ROSSINI: WILHELM TELL - Kommentierte Diskographie

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    • ROSSINI: WILHELM TELL - Kommentierte Diskographie

      Geburtstage, zumal so "seltene" wie der von Gioachino Rossini am 29. Februar, verdienen es, gewürdigt zu werden, um so mehr, wenn das mit einem Werk geschehen kann, das leider viel zu selten gewürdigt wird.

      GUILLAUME TELL, die letzte originale Oper Rossinis muss in unserem Musikleben, ähnlich wie die meisten Hauptwerke der „Grande Opéra“, die Rossini zusammen mit der ein Jahr älteren LA MUETTE DE PORTICI Aubers einleitete und zu einem frühen Höhepunkt führte, ein Mauerblümchendasein fristen. Opern über Volksaufstände waren eben bei der Haute Volée, die zu allen Zeiten den zahlungskräftigen Kern des Opernpublikums stellte, nie sehr beliebt, selbst wenn ihre Musik gefeiert wurde.

      Der Hauptgrund für die immer seltener werdende Zahl der Aufführungen waren aber wohl der von Rossini geforderte, erhebliche Aufwand und die extrem hohen Ansprüche an die Stimmen der Protagonisten, vor allem den Tenor des Arnold, der allein in seiner Schlussarie 5 hohe C zu bewältigen hat und dabei schon zuvor enorm gefordert ist. Aber auch die anderen Partien sind allein wegen ihres Umfangs sehr anspruchsvoll, und es ist mehr als verständlich, dass, wie in der wirklich vorzüglichen pariser Aufführung, meist kräftig gekürzt wird, wenn man die Oper bringt.

      Dabei ist der TELL in vieler Hinsicht Rossinis großartigstes und progressivstes Werk, das bis hin in die Ballettpassagen eine thematische Geschlossenheit und konzentrierte Relevanz aufweist, die bei ihm selten ist. Hinzu kommt eine nicht nur für seine Verhältnisse einfallsreiche und enorm variable Orchesterbehandlung. Man höre nur einmal das wundervolle Finale mit dem Sonnenaufgang über den Alpen und frage sich, ob es danach wirklich noch die fast ein Jahrhundert jüngere ALPENSINFONIE brauchte um das besser zum Ausdruck zu bringen. Und das sage ich als schon fast berüchtigter Strauss-Freund.

      Ähnliches könnte sich auch der ausgewiesene Rossini-Gegner Hector Berlioz gedacht haben. Er fand die Oper zwar etwas lang (zum Glück ließ sich der Komponist Berlioz von dem Kritiker Berlioz nicht immer dreinreden), ließ sich von ihr aber auch zu Begeisterungsstürmen hinreißen: „ Zu Beginn war man noch indifferent, denn dem Komponisten schien es an Einfällen zu gebrechen. Am Ende aber ist man tief bewegt. ... (Rossini) hat sich bewährt und uns mit gänzlich unerwarteten Überraschungen bewegt. Er steckt voller solcher Kontraste“. Er hielt Arnolds finale Arie „Asile héréditaire“ für das Prachtstück der Partitur. Aber selbst Richard Wagner konzedierte Tells Arie „Sois immobile“, mit der er im dritten Akt seinen Sohn beschwört, beim Apfelschuss still zu halten, eine hohe Qualität: „wie die freie Gesangslinie jedes Wort unterstreicht und durch die atemberaubende Cellostimme unterstützt wird, das erreicht de höchsten Gipfel lyrischen Ausdrucks“. (s. a. "http://www.youtube.com/watch?v=RjXwKu9VIkk")

      Ich mag meine vielen Lieblingspassagen dieser grandiosen Oper gar nicht aufführen, weil dieser eigentlich nur als Auftakt einer (hoffentlich entstehenden) Diskussion der Diskographie gedachte Beitrag dann viel zu lang würde. Deshalb weise ich nur darauf hin, dass die Ouvertüre zwar mit gutem Grund das beliebteste, keineswegs aber das einzig hinreißende Stück dieses Meisterwerkes ist. Man merkt ihm an, dass Rossini, der schon früh ankündigte, dass der TELL seine letzte Oper werden würde, noch einmal alles geben wollte, zu dem er fähig war und deshalb sogar am
      Libretto mitarbeitete, wozu er davor kaum jemals genug Zeit oder Lust hatte.

