Prokofjew: 5. Sinfonie

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    • Prokofjew: 5. Sinfonie

      Ich habe gestern --- soweit ich mich erinnere --- zum ersten mal die 5. Sinfonie von Prokofjew live gehört. Bisher war meine nahezu ausschließliche Quelle die Aufnahme von Rattle/Birmingham, zwar technisch gut, aber irgendwie auch nicht sensationell. Nachdem ich mich erst durch Tschaikowskys 1. Klavierkonzert gequält habe (ich kann es wirklich nicht mehr hören), also gestern das Live-Erlebnis.

      Und ich muss sagen: ich habe nun ein ganz anderes Bild von der Sinfonie. Sie kommt mir nun viel dunkler und bedrohlicher vor als zuvor, und ich empfand nun auch eine Nähe zur düsteren 6. Sinfonie des Komponisten.

      Zunächst eine Romantik ala Romeo und Julia, aber immer wieder das Schlagwerk, die tiefe große Trommel und das Tamtam, schon allein in der Lautstärke oftmals eine Bedrohung, eine Gefahr. DIe ersten beiden Sätze enden abrupt ohne Auflösung in voller Lautstärke. Die typisch prokofjewschen Dissonanzen verzerren die romantischen Melodien, als wenn die Romantik verdrängt würde. Und zum Schuss ist nur nach alles Maschinerie, wie ein Uhrwerk. Ich bin sicher, in dem Werk steckt viel Zeitkritik.

      Ein tolles Erlebnis.

      :wink: maticus
      Bartolo hatte Recht. --- Andreas März
      This is Bartolo, King of the King of Wines. --- Alan Tardi
    • Die Fünfte, bei mir nur noch mit Szell (SONY)

      Hallo Maticus,

      ein Konzerterlebnis kann auch ein Anlass ein eine Thread zu starten - gut !

      Bereits bei Tamnino hatten wir im jahre 2008 eine lange Diskussion über die Qualiäten der Sinfonie Nr.5, der Edwin " seinerzeit "schwaches Material" bescheinigte.

      Es kam zum Anklang, das die Sinfonie Nr.5 (nach wie vor mein Favorit aller 7Sinfonien) zu den mehr konservativen Sinfonien gehört. Die Sinfonie Nr.6 wird sogar qualitativ bei einigen Taminos vor der Nr.5 einsortiert, weil sie in ihrem Pathos echter wirkt. Der Sinfonie Nr.5 wurde ein schwaches Material, das "lediglich durch harmonische und instrumentierungstechnische Raffinessen aufgebessert" wird attestiert (Edwin).
      Das sehe ich anders, denn das Themenmaterial besticht durch Vielseitigkeit und melodische Eingebung- und das sehe nicht nur ich so - denn die Sinfonie Nr.5 gehört nicht ohne Grund zu den meistgespielten Sinfonien. Sie kommt offenbar beim Hörer am besten an.
      :yes: Es gibt tatsächlich Aufnahmen, bei denen dieser schwächere Eindruck entstehen könnte. Wenn man sich aber die Spitzenaufnahme mit Szell/Cleveland Orchestra (SONY, 1959) anhört, die alle schwächen dieses Werkes eliminiert, dann steigt diese Sinfonie im Beliebtheitsgrad gleich um mehrere Stufen.
      Szell gehört zu den schnellsten Interpreten des Werkes, wodurch an keiner Stelle auch nur der geringste Ansatz von Langatmigkeit entsteht - fabelhafte Aufnahme - und fabelhaftes Werk mit den straffsten Spielzeiten: 10:29 - 07:39 - 11:35 - 09:24.

      Ich habe von der Prokofieff: Sinfonie Nr.5 die Aufnahmen mit Karajan (DG), Kitaenko (Melodiya), Weller (Decca) und Järvi (Chandos). Die Szell-Aufnahme kann es in der Szell-Aufnahme ohne mit der Wimper zu zucken mit allen und den besten russischen Aufnahmen (Roshdestwensky und Kitaenko / Moskauer PH) aufnehmen und ist vom Tempo noch straffer (kein Wunder bei Szell). Sie bietet höchste Präzision im Orchesterklang, bei bestem SONY-Heritage-Remastering-20Bit. Präziser und von den Klangstrukturen superdurchhörbar kann es kaum sein, als hier mit Szell.

      Das CD-Heft enthält eine Story wo Szell auf das Spiel des Paukisten bestand, der während der Aufnahme von der Pauke an die Snaredrum (Im 2.Satz) wechseln sollte, weil Szell nur ihn als den wirklichen Schlagzeuger ansah, der perfekt spielen kann.


      SONY-CD / CBS Aufnahmen 1959 (Prok.) und 1965 (Bartok)
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      Gruß aus Bonn

      Wolfgang
    • Hallo Wolfgang,

      das Wort "Pathos" kommt mir weder bei der Fünften noch bei der Sechsten in den Sinn. Die Fünfte gilt wohl gemeinhin als die "normalste" der ziemlich "außergewöhnlichen" Sinfonien von Prokofjew. Die Erste ist eher ein netter kleiner Witz, die Zweite vielen zu "modern", drei und vier verarbeitete Opernmusik, die Sechste ziemlich düster, und die Siebte irgendwie zu anspruchlos......

