige Aha-Momente, denn manches nicht mehr in Erinnerung oder wirklich nicht wahrgenommen (das umgedrehte Bild z.B.) Ich bewundere sowieso immer jeden, der nach dem ersten Mal das Bühnengeschehen so sagenhaft gut und detailliert aufschreiben kann. Werde meinem Mann auf jeden Fall alles kopieren, denn er ist ein Aida-Fan, seit er mal bei einer Aufführung im Chor mitwirken durfte. Nachdem ich keiner bin (der Schock einer Aufführung in Oberammergau steckt mir noch in den Gliedern), hatte ich es völlig übersehen, dafür Karten zu besorgen :hide:

      Total überraschend bekam ich dann aber am Freitag Nachmittag eine Generalprobenkarte angeboten (Balkon Mitte, wo ich noch nie in meinem Leben saß) und allein dieser Platz stimmte mich schon sehr gnädig mit dem Geschehen oder Nichtgeschehen auf der Bühne oder im Orchestergraben.

      Bei uns kam dann Herr Bachler auf die Bühne und kündigte an, dass Kristin Lewis eine Stimmbandentzündung hat und nur spielen könnte (für meine Begriffe wirklich gut) und vom li. Rand mit verhülltem Pult gesungen wird. Leider habe ich mir den Namen der Sängerin nicht gemerkt und ihn auch noch nicht herausfinden können. Sie gefiel mir sehr, obwohl sie dem Dirigenten offensichtlich nicht laut genug war. Es wurde beobachtet, dass er die Hand ans Ohr hielt und in ihre Richtung sah. Sie gestaltete die Partie sehr lyrisch und das gefiel mir eben gerade ausgesprochen gut. Ich hörte Frau Lewis dann am Rundfunk und kam mit ihrer Stimme, aus den schon beschriebenen Gründen nicht so klar. Über Herrn Licitra sage ich lieber nichts, denn nach Celeste Aida sah man nur entsetzte Gesichter und vielleicht 5 Hände bewegten sich. Da war die Steigerung seiner stimmlichen Qualitäten in der Premiere sicher 100 % und ich vernahm sogar Bravorufe. Ansonsten konnte ich mich in keine Stimme verlieben (eine Freundin war heute z.B. noch völlig verzückt von den Protagonisten der Traviata gestern Abend) und das passierte wohl kaum jemandem bei Aida.

      Da ich ja ein Ballettfan bin, interessierten mich diese Szenen sehr, aber wie eben der Ballettmeister am Samstag (Tag der offenen Tür im Probenhaus) erzählte, wären viele Teile, der vormals wirklich guten Choreographie, gestrichen worden und auf der Drehbühne tanzten sie dann auch noch oft auf der Rückseite. Er war also richtig sauer, aber ich fand diese Balletteinlagen trotzdem interessant, da sich wenigstens mal etwas mehr bewegte. Die Vergewaltigungsszenen wurden auch nicht zu drastisch dargestellt, obwohl man natürlich wußte, was gemeint war. (Bei Bieito ging es da schon mehr zur Sache ;) )
      Es könnte sein, dass ich das schon an "falscher" Stelle berichtet hatte, aber jetzt lasse ich es hier trotzdem stehen ?(

      Ob ich nächstes Jahr tatsächlich noch einmal in diese Aida gehen werde, steht in den Sternen.

      Wünsche allen eine gute Nacht und nochmals vielen Dank
      :wink: Ingrid

      PS. Habe zwar schon ein Gruberova-Button, aber eins von Cappricio würde ich wahrscheinlich noch öfter anstecken :D
    • Ingrid schrieb:


      Da ich ja ein Ballettfan bin, interessierten mich diese Szenen sehr, aber wie eben der Ballettmeister am Samstag (Tag der offenen Tür im Probenhaus) erzählte, wären viele Teile, der vormals wirklich guten Choreographie, gestrichen worden und auf der Drehbühne tanzten sie dann auch noch oft auf der Rückseite. Er war also richtig sauer, aber ich fand diese Balletteinlagen trotzdem interessant, da sich wenigstens mal etwas mehr bewegte. Die Vergewaltigungsszenen wurden auch nicht zu drastisch dargestellt, obwohl man natürlich wußte, was gemeint war. (Bei Bieito ging es da schon mehr zur Sache ;) ) (Bin mir jetzt auch nicht mehr sicher, ob ich das nicht schon an "falscher" Stelle berichtet hatte, aber jetzt lasse ich es hier trotzdem stehen).

