Theodor W. Adorno über Wagner, Mahler, Berg u. a. m.: Inzwischen überholt oder immer noch aktuell?

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    • putto schrieb:

      Ecclitico schrieb:

      Er sagt einfach: Wer das Original will, muss zur LP greifen. Und da hat er einfach recht.
      Äh, ja. Weil Oper für LP konzipiert ist, nicht?

      Oper ist selbstverständlich für die Bühne konzipiert und muss daher in jeder Aufführung neu erschaffen werden. Progressive Leute wie Adorno haben dann aber gar keine andere Wahl, als dabei jedes Mal eine neue Sichtweise zu fordern ("Regietheater"). Offensichtlich war er nun der Meinung, dass es so viele neue Sichtweisen gar nicht geben kann, jedenfalls keine hinreichend interessante. Alternative: Man beschränkt sich auf den halbwegs "unveränderlichen" Teil, also die Musik.

      Die Frage ist allerdings wirklich, ob Adorno heute die DVD gegenüber der CD bevorzugen würde. Das Theater lenkt durchaus von der Musik ab. Ich habe den Eindruck, dass Adorno die Musik wichtiger war. Bin aber kein Adorno-Experte.


      Thomas
    • Ecclitico schrieb:

      Ich habe den Eindruck, dass Adorno die Musik wichtiger war.

      ein paar Sätze aus einem anderen Adorno-Text von 1969 dazu:

      Für das Wichtigste aber halte ich, daß alle Momente der Oper, auch die theatralischen, unter den Primat der Musik treten. Die Oper ist nur insoweit Drama, insoweit Aktion, wie sie durch die Musik dazu wird. Sobald andere Gesichtspunkte sich vordrängen, sobald man also, grob gesagt, das Sichtbare einer Oper auf Kosten der Musik herausknallt, ut aliquid fieri videatur, wird dadurch die Infantilität fast sämtlicher Texte und Handlungen so schlagend, daß den Werken geschadet, nichts geholfen wird .

      (Adorno: Konzeption eines Wiener Musiktheaters, in: Musikalische Schriften VI, S. 509.) (Kursiv orig.)

      Das verdeutlicht wohl auch, warum für Adorno die LP ein geeigneter Ort zum Weiterleben der Oper war.
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • Ich gehe ja insofern mit Adorno mit, dass es mir schwerfällt, mich ausreichend auf die Musik zu konzentrieren, wenn die Bühnenshow dazukommt. Aber deshalb zu behaupten, von der Scheibe hören sei ideal, bedeutet nur, die eigene Unzulänglichkeit herunterspielen und dem Kunstwerk die Schuld geben, das ist arrogante Faulheit.
      This play can only function if performed strictly as written and in accordance with its stage instructions, nothing added and nothing removed. (Samuel Beckett)
    • Ich sehe das eher als eine Kombination aus einer extremen "prima la musica" (nachvollziehbar, im Grunde bestätigt durch den außerordentlichen Erfolg von Opern auf reinen Audiomedien) Haltung und einer anfechtbaren These über die historische Entwicklung der Gattung.

      Der Rosenkavalier mag eine der letzten Opern mit Breitenwirkung gewesen sein, aber zum einen gäbe es noch eine ganze Reihe späterer Kandidaten (Wozzeck, Dreigroschenoper, Porgy and Bess, etliches von Britten), zum anderen hatte Monteverdis "L'orfeo" weder Breitenwirkung noch war eine solche intendiert und Opern werden nach wie vor komponiert. Dass die Bedeutung abgenommen hat, mag unstrittig sein, bedeutet aber noch nicht, dass die Gattung völlig obsolet wäre.
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Man muss auch einfach mal sehen, dass Adornos Artikel bald 50 Jahre alt ist, und die historische Distanz mitreflektieren. Musiktheater und Sprechtheater haben sich erheblich weiterentwickelt und leben immer noch, das Opernrepertoire hat sich bei weitgehend stabilem Kern verändert, es haben sich eine Reihe von "Klassikern" des 20. Jahrhunderts etabliert, eine Oper wie Zimmermanns Soldaten kann heute - wie in letzter Zeit mehrfach erlebt - zu einem Publikumserfolg werden. Dazu der (relative) Erfolg des Mediums Opern-DVD, der reine Audio-Tonträger inzwischen weit zurückdrängt und die visuelle Dimension erst recht etabliert.

