Floyd: "Susannah" - Theater Hagen, 23.03.2012 (Premiere: 17.03.2012)

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    • Floyd: "Susannah" - Theater Hagen, 23.03.2012 (Premiere: 17.03.2012)

      Die Oper „Susannah“ des Komponisten Carlisle Floyd erfreut sich in Amerika seit ihrer Uraufführung in Florida im Jahr 1955 einer ungebrochenen Popularität und wird in dieser Hinsicht gerne mit „Porgy and Bess“ von Gershwin verglichen.

      In Europa sind sowohl das Werk, als auch ihr Komponist kaum bekannt. Daran konnte auch eine prominent mit Cheryl Studer, Samuel Ramey und Jerry Hadley besetzte Gesamtaufnahme der „Susannah“ unter Leitung von Kent Nagano aus den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts nichts ändern. Umso erfreulicher, dass jetzt das „Theater Hagen“ im Rahmen seiner Serie mit amerikanischen Opern dieses Stück vorstellt.

      Mitten in der sogenannten „McCarthy-Ära“ mit ihren dumpfen Ausgrenzungstendenzen, voller bigotter Moralvorstellungen und Hatz auf Kommunisten und andere Verdächtige schrieb Carlisle Floyd, von dem auch der Text zum Stück stammt, eine Oper über eine streng-religiöse Dorfgemeinschaft im „Bible-Belt“ und eine junge Frau, die nicht in deren Welt zu passen scheint.

      Nach dem Tod der Eltern lebt Susannah mit ihrem Bruder Sam, einem jagenden und trinkenden Rauhbein, allein im Elternhaus. Die Unbeschwertheit und Lebenslust des hübschen Mädchens setzen sie dem Gerede der Frauen und den begehrlichen Blicken der Männer im Dorf aus. Als ein Wanderprediger in das Dorf kommt, spitzt sich die Situation zu: auf der Suche nach einem geeigneten Platz für eine Taufe entdecken die Dorfältesten, von dem Mädchen unbemerkt, die nackt badende Susannah. Es beginnt eine Hexenjagd auf die „Hure“. Man stösst sie aus der Dorfgemeinschaft aus und der 15-jährige Little Bat erzählt der entsetzten Susannah, dass man ihn zu der falschen Behauptung gedrängt habe, Susannah hätte ihn verführt. Der Wanderprediger versucht während eines Gottesdienstes, Susannah zum Bekennen ihrer Schuld zu bewegen, Susannah lehnt ab. Wenig später nähert sich der Prediger Susannah in eindeutiger Absicht: er vergewaltigt das Mädchen und muss feststellen, dass diese noch Jungfrau war und alle Anschuldigungen der Dorfgemeinschaft falsch sind. Vergebens fleht er um Vergebung. Als Susannahs Bruder Sam erfährt, was geschehen ist, erschiesst er den Prediger. Die Dorfgemeinschaft versucht Susannah aus dem Dorf zu vertreiben. Doch Susannah hält ihnen ein Gewehr entgegen und zwingt die Dörfler zum Rückzug. Susannah bleibt allein zurück.

      Die Musik von Carlisle Floyd bietet eine bunte Mischung aus amerikanischer Musik (Gospel, Squaredance oder volksliedhaftem) und viel puccinesker Emotion. Es gibt wiedererkennbare, rhythmische Modelle, auch kleine Leitmotive durchziehen die musikalische Struktur. Dazu gibt es bis in die kleineren Rollen hinein dankbare Gesangsaufgaben. Wie ein Film lässt Floyd die gut zwei Stunden der Oper vor dem Publikum ablaufen, die dramatischen Höhepunkte mit entsprechenden Ballungen des Orchesterklanges untermalend.