      Ob ich nächstes Jahr tatsächlich noch einmal in diese Aida gehen werde, steht in den Sternen.

      Wünsche allen eine gute Nacht und nochmals vielen Dank
      :wink: Ingrid

      PS. Habe zwar schon ein Gruberova-Button, aber eins von Cappricio würde ich wahrscheinlich noch öfter anstecken :D

      Liebe Ingrid,

      hat der Ballettmeister auch erzählt, warum die Choreaoraphie so beschnitten wurde? Und von wem? Nel oder Bachler?

      Eigentlich kann ich mir nicht vorstellen, dass eine Entschärfung notwendig gewesen wäre. Das Endergebnis war ja doch recht harmlos. Der Unterschied zwischen einer wirklich heftigen Choreografie und dem Endergebnis wäre durch kleine Änderung ja eher nicht möglich?

      Ich fand übrigens wie Du, dass die Massenszenen mit Ballett immer noch recht gelungen waren, gerade auch die Mischung von Chor und Ballettänzern in den Szenen. Sonst kenne ich eher eine strikte Trennung der Art: Ballett vorne und Chor hinten, oder Ballett in der Mitte und Chor an der Seite oder ähnliches.

      Schade, es wäre sicher interessant gewesen, die Original-Choreographie zu sehen.

      Viele Grüße,

      Melanie
      With music I know happiness (Kurtág)
    • mela schrieb:

      [quote='Ingrid',index.php?
      hat der Ballettmeister auch erzählt, warum die Choreaoraphie so beschnitten wurde? Und von wem? Nel oder Bachler?
      Melanie[/quote]

      Liebe Melanie,

      da ja Ballettprobe war, konnte der Ballettmeister natürlich nicht so ausführlich werden, obwohl er sehr Lust drauf hatte, denn er ist fast geplatzt ;) . Meine aber, er sprach bei den Kürzungen von der Regie. Bachler wurde sicher nicht erwähnt.

      :wink: Ingrid
    • Ingrid schrieb:

      der Schock einer Aufführung in Oberammergau steckt mir noch in den Gliedern
      Oh, das tut mit aber leid. Hat es sehr weh getan? :troest:
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • Dann geselle ich mich auch mal zu dem Club der BSO-Besucher mit Capriccio-Button, auch wenn ich aufgrund der großen Entfernung nicht mehr so häufig in den Genuss komme. :( Mein Dank geht an Apfel und Amsel für den schönen Premierenbericht, der wirklich der erste ist, der mir eine Vorstellung von dieser Inszenierung vermittelt. :juhu: Bisher habe ich nur Rezensionen über die Aida gelesen, die vorgefertigte Versatzstücke aus der Regiediskussion kombinieren und die Aufgabe, eine Inszenierung erstmal zu beschreiben, schmählich vernachlässigen. Auch Eure Einschätzung des Gatti-Dirigats finde ich interessant, da gehen die Meinungen ja sehr auseinander (ich konnte die Premiere auch nicht am Radio verfolgen).

      Wahrscheinlich war also meine nach längerem Zögern gefällte Entscheidung doch richtig, nicht in diese Aida zu gehen...


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • hallo, müchnerInnen und hinreisende,

      lokal betrachtet, müsste ich mich dort eigentlich auch mal blicken lassen, aber ich komme einfach nicht dazu. ausserdem arbeite ich mit einem pianisten von dort, der mir immer berichtet, was so los ist mit den produktionen (natürlich keine interna).

      aber wer weiß, vielleicht gehe ich doch mal auf capricciosi - pirsch :) und scheibe dann auch was, wenn das wieder richtig geht.

      liebe merle, toller bericht :klatsch:

      lg
      :wink:
      ulrica
      Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren (Bert Brecht)
    • [quote='Le Merle Bleu',
      Oh, das tut mit aber leid. Hat es sehr weh getan?:troest:
      [/quote]


      na ja, wenn einem soz. ein Kamel auf die Zehen steigt (und da liefen mehr als genug davon herum), dann hält der Schmerz länger an ;) Wäre ich nur damals schon so nett getröstet worden :D
      :wink: Ingrid
    • Auch von mir noch ein paar Worte zur Aida (ich war am Sonntag, den 14.06.). Da Michel und Melanie die Inszenierung schon so wunderbar beschrieben haben, kann ich mich ganz auf die musikalische Seite konzentrieren.