      Davon abgesehen: Adorno war kein Mann des Theaters, auch seine Texte etwa über Brecht und Beckett sind nach meiner Erinnerung Texte über Texte, die performative Dimension von Theater bleibt weitgehend unberücksichtigt. Dass es da Menschen mit Körpern gibt, die schwitzen und sich bewegen, hat Adorno wenig interessiert - das erschien ihm (wie die ganzen notwendigen Unzulänglichkeiten des Theaters und der Oper, die Melange aus unterschiedlichen Medien) als "Erdenrest, zu tragen peinlich". Zudem war seine Begabung fürs Visuelle insgesamt eher schwach ausgeprägt.

      In mancher Hinsicht rekurriert Adornos Text auch auf ältere Gedanken, die von einer "Reinigung" des Theaters träumten - man erinnere sich an Wagners Wunsch, nach dem unsichtbaren Orchester auch die unsichtbare Bühne zu erfinden. Er hat aber auch in seinem (wenngleich nicht unkritischen) Glauben an das technische Medium etwas Zeittypisches - Äußerungen Kurt Blaukopfs von der Erlösung oder Befreiung der Mahler'schen Sinfonien durch die Langspielplatte erfolgten etwa zur gleichen Zeit.


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Adorno ist halt immer für Polarisierung gut. Das liegt meiner Meinung nach darin, daß er zum einen bei höchster sprachlicher Brillianz gelegentlich methodische Schwächen in seiner Argumentation zeigt (wenn er z.B. wie in der Soziologie des Musikhörens, unterschiedliche Kategorien verquickt), und zum anderen, daß er oft Postulate mit großem apodiktischem Gestus formuliert, nicht aber auf deren "scope and limitations" eingeht und auch die Prämissen seiner Überlegungen nicht immer genügend offenlegt.

      Ich versuche mal eine Deutung: Ich glaube, daß letzteres auch bei den inkriminierten Spiegelartikel der Fall ist. Wenn Adorno nicht von der Zukunft der Oper überzeugt war, dann bin ich mir ziemlich sicher, daß er nicht damit gemeint hat, daß es keine Opernhäuser mehr geben wird und keine Opern mehr aufgeführt werden. Er redet von der Oper als einer Kunstform, die sich für ihn im wesentlichen im musikalischen Schöpfungsakt der Komposition vollzieht. Wie Zwielicht geschrieben hat: "die performative Dimension von Theater bleibt [Ergänzung: auch in der Oper] weitgehend unberücksichtigt". Um 1800 waren noch 100% der aufgeführten Opern "zeitgenössisch" (mit einem Zeitfenster von 2-3 Jahrzehnten), um 1900 waren es immer noch vielleicht 50% mit abnehmender Tendenz - das ist das, was er (und andere) in den 60ern unschwer feststellen konnte, bei gleichzeitiger Festschreibung eines historischen Kernrepertoires aus dem 19. Jh. Daran hat sich im Prinzip bis heute nichts geändert. Wir haben zwar das Rertoire in Teilbereichen wieder bis weit in das 18. und sogar 17 Jh. erweitert, echte Zeitgenossen finden wir heute aber wiederum weniger als noch etwa in den 50ern und 60ern. Zimmermanns Soldaten sind da kein wirkliches Gegenbeispiel, denn die sind auch schon über 50 Jahre alt, und wenn, dann wäre das ein singuläres Beispiel, mit dem man keine Tendenz widerlegen könnte. Echte Zeitgenossen sind ziemlich selten, insofern hat Adorno da durchaus recht.

