Rund um das Streichquartett

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    • Rund um das Streichquartett

      Dieser Sammelthread soll sich allen möglichen Themen widmen, die irgendwie mit der Gattung Streichquartett zu tun haben, und damit den Tausenden von Quartettfans in diesem Forum eine Heimstatt bieten.

      Dazu gehört nicht die Besprechung einzelner Werke, Werkgruppen und Aufnahmen - dafür sind bekanntlich die allseits beliebten Sach- und Werkthreads da, die ggf. eröffnet werden können (für die Zeit nach 1945 gibt es auch diesen Thread).


      Mögliche Themen:

      - die Geschichte der Gattung. Zum Beispiel: Seit wann gibt es Streichquartette (natürlich schon zur Zeit der Vorsokratiker, mindestens...), warum existiert diese Besetzungsform - im Gegensatz z.B. zur Sinfonie - bis heute fast ungebrochen weiter (die fetzigsten Quartette sind eh nach 1950 entstanden...)? Wie hat sich die Gattung verändert, aus welchen Epochen hört ihr besonders gern Quartette?

      - Warum hört ihr so gern und oft bzw. ungern und nie Streichquartette? Worin besteht die unleugbare Aura der Gattung, woher rührt sie?

      - Wie verhält es sich mit der Aufführungsgeschichte der Gattung? Was hat sich seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts getan? Wie hat sich der Quartettstil seit Beginn der Tonaufzeichnungen geändert? Was ist heute en vogue, was nicht? Warum setzt sich HIP in diesem Bereich eher zögerlich durch?

      - Natürlich können besonders geschätzte Quartett-Ensembles benannt oder, noch besser, kurz vorgestellt werden.

      - Ebenso sind Literaturhinweise willkommen.

      - Auch sind, wenn's denn sein muss, Auseinandersetzungen von der Art sensationslüstern-unmusikalischer Opernfreak vs. blutleer-akademischer Kammermusikfreund hier an der richtigen Stelle...

      Und vieles andere mehr.


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Als erstes ein Thema, das mich bei Konzerten immer mal wieder beschäftigt, das aber viel häufiger für Orchester diskutiert wird: die Aufstellung bzw. Sitzordnung. Es gibt zwei Varianten, die nach meiner Beobachtung ähnlich häufig vorkommen: Cello außen (also gegenüber der ersten Geige) oder Bratsche außen. Die Argumente gegen die letztere Sitzordnung ist klar: die klanglich ohnehin benachteiligte Bratsche strahlt zur Bühne ab und nicht in den Saal. Walter Levin, ehem. Primgeiger des LaSalle-Quartetts, hält dagegen:

      Mit der Bratsche innen sitzt aber der Bratscher auch nie so, dass er wirklich zum Publikum spielt. Und mit dem Cello außen ist man gezwungen, etwas im Halbkreis offen zu sitzen, damit sein Klang in den Saal abstrahlt. […] Ich finde die Aufstellung mit dem Cello außen allerdings in jeder Hinsicht ungünstig: sowohl vom Visuellen, als auch bezüglich der Balance und der Geschlossenheit eines Kreises, was ja ein Quartett auch demonstrieren soll.

      Das Guarneri-Quartett bevorugt ebenfalls die Variante mit der Bratsche außen, lässt aber in einem Interview erkennen, dass ihm die Frage nach der Balance unangenehm ist. Der Bratscher müsse teils dynamisch sehr draufsatteln, um hörbar zu bleiben.

      Natürlich ist ein Quartett darauf geeicht, die ideale Klangbalance herzustellen. Trotzdem, finde ich, ist im Konzert (und sogar in Aufnahmen) eine Benachteiligung der Mittelstimmen gelegentlich nicht zu überhören. Was sind Eure Erfahrungen? Habt Ihr schon einmal ganz unkonventionelle Varianten der Aufstellung gesehen, etwa mit antiphonischen Geigen oder gar mit der zweiten Geige außen?