      Bevor ich zu ausführlich ins Schwärmen gerate, verweise ich deshalb gleich auf die nach meiner Kenntnis führenden Aufnahmen. Auf dem offiziellen Markt gibt es als DVD einer Aufführung leider nur die Aufzeichnung der Aufführung von 1989 an der Mailänder Scala. Leider ist diese Aufführung trotz guter Gesangsleistungen von Giorgio Zancanaro, Cheryl Studer und Chris Merritt arg statisch geraten, zumal Muti für meinen Geschmack ausgerechnet bei Rossini fast immer zu rigide dirigiert. Andererseits hat man hier den klaren Vorteil einer gefälligen Inszenierung und visuell nachvollziehbaren Handlung. Leider gibt es sie derzeit nur in dem sehr attraktiven Sammelschuber mit Mutis Scala-Opern, aber wer ein günstiges Einzelexemplar auf dem Markt erwischt, wird darüber kaum unglücklich sein. Man sollte allerdings vorher auf YouTube schauen, wie einem die Ausschnitte dort gefallen.

      Antonio Pappanos Version der Oper kenne ich nur als Mitschnitt einer Aufführung im Rahmen der londoner Proms. Sie scheint mir mindestens in Teilen etwas hektisch geraten, aber ich müsste sie noch viel eingehender hören, bevor ich sie ernsthaft beurteilen kann.



      Da Pappanos nichtsdestoweniger verdienstvolle DVD mit Gerald Finlay, John Osborne und Marie-Nicole Lemieux nur die Aufzeichnung einer konzertanten Aufführung ist, gibt es alle anderen Alternativen mit Bild und Ton leider nur auf dem grauen Markt der TV-Aufzeichnungen. Zu ihnen gehört vor allem die Aufführung aus Paris mit Thomas Hampson aus dem Jahr 2003. Sie ist wegen der eindrucksvoll stilisierten, aber im Detail subtil gestalteten Inszenierung Francesca Zambellos, vor allem aber wegen Thomas Hampsons überragendem Tell, trotz kräftiger Kürzungen die erste Wahl. Daneben kursieren noch zwei bildtechnisch wenig begeisternde Mitschnitte von Aufführungen aus Verona 1992 (Evelino Pido; Bruson, Merritt, Voigt) und der Mitschnitt ersten Aufführung des vollständig rekonstruierten GUGLIELMO TELL in Pesaro 1993 unter Gianluigi Gelmetti mit Michele Pertusi, Gregory Kunde und Elisabeth Norberg-Schulz. Leider sind sie kaum greifbar, so dass es wenig Sinn macht, hier detailiert darauf einzugehen.

      Wer also Rossinis Oper in einer in Vollständigkeit und Qualität maßstäblichen Fassung hören will, muss sich mit den beiden Studioeinspielungen begnügen, die zum Glück kaum Schwächen aufweisen. Zunächst die französische Originalfassung:





      Gabriel Bacquier, Nicolai Gedda, Mady Mesplé und auch Montserrat Caballé bilden da zusammen mit ihren comprimarii ein vorzügliches und auch ziemlich stilsicheres Ensemble, das wenig Wünsche offen ließe, wenn nicht ausgerechnet Lamberto Gardelli, von dem man nach seinen vorzüglichen Aufnahmen früher Verdi-Opern hätte meinen können, dass ihm diese Oper liegt, das Ganze immer wieder gar zu feierlich zelebrieren würde, als spiele er zum Schweizer Nationalfeiertag auf. Natürlich geschieht das auf sehr hohem Niveau, und ich wäre wohl zufriedener damit, hätte ich die Oper nicht vorher in der überwältigenden Realisierung durch Riccardo Chailly mit einem Pavarotti der Extraklasse (selbst für seine damaligen Verhältnisse) und seinen fast ebenbürtigen Partner(inne)n Mirella Freni, Della Jones, Nicolai Ghiaurov und einem blendend aufgelegten Sherrill Milnes lieben gelernt.



      Auch wenn diese Aufnahme nach wie vor nicht billig ist, sie ist jeden einzelnen Cent und mehr wert und gehört für mich so eindeutig zu den Unverzichtbaren, dass ich sie ausnahmsweise der authentischeren Originalfassung vorziehe.

      Zu dem Stück gibt es übrigens eine hochinteressante, wenn auch aus einer anderen Welt als Rossinis Oper stammende, Alternative von André-Ernest-Modeste Grétry. Die hatte ihre Uraufführung schon 1791, also bereits zwei Jahre nach dem Sturm auf die Bastille und einige Zeit vor Schiller (1804) und Rossini (1829). Trotz ihrer relativen Kürze nimmt sie bereits den Aufbau der schillerschen Handlung in wesentlichen Details vorweg, so dass man meinen möchte, dass Schiller Grétrys Oper gekannt hat (Rossinis Librettisten war sie bestimmt bekannt), als er gut zehn Jahre später mit der Arbeit an seinem Drama begann. Auch Grétrys GUILLAUME TELL wäre mal eine eingehendere Beschäftigung wert, aber solange es da nur zwei relativ schwer zu bekommende Rundfunkmitschnitte
      gibt, dürfte das Interesse an dieser Oper über den schweizer Nationalhelden und beinahe Kindsmörder wider Willen eher begrenzt bleiben.

