Bartók, Béla: Die beiden Violinkonzerte

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    • Bartók, Béla: Die beiden Violinkonzerte

      Bei einem Besuch in der Stadtbücherei fand ich gestern folgende Aufnahme von Bartoks Violinkonzerten:



      Eine kurze Recherche ergab, dass beide Werke noch keinen eigenen Thread besitzen. Also frisch ans Werk ;+)

      Einige grundlegende Informationen:

      Bartoks erstes Violinkonzert entstand vermutlich in den Jahren 1907( 1908, wurde aber erst 1956 veröffentlicht und im Jahr 1958 uraufgeführt. Das Konzert ist zweisätzig. Ein dritter Satz war geplant, wurde aber von Bartok nie komponiert. Gewidmet war dieses Konzert der Geigerin Steffi Geyer, in die Bartok verliebt war. Die Geigerin erwiderte allerdings die Gefühle des Komponisten nicht und so blieb, vermutlich, das Konzert unveröffentlicht. "Ausgegraben" und zur Aufführung gebracht wurde das Konzert dann von Paul Sacher. Zu den späteren Interpreten gehört unter anderm David Oistrach.


      Bartoks zweites Violinkonzert entstand 1937 - 1938.und war Zoltán Székely gewidmet, welcher die Komposition 1936 in auftrag gegeben hatte. Ursprünglich plante Bartok ein einsätziges Konzert. Zoltán Székely wünschte aber ein "klassisches" dreisätziges Konzert. Man kam zu einem Kompromiss, der sowohl Bartoks wie Székelys Vorstellungen entgegenkam.

      Die Satzbezeichnungen:

      I.Allegro non troppo

      II.Andante tranquillo

      III: Allegro molto


      Zoltán Székely führte das Konzert zum ersten Mal 1939 unter der Leitung Willem Mengelbergs in Amsterdam auf.

      :wink: :wink:



      Christian
      Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

      Cato der Ältere
    • Gute Idee! Da ich erst kürzlich die Violinkonzerte von Prokofjew und Schostakowitsch gehört habe, könnte ich auch Bartóks Konzerte mal wieder vornehmen. Große Auswahl gibt es bei mir nicht, wie ich gerade sehe. Das erste habe ich mit Yehudi Menuhin, Antal Doráti und dem New Philharmonia Orchestra (EMI, aufg. 1965), das zweite mit Christian Tetzlaff, Michael Gielen und The London Philharmonic (Virgin, aufg. 1990):



      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Gurnemanz schrieb:

      Das erste habe ich mit Yehudi Menuhin, Antal Doráti und dem New Philharmonia Orchestra (EMI, aufg. 1965)

      Das zweite gibt es auch mit Yehudi Menuhin, und zwar in einer überaus hochkarätigen Aufnahme mit dem Philharmonia Orchestra London unter der Leitung von Wilhelm Furtwängler (aufgenommen in den Abbey Road Studios London am 12. und 13. September 1953, also im Jahr vor Furtwänglers Tod). Es gibt diese Einspielung, die für mich zu den besten Violinkonzertaufnahmen überhaupt gehört, in einer preisgünstigen Naxos-Edition

      Bei EMI ist das Violinkonzert gekoppelt mit Menuhins Einspielung der Solo-Sonate (rec. 12. Oktober 1957), was mir sehr reizvoll erscheint. Daher besitze ich das Konzert in dieser Version
    • Caesar73 schrieb:

      Bartoks zweites Violinkonzert entstand 1937 - 1938.und war Zoltán Székely gewidmet, welcher die Komposition 1936 in auftrag gegeben hatte. Ursprünglich plante Bartok ein einsätziges Konzert. Zoltán Székely wünschte aber ein "klassisches" dreisätziges Konzert. Man kam zu einem Kompromiss, der sowohl Bartoks wie Székelys Vorstellungen entgegenkam.
      Ich habe gerade mal wieder eine meiner Aufnahmen des zweiten Konzerts eingelegt, diese:

      [Blockierte Grafik: http://ecx.images-amazon.com/images/I/51LWtnGkv5L._SL500_AA300_.jpg]
      Béla Bartók (1881-1945)
      Konzert für Violine und Orchester Nr. 2 h-moll Sz 112
      Pinchas Zukerman / Saint Louis Symphony Orchestra / Leonard Slatkin