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Ich habe zu wenige Live-Konzerte besucht und in zu großem Abstand, als dass ich mich daran erinnern könnte, ob eher Bratsche oder Cello rechtsaußen.
      Ziemlich sicher bin ich aber, dass ich nie gesehen habe, dass die Geigen einander gegenüber gesessen hätten und die beiden anderen dazwischen. Das wird lt. Beiheft allerdings von dem "HIP"-Ensemble Quatuor Festetics genau so praktiziert. (Was wäre der Unterschied zw. "antiphonischen Geigen" und 2. Geige außen" ? Wäre das nicht dasselbe?) Nun sind Haydns Quartette (ungeachtet der sicher zahlreichen Beispiele von Aufnahmen mit mangelhafter Balance) wohl nicht übermäßig problematisch, da ohnehin relativ transparent komponiert. An Aha-Erlebnisse aufgrund der Positionierung kann ich mich jedenfalls von den Festetics-Aufnahmen nicht erinnern.
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Zwielicht schrieb:

      warum existiert diese Besetzungsform - im Gegensatz z.B. zur Sinfonie - bis heute fast ungebrochen weiter (die fetzigsten Quartette sind eh nach 1950 entstanden...)? Wie hat sich die Gattung verändert, aus welchen Epochen hört ihr besonders gern Quartette?
      "fetzigesten Quartette nach 1950" wäre etwas übertrieben, denn auch im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gibt es fantastische Kompositionen aus dieser Gattung (und das nicht nur von Schönberg & Co bzw. Beethoven + Schubert)

      Nach meinen Eindruck erlebt Gattung Streichquartett - seit den letzten Jahrzehnten (und das nicht allein nur durch Nonos großartigen Meisterwerk initiiert und nicht nur durch den Einsatz von Arditti & Co befeuert) eine Blütezeit, eine Art Trend, die/der bis zum jetzigen Zeitpunkt andauert und weiterhin andauern möge: z.B. von den Lebenden: Carter, Ferneyhough, Pomarico, Lachenmann, Chaves, Czernowin, Dusapin (Time-Zones), Furrer, Katzer, von Biel... etc...etc...etc....

      :wink:
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Kater Murr schrieb:

      Ich habe zu wenige Live-Konzerte besucht und in zu großem Abstand, als dass ich mich daran erinnern könnte, ob eher Bratsche oder Cello rechtsaußen.


      Ist mir, wie gesagt, in letzter Zeit beides etwa gleich häufig untergekommen, ohne dass ich eine eindeutige Präferenz für eine der beiden Sitz- (oder Steh-)Ordnungen entwickelt hätte. Das kommt natürlich auch stark darauf an, wo man im Saal sitzt. Ich bemühe mich allerdings immer um einen mittigen Platz, nicht allzuweit weg von der Bühne.


      Kater Murr schrieb:

      (Was wäre der Unterschied zw. "antiphonischen Geigen" und 2. Geige außen" ? Wäre das nicht dasselbe?)


      Ich hatte das so gemeint, dass die beiden Geigen ihre normale Position tauschen: zweite Geige außen, Primgeige innen. Hört sich zugegebenermaßen etwas bescheuert an, aber ich finde, dass durch die bessere Hörbarkeit der hohen Lage und die äußere Sitzposition die Primgeige der zweiten Geige das Leben und Klingen manchmal recht schwer macht.

      Danke für den Hinweis auf das Festetics-Quartett. Trotz aller Empfehlungen für das Ensemble in den Foren habe ich nach wie vor keine Aufnahme von denen, obwohl ich neulich mal wieder die vier letzten Mozart-Quartette (sauteuer) in Händen hielt.


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Zwielicht schrieb:

      Kater Murr schrieb:

      Ich habe zu wenige Live-Konzerte besucht und in zu großem Abstand, als dass ich mich daran erinnern könnte, ob eher Bratsche oder Cello rechtsaußen.


      Ist mir, wie gesagt, in letzter Zeit beides etwa gleich häufig untergekommen, ohne dass ich eine eindeutige Präferenz für eine der beiden Sitz- (oder Steh-)Ordnungen entwickelt hätte. Das kommt natürlich auch stark darauf an, wo man im Saal sitzt. Ich bemühe mich allerdings immer um einen mittigen Platz, nicht allzuweit weg von der Bühne.