      :wink: Rideamus
      Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung
    • Lieber Rideamus!

      Herzlichen Dank, dass Du im Anschluss an Rossinis gestrigen Geburtstag seine letzte Oper mit einem Thread würdigst. Ich kannte die Oper bis vor einigen Monaten auch noch nicht, habe aber nun - wie es der Zufall so will - die Möglichkeit, bei der Neuinszenierung von "Guillaume Tell" am Staatstheater Nürnberg im Chor dabei zu sein.

      Heute Abend ist Generalprobe, am Samstag (3.3.) haben wir Premiere, BR KLASSIK überträgt live.

      Wie gesagt war die Musik für mich (bis auf den bekannten Teil der Ouvertüre) völliges Neuland, doch ich habe sie im Laufe der letzten Wochen wirklich schätzen gelernt: Es gibt zahlreiche wunderbare Passagen, einige Rossini-typisch, andere ganz untypisch Rossini. Ungekürzt ist das ganze natürlich schon ein 5-stündiges Monstrum und in dieser Form für eine Bühnenrealisierung etwas problematisch, vor allem die Ballette zehren meiner Meinung nach doch sehr am Drive der Handlung. Ein paar sinnvolle Bühnenstriche sind da fast unerlässlich.

      Hier die Besetzungsliste für die Nürnberger Premiere am Samstag:

      Nicolai Karnolsky (Gessler)
      Philip Carmichael (Rodolphe)
      Martin Berner (Guillaume Tell) - Alternierende Besetzung: Jochen Kupfer
      Taehyun Jun (Walther Furst / Leuthold)
      Uwe Stickert (Arnold Melcthal)
      Vladislav Solodyagin (Melcthal)
      Leah Gordon (Mathilde)
      Leila Pfister (Hedwige) - Alternierende Besetzung: Juditha Nagyová
      Michaela Maria Mayer (Jemmy) - Alternierende Besetzung: Heidi Elisabeth Meier
      Tilman Lichdi (Ruodi) - Alternierende Besetzung: Martin Nyvall

      Musikalische Leitung: Guido Johannes Rumstadt
      Inszenierung: Elisabeth Stöppler
      Bühne: Hermann Feuchter
      Kostüme: Nicole Pleuler
      Chor: Tarmo Vaask
      Dramaturgie: Sonja Westerbeck

      Staatsphilharmonie Nürnberg
      Chor und Extra-Chor des Staatstheaters Nürnberg

      Die Solisten sind durchweg gut bis sehr gut, die Inszenierung der jungen Elisabeth Stöppler scheint sehr spannend und ideenreich zu werden. Schade, dass die Live-Übertragung nur im Radio gesendet wird, da wird einiges vom Gesamtpaket verloren gehen ... Hätten sie mal lieber davon eine DVD gemacht anstatt von den kürzlichen "Meistersingern"! Nicht nur weil die Inszenierung mE sehenswerter ist, sondern gerade auch weil es vom "Tell" nur eine DVD auf dem Markt gibt, die zudem in Itallienisch und nicht im französischen Orginal ist:




      Eine komplette "Guillaume Tell"-Inszenierung (5 1/2 Stunden!!!) gibt es übrigens noch auf YT, allerdings werden nach etwa 45 Minuten Bild und Ton asynchron, aber die Inszenierung von Pier Luigi Pizzi ist ehrlich gesagt auch ein einziges Rumgestehe, da ist das nicht ganz so schlimm ... :pfeif:

      "http://www.youtube.com/watch?v=4NufaurLuCw"

      DiO :beatnik:
      "Wer Europa in seiner komplizierten Verschränkung von Gemeinsamkeit und Eigenart verstehen will, tut gut daran, die Oper zu studieren." - Ralph Bollmann, Walküre in Detmold
    • Lieber DiO

      vielen Dank für diese Hinweise. IN Nürnberg traut man sich ja Einiges zu, aber wenn Martin Berner und Uwe Stickert ihren Partien wirklich halbwegs gerecht werden können, sollten die größeren Häuser schon bei ihnen anstehen.

      Bei der Aufnahme auf YouTube handelt es sich übrigens um die erste vollständige Aufzeichnung aus Pesaro von 1993 unter Gianluigi Gelmetti und mit Pertusi, Kunde, Schulze-Norberg, auf die ich hingewiesen habe. Es lohnt sich also vielleicht doch noch, die mal genauer anzusehen und zu kommentieren, wenn man den technischen Standard aushält.

