Ligeti: "Le Grand Macabre" - Staatstheater Mainz, 17.03.2012

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Ligeti: "Le Grand Macabre" - Staatstheater Mainz, 17.03.2012

      Als die Oper „Le Grand Macabre“ von György Ligeti vor über 30 Jahren ihre Uraufführung erlebte, sorgte dieser prall-deftige Bilderbogen über einen Weltuntergang, der nicht stattfindet, noch für Irritationen. Ligeti selbst bearbeitete sein Stück wenig später nochmals und in dieser Form wird das Stück seither immer wieder einmal gespielt. Eine Begegnung mit Ligetis auch sehr unterhaltsamer Musik, die nebenbei den Bogen von Monteverdi über Bach bis Offenbach und Wagner spannt, garantiert auch heute noch einen kurzweiligen, knapp zwei Stunden langen Abend.

      Das gilt besonders dann, wenn ein Dirigent wie Hermann Bäumer für die musikalische Realisation verantwortlich ist, der von den ersten, klangscharfen Tönen der 12 Hupen an das schlagwerkgesättigte Orchester perfekt durch den Abend führt. Der Mainzer GMD Bäumer lässt mit üppiger Klanggewalt aufspielen, schafft es immer wieder, Zuspitzungen von eruptiver Kraft zu schaffen, die sich mit leise dräuenden Streicherklängen oder kurzen Einwürfen eines Cembalos abwechseln. Das Ausreizen der Dynamik, die Klangschönheit der lyrischen Passagen, machen allein schon diesen Abend zu einem lohnendem.

      Aber auch die Inszenierung von Lorenzo Fioroni, der vom Bühnenbildner Paul Zoller und der Kostümbildnerin Katharina Gault unterstützt wird, unterstreicht die künstlerische Qualität, die mittlerweile am Staatstheater Mainz zum Standard gehört. Zoller hat für das Spiel um den „grossen Makaberen“ eine klinisch-kühle Kachelwelt erschaffen, die an ein Labor erinnern soll. Durch vielfaches Verschieben der Wände oder durch das Drehen der Bühne öffnen sich immer andere Räume – so z. B. ein Schlafzimmer, ein Bad oder eine Art Küche. Das ganze wird überstrahlt von einer Sonne und, als deren Rückseite, einem Mond. Anfänglich hoffnungsfrohes Grün an einer Stange wird bald durch einen skelettierten Büffelkopf ersetzt, so als wäre man plötzlich ganz tief in einer Wüste mitten im wilden Westen gelandet.

      Eine Hochzeitsgesellschaft hat sich zusammengefunden: Amando und Amanda, zwei Bräute als lesbisches Liebespaar sind vom versoffenen Priester Piet vom Fass getraut worden. Brautvater Astradamors, der seiner etwas lustlos gewordenen Ehe mit Mescalina, durch Sado/Maso-Rollenspiele neues Leben einzuhauchen versucht, sieht durch ein Teleskop einen die Erde bedrohenden Kometen auf die Welt zu rasen. Aus dem Off ertönt die Stimme Nekrotzars, von dem niemand so genau weiss, ob er den nun der Tod, ein Gangster oder einfach nur ein begabter Blender und Verführer ist. Jedenfalls erwarten die Menschen in diesem „Breughelland“ nun den Weltuntergang und das Publikum wird Zeuge, wie sich die Menschen im Stück angesichts der vermeintlich drohenden Katastrophe verhalten werden.

      Amando und Amanda gehen sich an die Reizwäsche, Piet vom Fass säuft, was die Weinkartons auf der Bühne hergeben, Astradamors und Mescalina vergnügen sich im Schlafzimmer und die angerufene Frau Venus selbst nimmt ein Bad.

      Politisch ist Breughelland auch nicht anders aufgestellt, als viele andere Staaten dieser Welt: der Geheimdienstchef GePoPo sichert durch Aktionismus das Land vor möglicherweise nur imaginären Bedrohungen, Regierung und Opposition sind sich grundsätzlich einig, liefern sich allerdings rein theatralische Scheinwortgefechte und Staatschef GoGo (hier eine mit grünen Revuegirlfedern geschmückte Frau) kommt als Moderatorin dieses ganzen Desasters noch nicht mal zu Wort und beschränkt sich darauf gut auszusehen und zu lächeln.