      Ich war sehr gespannt auf Daniele Gatti. Viel Kritik gab es für seinen Parsifal in Bayreuth, Buhs für Don Carlo an der Scala und jetzt in der Premiere auch für seine Aida an der BSO. Andererseits ist er einer der Lieblingsdirigenten der Wiener Philharmoniker, sicher kein Orchester, das dafür bekannt ist, dass es auf den erstbesten Scharlatan herein fällt. Ich hatte das Glück einen Platz mit schöner Sicht in den Graben zu haben, und da auf der Bühne so rein gar nichts passierte, hatte ich auch viel Zeit, Maestro Gatti und das Orchester zu beobachten.

      Und was da zu sehen und zu hören war, war sehr beeindruckend. Daniele Gatti (ohne Partitur dirigierend) ist sicher einer der technisch besten Dirigenten, die in den letzten Jahren an der BSO zu erleben waren. Er war jederzeit Herr der Lage, atmete wunderbar mit allen Beteiligten, hatte auch die Koordination zwischen Bühne (Chor) und Graben sehr gut im Griff. Nur die Solisten wollten oder konnten ihm nicht immer ganz folgen, obwohl er sich größte Mühe gab und ständig den Kontakt zu den Sängern suchte. Er zeigt wirklich die Musik an (schlägt nicht nur den Takt oder macht irgendeine Show fürs Publikum). Dabei ist er in seinen Gesten absolut klar und immer verständlich. Sein Draht zum Staatsorchester scheint schon recht gut und auch sehr herzlich zu sein (was auch bei Gattis Dank an die Musiker am Ende zu sehen war). Auf jeden Fall erlebt man das Staatsorchester nicht jeden Tag so engagiert und so willig, dem Dirigenten zu folgen.

      Aber entscheidend ist natürlich die Interpretation, nicht die technische Seite des Dirigats. Ich fand Daniele Gattis Version ungeheuer nah an dem, was Verdi geschrieben hat. Ein Blick in den Klavierauszug zeigt, dass Verdi fast nur extreme Dynamik vorschreibt. Nur selten steht da Mezzoforte, dafür fast immer entweder pp (und, auch nicht selten ppp, oder sogar pppp) oder aber, wenn es laut wird, dann gleich ff (oder fff). Das alles wurde ungeheuer genau ausmusiziert (leider aber nicht von den Sängern). Konsequent verweigert Daniele Gatti den üblichen breiten Verdisound mit satten, schmelzenden Streichern und Dauerespressivo. Und auch weitgehend das, was man wohl Brio nennt. Stattdessen gibt es einen ganz differenzierten Klang, der immer genauestens ausbalanciert ist und zu einem sehr geschlossenen, aber trotzdem gut durchhörbarem Gesamtklang verschmilzt (keine Gruppe sticht heraus, Gatti greift immer wieder mal korrierend und mit sofort hörbarer Änderung in die Balance ein). Es wird fein und mit subtilem Rubato gespielt. Daniele Gatti schert sich nicht viel um die Tradition (Fermaten auf jedem Spitzenton gibt es nicht), sondern nur um die Partitur (ähnlich wie Nikolaus Harnoncourt in seiner wunderbaren Aufnahme). Besonders die leisen Stellen sind ungeheuer schön gespielt. Aber es wird totzdem leidernschaftlich musiziert, es gibt auch genug Dramtatik. Allerdings läuft Daniele Gatti manchmal Gefahr, sich etwas zu verzetteln. Dann wird es ein bisschen gewollt und der natürliche Fluss der Musik geht verloren. Aber das bleibt die Ausnahme.