      Das kleine Theater in Hagen nimmt sich mit viel Sorgfalt dieser wenig bekannten Oper an. Regisseur Roman Hovenbitzer hat sich vom Bühnenbildner Jan Bammes, der auch für die Kostüme verantwortlich ist, eine Szene voller Holzpaletten bauen lassen, die sich auch verschieben lassen. So können Räume angedeutet oder die Szene räumlich verkürzt werden. Ein Element lässt sich als Wand im Raum bewegen. Durch Lichteinfall entstehen Gitterlinien, die an an Gefängnis erinnern – oder auch das Spiegeln des Baches imaginieren, in dem Susannah badet. Ein Leuchtstoffröhrenkreutz genügt, um eine Kirche anzudeuten. Stimmungen oder Stimmungswechsel werden oft mittels Licht begleitet, manches wird hart ausgeleuchtet, anderes bleibt im Halbdunkel.

      Nach der kurzen Orchestereinleitung öffnet sich nur eine Tür im „Eisernen Vorhang“ man erkennt hinten den Chor und als Schattenriss erscheint der Wanderprediger Olin Blitch in der Türöffnung. Wenn die Bühne sich dann öffnet, sieht das Publikum die Dorfgemeinschaft als lebendes Bild, die zu einem Fest unterwegs ist. Ein Schwein wird zum Ausbluten aufgehängt, die Dorffrauen nähen an einer Tischdecke, ein Squaredance beginnt. Ausgelassen tanzt Susannah mittendrin und auch der neuangekommene Prediger zeigt sich als versierter Tänzer.

      Interessant die Zeichnung des jungen Little Bat und dessen Beziehung zu Susannah. In Hagen ist Little Bat ein geistig behinderter Junge und beide, Little Bat und Susannah, verbindet das Schicksal der Aussenseiter. Susannah ist freundschaftlich-zärtlich zu dem Jungen und auch wenn dieser ob der Zärtlichkeit der Frau schon mal in seinen Schritt greift, die Zuneigung der beiden zueinander ist gewiss weit weg von dem, was die Dörfler als „sündig“ begreifen. Wie sagt Sam, der Bruder der Susannah, sinngemäss an einer Stelle: die Leute glauben, was sie glauben wollen – eben.

      Geschickt wird die Szene der badenden Susannah umgesetzt: die Sängerin taucht unterhalb der Bühnenebene in den Bach, während die Dorfältesten ihr von einer Erhöhung aus zusehen.

      Einer der Kulminationspunkte der Handlung ist die Kirchenszene. Der Prediger Blitch lebt von seinen Wanderungen von Ort zu Ort und so sorgt er auch erstmal dafür, dass die eigene Kasse gut gefüllt ist. Dann gibt’s Vergebung, so denn der Sünder, respektive die Sünderin reuig sind. Auf Papptafeln, die man sich um den Hals hängen kann, werden eher lässliche Sünden bekannt. Nur die Abseits sitzende Susannah lässt sich nicht bewegen, ihre „Schuld“ zu bekennen. Als man ihr ein Schild mit dem Wort „Hure“ umhängen will, ist sie entsetzt – sie schreit „Nein“ und stürzt hinaus.

      Spannend die Szene, die in der Vergewaltigung der Susannah durch den Prediger enden wird. Wie ein Schatten kommt Blitch herein, entwindet wenig später der verzweifelten Susannah ein Rasiermesser, dass der Bruder von Susannah hat liegen lassen und mit dem sich das Mädchen die Pulsadern aufschneiden wollte. Der Prediger nutzt die Ausnahmesituation aus, in der sich Susannah befindet , um sich an dem Mädchen zu vergehen.

      Über die eigene Tat erschüttert, sucht Blitch Trost in der Kirche. Er hat sich selbst ein Pappschild mit dem Wort „Schuldig“ darauf umgehängt. Mit fadenscheinigem Gerede versucht er die Tat zu erklären, die Susannah um den Verstand gebracht hat.