      :wink: Rideamus
      Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung
    • Rideamus schrieb:

      Zu ihnen gehört vor allem die Aufführung aus Paris mit Thomas Hampson aus dem Jahr 2003. Sie ist wegen der eindrucksvoll stilisierten, aber im Detail subtil gestalteten Inszenierung Francesca Zambellos, vor allem aber wegen Thomas Hampsons überragendem Tell, trotz kräftiger Kürzungen die erste Wahl.


      Diese Produktion habe ich im März 2003 in der Bastille-Oper erlebt bzw. erlitten. Trotz oder vielleicht auch gerade wegen der Kürzungen erschien mir das Stück unglaublich lang (ich kannte vorher von Bibliotheksplatten halbwegs die italienische Fassung unter dem Dirigat von Chailly). Die brave und edelkitschige Bebilderung von Francesca Zambello war für meinen Geschmack genau das Falsche, das Dirigat von Campanella höchstens routiniert, das Orchesterspiel lustlos und Hampsons Stimme (der ich allerdings nie besonders gern gelauscht habe) zu klein für den riesigen Theaterraum. Seitdem habe ich die Oper nie wieder gehört, weder von Tonträgern noch gar live, hatte mir allerdings vorgenommen, das irgendwann zu ändern (wenn ich mal wieder stärker opernaffin bin als zur Zeit).


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Rideamus schrieb:

      Lieber DiO

      vielen Dank für diese Hinweise. IN Nürnberg traut man sich ja Einiges zu, aber wenn Martin Berner und Uwe Stickert ihren Partien wirklich halbwegs gerecht werden können, sollten die größeren Häuser schon bei ihnen anstehen.

      Bei der Aufnahme auf YouTube handelt es sich übrigens um die erste vollständige Aufzeichnung aus Pesaro von 1993 unter Gianluigi Gelmetti und mit Pertusi, Kunde, Schulze-Norberg, auf die ich hingewiesen habe. Es lohnt sich also vielleicht doch noch, die mal genauer anzusehen und zu kommentieren, wenn man den technischen Standard aushält.

      :wink: Rideamus


      Lieber Rideamus!

      Ja, das hab ich irgendwie übersehen, dass Du die Pesaro-Aufzeichnung in Deinem Beitrag erwähnt hattest. Ich finde sie sängerisch z.T. sehr gelungen, vor allem von der Tenor-Seite her (Ruodi & Arnold), das Dirigat finde ich phasenweise etwas zäh, die Inszenierung schwach.

      Von Uwe Stickert gibt es bei YT "Una furtiva lagrima" aus "L'Elisir d'amore":

      "http://www.youtube.com/watch?v=j0vQoen0cnQ"

      Ich finde aber, dass ihm der dramatischere Arnold im "Tell" mehr liegt als Belcanto.

      Noch ein kleiner Hinweis für alle, die am Samstag das Radio einschalten: Der berühmte Teil der Ouvertüre wurde nicht gestrichen, sondern an anderer Stelle eingesetzt, also nicht wundern, wenn der "Pferdegalopp" am Anfang ausbleibt ... ;+)

      DiO :beatnik:
      "Wer Europa in seiner komplizierten Verschränkung von Gemeinsamkeit und Eigenart verstehen will, tut gut daran, die Oper zu studieren." - Ralph Bollmann, Walküre in Detmold
    • Philbert schrieb:

      Zwielicht schrieb:

      Trotz oder vielleicht auch gerade wegen der Kürzungen erschien mir das Stück unglaublich lang

      Es ist oft so bei Rossini: je mehr man kürzt, desto länger erscheint das Stück (gilt auch für Semiramide z.B.).


      Na ja, das wird mit Sicherheit an der Inszenierung gelegen haben, bzw. an einer schlechten Strichfassung ... ;+)