      Hier kann man dem Beiheft noch entnehmen, daß Bartók die genannte einsätzige Version als Konzert in Form eines Themas mit Variationen geplant hatte und daß nach der Premiere – an der er nicht teilnehmen konnte – er darauf hinweisen konnte, daß er sowohl Székelys Wünschen als auch seinen Vorstellungen nachgekommen sei, indem er verschiedenen Variations-Formen eingearbeitet habe.
      Außerdem sah der Schluß den Verzicht auf das Soloinstrument vor, was Székely wohl auch nicht sonderlich zusagte. Er wünschte sich, daß das Werk wie ein Konzert enden solle und nicht wie eine Symphonie. Dem kam Bartók nach.
      Für die Zukerman-CD wurden beide Versionen eingespielt. Diese sollen laut Beiheft auch beide in der veröffentlichten Partitur eingeschlossen sein.

      Grüße,
      Wolfgang
      Die Wahrheit zu sehen müssen wir vertragen können, vor Allem aber
      sollen wir sie unseren Mitmenschen und der Nachwelt überliefern,
      sei sie günstig oder ungünstig für uns. (August Sander)
    • Vor der Komposition des 2. Konzerts soll sich Bartók intensiv mit den Violinkonzerten Alban Bergs und Karol Szymanowskis beschäftigt haben. Im h-moll-Konzert findet man vereinzelt Zwölftonreihen und scharfe Vierteltonabstufungen. Auch und gerade in diesem Hauptwerk aus seiner Reifezeit ist Bartóks Tonsprache für mich sehr, sehr nahe dran an der rustikalen ungarischen Volksmusik. Daher gehören für mich eine gewisse Derbheit und Ungeschliffenheit zwingend zu einer gelungenen Interpretation.

      Gil Shaham und Pierre Boulez gehen da leider - wie kaum anders zu erwarten - in die entgegengesetzte Richtung. Die Menuhin/Furtwängler-Aufnahme kannte ich noch nicht; die Klangschnipsel sind allerdings vielversprechend. Zu meinen Favoriten zählten lange Zeit Chung/Solti und Tetzlaff/Gielen. Kürzlich habe ich jedoch zwei Aufnahmen entdeckt, die meinem Ideal noch näher kommen: Die erste nahm Tibór Varga Anfang der 50er mit dem RIAS-SO Berlin unter Ferenc Fricsay auf; die zweite entstand vor wenigen Jahren mit Barnabás Kelemen und der Ungarischen Nationalphilharmonie unter Zoltán Kocsis; auch hier sind beide Fassungen des Finale eingespielt.

      Letztere haben auch von dem erst 1958 uraufgeführten ersten Konzert, dass man keinesfalls vernachlässigen sollte und dass leider viel zu oft im Schatten des h-moll-Konzerts übersehen wird, eine sehr hörenswerte Aufnahme abgeliefert.



      Sozusagen zur Untermauerung meines Plädoyers kommen hier Barnabás Kelemen und Zoltán Kocsis mit einem kleinen Schmankerl, Bartoks "Román Táncsok": "http://www.youtube.com/watch?v=XX-XJdnu1I4"

      Cheerio,

      Lavine :wink:
      “I think God, in creating man, somewhat overestimated his ability.
      Oscar Wilde
    • Général Lavine schrieb:

      Die Menuhin/Furtwängler-Aufnahme kannte ich noch nicht; die Klangschnipsel sind allerdings vielversprechend.

      Besorge Dir diese Aufnahme und Deine Knie werden wund werden beim Anhören :juhu: :juhu: :juhu: :juhu: , das verspreche ich Dir. Sowohl, was Menuhins Geigenpart als auch Furtwänglers Ausdeutung der Orchesterbegleitung angeht. Ich habe mir heute Abend dreimal dieses Vergnügen gegönnt und bin hin und weg. Übrigens: auch von der Solo-Sonate, die Menuhin unvergleichlich darbietet.
    • music lover schrieb:

      Übrigens: auch von der Solo-Sonate, die Menuhin unvergleichlich darbietet.


      OT: Diese Sonate hat Bartók im Auftrag Menuhins komponiert. Bartók sagte, dass Menuhin seine Werke besser spiele, als er selbst sie sich jemals hätte vorstellen können.