      Bleibt der Widerspruch zwischen Adornos düsteren Prognosen und der offensichtlich durchaus lebendigen Opernszene im Jahre 2015. Aber auch das ist bei genauerer Betrachtung kein Widerspruch, jedenfalls nicht aus dem Blickwinkel Adornos. Für ihn liegt der kreative Schöpfungsakt einer Oper wie gesagt in der Komposition. Neue Opern gibt es aber heute nur sehr marginal, verglichen mit der Nachkriegssituation und schon gleich gar mit der Zeit vor dem ersten Weltkrieg. Also muß man, wenn man historische Werke aufführt, um Wiederholungen zu vermeiden jeweils neue Regie- und Bühnenkonzepte entwickeln. Das ist ja auch tatsächlich der Fall: Wenn man heute eine beliebige Opernkritik aufschlägt, dann beschäftigen sich zweieinhalb Spalten mit der Regie und dem Bühnenbild, die Leistung der Sänger, des Dirigenten und des Orchesters wird mit jeweils höchstens einem Satz abgetan Das gilt auch für die Komposition, sogar wenn es sich um ein Auftragswerk handelt: mehr als ein Absatz ist da selten zu finden. Über was werden Diskussionen und Kontroversen bis hin zu persönlichen Feindschaften geführt? Eben - nicht über die Sänger oder gar die Komponisten. Die Notwendigkeit einer neuen oder gar ausgefallenen Regie hat es früher offensichtlich so nicht gegeben: Wenn man sich alte Filme oder Fotos von Opernaufführungen ansieht, dann war z.B. die am Hals mit bunten Bändern versehene Klampfe für mindestens ein halbes Jahrhundert ein stetes Requisit von Largo al factotum (Beispiel Tito Gobbo 1955 "https://www.youtube.com/watch?v=VMM9i5hdXZA"). Adorno kritisiert das zu Recht. Auf der anderen Seite vermutet er (und das ist natürlich nur Prognose), daß sich immer neue Regiekonzepte auf immer das gleiche Werk angewendet irgendwann ebenso abnutzen, bei der steten Gefahr, nur um der Neuheit halber skurrile Wege zu gehen. Seine Schlußfolgerung: Oper auf der Bühne ist im Gegensatz zur Vergangenheit nur noch eine Scheinkunst - und von daher sind seine diesbezüglichen Äußerungen zu verstehen.

      Auch wenn ich seine Auffassung nicht teile: Seinen Gedankengang kann ich durchaus nachvollziehen, der entbehrt nicht einer gewissen inneren Logik. Daß seine Prämissen nicht notwendigerweise Allgemeingültigkeit beanspruchen können, sondern seine subjektive Kunstauffassung abbilden, und somit andere zu anderen Schlußfolgerungen als er kommen, ist eine andere Geschichte. Aber differenzierende Betrachtungsweise gehört eben nicht zu Adornos Stärken.
      viele Grüße

      Bustopher


      Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
      Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)
    • Man müsste mal eine Statistik machen über ganz neue Opern und über Neuproduktionen alter Opern, und dabei nicht nur große Häuser sondern alle Orte berücksichtigen, ich glaube, die frisch komponierten Opern stehen gar nicht so schlecht da mengenmäßig. (Zählt man die Gesamtmenge des Publikums, dann natürlich schon, aber darum sollte es ja nicht gehen.)
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    • bustopher schrieb:

      Auf der anderen Seite vermutet er (und das ist natürlich nur Prognose), daß sich immer neue Regiekonzepte auf immer das gleiche Werk angewendet irgendwann ebenso abnutzen,

      m.E. sieht er die Zwickmühle als von vornherein bestehend: man muss erneuern, und das geht aber auch nicht - und zwar nicht erst dadurch, daß sich die Neuerungen verbrauchen. (Das sehr vergröbert).
      ---
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    • putto schrieb:

      Man müsste mal eine Statistik machen über ganz neue Opern und über Neuproduktionen alter Opern, und dabei nicht nur große Häuser sondern alle Orte berücksichtigen, ich glaube, die frisch komponierten Opern stehen gar nicht so schlecht da mengenmäßig. (Zählt man die Gesamtmenge des Publikums, dann natürlich schon, aber darum sollte es ja nicht gehen.)