      DiO :beatnik:
      "Wer Europa in seiner komplizierten Verschränkung von Gemeinsamkeit und Eigenart verstehen will, tut gut daran, die Oper zu studieren." - Ralph Bollmann, Walküre in Detmold
    • Ich bin 1993 in Pesaro dabei gewesen und entsinne mich einer packenden Aufführung dieser viel zu selten gespielten Oper , der ich damals zum ersten Mal begegnete,
      Es war wohl der Auftakt einer eindrucksvollen Karriere Pertusis. Kunde war der jährlich dort eingesetzte Rossini - Tenor, im Wechsel mit Chris Merrit, den es kurze Zeit später ins Charakterfach zog ( z. B. Moses und Aron ). Der Guillaume Tell und andere Opere Serie wie Semiramide, Tancredi, Mosé, Otello usw., die ich allesamt in Pesaro gesehen und gehört hatte, führten schließlich dazu, dass ich der Deutschen Rossini Gesellschaft beigetreten bin, und das besonders deshalb, weil man hierzulande fast nur den " komischen " Rossini kennt. Damit wird man der Bedeutung diese Komponisten keineswegs gerecht - trotz der angeblichen, immer wieder kolportierten Aussage Beethovens,anlässlich eines Besuchs von Rossini in Wien, er möge ausschließlich Opern wie den " Barbiere " komponieren. Es ist anzunehmen, dass Beethoven nicht eine der so genannten ernsten Opern seines Besuchers kannte. Beim Rossini - Festival in Bad Wildbad ( Schwarzwald ) wird im Juli übrigens die " Semiramide " konzertant aufgeführt !

      Ciao. Gioachino :pfeif:
      miniminiDIFIDI
    • Weiß eigentlich jemand, ob der "Tell" früher mal auch auf Deutsch gemacht wurde? Gibt es da irgendwelche Tondokumente bzw. -fragmente?

      DiO :beatnik:
      "Wer Europa in seiner komplizierten Verschränkung von Gemeinsamkeit und Eigenart verstehen will, tut gut daran, die Oper zu studieren." - Ralph Bollmann, Walküre in Detmold
    • Diabolus in Opera schrieb:

      Weiß eigentlich jemand, ob der "Tell" früher mal auch auf Deutsch gemacht wurde? Gibt es da irgendwelche Tondokumente bzw. -fragmente?
      Ich habe mich umgesehen:

      "http://www.operadis-opera-discography.org.uk/CLROGUIL.HTM"


      Nr. 2 (Herbert Kegel 1953) ist in Deutsch:




      Laß dich vom Titel Guglielmo Tell nicht täuschen, die Aufnahme ist in deutsch. Hier Hörproben:

      "http://www.amazon.com/Gioachino-Rossini-Guglielmo-Tell-Leipzig/dp/B004GGGXI2"


      jd :wink:
      "Interpretation ist mein Gemüse."
      Hudebux
      "Derjenige, der zum ersten Mal anstatt eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation."
      Jean Paul
    • Josquin Dufay schrieb:

      Diabolus in Opera schrieb:

      Weiß eigentlich jemand, ob der "Tell" früher mal auch auf Deutsch gemacht wurde? Gibt es da irgendwelche Tondokumente bzw. -fragmente?
      Ich habe mich umgesehen:

      "http://www.operadis-opera-discography.org.uk/CLROGUIL.HTM"


      Nr. 2 (Herbert Kegel 1953) ist in Deutsch:




      Laß dich vom Titel Guglielmo Tell nicht täuschen, die Aufnahme ist in deutsch. Hier Hörproben:

      "http://www.amazon.com/Gioachino-Rossini-Guglielmo-Tell-Leipzig/dp/B004GGGXI2"


      jd :wink:


      Danke für die Recherche! Kegel, das ist ja interessant ... scheint aber sehr stark gekürzt zu sein, da es nur 2 CDs sind.

      DiO :beatnik:
      "Wer Europa in seiner komplizierten Verschränkung von Gemeinsamkeit und Eigenart verstehen will, tut gut daran, die Oper zu studieren." - Ralph Bollmann, Walküre in Detmold
    • Diabolus in Opera schrieb:

      Danke für die Recherche! Kegel, das ist ja interessant ... scheint aber sehr stark gekürzt zu sein, da es nur 2 CDs sind.
      Das ist mit größter Wahrscheinlichkeit eine Live-Konserve - Länge ca. 107 Minuten. Bei den Hörproben stehen die italienischen (!) Titel in Klammern dabei, man könnte also vergleichen. Klingt übrigens sehr gut für das Alter. [Es gibt einen Bonus mit Toscanini, ca. 26 weitere Minuten.]


      jd :wink:
      "Interpretation ist mein Gemüse."
      Hudebux
      "Derjenige, der zum ersten Mal anstatt eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation."
      Jean Paul
    • Josquin Dufay schrieb:

      Diabolus in Opera schrieb:

      Danke für die Recherche! Kegel, das ist ja interessant ... scheint aber sehr stark gekürzt zu sein, da es nur 2 CDs sind.
      Das ist mit größter Wahrscheinlichkeit eine Live-Konserve - Länge ca. 107 Minuten. Bei den Hörproben stehen die italienischen (!) Titel in Klammern dabei, man könnte also vergleichen. Klingt übrigens sehr gut für das Alter. [Es gibt einen Bonus mit Toscanini, ca. 26 weitere Minuten.]