      Bei mir findet sich noch Menuhins Einspielung von Bartóks Violakonzert von 1945 unter Dorati - auch ein großes Werk, dass hier noch keinen Thread hat.
      “I think God, in creating man, somewhat overestimated his ability.
      Oscar Wilde
    • Zum ersten Violinkonzert: ich habe eine Einspielung mit David Oistrach, dem Staatlichen Sinfonieorchester der UdSSR und Gennadij Roshdestwenskij auf einer CD von harmonia mundi France, die es inzwischen nicht mehr zu geben scheint. Dafür ist diese Einspielung nunmehr auf diesen CDs erhältlich:
      [Blockierte Grafik: http://ecx.images-amazon.com/images/I/51%2Bu%2B-lHZYL._SS500_.jpg] [Blockierte Grafik: http://ecx.images-amazon.com/images/I/51W0dl4pDyL._SS500_.jpg]
      Auch diese Aufnahme kann ich empfehlen.
    • Général Lavine schrieb:

      Auch und gerade in diesem Hauptwerk aus seiner Reifezeit ist Bartóks Tonsprache für mich sehr, sehr nahe dran an der rustikalen ungarischen Volksmusik. Daher gehören für mich eine gewisse Derbheit und Ungeschliffenheit zwingend zu einer gelungenen Interpretation.



      Hallo GL,

      von daher kann ich auch gut verstehen, dass die Chung/Solti (Decca)-Aufnahme bei Dir zu deinen favoriten zählte. So war es bei mir zunächst auch. Solti bietet eine fabelhafte rhythmische Orchesterbegleitung, die auch klanglich keine Wünsche offen läßt.
      Aber vom Violinpart her fehlt mir bei Chung besonders beim VC Nr.2 die Tiefe, die Eingebung, die Fühlbarkeit, dass die Solistin (ausser der technischen Perfektion) überhaupt wirklich was mit dem Konzert anfagen kann.

      Das habe ich umso mehr gespürt, als ich das mit meiner derzeitigen Favotitenaufnahme Isaac Stern / NewYorker PH/ Bernstein (SONY) vergleichen habe ! Wie tiefgehend wird dort interpretiert, welch ein Unterschied, trotz des fabelhaften Solti mit Chung !

      Ich habe eine andere SONY-Kopplung; auf dieser SONY-CD findet sich das VC Nr.2 mit Bernstein und das VC Nr.1 mit Ormandy:


      SONY, 1958, ADD

      :?: Was haltet ihr, soweit bekannt, von Stern/Bernstein ?

      Ich glaube Dir, lieber musiclover, schon durch die persönlichen Kontakte zwischen Bartok+Menuhin ungehört, dass die Menuhin/Furtwängler-Aufnahme die vielleicht beste Interpretetion aller Zeiten sein wird. ;+) Aber Du weist wie das bei mir ist: Mit dem historischen Klang werde ich nicht zufrieden und glücklich werden können ....
      ______________

      Gruß aus Bonn

      Wolfgang
    • Gerhard Hetzel

      Ich besitze noch eine dritte Aufnahme der Violinkonzerte Nr. 1 und 2

      mit Gerhard Hetzel, Violine / Hungarian State SO / Adam Fischer (Brillant, 1991, DDD), die in der seinerzeit preisgünstigen Brillant-Bartok-5CD-Box enthalten sind.

      :!: Hier ist es der Solist alleine, der wirklich überzeugen kann. :| Aber was Adam Fischer orchestral mit den Hungaromusikern abliefert ist genau das Gegenteil von der gewünschten Derbheit, Ungeschliffenheit und rhythmischen Schärfe. Er spult die Konzerte langgezogen und einfach zu wunderschön klingend ab. Die Spannung bleibt auf der Strecke.

      Alleine die ausgewaltzen Spielzeiten belegen, dass bei A.Fischer (übrigens fast in der gesamten Bartok-Box) das ungarische Feuer fehlt:
      Und das in einer ungarischen Aufnahme, von der ich mir wirklich mehr versprochen hatte !
      VC Nr.1 = 10:31 - 11:55
      VC Nr.2 = 16:39 - 11:21 - 12:01

      Der Klang ist wirklich gut - sehr gut - aber was nützt das .... ?