      Eine Demonstration zieht im Zuschauerraum auf, die Menschen haben die Todsünden auf ihre Banner geschrieben, sie fordern Antworten vom Staatschef, die dieser allein schon deswegen nicht geben kann, weil er die Demonstration für Sympathiebekundungen hält.

      Die Sängerin des GoGo bedankt sich wohl in russischer Sprache – und wer würde dabei nicht an einen möglichen Wahlfälscher denken, der auch von einer Sopranistin und einem Dirigenten unterstützt wird und den nicht wenige Menschen eben für keinen Demokraten halten oder an einen selbsternannten Diktator, der zwei eventuell unschuldige Mittzwanziger im Staatsauftrag ermorden lässt, weil er für ein Attentat einen Sündenbock braucht.

      Flugblätter werden an das Publikum verteilt, auf denen nur ein Datum steht: 21.12.2012, ein Termin für einen Weltuntergang, der im Moment recht populär ist, ein „Anonymus“ drängt sich durch die erste Parkettreihe.

      Immer wieder gibt es Videoübertragungen, klar: in einer von Medien druchdrungenen Gesellschaft geht nichts ohne die Übertragung des bewegten Bildes, auf einem T-Shirt des Nekrotzar und dann auch bühnenbeherrschend wird ein Bild von Pieter Brueghel gezeigt. Später gibt es eine Paraphrase auf das „letzte Abendmahl“ von da Vinci mit Piet in der zentralen Rolle in der Bildmitte.

      Als der Untergang dann vermeintlich nah ist, werden Opferschalen aufgetragen, Nekrotzar rüstet sich mit allem ein, was der Waffenmarkt so her gibt und Piet vom Fass krönt ihn mit der Dornenkrone. Aber der Untergang bleibt aus – nichts geschieht. Selbst der getötete Geheimdienstchef erweist sich als Puppe, die Himmelfahrt von Piet und Astradmors ist ein Kasperletheater und drei Mainzer Polizisten im Outfit der Karnevalsvereine der Stadt nehmen den auf Gaunergrösse gerschrumpften Nekrotzar fest. Weltuntergang? Heute noch nicht, vielleicht aber morgen.

      Lorenzo Fioroni erweist sich als geschickter Regisseur, der einen beeindruckenden Spannungsbogen schlägt, um dieses Panorama vom ausgefallenen Weltuntergang zu bebildern. Er kann sich dabei auf ein starkes Ensemble von Darsteller/innen verlassen, die mit nie nachlassender Intensität ihren Rollen Kontur geben.

      Da ist der universell einsetzbare Tenor Alexander Spemann als Piet vom Fass, der schonungslos seiner Stimme messerscharfes Profil verleiht, da trumpft Bariton Stefan Scholl als Nekrotzar mächtig auf und verbreiten Mezzosopranistin Patricia Roach und Sopranistin Tatjana Charalgina als Amado und Amanda reinen Wohllaut. Aber auch die koloraturensichere Sopranistin Hyon Lee als Venus und GePoPo, die zu auch stimmlicher Drastik neigende Mezzosopranistin Sanja Anastasia als Mescalina und die Sopranistin Vida Mikneviciute als GoGo stehen für den hohen, künstlerischen Rang dieser Produktion.

      Ein Kabinettstück besonderer Güte gelingt den beiden Politikerdarstellern Jürgen Rust und Patrick Pobeschin, gleiches gilt für Heikki Kilpeläinen, Dietrich Greve und Richard Logiewa als karnevaleske Polizisten.

      Hans-Otto Weiß steuert seinen Bass in der Rolle des Astradamors bei, hier eine Mischung zwischen Professor und Kleinbürger, den sein Bademantel auf der Rückseite als „Dante“ ausweist.

      Viel Beifall mit reichlich Ovationen für alle Beteiligten – auch und besonders für Lorenzo Fioroni und sein Team.
      Der Kunst ihre Freiheit