      Die Dörfler kommen mit Fackeln zu Susannah, der von Sam getötete Blitch wird hereingetragen, Susannah bespuckt den Leichnam. Sie schreibt das Wort „Unschuldig“ auf eine Holzplanke, die sie allen, auch dem Toten, entgegenstreckt – vergeblich. Ein Molotowcocktail wird geworfen und die wahnsinnig gewordene Susannah verbrennt in ihrem Haus.

      Die Inszenierung von Roman Hovenbitzer kommt unaufgeregt daher und konzentriert sich vor allem auf eine sinnvolle Ausgestaltung der Beziehungen der handelnden Figuren untereinander – das gilt auch für die Nebenfiguren. Es entsteht ein dichtes Geflecht von Aktionen, in deren Mittelpunkt Susannah steht.

      Und die wird in Hagen von der Sopranistin Jaclyn Bermudez mit einer grossen Expressivität ausgestattet, die auch ihre sängerische Leistung mit einschliesst. Selbst da, wo Bermudez zu kleinen Schärfen neigt, ist sie noch wunderbar präsent und einige ihrer Spitzentöne gelingen so, dass sie unter die Haut gehen. Darstellerisch ist Bermudez mitunter anrührend, so in den ersten Szenen mit Little Bat, wirklich stark dann in der Auseinandersetzung mit Blitch, z. B. wenn sie dessen Beine umklammert und glaubwürdig, wenn sie schon bevor die Flammen sie erreichen, diese Welt verlassen zu haben scheint.

      Ein Tenor von einiger Qualität ist Charles Reid als Sam. Die Rolle bietet wenig Gelegenheit zur differenzierten Ausgestaltung – und so beeindruckt Reid mit einer wohlklingenden Stimme, die kraftvolle Passagen nicht scheuen muss.

      Vor allem darstellerisch überzeugt Bassist Rainer Zaun als Olin Blitch. Die autoritär-seriöse Maske des Beginns grenzt Zaun perfekt zur fast theatralisch-aufgesetzten Gottesdienstshow im zweiten Akt ab, um dann im letzten Teil des Stückes geradezu seelisch nackt dazustehen. Gesanglich steigert sich Zaun nach einem etwas undifferenziertem Beginn, wo laut ausgestellte Töne nicht so richtig sitzen mochten zu einer vor allem in der Auseinandersetzung mit Susannah auch packenden, sängerischen Leistung.

      Unbedingt erwähnenswert Tenor Jeffery Krueger als Little Bat. Wie der Sänger einen behinderten Jungen mit Stimme und Spiel beglaubigt, gehört klar zu den Stärken dieser Produktion.

      Die Nebenrollen sind adäquat und ohne Ausfälle besetzt.

      Der Chor des Theater Hagen könnte in den Frauenstimmen Verstärkung gebrauchen. So richtig homogen gelingt den Abend über wenig. Bei den Herren sieht die Situation besser aus.

      Die musikalische Leitung der Aufführung liegt in den Händen von Bernhard Steiner, der sich routiniert seiner Aufgabe entledigt. In den Details gelingen den Musikerinnen und Musikern im Graben viele schöne Momente, die Tutti kommen massiv und knallig daher, gut gelingen die scharfen Bläserattacken des Beginns. Nicht alles hält an diesem Abend in Hagen wirklich zusammen, aber das soll hier nicht überbewertet werden.

      Hagen ist mit dieser „Susannah“ eine sehens-und hörenswerte Produktion gelungen und der Besuch war für eine solch unbekannte Oper vorzeigbar. Die, die gekommen waren, dankten dem Ensemble mit starkem Beifall und verdienten Ovationen.
      Der Kunst ihre Freiheit
    • Alviano schrieb:

      Hagen ist mit dieser „Susannah“ eine sehens-und hörenswerte Produktion gelungen [...]
      ... und ich würde nach diesem informativen Bericht einen Besuch erwägen, wenn es nicht zu weit für mich wäre. Das Werk ist mir selbst noch ganz unbekannt. Von dessen Existenz habe ich zuerst in diesem Zusammenhang etwas erfahren: Baderätsel - Der Tipp- und Lösungsthread zu THE GOOD IN THE BAD

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Lieber Gurnemanz,

      leider ist auch die Aufnahme unter Leitung von Kent Nagano (aufgenommen für "Virgin") im Moment nur zu einem zu hohen Preis zu bekommen. Vielleicht gibts da auch irgendwann mal eine preiswerte Wiederveröffentlichung. Ich selbst kenne ausser der "Susannah" nur noch "Of mice and men" von Carlisle Floyd - und "Susannah" gefällt mir insgesamt besser.