      Ich kann mich einfach nicht erinnern, im letzten Jahr habe ich zweimal ein Quartett spielen gesehen, zuletzt Ende Juli, davor irgendwann im Frühjahr, aber ich weiß nur noch, dass die erste Geige vorne links gesessen hat... Aber es war einmal in einem sehr kleinen Kammermusiksaal, so dass es egal war und einmal in einem ziemlich großen Saal, in dem ich eher hinten saß, so dass es auch wieder egal war.


      Kater Murr schrieb:

      (Was wäre der Unterschied zw. "antiphonischen Geigen" und 2. Geige außen" ? Wäre das nicht dasselbe?)


      Ich hatte das so gemeint, dass die beiden Geigen ihre normale Position tauschen: zweite Geige außen, Primgeige innen. Hört sich zugegebenermaßen etwas bescheuert an, aber ich finde, dass durch die bessere Hörbarkeit der hohen Lage und die äußere Sitzposition die Primgeige der zweiten Geige das Leben und Klingen manchmal recht schwer macht.


      Ach so, 2. Geige linksaußen. Macht das irgendjemand? Scheint mir erstmal befremdlich. Natürlich macht die erste manchmal der zweiten Geige das Leben schwer. Aber zum einen ist es ja durchaus mal so, dass die Primgeige melodisch führt und zum anderen kann ein Ensemble, glaube ich, Balanceabstimmungen nicht einfach im Handstreich durch Sitzordnung lösen. Es hat schon seinen Grund, dass manche Quartette jahrelang zusammenspielen, bis sie herauskommen. (Andererseits gibt es natürlich auch sehr gelungene Kammermusik von "ad-hoc"-Ensembles wie auf den Festivals von Casals, Kremer, Vogt u.a.)


      Danke für den Hinweis auf das Festetics-Quartett. Trotz aller Empfehlungen für das Ensemble in den Foren habe ich nach wie vor keine Aufnahme von denen, obwohl ich neulich mal wieder die vier letzten Mozart-Quartette (sauteuer) in Händen hielt.


      Der Haydn-Zyklus ist nicht so teuer (neu ca. 19 EUR pro Doppel-CD. Bei opp. 9,17, 50, 54/55 und 71/74 gibt es meines Wissens keine HIP-Konkurrenz, bei 9 und 17 gar nicht viel ernste Konkurrenz, die lohnen sich auf jeden Fall
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Kater Murr schrieb:

      Ach so, 2. Geige linksaußen. Macht das irgendjemand? Scheint mir erstmal befremdlich. Natürlich macht die erste manchmal der zweiten Geige das Leben schwer. Aber zum einen ist es ja durchaus mal so, dass die Primgeige melodisch führt und zum anderen kann ein Ensemble, glaube ich, Balanceabstimmungen nicht einfach im Handstreich durch Sitzordnung lösen.


      Zweifellos. Der Vorschlag mit der ersten Geige innen war auch nicht ganz ernstgemeint. Aber das Balanceproblem besteht, wobei ich die zweite Geige manchmal noch problematischer finde als die Bratsche. Neulich ist es mir beim Hagen-Quartett aufgefallen, bei Haydn etwas mehr (op. 33/2), viel weniger bei Brahms (op. 67). Allerdings handelte es sich um Nuancen, nicht so, dass es wirklich gestört hätte. Oder auch neulich: beim Brentano String Quartet in Beethovens op. 133. Beidemale hatte ich ausgezeichnete Plätze, saß also nicht seitlich oder hinten.


      Viele Grüße

      Bernd
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    • Zwielicht schrieb:

      Habt Ihr schon einmal ganz unkonventionelle Varianten der Aufstellung gesehen, etwa mit antiphonischen Geigen oder gar mit der zweiten Geige außen?


      Einmal im Halbkreis Cello und Viola jeweils außen vorne, die beiden Violinen in der Mitte, etwas nach hinten gerückt, aber das war eine Freie Improvisations/Free Jazz-Gruppe und auch in diesem Bereich ist das sehr ungewöhnlich. Auch die Jazz-Streichquartette bevorzugen die gewöhnlich Aufstellung mit dem Cello außen, der Viola daneben. Aber im Publikum in kleinem Raum klang diese Aufstellung nicht schlecht, da ich zumindest die Geigen eher meist etwas durchdringender finde, die jetzt zwar beide zentral, aber etwas nach hinten gerückt standen. Aber besonders bei den meisten klassischen Werken dürfte eine solche Aufstellung eher problematisch sein, von wegen die Kollegen gut hören können, an deren Stimme man sich besonders orientiert (?).