      Auch wenn man nur die Neuproduktionen/Premieren und nicht die Gesamtzahl aller Aufführungen berücksichtigt, wäre der Anteil an Opern der letzten ca. 25 Jahre ziemlich klein. Wobei das eigentliche Problem nicht zu wenige Uraufführungen sind, sondern das zu seltene Nachspielen neuer Stücke an anderen Häusern. Neue Bühnenwerke, die an mindestens drei oder vier Häusern rauskommen, sind sehr selten. Mir fallen da erstmal nur Rihms Eroberung von Mexiko, Lachenmanns Mädchen mit den Schwefelhölzern (erstaunlicherweise) und Tri Sestri von Eötvös ein, außerdem zwei oder drei Opern von John Adams, vielleicht auch internationale Koproduktionen wie Benjamins Written on Skin. Und für die Studiobühnen diverses von Sciarrino. Habe jetzt bestimmt noch wichtiges vergessen, aber so viel mehr dürfte es nicht sein...

      Eine gewisse Renaissance erleben m.E. Opern aus den 60ern und 70ern, die eine Zeitlang mehr oder weniger selten aufgeführt werden, aber jetzt sozusagen als "Klassiker" propagiert und auch beim breiteren Publikum durchgesetzt werden. Zuvörderst die bereits erwähnten Soldaten von Zimmermann, aber auch Lear von Reimann, Jakob Lenz von Rihm, natürlich Saint Francois von Messiaen und (zumindest gelegentlich) die beiden Nono-Opern, sowie vielleicht noch Henzes Bassariden. Sicher auch noch anderes, ich habe die internationale Opernszene nicht so gut im Blick wie die deutschsprachige.


      Viele Grüße

      Bernd
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    • Ich habe zwar gar keinen Überblick, aber dass Opern an drei Orten aufgeführt werden, wird schon auch ein bisschen öfter vorkommen.
      ;+)
      Bei The Tempest (2004) von Thomas Adès zähle ich auf der Adès-Website 10 verschiedene Häuser, Wien fehlt noch.
      Auch die andere Oper, Powder her Face (1995), kommt auf weit über 3 Spielstätten.

      Jake Heggie nennt auf seiner Website mehr als 40 Produktionen von Dead Man Walking (2000), seiner ersten Oper, der 11 weitere gefolgt sind. Ich habe mal per Zufall in The End of the Affair (2003) reingeklickt, dort werden 3 verschiedene Opernhäuser genannt.

      Aber wenn man mal in die zweite Reihe der deutschsprachigen Avantgarde geht zu Wolfgang Mitterer, dann finde ich via Google auch mindestens 3 verschiedene Häuser, die Baron Münchhausen (2011?) gebracht haben.

      Also für die letzten 25 Jahre werden das schon ein paar Tausend Opern sein, die an mindestens 3 Häusern stattgefunden haben.
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    • putto schrieb:

      Also für die letzten 25 Jahre werden das schon ein paar Tausend Opern sein, die an mindestens 3 Häusern stattgefunden haben.


      Ich sagte ja, dass mir vieles nicht bekannt ist (gerade auch im englischsprachigen Raum). Aber "ein paar Tausend Opern" (in den letzten 25 Jahren entstanden und an mindestens drei professionellen Häusern aufgeführt) scheint mir weit übertrieben. Wenn es vielleicht hundert sind, ok... Du kannst ja mal wenigstens 50 weitere liefern :D.