      :wink:
      Der Kunst ihre Freiheit
    • Vielen Dank, lieber Alviano, für diese Einführung zum Werk und den Hinweis auf die Aufführung in Hagen. Ich habe vor nicht allzu langer Zeit "Susannah" durch die Nagano-Einspielung kennen gelernt und bin nachhaltig fasziniert (obwohl Cheryl Studer meines Erachtens eine Fehlbesetzung ist). Mir scheint, "Susannah" ist eigentlich die Amerikanische Volksoper, die Kurt Weil nach seiner Emigration immer schreiben wollte, und die ihm (trotz "Street Scene") nie so richtig geglückt ist. Absolut packendes, pralles und bühnenwirksames Musiktheater mit Inspiration und Tiefgang. Allerdings bin ich über den von Dir geschilderten tragischen Ausgang der Hagener Produktion überrascht. In der mir bekannten Version schafft Susannah sozusagen den Absprung aus der bigotten Gemeinschaft in eine hoffnungsvolle, emanzipierte Zukunft - und diesen starken, auch musikalisch eindrucksvollen Schluss möchte ich eigentlich nicht missen.

      herzlichst
      il bravo
      Oper in Hamburg: seit 1678 in 3D
    • Lieber Ilbravo,

      es ist schon merkwürdig, dass ein absolutes Erfolgsstück wie die "Susannah", dass der damals knapp dreissigjährige Komponist Floyd geschrieben hat, den Sprung über den "grossen Teich" nie wirklich geschafft hat. Möglicherweise liegt es auch daran, dass man in Europa Mitte der 50er Jahre ganz anderen Klangwelten zugetan war, als jene, die Carlisle Floyd zur Ausgestaltung seiner ersten Oper herangezogen hat. Heute, mit dem Abstand von über 50 Jahren, bewertet man die Musik von Floyd vielleicht anders - und ich könnte mir vorstellen, dass mancher, der die "Susannah" kennenlernt, über diese Musik überrascht ist. Unabhängig davon, ob man diese Musik nun mag oder nicht - eine Bereicherung auch unserer Spielpläne in Europa könnte die "Susannah" allemal sein.

      In der mir bekannten Version schafft Susannah sozusagen den Absprung aus der bigotten Gemeinschaft in eine hoffnungsvolle, emanzipierte Zukunft


      Ganz so ist es nicht. Am Ende der Oper bleibt Susannah, die die Dörfler mit der Waffe in der Hand vertrieben hat, vor ihrem Haus zurück und lacht. Wie die Geschichte weiter geht, bleibt offen. Regisseur Roman Hovenbitzer zeigt in Hagen einen anderen, konkreteren Ausgang der Geschichte, den er inszenatorisch allerdings gut vorbereitet hat. Überraschend war dieses Ende auch für mich, aber gut gemacht und durchaus überzeugend.
      Der Kunst ihre Freiheit
    • Theater Hagen

      Soeben ist der Spielplan des "Theater Hagen" für die neue Saison veröffentlicht worden. Es ist einfach vorbildlich, wie konsequent hier ein kleines Theater für eine Spielplanerweiterung eintritt. Im Rahmen der Serie mit amerikanischen Opern gibts in der Spielzeit 201/2013:

      Selma Ježkóva (Dancer in the dark) – Oper von Poul Rouders


      zu sehen ab dem 13.04.2013.
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