      Nach meinen Eindruck erlebt Gattung Streichquartett - seit den letzten Jahrzehnten (und das nicht allein nur durch Nonos großartigen Meisterwerk initiiert und nicht nur durch den Einsatz von Arditti & Co befeuert) eine Blütezeit, eine Art Trend, die/der bis zum jetzigen Zeitpunkt andauert und weiterhin andauern möge: z.B. von den Lebenden: Carter, Ferneyhough, Pomarico, Lachenmann, Chaves, Czernowin, Dusapin (Time-Zones), Furrer, Katzer, von Biel... etc...etc...etc....


      Ja, das scheint immer noch die "Königsdisziplin" zu sein, obwohl man ja z.B. mit dem Saxophonquartett eigentlich genauso viel anstellen kann, es auch sehr ähnlich klingen kann.

      Ich höre jedenfalls Streichquartette besonders gern und beginne auch besonders gern, mir das Werk eines Komponisten zunächst über seine Streichquartette zu erschließen, brauche aber auch mehr Muße zum Streichquartett-Hören, als für die meisten anderen Gattungen und kammermusikalischen Kombinationen, insofern höre ich sie auch etwas weniger.

      Die Entwicklung im Jazz und in der Freien Improvisations-Szene, dass es inzwischen auch dort ein paar sehr gute Streichquartette gibt, finde ich auch überaus interessant und auch dort mag ich vieles sehr. Meist kommen diese Streicher aus der Neuen Musik, einige waren auch schon auf dem Sprung zur klassischen Solistenkarriere oder pflegen auch weiterhin parallell auskomponierte Neue Musik. Aber das hier nur als Randbemerkung. Dafür mache ich irgendwann mal einen eigenen Thread im Jazz-Forum auf.

      :wink: Matthias
    • Ich kann bislang nur von Aufnahmen sprechen. Wenn ich mich recht entsinne, hat das Kuijken Kwartet in ihrer Debussy-Aufnahme antiphonische Geigen. Das fand ich schon sehr angenehm, wobei eine angemessene Präsenz der Mittelstimmen sicher auch anders erreicht wird -zumal im Aufnahmestudio (z.B. Juilliard Quartet bis vielleicht in die frühen 70'er Jahre, Quatuor Talich).
      Von den Festetics habe ich Haydns op. 33. Muss ich mal wieder hören. Und den Schumann von den Kuijkens.
      Nur weil etwas viel Arbeit war und Schweiß gekostet hat, ist es nicht besser oder wichtiger als etwas, das Spaß gemacht hat. (Helge Schneider)
    • Tyras schrieb:

      Wenn ich mich recht entsinne, hat das Kuijken Kwartet in ihrer Debussy-Aufnahme antiphonische Geigen.


      Vielen Dank für den Hinweis. Von diesem Ensemble habe ich eine Aufnahme von Haydns op. 76 - muss ich mal wieder reinhören. Allerdings ist der Platz rechts außen für die zweite Geige eben auch kein klanglich privilegierter...


      Tyras schrieb:

      zumal im Aufnahmestudio


      Klar, im Aufnahmestudio ist alles oder zumindest vieles möglich...


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Matthias Oberg schrieb:

      Ja, das scheint immer noch die "Königsdisziplin" zu sein, obwohl man ja z.B. mit dem Saxophonquartett eigentlich genauso viel anstellen kann, es auch sehr ähnlich klingen kann.

      Königsdisziplin muß man wohl sagen...
      Es geht ja das (womöglich sinnvolle?) Gerücht, in dieser Form, wo erstmal Klangfarben keine allzu große Rolle spielen (was sie natürlich in neueren Quartetten seit spätestens 120 Jahren doch tun, aber begrenzt), zeige sich, was an den Fähigkeiten eines Komponisten wirklich dran ist. Sozusagen in einer abstrakten Form, aller orchestralen Aufplusterung entkleidet. Man kann das sicher begründet bezweifeln, aber faszinierend bleibt es, anscheinend auch für die Komponisten.
      Für mich besonders interessant die Quartette der Romantik und des Impressionismus (Ravel!), weil diese Epochen ja eher mit einer Aufwertung der Klangfarbe und Instrumentation verbunden sind - das ergibt einen besonderen Reiz, wenn die Meister dieser Künste sich in die strenge des Quartettsatzes zwingen. und es haben ja auch längst nicht alle, mit oder ohne Erfolg, getan.