      Überhaupt sind drei Produktionen nur ein Minimum. Von Nachhaltigkeit und Repertoirefähigkeit ist das noch weit, weit entfernt.


      Viele Grüße

      Bernd
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    • OK, ich meinte hier nicht drei namhafte Opernspielstätten, sondern überhaupt irgendwo, die Neue Musik spielt sich zum Großteil abseits der Klassik-Star-Spielstätten ab, da würde ja auch Donaueschingen plötzlich nix mehr zählen, spielt man dort doch in Turnsälen, erzählte mir ein Bekannter, der schon ein paarmal hingepilgert ist.

      Von "Repertoirefähigkeit" schrieb ich nicht. Übrigens ging es ja oben überhaupt nur ums Komponieren, das ist das andere Extrem verglichen mit dem internationalen Kassenschlager, um den es Adorno kaum gegangen sein wird.
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    • putto schrieb:

      OK, ich meinte hier nicht drei namhafte Opernspielstätten, sondern überhaupt irgendwo, die Neue Musik spielt sich zum Großteil abseits der Klassik-Star-Spielstätten ab


      Nicht unbedingt nur Klassik-Star-Spielstätten, sondern auch das ganz normale Opernhaus in der Provinz. Und dass sich die Neue-Musik-Szene gerade auch im Bereich des Musiktheaters teilweise von diesem institutionalisierten Betrieb abgekoppelt hat, kann man eben als Krise dieses Betrieb auffassen.


      putto schrieb:

      Von "Repertoirefähigkeit" schrieb ich nicht.


      Die wäre aber Voraussetzung für das "Überleben" von Kompositionen, gerade im Musiktheaterbereich.

      Der institutionalisierte Opernbetrieb fremdelt aus verschiedenen Gründen (Publikumszuspruch, Räumlichkeiten, Kosten...) mit zeitgenössischem Musiktheater, agiert oft eher im Rahmen von Pflichtübungen. Da hat sich seit Adornos Zeiten nicht viel geändert. Wo die Opernhäuser aber meiner Meinung nach eine wichtige Funktion haben: bei der Herausbildung eines Repertoirekanons nach ca. 50 Jahren (und zur Zeit sind eben die 60er/70er Jahre dran).


      Viele Grüße

      Bernd
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    • Zwielicht schrieb:

      Und dass sich die Neue-Musik-Szene gerade auch im Bereich des Musiktheaters teilweise von diesem institutionalisierten Betrieb abgekoppelt hat, kann man eben als Krise dieses Betrieb auffassen.
      Hat sie? Ich kenne mich in der Szene nicht gut aus, aber hätte vermutet, dass mindestens wenig experimentelle Sachen noch eine Bindung an etablierte Institutionen hätte. Wo verortest du sie denn sonst? Ich habe da leider wirklich keinen guten Überblick, aber es würde mich interessieren...

      Viele Grüße!
    • figure humaine schrieb:

      Hat sie? Ich kenne mich in der Szene nicht gut aus, aber hätte vermutet, dass mindestens wenig experimentelle Sachen noch eine Bindung an etablierte Institutionen hätte. Wo verortest du sie denn sonst? Ich habe da leider wirklich keinen guten Überblick, aber es würde mich interessieren...


      Ist auch nicht meine primäre Baustelle. Unter Vorbehalt meiner eingeschränkten Kompetenz schätze ich das aber so ein: Uraufführungen oder gar das Nachspielen zeitgenössischer Opern sind an professionellen Bühnen nicht übermäßig häufig. Fast kein Opernhaus verfährt mehr wie Rolf Liebermann, der an der Hamburgischen Staatsoper in den 60ern und frühen 70ern innerhalb von vierzehn Jahren 24 Uraufführungen auf die Bühne gebracht hatte. Viele Häuser folgen heute dem Motto "alle zwei bis drei Spielzeiten eine Uraufführung". Dass damit - trotz Studiobühnen etc. an den größeren Häusern - die meisten zeitgenössischen Komponisten, die "Opern" produzieren, niemals einen solchen Auftrag bekommen, liegt nahe.