      jd :wink:



      Hmm, für 'ne Live-Konserve klingt das tontechnisch schon ziemlich gut ... hab sie mir spontan auf dem Marketplace bestellt. Wobei ich ja echt mal auf die Handlung dieser Version gespannt bin, denn 107 Minuten sind ja nicht einmal die Hälfte der Original-Fassung ... 8|

      Im Übrigen finde ich es recht interessant, dass sich die junge DDR damals anscheinend mit der Aufführung/Einspielung von Revolutionsopern hervortat, etwa zur selben Zeit entstand nämlich auch eine Aufnahme von Lortzings "Regina":



      DiO :beatnik:
      "Wer Europa in seiner komplizierten Verschränkung von Gemeinsamkeit und Eigenart verstehen will, tut gut daran, die Oper zu studieren." - Ralph Bollmann, Walküre in Detmold
    • Ein paar Fotos von der Nürnberger Inszenierung gibt es hier vorab hier zu sehen:

      "http://www.br.de/radio/br-klassik/service/programmtipps/wilhelm-tell-rossini-staatheater-nuernberg100.html"

      DiO :beatnik:
      "Wer Europa in seiner komplizierten Verschränkung von Gemeinsamkeit und Eigenart verstehen will, tut gut daran, die Oper zu studieren." - Ralph Bollmann, Walküre in Detmold
    • Als kleine Ergänzung zu Rideamus' Auflistung hier noch einige Aufnahmen des "Tell", von denen ich aber keine kenne. Besonders interessant (vor allem für unseren Gioachino ;+) ) dürfte diese Aufnahme mit dem jungen Dietrich Fischer-Dieskau als Tell unter Mario Rossi sein:




      Und hier nochmal Rossi:




      Weiter gibt es Aufnahmen unter Francesco Molinari Pradelli:




      Riccardo Muti:




      Fernando Previtali:




      Nino Sanzogno:




      und Fabio Luisi:



      Anscheinend gibt es viel mehr italienische Fassungen als französische ...

      DiO :beatnik:
      "Wer Europa in seiner komplizierten Verschränkung von Gemeinsamkeit und Eigenart verstehen will, tut gut daran, die Oper zu studieren." - Ralph Bollmann, Walküre in Detmold
    • Ich bin froh, daß endlich die Namen fallen, die m.E. für eine Diskographie dieser Oper unerläßlich sind: Mario Filippeschi und Gianni Raimondi. Der Arnold ist eine Rolle für einen fort ténor im Stile eines Nourrit oder Duprez. Solche Sänger wie Gedda oder Pavarotti sind für die Rolle eklatante Fehlbesetzungen. Gerade deswegen wurde diese Oper oft gar nicht aufgeführt, denn ein Tenor, der diese Rolle richtig singen kann, ist höchst selten. Raimondi und Filippeschi gehören dazu, auch Tony Poncet, natürlich der großartige John O'Sullivan und eventuell Giacomo Lauri-Volpi. Volpi hat seinerzeit allerdings öfters schlechte Kritiken bekommen, Georges Thill ist regelrecht baden gegangen - bei einem Publikum, was anno 1930 im bezug auf den Tell eben auch viel kritischer war als heutzutage. Corelli hat sich an die Rolle gar nicht erst herangetraut.

      Ich kenne keinen Tenor, der heute einen anständigen Arnold singen könnte. Poncet ist der letzte, der mir einfällt, und der hat 1974 aufgehört.

      :wink:

      M.
      "To me, Eurotrash is Zeffirelli." Graham Vick
    • Mengelberg schrieb:


      Ich kenne keinen Tenor, der heute einen anständigen Arnold singen könnte.

      :wink:

      M.


      Also meine Vergleichsmöglichkeiten sind zwar (noch) sehr eingeschränkt, aber Uwe Stickert hat das gestern in der Nürnberger Aufführung mindestens anständig gemacht. Er und Leah Gordon als Mathilde waren die sängerischen Highlights des Abends, ihre gemeinsamen Szenen ein Genuss und die beiden wurden meiner Meinung nach vollkommen zu Recht am Ende gefeiert.