      Ich hatte auch den Eindruck, dass Daniele Gatti das umgesetzt hat, was die Inszenierung nicht so recht geschafft hat, nämlich eine zweite Ebene in der vordergründig so schönen Musik offen zu legen. Ich fand, dass in den großen Massenszenen die Doppelbödigkeit sehr gut zu hören war. Das war eine platte, vom Regime verordnete Jubelmusik, da schwang für mich etwas von Schostakowitschs vermeintlichem Jubel mit. Interessanterweise gelang das Daniele Gatti aber, ohne einen banalen Lärm zu veranstalten. Es war laut (wie soll man auch Musik von zwei Orchestern und Chor, ff und Tutta Forza sonst spielen), aber nicht lärmig. Stattdessen war die Musik an diesen Stellen emotional seltsam distanziert. Etwas fahl und durchaus trivial, wie es ja auch komponiert ist. Das Klischee, dass Gatti langsame Tempi bevorzugt fand ich nicht bestätigt. Im Gegenteil. Ich fand vieles eher zu schnell und zu hitzig. Etwa im ersten Duett von Radames mit Amneris (Buchstabe F im ersten Akt im Klavierauszug). Aber siehe da: Allegro agitato e presto steht dort. Und genau so klang es. Gehetzt und unruhig. Für mich ein sehr stimmiges Dirigat, das Aida als Musikdrama auffasst, wo das Orchester Motor der Entwicklung ist. Und als Werk, das in die Zukunft weist. Kling bei Harnoncourts Aida ein bisschen Schubert mit, so hört man bei Gatti Mahler, Debussy und, wie gesagt, auch Schostakowitsch. Für mich neben Petrenkos Jenufa das bisher beste Dirigat dieser Saison.

      Leider, und das war das große Manko der Vorstellung, funktioniert Verdi halt nur mit erstklassigen Sängern. Und da war es nicht so gut bestellt am Sonntag. Salvatore Licitra hat ja einen schöne Stimme, auch Power, leider aber eine ziemlich unausgereifte Technik. Und so bleiben die vielen Details, die Feinheiten aus dem Graben auf der Bühne weitgehend unerwidert. Celeste Aida (wo nicht einmal Bergonzi, geschweige denn Domingo wirklich das singen, was Verdi an Dynamik verlangt) wird zur Zitterpartie. Immerhin versucht Herr Licitra das Diminuendo auf dem B am Schluss (mit durchwachsenem Erfolg, aber man erkennt die Intention). Und auch das Schlussduett, mit feinsten Zaubertönen aus dem Graben begleitet, gerät gesanglich allzu robust. In den Powerstellen im Duett im dritten Akt fühlt sich Salvatore Licitra wesentlich wohler, da vesteht man, wieso er der Radames vom Dienst ist (und wer kann das auch besser singer zurzeit? Mir fällt auf Anhieb nur Johan Botha ein). Grundsätzlich überdeckt aber die Schönheit von Licitras Timbre nur zum Teil die Tatsache, dass er mit viel zu viel Kraft arbeitet, dass der Klang nie frei und unforciert strömen kann, dass er nur im Forte sicher wirkt. Auch Hasmik Papian als wackere Einspringerin ist eher robust unterwegs. Aber ganz ohne Probe (sie war erst kurz vor der Vorstellung in München angekommen) war nicht zu erwarten, dass sie sehr auf Gattis Feinheiten eingehen kann. Immerhin ist Daniele Gatti gut auf sie eingegangen, auch das ein Zeichen seiner Klasse. Am schönsten hat Ekatarina Gubanova gesungen, sonor und ungefährdet, allerdings fehlt ihr etwas die Tiefe, die dunkle Farbe für die Amneris, und auch die Fähigkeit zum Schattieren ist recht begrenzt. Alles klingt für mich zu gleichförmig und auch eher unpersönlich.