      Zum Thema Saxophone: da, denke ich, sollte es schon das Quintett sein. So wie der Streichquartettsatz mit dem vierstimmigen Satz der Klassik gewachsen ist, ist der Saxophonsatz mit den fünfstimmigen Akkorden des Jazz verknüpft.

      Gruss
      Herr Maria
      Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
      daß Alles für Freuden erwacht
    • Mich fasziniert diese Werkgattung auch ungemein. Komponisten die mir nicht so nahe stehen versuche ich vielfach durch deren Streichquartette zu entdecken, ich glaube auch an die These, ein Komponist kann sich da nicht verstellen. Gewissermaßen also "die Besetzung der musikalischen Wahrheit". Vorgenommen habe ich mir für demnächst die Quartette von Schostakowitsch, Villa-Lobos und Hindemith, Britten, die Zweite Wiener Schule, Crumb - und das eine Jugendwerk von Friedrich Gulda.
      Seit einigen Jahren besuche ich die Münchner Konzerte des Hagen Quartetts, die mich mit ihrer Mischung aus präzisester Detailarbeit und Musik wie aus dem Augenblick heraus immer wieder begeistern.
      Unvergeßlich vor ein paar Jahren die Aufführung eines Streichquartetts von Jörg Widmann, bei der Cellist Clemens Hagen am Ende "stirbt". Insofern neben spieltechnischen Erweiterungen in den letzten Jahrzehnten hier auch ein optisches Element, das die Werkwirkung intensiviert.
      Zur Info: Bis auf weiteres keine aktive Moderationstätigkeit meinerseits.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Ich konnte die Idee, dass besonders beim Streichquartett Klangfarben "keine große Rolle" spielten, nie so recht nachvollziehen. Warum sagt man das kaum je über Musik für Klavier solo (oder Cembalo)?
      Spielten Klangfarben in Sinfonien zur Zeit der Entstehung des Streichquartetts ~1760 eine wesentlich größere Rolle? Hängt das nicht mehr vom Zeitstil, noch mehr vom Komponisten und seinen Zielsetzungen ab? In den Quartetten Regers (oder auch dem von Fauré) dürften Klangfarben nicht die Rolle haben wie bei den etwa gleichzeitigen Stücken von Debussy und Ravel.
      Natürlich hat ein Quartett oder ein Soloklavier nicht die farblichen Möglichkeiten eines Orchesters, sondern andere.

      Ich vermute, die Idee, dass ein Komponist in diesem Genre in besonderer Weise sein Können zeigen (oder versagen) müsste, stammt aus der Mitte des 19. Jhds. oder noch späteren Zeiten.
      Haydn und Mozart wäre sie vermutlich mindestens insofern fremd gewesen, dass sie Orchestermusik nicht als Aufplusterung etwas "reinen, abstrakten" gesehen hätten. Das waren unterschiedliche Genres, das Quartett nicht so "öffentlich" (wenn auch nicht so privat wie viele andere Kammer- oder Klaviermusik) und ein Komponist konnte natürlich sein Können besonders deutlich zeigen, weil es eine "standardisierte" Form mit maßgeblichen Vorbildern, insofern ein Vergleich gut möglich war. Aber die etwas puritanisch wirkende Idee, hier habe man die "reine Musik" vor sich, ist eine viel spätere Konstruktion. (Warum nicht Violine oder Cello solo, wäre das nicht noch "reiner"... :angel: )
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Keine Instrumentalbesetzung höre ich so gerne und auch nur annähernd so häufig wie das Streichquartett. Zum Einen liegt das wohl an dem wirklich sehr homogenen und intimen Klang, zum Anderen daran, dass für diese Besetzung ausgezeichnete Werke geschrieben wurden, bei vielen Komponisten nach meinem Geschmack die besten. Möglicherweise zum Dritten daran, dass es zahlreiche sehr gute Streichquartettensembles gibt, die in Konzerten wie auf Tonträgern auf hohem Niveau spielen.