      DiO :beatnik:
      "Wer Europa in seiner komplizierten Verschränkung von Gemeinsamkeit und Eigenart verstehen will, tut gut daran, die Oper zu studieren." - Ralph Bollmann, Walküre in Detmold
    • Diabolus in Opera schrieb:

      Also meine Vergleichsmöglichkeiten sind zwar (noch) sehr eingeschränkt, abiuch er Uwe Stickert hat das gestern in der Nürnberger Aufführung mindestens anständig gemacht. Er und Leah Gordon als Mathilde waren die sängerischen Highlights des Abends,

      Ich habe den Nürnberger Tell auch im Radio gehört und es hat mir gefallen. Der Rezension im BR nach zu urteilen, war die Inszenierung sehr "eigenartig". Im Radio hat man davon wenig bekommen, mit der Ausnahme einiger Dialoge in Schwyzerdütsch, die ich genausogut verstehen konnte, wie das französische des Hauptteils (ich bin aber übertrieben böse, denn alles in allem war's schon OK). Uwe Stickert ist kein fort ténor und hat intelligenterweise gar nicht versucht, es in diesem Stil zu singen, sondern im Stil eines französischen ténor lyrique mit leichter Stimme. Ein Jonas Kaufmann mit trompetenartiger Höhe à la Léonce Escalais wäre wohl rollengerechter gewesen, aber den gibt es halt nicht. Stickert hat Asile héréditaire etwas verschenkt, hat uns aber mit der Cabaletta entschädigt, die zu oft gestrichen wird. Leah Gordon und die anderen Sänger haben mir auch gut gefallen (auch die Jemmy, die laut Ansage eine Einspringerin war). Lob auch an Chor und Orchester, die das Farbenreichtum der Partitur zur Geltung gebracht haben. Nichts Menschliches ist vollkommen, und diese Nürnberger Aufführung auch nicht, aber ich wollte nur reinhören und bin bis zum Ende hängen geblieben (ich muß gestehen, daß ich das Schwyzerdütsche für eine Kaffeepause benutzt habe).
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Diabolus in Opera schrieb:

      Mengelberg schrieb:


      Ich kenne keinen Tenor, der heute einen anständigen Arnold singen könnte.

      :wink:

      M.
      Also meine Vergleichsmöglichkeiten sind zwar (noch) sehr eingeschränkt, aber Uwe Stickert hat das gestern in der Nürnberger Aufführung mindestens anständig gemacht. Er und Leah Gordon als Mathilde waren die sängerischen Highlights des Abends, ihre gemeinsamen Szenen ein Genuss und die beiden wurden meiner Meinung nach vollkommen zu Recht am Ende gefeiert.

      DiO :beatnik:
      Ich habe bisher nur in Teile meines Rundfunkmitschnitts hinein hören können, aber ich finde auch, dass Uwe Stickert sich sehr gut geschlagen hat. Allerdings ist er eher ein leggero in der Tradition des frühen Pavarotti - ohne dessen Durchschlagskraft - und die Partie, die jeden Tenor extrem fordern würde, bringt ihn immer wieder an seine Grenzen. Er sollte sich also vor noch schwereren Rollen, zumal des deutschen Faches, hüten. Immerhin schaffte er die Partie weit besser als ordentlich, und das will schon sehr viel heißen. Auch Leah Gordon hat mir gefallen, ließ aber natürlich nicht gleich eine Freni oder Caballé vergessen. Dazu war sie mir etwas zu schwer.

      Insgesamt aber war das - auch orchestral und im Chor übrigens - allem Anklang nach eine bewundernswerte Leistung dieses Hauses, dem man Unrecht täte, würde man sie gleich an dem Potenzial von München und Wien oder gar an den besten Studioeinspielungen messen. Dass das Publikum teilweise so unzufrieden war, finde ich ungerecht, aber da fehlte mir wohl auch das Bild, denn die heftigsten Buuuhs galten wohl wieder mal der Regie.

      Jedenfalls würde ich mir die Aufführung gerne mal ansehen, wenn sie für mich erreichbar wäre. Laut Ansage war die Einspringerin in der Rolle des Jemmy übrigens Claudia Braun.

      @ Mengelberg

      Womöglich hast Du im Grunde Recht, aber was hilft mir das Wissen um das exzeptionelle Können früherer Tenöre, wenn ich es gar nicht mehr hören oder allenfalls in kläglicher Klangqualität erahnen kann. Mir kommt das immer so vor wie die Klage anhand eines verblassenden Polaroidfotos der Sixtinischen Kapelle, dass niemand mehr so malen kann wie Michelangelo. Hätte Wagner seinen TRISTAN weniger anspruchsvoll gestalten sollen, wenn er geahnt hätte, dass sein Held, Schnorr von Carolsfeld, schon nach vier Vorstellungen das Zeitliche segnen und auch danach nur noch ein Lauritz Melchior kommen würde? Soll man den TELL oder die HUGUENOTS nicht mehr aufführen, weil es keinen Nourrit mehr gibt? Vermutlich würde uns, bei aller Bewunderung für ihre Stimme, ihr Gesangsstil erhebliche Probleme bereiten, von ihrer Darstellung ganz zu schweigen.