      Aber in dieser Live-Aufführung fand ich die Fünfte alles andere als leicht verdauliche Kost. Die vielen grimmigen und bedrohlichen Passagen habe ich kurz angedeutet; sie durchziehen das gesamte Werk aber sehr dominant. Und obwohl nicht übermäßig schnell gespielt gab es nirgends Langatmigkeit. Wie gesagt, während der Aufführung kam mir oft die Sechste in den Sinn, deren Nähe ich hier empfand.

      :wink: maticus
      Bartolo hatte Recht. --- Andreas März
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    • Hallo zusammen,

      auch ich habe letzte Woche Prokofieffs Sinfonie Nr. 5 live erlebt. Und zwar mit dem New York Philharmonic Orchestra unter Alan Gilbert. Waren es bei dir maticus die gleichen Ausführenden?

      Auch für mich war es ein beeindruckendes Erlebnis, wenngleich bei mir der Funke im ersten Satz noch nicht übersprang - den fand ich über weite Strecken eher zu "dick" instrumentiert. Aber schon der 2. Satz "Allegro marcato" war einfach genial!

      Viele Grüße
      Frank

      From harmony, from heavenly harmony
      this universal frame began.
    • maticus schrieb:

      Die Erste ist eher ein netter kleiner Witz, die Zweite vielen zu "modern", drei und vier verarbeitete Opernmusik, ...

      Hallo Maticus,

      Bei der 4. Symphonie ist erwähnenswert, dass es zwei Fassungen gibt: die Originalfassung op. 47 aus dem Jahre 1930 und die revidierte Fassung op. 112 aus dem Jahre 1947. Die „Revised Version“, die also fast zwei Jahrzehnte später entstanden ist, unterscheidet sich von der Originalfassung so sehr, dass Prokofjew selbst sie als eigenständiges Werk betrachtet und sie mit einer eigenen Opus-Zahl versehen hat (op. 112 gegenüber op. 47). Dieses op. 112 übertrifft die ursprüngliche Fassung in fast jeder Hinsicht und ist m.E. keinesfalls mehr lediglich eine zu einer Symphonie „verarbeitete Opernmusik“. Sie dürfte zusammen mit der 5. und der 6. Symphonie den Höhepunkt des symphonischen Schaffens von Prokofjew darstellen:



      Grüße von Auscultator :wink:
      Mozart und Beethoven reichen bis zum Himmel – Schubert kommt von dort. Oskar Werner
    • Hallo Maticus!

      Danke für die Threaderöffnung! Prokofievs 5. Symphonie gehört nach/neben Mahlers 2. zu meinen absoluten Lieblingssymphonien. Die hat mich schon beim ersten Hören richtig vom Hocker gehauen, besonders das schmerzhafte Aufheulen der Streicher im Adagio! :faint: Sicherlich ist sie weniger experimentell als die 2. oder die 3., aber als "konservativ" würde ich sie trotzdem nicht bezeichnen. Bislang kenne ich leider nur eine Einspielung, nämlich die unter Weller aus dieser Box:



      Habe mir jedoch kürzlich diese Leinsdorf-Box bestellt und bin schon gespannt:



      DiO :beatnik:
    • James Levine - auf den Spuren von seinem Lehrer George Szell

      Zur Zeit bin ich "fertig mit den Nerven". Alle Levine-Aufnahmen, die ich mir in den letzten 2Monaten anhöre, haben allerhöchstes Niveau.
      Die Aufname befindet sich in meiner 23CD-DG-BOX "The Art of James Levine"

      So auch die heute gehörte Sinfonie Nr. 1 und 5 mit James Levine und dem fabelhaft disponierten Chicago SO.
      Die fast ebenso straffen Spielzeiten wie bei Szell, liessen schon vorher auf eine spannende Aufnahme schliessen = 12:33 - 8:22 - 12:16 - 9:18

      Umgehauen hat mich dann die DG-Klangtechnik, die Details offenbart, die bisher bei keiner meiner Aufnahmen vorhanden war. Fast revolutionär erscheint mir diese expressiiv spannende Int, denn als Hörergebnis liefert Levine eine referenzwürdige Int mit allen Finessen und Einzelheiten ab, die alles bietet, was man sich für dieses Meisterwerk wünscht.
      JA, auch hier lässt Levine seinen grossen Lehrer Szell als sein Vorbild durchscheinen.

      Diese TOP-Aufnahme scheint sich in unseren Breiten gar nicht gross durchgesetzt zu haben ? Auch die amazon - Kritiken sind ebenfalls nur in Englisch ...