      Also wird Musikthetralisches in vielen Fällen von vornherein für andere Gelegenheiten, mit kleinerer Besetzung, für kleinere Räume, für ein anderes Publikum komponiert. Der Rückzug aus dem historischen Rangtheater mit Guckkastenbühne und Orchestergraben in andere Formen von Räumlichkeit und Klanglichkeit ist natürlich auch seit längerer Zeit ästhetisches Programm - oder anders gesagt: die historischen Opernhäuser, aber auch die modernen, sind für ein Modell von Musiktheater konzipiert, das heute nicht mehr das (allein) maßgebliche ist.

      Es gibt natürlich auch andere Plattformen für zeitgenössisches Musiktheater, die größte in Deutschland ist die Münchener Biennale - Internationales Festival für neues Musiktheater ("http://www.muenchenerbiennale.de/inbetween-2014/"), die alle zwei Jahre stattfindet, und zwar nicht in den diversen historischen Münchner Opernhäusern. Hier sind in den letzten gut 25 Jahren (1988-2014) immerhin an die 80 "Opern" bzw. Werke des zeitgenössischen Musiktheaters aufgeführt (häufig uraufgeführt) worden. Die wenigsten davon sind an konventionellen Opernhäusern nachgespielt worden, wie immer mal wieder beklagt wurde. (Ich gebe zu, dass die beiden Opern/Aufführungen, die ich dort Anfang des letzten Jahrzehnts gesehen haben, auf mich sehr ernüchternd gewirkt haben - seitdem war ich nicht wieder dort...).

      Zu diesem Thema können sich aber andere im Forum kompetenter äußern.


      Viele Grüße

      Bernd
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    • Zwielicht schrieb:

      Mir fallen da erstmal nur Rihms Eroberung von Mexiko, Lachenmanns Mädchen mit den Schwefelhölzern (erstaunlicherweise) und Tri Sestri von Eötvös ein, außerdem zwei oder drei Opern von John Adams, vielleicht auch internationale Koproduktionen wie Benjamins Written on Skin. Und für die Studiobühnen diverses von Sciarrino. Habe jetzt bestimmt noch wichtiges vergessen, aber so viel mehr dürfte es nicht sein...


      Kaija Saariahos "L'amour de loin" aus dem Jahr 2000 wurde auch schon an 9 verschiedenen Häusern gespielt, kürzlich wieder in Linz...
      zwischen nichtton und weißem rauschen
    • Ich gebe zu bedenken, daß es vielleicht nicht die absolute Anzahl aufgeführter zeitgenössischer Opern war, die für Adorno das krisenhafte Element sind, sondern deren relativer Anteil am Gesamtprogramm und inwieweit der gegen Ende der 60er eine Tendenz aufwies - und gegebenenfalls, ob diese Tendenz danach stagniert, sich fortgesetzt oder sich gar umgekehrt hat. Ich kann mir allerdings auch gut vorstellen, daß Adorno lediglich eine "gefühlte" (bzw. behauptete) Tendenz zur Prämisse seiner Postulate gemacht hat, und daß ihm verläßliche Zahlen überhaupt nicht vorlagen (ich halte das sogar für ziemlich wahrscheinlich; sind ja sogar heute im Zeitalter des Internets schwierig zu bekommen, vor allen Dingen historische Zahlen, die eine valide Aussage überhaupt erst ermöglichen würden) - damit wären wir wieder bei den Schwächen seiner Methode.