      Mir jedenfalls genügt es, wenn jemand eine Rolle für meine heutigen Ansprüche gut bewältigt, und das tut Pavarotti in der Studioaufnahme in exzeptionell gutem Maße. Daneben ist mir der Vergleich mit legendären Geistern aus der Vergangenheit so immateriell wie diese es heute auch sind. Leider, aber auch unwiderruflich.

      :wink: Rideamus
      Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung
    • Lieber Philbert und lieber Rideamus,

      es freut mich, dass es Euch soweit ganz gut gefallen hat.

      Philbert schrieb:


      Ich habe den Nürnberger Tell auch im Radio gehört und es hat mir gefallen. Der Rezension im BR nach zu urteilen, war die Inszenierung sehr "eigenartig".


      "Eigenartig" schon, aber ich würde das eher positiv sehen. Wie ich schon oben erwähnte, finde ich es schade, dass nicht von diesem "Tell" eine Aufzeichnung für DVD gemacht wurde, sondern bei den "Meistersingern von Nürnberg" im Oktober. Stöpplers Inszenierung ist vielleicht nicht fehlerfrei aber sie hat viel mehr gewagt (und mE damit gewonnen) als damals Mouchtar-Samorai. Ihre Inszenierung ist in jedem Fall spannender und mit vielen (guten) Ideen gespickt. Als Gesamtpaket konnte ich es ja leider nicht von außen betrachten.

      Rideamus schrieb:

      Dass das Publikum teilweise so unzufrieden war, finde ich ungerecht, aber da fehlte mir wohl auch das Bild, denn die heftigsten Buuuhs galten wohl wieder mal der Regie.


      Ja schon, wobei auch der Dirigent Guido Johannes Rumstadt einige Buhs bekam, wohl dafür, dass er Sachen gestrichen und gekürzt hat und vielleicht auch dafür, dass die Ouvertüre gesplittet wurde. Übrigens gab es schon während des Stückes einmal eine deutlich hörbare Unmutsbekundung, nämlich bei einer Toncollage mit Schwyzer-Dütschen Gesprächsfetzen zum Thema Freiheit. Da plärrte nach etwa 30 Sekunden jemand energisch "Basta!" rein ...

      Rideamus schrieb:

      Jedenfalls würde ich mir die Aufführung gerne mal ansehen, wenn sie für mich erreichbar wäre.


      Wenn sich kein anderer Capriccio in die Vorstellung verirren sollte, könnte ich hier oder an anderer Stelle mal ein paar fragmentarische Eindrücke zur Inszenierung niederschreiben. Seit heute gibt es auch auf der Seite des Staatstheaters ein paar Bilder:

      "http://www.staatstheater-nuernberg.de/inhalte/index.php?menu=1120&id=26542"

      Laut Ansage war die Einspringerin in der Rolle des Jemmy übrigens Claudia Braun.


      Das stimmt und die Situation war am Samstag schon reichlich kurios: Es gibt nämlich eine alternierende Besetzung für die Rolle DER Jemmy (in dieser Inszenierung ist es eine Tochter) und beide (Michaela Maria Mayer und Heidi Elisabeth Meier) mussten krankheitsbedingt absagen. Claudia Braun, mit der Intendant Peter Theiler einst zusammengearbeitet hatte, hatte sich als Besucherin für die Premiere angekündigt, "musste" aber dann als Sängerin einspringen. Da in der Nürnberger Fassung jedoch eine Jemmy-Arie gespielt wurde, die damals bei ihrer Produktion gestrichen war und die sie innerhalb weniger Stunden nicht einstudieren konnte, wurde diese Arie als Tonaufzeichnung aus der Orchesterhauptprobe mit Heidi Elisabeth Meier eingespielt. Die Figur kam also durch drei (!) Personen zum Leben: Michaela Maria Mayer spielte sie auf der Bühne, Claudia Braun sang und eine Arie kam von Heidi Elisabeth Meier als Einspielung.

      Auch bei der Premiere ging es also nochmal turbulent zu nachdem - Regisseurin Elisabeth Stöppler erwähnte es im Interview mit BR Klassik, insofern scheint es kein Interna mehr zu sein - es bei der ersten BO einen Bühnenunfall gab, bei dem einer der Solisten in den Orchestergraben gestürzt ist. Zum Glück lief alles glimpflich ab.

      DiO :beatnik:
      "Wer Europa in seiner komplizierten Verschränkung von Gemeinsamkeit und Eigenart verstehen will, tut gut daran, die Oper zu studieren." - Ralph Bollmann, Walküre in Detmold