      Bezüglich der Sitzordnung habe ich schon mehrere Konstellationen bei Konzerten erlebt, auch die beiden Violinen außen. Allerdings habe ich die erste Violine, wenn ich mich nicht irre, noch nie in der vom Zuschauer aus gesehen rechten Hälfte ausmachen können. Gerne habe ich die Außenstimmen außen, die Innenstimmen innen; am liebsten von links nach rechts in der Tonhöhe herabschreitend. Ob mir der Klang so am besten gefällt oder ob dies Einbildung durch Gewohnheit ist, das weiß ich nicht genau.
      Ich vermute ersteres.

      Uwe
      Schon ein ganz kleines Lied kann viel Dunkel erhellen.

      (Franz von Assisi)
    • Beim Kolisch Quartett saß Primgeiger Rudolf Kolisch nach einer Fingerverletzung aus Sicht des Publikums rechts außen (also dort wo normaler Weise der Cellist oder bei der (wie sie meines Wissens genannt wird) "böhmischen" Sitzordnung der Bratscher sitzt), Rudolf Kolisch spielte rechts außen wie ein Linkshänder (die F Löcher der Geige waren also zum Publikum zugewandt). Der britische Streichquartett Journalist Tully Potter bezeichnete dies für die Klangbalance als die beste Sitzordnung überhaupt.

      Beste Grüsse

      Gerhard
    • philmus schrieb:

      Zum Thema Saxophone: da, denke ich, sollte es schon das Quintett sein. So wie der Streichquartettsatz mit dem vierstimmigen Satz der Klassik gewachsen ist, ist der Saxophonsatz mit den fünfstimmigen Akkorden des Jazz verknüpft.


      Sorry, aber das ist Blödsinn und das Saxophonquartett stammt aus der Klassik, zunächst nicht aus dem Jazz. Aber darauf möchte ich hier nicht weiter eingehen. Das gehört nicht hier hin.

      Kater Murr schrieb:

      Natürlich hat ein Quartett oder ein Soloklavier nicht die farblichen Möglichkeiten eines Orchesters, sondern andere.


      Ja, eben und nicht wenige.

      Kater Murr schrieb:

      Ich vermute, die Idee, dass ein Komponist in diesem Genre in besonderer Weise sein Können zeigen (oder versagen) müsste, stammt aus der Mitte des 19. Jhds. oder noch späteren Zeiten.
      Haydn und Mozart wäre sie vermutlich mindestens insofern fremd gewesen, dass sie Orchestermusik nicht als Aufplusterung etwas "reinen, abstrakten" gesehen hätten. Das waren unterschiedliche Genres, das Quartett nicht so "öffentlich" (wenn auch nicht so privat wie viele andere Kammer- oder Klaviermusik) und ein Komponist konnte natürlich sein Können besonders deutlich zeigen, weil es eine "standardisierte" Form mit maßgeblichen Vorbildern, insofern ein Vergleich gut möglich war. Aber die etwas puritanisch wirkende Idee, hier habe man die "reine Musik" vor sich, ist eine viel spätere Konstruktion. (Warum nicht Violine oder Cello solo, wäre das nicht noch "reiner"...


      So würde ich das auch annehmen. Mein Beispiel mit dem Saxophonquartett war ja deswegen eingeführt, weil ich die üblichen Begründungen für das Streichquartett als "Königsdisziplin" auch etwas zweifelhaft finde, aber erstmal ein Vergleichsbeispiel nehmen wollte, für das man sehr nah am Streichqartett schreiben kann, wenn man das will. (Man kann damit natürlich auch wieder ganz andere Sachen machen.)

      :wink: Matthias
    • Matthias Oberg schrieb:

      Sorry, aber das ist Blödsinn und das Saxophonquartett stammt aus der Klassik, zunächst nicht aus dem Jazz.
      "Zunächst", mag ja sein. Aber der Kontext, in dem Saxophone die größere Rolle spielen, und zwar eine den Streichinstrumenten in der Klassik vergleichbare, ist wohl unbestritten der Jazz. Und daß die Setzweise da eher eine fünfstimmige als eine vierstimmige ist, wirst Du hoffentlich nicht einfach mit "Blödsinn" abtun.
      Sorry für das OT, aber auf eine so schroffe Erwiderung wolle ich doch kurz eingehen.

      Gruss
      Herr Maria
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      daß Alles für Freuden erwacht
    • Die Analogie "Streichquartett" in der Klassik und "Saxophonquartett" im Jazz, falls so gemeint, möchte ich unterstreichen. Auch das Saxophonquartett bildet einen besonders homogenen Klang mit ähnlicher Wirkung. Ob Königsdisziplin oder nicht - beide Formationen klingen verdammt stimmig und gut.

      Uwe
      Schon ein ganz kleines Lied kann viel Dunkel erhellen.

      (Franz von Assisi)
    • Ich höre Streichquartette einfach sehr gerne, warum auch immer. Wenn ich gezwungen wäre mich zwischen einer Gesamtaufnahme der Beethoven-Sinfonien und einer der Streichquartette zu entscheiden, würde ich ohne zu zögern die Quartette wählen. Gerade bei Beethoven fiele mir diese Wahl besonders leicht, aber auch bei Haydn und Mozart würde ich mich so entscheiden. Einzig bei Brahms würde ich wohl doch ins Grübeln kommen.

      Letztes Jahr gab es im DeutschlandRadio Kultur eine sehr schöne mehrteilige Sendung mit und über Walter Levin, den Gründer und Primarius des LaSalle-Quartetts. Dort machte er zur Aufnahmetechnik die Bemerkung, dass die neueren Streichquartett-Aufnahmen ihm viel zu großorchestral klängen und er froh sei, dass man diesen aufgedonnerten Ton in den siebziger Jahren noch nicht gepflegt habe. Könnt Ihr das nachvollziehen? Wenn ich heutige Aufnahmen mit früheren vergleiche fällt mir eher auf, dass heute die 1. Geige nicht mehr ganz so dominant ist sondern auch die Mittelstimmen besser hörbar sind. Auch wird das Vibrato meist zurückhaltender eingesetzt als noch vor 40 oder 50 Jahren. Man vergleiche zum Beispiel das Amadeus-Quartett mit dem Auryn-Quartett oder auch Artemis, da liegen Welten dazwischen.

      Gruß, Carola
    • Freilich wäre es auch irreführend, Spieltechniken und Klänge, die vor ca. Bartok kaum oder gar nicht im Streichquartett verwendet wurden, retrospektiv auszudehnen. Eine Sinfonie von Haydn hat auch nicht die klangfarblichen Möglichkeiten wie das Orchester von Strauss oder Debussy. Dennoch hat ein Streichquartett über die unterschiedlichen Artikulationsarten, pizzicato, vibrato-Einsatz usw., also nur mit Spieltechniken, die vor 200 Jahren schon genutzt wurden, nicht wenige Klangfarben.
      Zumal zB pizzicato m.E. in der kleinen Besetzung anders wirkt. Haydn setzt das in einem Satz des 7 letzten Worte mit tonmalerischer Wirkung ein. Oder man denke an die Passage in Beethoven op.74, in der die Primgeige eine wilde Kadenz fiedelt, während der Rest pizzicato spielt. Solch ein Effekt ist mit einem größeren Ensemble gar nicht zu erreichen.

      Aber Klangeffekte und -möglichkeiten sind auch nicht per se gut oder schlecht, ebenso könnte man der klanglichen Homogenität einer reinen solistischen Streicherbesetzung eine besondere Qualität zuschreiben...

      Wie ich in einem anderen thread schon mal schrieb, bilde ich mir ein, die Gattung schlicht aus dem Grund zu schätzen, dass es so viele hervorragende Werke gibt. Und das hat vermutlich mehr historisch zufällig Ursachen als "tiefere", die in der Besetzung und ihrem Klang liegen. Es gab einige Komponisten wie Boccherini und Onslow (vermutlich noch mehr), die ähnlich viele Streichquintette schrieben wie -quartette. Insgesamt dominierte aber, wohl auch aus praktischen Gründen, das Quartett, zumal beim Quintett wohl auch keine der Besetzungsvarianten (2 Vl, 2 Va, Vc; 2 Vl, Va., 2 Vc; 2 Vl. Va., Vc, Cb; 3 Vl, Va., Vc) eindeutig dominant war.
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)