      Aber hat nicht schon 1962 Georg Lukàcs im Vorwort zum Nachdruck seiner "Theorie des Romans" Adorno vorgeworfen, im "Grand Hotel Abgrund" Residenz genommen zu haben, wo er sich bei höchstem Komfort, ausgezeichnetem Essen und künstlerischer Unterhaltung täglich in die Betrachtung des Abgrundes versenkt...? Adornos Kulturpessimismus ist ja nun wirklich schwer zu übersehen.

      Wobei: Wenn man nur Richard Strauss betrachtet, einem der führenden Opernkomponisten in der ersten Hälfte des 20. Jhs., dann sind mindestens 10 seiner 15 Opern internationale Repertoirklassiker, die landauf, landab gespielt werden. Auch von Britten gibt es für die Mitte des Jahrhunderts mindestens ein halbes Dutzend Opern, für die das selbe gilt. Hierzu im Vergleich hat die Rechnung, was denn nun an Zeitgenossen die letzen 30 Jahre mehrfach inszeniert oder wiederaufgenommen wurde, zumindest für mich doch etwas Angestrengtes.... 8+)
      viele Grüße

      Bustopher


      Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
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    • Zwielicht schrieb:

      Fast kein Opernhaus verfährt mehr wie Rolf Liebermann, der an der Hamburgischen Staatsoper in den 60ern und frühen 70ern innerhalb von vierzehn Jahren 24 Uraufführungen auf die Bühne gebracht hatte. Viele Häuser folgen heute dem Motto "alle zwei bis drei Spielzeiten eine Uraufführung".
      Die Wiener Staatsoper hat in der 19-jährigen Hollender-Ära drei Auftragswerke im großen Haus über die Bühne gejagt.
      :faint:
      Also alle 2 bis 7 Jahre ...
      Ich habe aber leider auch überhaupt keinen Überblick über die Szene, gehe ich doch lieber in Konzerte.
      :hide:
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    • Dieser und alle nachfolgenden Beiträge stammen ursprünglich aus dem Thread "Lieblingsinterpretationen: eine, zwei oder ein Kommen und Gehen?". Da sich diese Beiträge inhaltlich davon entfernten wurde sie in diesen Thread über Theodor W. Adorno verschoben. Weitere Beiträge zu diesem Thema sind dann bitte hier fortzuführen. Vielen Dank.

      Lionel - Für die Moderation -

      Eusebius schrieb:

      Mir erscheinen vernichtende Urteile über eine bestimmte Aufnahme immer reichlich überheblich.
      Mir nicht. "Vernichtende Urteile" können in vieler Hinsicht recht aufschlußreich sein, Beispiel: Adorno über Sibelius. Und es läßt sich bisweilen einiges über Komponist, Werk, Aufführungen und Aufnahmen erkennen, natürlich auch über den Kritiker.

      Gegen Werturteile mit Wahrheitsanspruch spricht aus meiner Sicht gar nichts. Daß Urteilende sich täuschen können, steht außer Frage.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Gurnemanz schrieb:

      "Vernichtende Urteile" können in vieler Hinsicht recht aufschlußreich sein, Beispiel: Adorno über Sibelius.
      Was lernen wir denn daraus? Das Adorno ein eitler Schwätzer war und an permanenter Selbstüberschätzung litt? Über Sibelius lernen wir hingegen nichts, ausser das Adorno mit seiner Musik nichts anfangen konnte.


      Gurnemanz schrieb:

      Werturteile mit Wahrheitsanspruch
      Was ist denn Wahrheit in der Musik, und wer kennt sie? Wir sollten nicht vergessen, dass wir hier allesamt mit ganz wenigen Ausnahmen nur Laien sind (professionelle Musiker haben sich ja schon längst zurückgezogen). Zu einer Urteilsfähigkeit mit Wahrheitsanspruch gehört aber ein professioneller Hintergrund. Alles andere sind Geschmacksurteile. Wer meint er wisse was der Komponist gemeint hat oder wie etwas aufzuführen sei, referiert lediglich seine persönlichen Präferenzen.

      Peter
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)