      Brillant, 1989-92, DDD
      ______________

      Gruß aus Bonn

      Wolfgang
    • Es gibt gewiss nicht wenige gelungene Aufnahmen des zweiten Konzerts, manche kenne ich auch.

      Eine der neuesten dürfte die folgende sein:



      Die Kopatschinskaja brennt hier ein genialisches Feuerwerk ab, das vielleicht sehr eigenwillig erscheint, dem Konzert aber gewiss nicht schadet. Schließlich wurzelt es bei allem Blechbläserglanz und formstrenger Klassizität eben doch in der ungarischen Folklore. Ich bin sehr angetan!

      Auch Eötvös und Ligeti faszinieren mich.

      :wink: Wolfgang
      He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.
    • RE: Kopatschinskaja mit dem Bartok VC Nr.2

      andréjo schrieb:

      Die Kopatschinskaja brennt hier ein genialisches Feuerwerk ab, das vielleicht sehr eigenwillig erscheint, dem Konzert aber gewiss nicht schadet. Schließlich wurzelt es bei allem Blechbläserglanz und formstrenger Klassizität eben doch in der ungarischen Folklore.

      Ja, lieber Wolfgang, das finde ich auch.
      Sie gewinnt dem Bartok - VC 2 hier ganz neue Seiten ab und betont sehr farbenreich bestimmte Akzente (vielleicht gerade die ungarischen Akzente), die in allen mir bekannten Aufnahmen eher klassisch normal klingen.
      :angel: Ich bin von allem, was ich mit dieser "Violin-Granate" Kopatschinskaja bisher gesehen und gehört habe, absolut begeistert. Eine ganz grosse Künstlerin, von der wir noch viel hören werden - und müssen !

      ;+) Danke für diese Aufnahme !
      ______________

      Gruß aus Bonn

      Wolfgang
    • Freut mich, werter Namenskollege! Ich werde mir später zum Vergleich auch Hetzel anhören und die zwei, drei (vier??) anderen, die im Schrank sein müssen - auf CD beziehungsweise auf Kassette. Nur die Besetzungen fallen mir nicht mehr ein. (Auf (Unter-)Fränkisch (nicht ganz mein Dialekt, sondern derjenige der Schwiegermutter): Der Doud mou sain Oofang hobb. (Freie klassische Übertragung: Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen.)

      ;( :D Wolfgang
      He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.
    • Auch die folgende Einspielung neueren Datums mit einem mir zumindest vorher noch nicht geläufigen Solisten ist ganz ausgezeichnet:



      Korcia ist ein glänzender Virtuose, der das Konzert kraftvoll, zupackend und im langsamen Satz sehr differenziert gestaltet - die Kopatschinskaja mag noch unkonventioneller sein. Das Orchester halte ich für mindestens so stark wie dort. Gegen die Aufnahmequalität gibt es keine Einwände - in der Tat (vgl. den Kommentar beim Partner) handelt es sich aber nicht um eine SACD.

      :wink: Wolfgang
      He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.
    • Unbedingt erwähnenswert ist auch die Aufnahme mit Isabelle Faust und Daniel Harding. Beide schätze ich ohnehin sehr, und speziell diese Aufnahme hat mich sehr ergriffen und mri die Bartokschen Konzerte mal wieder etwas näher gebracht.

      Im zweiten Violinkonzert wählt sie eine (nach meiner bescheidenen Kenntnis) selten eingespielte Version ohne Soloinstrument. Ungewohnt, aber für meine krummen Ohren überzeugend.
      Lucius Travinius Potellus
      Those who would give up essential Liberty, to purchase a little temporary Safety, deserve neither Liberty nor Safety. (B.Franklin)
    • Bartók Béla - Violinkonzert Nr. 2

      Nach einem Hinweis von Général Lavine auf Anregung von Trichomonas musicalis statt einen neuen Thread stehen zu lassen hiermit hierher verschoben.
      AlexanderK, Moderation