      DG, 1992, DDD


      Noch etwas fällt mir ein:
      Ich hatte Anfang Dezember 2017 im TV Ausschnitte der Sinfonie Nr.5 mit dem geschätzten Dirigenten Maris Jansons gesehen; aber gar nicht ganz, weil er sich derart in einen Schönklang verstrickte, dass mir allmählich langweilig wurde ... sorry - aber man höre mal welch einen Biss hier Levine offenbart !!!
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      Gruß aus Bonn

      Wolfgang
    • Ich habe neulich (vor ein paar Tagen) auf 3sat auch in eine Aufführung der Fünften unter Jansons reingeschaltet (so ca. die letzten anderthalb Sätze). Ich glaube es war das BR Orchester im Gasteig. Ich fand das ziemlich gedrosselt und wenig mitreißend gespielt (um nicht zu sagen: total langweilig). Es gab danach eine Doku über Jansons, da gab es einen kurzen Ausschnitt aus dem Schluss der Fünften, ich glaube auch mit dem BR, aber in Tokyo. Das war deutlich besser, aber auch nicht wirklich mitreißend. Da hätte ich mir von ihm doch mehr erwartet. :hammer1:

      Die Sendungen waren am 13.1.2018 abends auf 3sat. Möglicherweise war das ja dieselbe Aufnahme der Fünften wie im Dezember.


      maticus
      Bartolo hatte Recht. --- Andreas März
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    • maticus schrieb:

      Die Sendungen waren am 13.1.2018 abends auf 3sat. Möglicherweise war das ja dieselbe Aufnahme der Fünften wie im Dezember.
      Hallo maticus,
      ja, ich hatte mich mit Dezember auch geirrt - es war die Sendung vom 13.01.18, die Du auch gesehen hast ... wir hatten beide den gleichen Eindruck ... keine weiteren Worte mehr darüber ...

      - nur noch Eines: Man muss Levine mit der Fünften und ebenfalls der megafrischen Ersten gehört haben !
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      Gruß aus Bonn

      Wolfgang
    • Ich habe jetzt 4 Aufnahmen von Prokofiev’s 5ter.

      Litton mit dem Bergen Philharmonic, die mir mittlerweile nicht mehr so gut gefällt, da das bedrohliche etwas zu gunsten einer lärmenden Fröhlichkeit untergeht. Und gerade der Kopfsatz ist mir mit 14:22 dann doch zu lang, im Gegensatz zu z. B. Sanderling.
      Satz 1: 14:15
      Satz 2: 08:29
      Satz 3: 12:39
      Satz 4: 09:37

      Thomas Sanderling mit dem Novosibirsk Academic Symphony Orchester
      Satz 1: 14:02
      Satz 2: 09:13
      Satz 3: 12:27
      Satz 4:10:13
      Die dunkle Seite der Symphonie wird hier mehr betont, als die lärmende Fröhlichkeit, was mir deutlich besser gefällt. Ich mag die dunklen Bläserstimmen. Und die Kontraste kommen gut heraus.

      Dann noch
      Sokhiev, Tugan und das deutsch Sinfonieorchester Berlin
      Satz 1: 13:56
      Satz 2: 08:46
      Satz 3: 12:44
      Satz 4: 09:08

      Bei Sokhiev ist für meinen Geschmack auch ziemlich viel richtig und passend. Aber irgendwie sind hier für mich die Bässe zu sehr betont. Und nachdem ich gerade noch mal den zweiten Satz, dass Allegro Macarato mit der von Karabits verglichen habe, weiß ich auch was mir fehlt. Bei Sokhiev wird mir, gerade im zweiten Satz, etwas zu steif musiziert, es fehlen mir ein bisschen die Emotionen.

      Am besten gefällt mir:
      Kirill Karabits mit dem Bournemouth Symphonieorchster
      Satz 1: 13:32
      Satz 2: 08:50
      Satz 3: 11:31
      Satz 4: 10:13

      Das Adagio (Satz 3) wird hier recht zügig genommen, was ich persönlich für eine gute Idee halte.

      Bei Karabits ist es so, wie Maticus im Startbeitrag beschreibt, die 5. Sinfonie hat etwas bedrohliches. Immer wieder das Schlagwerk, die tiefe grosse Trommel und das Tamtam deutet auf Gefahr. Und zum Schluss des ersten Satzes, sind es für mich ganz klar, Kanonenschüsse, die da in der Ferne fallen. Aber im Verlauf der Sinfonie geht es auch um schönes, um Feste die gefeiert werden, um Romantik.
      Bei Karabits hat besonders der zweite und der dritte Satz, etwas bedrohlich, geisterhaftes (durch die Streicher), das unterschwellig immer da ist und sei es dadurch, dass die Trompeter in ein, zwei Szenen einfach zu laut, zu grell, zu schnell spielen, so dass man überhaupt nicht auf die Idee kommt hier ginge es nur um Fröhlichkeit. Auch wenn natürlich, die 5. Sinfonie viele Farben, viel Lebendigkeit und ganz viel schöne Momente, zarte Einsprengseln hat. Sie hat eben auch eine zweite Seite.
      Für mich im Moment ganz grosses Kino. :clap:
      Viele Grüße, Michael