      Viel Power und eine sehr schönes, dunkles Timbe hat Giacomo Prestia (Ramphis). Aber er kann kaum differnzieren, mit verschiedenen Klangfarben spielen, gestalten. Immer volle Kanne, scheint seine Devise zu sein. Ausgesprochen farblos und sehr begrenzt in seinen gesanglichen Mitteln leider auch Marco Vratogna als Amonsaro. Was hätte das musikalisch für ein Abend werden können, wenn besser Sänger verfügbar gewesen wären? So bleibt - immerhin - ein sehr schönes Dirigat. Und die Frage: Wieso ausgerechnet Aida? Manch andere Verdi-Oper wäre sicher besser zu besetzen gewesen.
    • Lieber Ulisse,

      vielen Dank für Deinen ausführlichen Bericht zur Aida-Aufführung, insbesondere Gattis Dirigat. Interessant finde ich Deinen Vergleich mit Harnoncourt. Ich hätte bei unserer Kurzkritik über Gatti auch beinahe geschrieben, dass mich die Interpretation stellenweise an die Aufnahme Harnoncourts erinnert hat, war dann aber nicht mehr so recht sicher. Harnoncourts Aufnahme war ja allerdings auch recht umstritten. Bei uns zu Hause ist sie mir im Moment die Liebste, allerdings haben wir auch eine etwas ausgefallene Auswahl (Harnoncourt, Toscanini und Karajan).

      Deine Einschätzung zu den Massenszenen, insbesondere Triumphmarsch, teile ich auch. Das hat mir eigentlich recht gut gefallen, könnte aber auch das eine oder andere Buh verursacht haben...

      War Hasmik Papian die Einspringerin für Aida?

      Viele Grüße,

      Melanie
      With music I know happiness (Kurtág)
    • Hallo Melanie,

      vielen Dank für Deine Antwort!

      Ich denke auch, dass die Buhs daher kommen könnten, dass es eben nicht der normale, saftig-schmissige Verdi zum Schwelgen war. Zubin Mehta hat das vermutlich ganz anders dirigiert in München (ich hab aber die Aida unter Mehta nicht gehört).

      Zu Hasmik Papian: ja, sie ist ganz kurzfristig als Aida eingesprungen, weil Kristin Lewis am Sonntag früh absagen musste (Luftröhrenentzündung). Laut Ansage vor dem Vorhang hat man Frau Papian am Sonntag Mittag in Wien erreicht, sie hat sich ins Flugzeig gesetzt und kam nach München (wo sie kurz vor der Vorstellung eintraf). Sie hat eigentlich recht gut gesungen. Sehr sicher, ohne große Probleme, auch ihre Technik ist recht gut. Die Stimme ist zwar nicht mehr die Frischeste, und in der Tiefe kommt sie an Grenzen, aber es ist schön, dass man so kurzfristig so guten Ersatz gefunden hat. Darstellerisch war es für natürlich schwierig für sie, sich so schnell in die Inszenierung einzufügen, aber sie war trotz allem schauspielerisch fast stärker als Herr Licitra, der das Ganze immerhin 6 Wochen lang geprobt hatte.

      Viele Grüße,
      Ulisse
    • Ulisse schrieb:


      Darstellerisch war es für natürlich schwierig für sie, sich so schnell in die Inszenierung einzufügen, aber sie war trotz allem schauspielerisch fast stärker als Herr Licatra, der das Ganze immerhin 6 Wochen lang geprobt hatte.

      Hallo Ulisse,

      das wundert mich eigentlich nicht :hide: :D

      Viele Grüße,

      Melanie
      With music I know happiness (Kurtág)
    • Danke euch allen für diese interessanten und fundierten Berichte, besonders aber Ulisse dafür, dass er mein "Weltbild" punkto Gatti gerettet hat. Er ist nämlich einer meiner liebsten Operndirigenten, seine Auftritte mit den Philis zählen zu meinen Orchestersternstunden und ich war sehr betroffen/irritiert, in letzter Zeit doch eher mäßige Kritiken und eben sogar von Buhkonzerten über ihn zu lesen. Was du schreibst, klingt aber ganz nach "meinem" Daniele Gatti, offensichtlich stammen die Proteste aus den Reihen der Traditionalisten, die bloß ihren gewohnten Verdisound vermisst haben :shake: :shake: :shake:
      lg Severina :wink:

      PS: Was Licitra betrifft, so habe ich ihn vor zwei Jahren in Zürich als heillos überforderten Radames erlebt - beim "Celeste Aida" fürchtete ich schon, er würde platzen mit seinem hoch roten Kopf, so sehr war ihm die Anstrengung anzumerken (und anzuhören :wacko: )
      "Das Theater ist ein Narrenhaus, aber die Oper ist die Abteilung für Unheilbare!" (Franz Schalk)