      Obwohl Bartóks 2. Violinkonzert zweifellos zu den berühmtesten Werken dieser Gattung im 20. Jahrhundert gehört, hat es keine ausschließlich positive Nachrede. Für Boulez, der das Werk sehr wohl, wenn auch spät, aufgenommen hat, markiert es den Beginn des angeblichen Verfalls in Bartóks „kompositorischem Denken“, und der ansonsten so euphorische Bartók-Biograph Tadeusz Zielinski gibt sich reichlich frostig in seiner Bewertung. Es wäre eigentlich ein rein romantisches Violinkonzert – soll also wohl heißen, es wäre abgestanden. Mich selbst hingegen begeistert dieses Werk über alle Maßen und nach, oder vielleicht schon neben, dem Mendelssohnkonzert ist Bartóks 2. Violinkonzert mein absoluter Favorit unter den Violinkonzerten (aller Zeiten!). Es stimmt natürlich, dass es nicht so expressionistisch wie Bartóks erste beide Klavierkonzerte ist, und tatsächlich wird die Melodie wieder bestimmendes Element. Das Thema des ersten Satzes z.B. ist sehr markant - ich würde sagen, es ist eines der eingängigsten Themen der Violinkonzertliteratur überhaupt. Es handelt sich um einen „Verbunkos“, einen Tanz, der im königlichen Ungarn beim Anwerben von Soldaten gespielt wurde und einen Mischtyp aus ungarischer Musik und Zigeunermusik darstellt. Zu Anfang seiner ethnomusikalischen Studien war Bartók sehr kritisch gegenüber solchen Stilen, die seit Liszt und Brahms als urungarisch galten, gewesen, da er sie für artifiziell hielt. In der zweiten Hälfte der 1930er Jahre begeisterte er sich aber wieder für den Schwung und die rhythmische Kraft dieser Musik, was sich neben dem 2. Violinkonzert auch noch in den beiden Violinrhapsodien niedergeschlagen hat.
      Trotz all der Rückgriffe: wie genial Bartók das Vergangene emuliert! Obwohl er sich Stilmittel der Romantik bedient klingt das Werk durch und durch modern. Das liegt natürlich auch an der typisch bartókschen Harmonik, die auf so wundervolle Weise einmal kalt und dann wieder heiß auf einen wirken kann. Die Instrumentierung ist wie immer bei Bartók qualitativ höchststehend und bringt zahlreichende groteske Effekte hervor (z.B. Glissandi in der Sologeige, die von wütenden Ausbrüchen des Orchesters beantwortet werden – wie ein Hohngelächter). Vom Neoklassizismus z.B Strawinskys unterscheidet sich Bartóks Konzert daher sehr ohrenfällig.
      Traditionell ist der Aufbau des Konzerts in drei Sätzen (was aber auch auf alle anderen Solokonzerte Bartóks außer dem 1. Violinkonzert zutrifft), ungewöhnlich aber die starke Konzentration auf Variationstechniken. Sowohl der zweite als auch dritte Satz sind Variationssätze. (Ursprünglich wollte Bartók das Werk als einen einzigen Variationensatz konzipieren, aber der Widmungsträger und Freund Bartóks Zoltán Székely stellte sich quer.) Der dritte Satz führt überhaupt kein neues Material ein, sondern bezieht sich ausschließlich auf Themen, die im ersten Satz vorgestellt wurden. Mich erinnert dieses Verfahren sehr an Liszts Faust-Symphonie, allerdings habe ich für meine Vermutung bisher noch keine Bestätigung in der Literatur gefunden.

      Aufnahmen gibt es von diesem Werk zahlreiche und ich kenne sicherlich nur den kleineren Teil von ihnen. Mir liegen vor: Menuhin/Doráti, Pauk/Witt, Zehetmair/Fischer, Varga/Fricsay, Kyung Wha Chung/Solti, Faust/Harding, Shaham/Boulez und Kelemen/Kocsis. Von diesen Aufnahmen würde ich nur von einer explizit abraten, und das wäre Menuhin/Doráti. Menuhin, obwohl sicherlich einer der großen Geiger des 20. Jahrhunderts, spielt hier schwunglos und fehlerhaft. Das Zusammenspiel mit dem Orchester liegt auch im Argen. Wie das passieren konnte, weiß ich nicht, aber da auch der Klang dieser Aufnahme aus den 1960ern mies ist, kann ich nur sagen: Finger weg. Bei der Naxos-Aufnahme (Pauk/Witt) spielt das Orchester echt hervorragend, aber der Solist (Pauk) müht sich doch zu sehr ab und kann somit seinem Part nicht den nötigen Schwung geben. Aber immer noch eine ordentliche Einspielung. Alle anderen sind sehr gut, kommen mir aber nicht in jeder Hinsicht entgegen. Shaham und Boulez z.B. nehmen das Werk „antinational“, d.h. nehmen dem Thema des ersten Satzes sein ungarisches Feuer. Für mich klingt das zu entspannt – zu französisch ;+) . Zehetmair spielt wie der Teufel, aber Fischer bleibt mit seiner Begleitung etwas zu sehr im Hintergrund. Die Interpratation von Varga und Fricsay ist exzellent aber die Klangqualität (Mono) verdirbt mir etwas die Freude – schließlich ist Bartóks Musik auch ein Klangwunder. Die drei verbleibenden Aufnahmen, also Faust/Harding, Kyung Wha Chung/Solti und Kelemen/Kocsis sind ohne Fehl und Tadel, trotzdem habe ich einen klaren Favoriten, und das ist Kelemen/Kocsis. Die Kraft Kelemens Spiels ist unglaublich, das Rohe wie auch das Zarte gelingt ihm auf vollendete Weise. Das, gepaart mit der hervorragenden Klangqualität und der Spitzenleistung der Budapester unter Kocsis, macht diese Aufnahme für mich zur absoluten Referenz. Natürlich bin ich auf Erfahrungen von anderen Forenmitgliedern (mit anderen Aufnahmen) sehr gespannt!

      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Gestern Abend habe ich Bela Bartoks zweites Violinkonzert im Konzert gehört. Der Solist war Barnabas Kelemen, dessen Aufnahme hier ja schon ein paar Mal erwähnt wurde, und er hat die Aufführung dem Dirigenten dieser Afnahmen gewidmet, Zoltan Kocsis, der ja vor ein paar Tagen gestorben ist und den Kelemen in einer ganz kurzen Ansprache als einen der besten Bartok-Interpreten überhaupt würdigte. Nun, ich habe also das Konzert gehört, konzentriert und neugierig - mit Bartok habe ich bisher nämlich nur wenige, allerdings auch meistens nicht so positive Erfahrungen gemacht. Darf ich jetzt ein Bisschen ketzerisch sein?

      Trichomonas musicalis schrieb:

      Natürlich bin ich auf Erfahrungen von anderen Forenmitgliedern (mit anderen Aufnahmen) sehr gespannt!
      Okay, wenn das so ist: Ich mochte das Stück überhaupt nicht. Am Anfang fand ich es noch ganz vielversprechend, aber dann habe ich gewartet, dass nach diesem netten Anfang nch irgendetwas kommt. Und ziemlich bald habe ich mich einfach nur noch gelangweilt und gewartet, dass es vorbei geht. Und da kann man lange warten bei diesem Konzert. Da habe ich dann gemerkt, dass ich mich zunehmend ärgere: mein Gott, wenn ihm schon nichts einfällt, warum muss er das dann auch noch auf fast eine Dreiviertelstunde auswalzen?
      Der Solist und das Orchester waren übrigens großartig, haben klangschön, routiniert und sehr präzise gespielt, aber was hätten sie in dieser langen Dreiviertelstunde alles für tolle Violinkonzerte spielen können statt dieser breitgetretenen Einfallslosigkeit!

      Trichomonas musicalis schrieb:

      Es stimmt natürlich, dass es nicht so expressionistisch wie Bartóks erste beide Klavierkonzerte ist, und tatsächlich wird die Melodie wieder bestimmendes Element.
      Ja, das habe ich im Programmheft gestern Abend auch gelesen. Nachvollziehen konnte ich es beim Hören nicht: Wo ist denn da überhaupt mal irgend eine Melodie? Den zweiten Satz konzipiert Bartok als Folge von fünf oder sechs Variationen über ein von der Sologeige vorgestelltes Thema. Und dieses Thema ist so beliebig und unspezifisch, das es schon während es erklingt wieder aus dem Kopf ist. Wenn man sich aber an nichts erinnern kann vom Thema, dann hat man als Zuhörer auch keine Chance mitzuverfolgen, wie dieses Thema variiert wird. Noch nicht einmal da, wo eine Melodie hin müsste, damit das Stück funktioniert, fällt Bartok eine ein.
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde