Musik aus dem Baltikum - ein Überblick

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    • Musik aus dem Baltikum - ein Überblick

      Diabolus in Opera schrieb:

      klassikfan schrieb:

      Lionel schrieb:

      Der Name des estnischen Komponisten Eduard Tubin (1905 - 1982) darf hier meiner Meinung nach auch nicht fehlen aber über ihn gibt es bereits einen extra Thread, siehe hier. Jedenfalls gehörte die CD-Box (BIS) mit seinen Sinfonien für mich zu den lohnenswerten Entdeckungen des vergangenen Jahres.

      Lionel


      Mit den nordischen Symphonien hatte ich mich eigentlich nur auf Skandinavien bezogen, da ich - was baltische Komponisten betrifft - relativ gut versorgt bin.
      Auch die Tubin-Box steht schon in meinem Regal. Ich kann nur zustimmen, wirklich sehr lohnenswert.


      Vielleicht würde sich dann mal ein Thread über Musik aus dem Baltikum anbieten?

      DiO :beatnik:


      Da sich ein Thread auf jedenfall lohnt, habe ich mal einen erstellt. ;+)

      Ich bin von der baltischen Musik sehr angetan, insbesondere von der estnischen Musik.
      Zu nennen wäre da erstmal Arvo Pärt (* 1935), der vor allem durch seine geistliche Musik (u.a. Berliner Messe), aber auch durch seine sehr minimalistisch wirkende Musik (Tintinnabuli-Stil)
      bekannt geworden ist. Zwischen 1964 und 2008 schrieb er auch vier Symphonien, von denen mir allerdings noch keine bekannt ist.
      Ich persönlich habe folgende Veröffentlichungen von ihm:




      Natürlich gibt es da noch das ein oder andere mehr.

      Zu empfehlen ist auch die Musik der Lehrer von Arvo Pärt:
      Dies sind Heino Eller (1887 - 1970) und Veljo Tormis (* 1930)
      Letzterer ist eher für Chor- und Liedkompositionen bekannt geworden.



      Eller schrieb diverse Kammermusikwerke u.a. drei Symphonien und ein Violinkonzert.

      Von ihm habe ich die Veröffentlichung amazon.de/Neenia-Tonu-Kaljuste…TF8&qid=1334354949&sr=1-1
      Die Bildverlinkung hat hier leider nicht funktioniert.

      Die Aufnahmen von ECM New Records zeichnen sich durch eine hohe Klangqualität aus.

      In der letzten Zeit habe ich die Musik einiger unbekannter estnischer Komponisten für mich entdeckt -
      Das Label "Antes Edition" hat hier seit Mitte der Neunziger Jahre eine große Lücke geschlossen:

      Da wäre erstmal Anti Marguste (* 1931) zu nennen, der sich in seinen Kompositionen teilweise an die estnische Volksmusik anlehnt.
      Besonders gefallen mir seine Sinfonischen Runen op. 36


      Bei zwei weiteren Komponisten habe ich mir auch das „Musikalische Porträt“ gekauft:

      Boris Parsadanjan (1925 - 1997), der armenischer Abstammung war, komponierte u.a. 11 Symphonien.
      Auf seinem "Musikalischen Porträt" ist allerdings nur die 7. Symphonie enthalten.
      Allein an der Musik erkennt man, dass Parsadanjan kein gebürtiger Este war - sie klingt an einigen Stellen recht düster und erinnert an die Symphonien Schostakowitschs.



      Mati Kuulberg (1947 - 2001) hingegen war ein gebürtiger Este, dessen Musik ebenfalls maßgeblich von der estnischen Volksmusik, aber auch Polyphonie und Aleatorik geprägt ist.
      Er schrieb fünf Symphonien, von denen allerdings keine auf dem "Musikalischen Porträt" enthalten ist, dafür recht lohnenswerte Sonaten und ein Klaviertrio.



      In der Antes Edition (deren CDs für jeweils ca. 3 € neuwertig über Amazon Marketplace erworben werden können) gibt es aber u.a. auch noch folgende Veröffentlichungen.

      Heino Jürisalu (1930 - 1991) - ebenfalls ein Schüler Heino Ellers


      Von Eller (s.o.) selbst sind auch zwei CDs erschienen:


      Raimo Kangro (1949 - 2001)


      Urmas Sisask (* 1960), der sich vor allem mit dem Eklektizismus in seinen Kompositionen auseinandersetzte


      Bei Kangro und Sisask hätte ich gerne mal gewusst, ob jemand die genannten Veröffentlichungen im Regal stehen hat?
      Gerade Sisask hört sich interessant an.

      Eino Tamberg (1930 - 2010) schrieb mehrere Symphonien, wurde aber eher durch die Oper Cyrano de Bergerac bekannt.
      Ich bin nicht der größte Freund von Opern, aber diese sollte man haben, wenn man sich für baltische Musik interessiert.
      Zumal die CPO-Veröffentlichung auch gerade reduziert angeboten wird. 8+)



      René Eespere (* 1953), der am Moskauer Konservatorium Assistent von Aram Khachaturian war.




      Peter Vähi (* 1955) ist vor allem für elektronische Musik bekannt.


      Lepo Sumera (1950 - 2000) wirkte nicht nur als Komponist, sondern auch als Politiker und estnischer Kulturminister.
      Er schrieb sechs Symphonien und diverse elektronische Werke.
      Bei BIS erschienen sehr lohnenswerte Aufnahmen seiner Symphonien mit dem Malmöer Symphonieorchester unter der Leitung von Paavo Järvi.




      Auch nicht zu vernachlässigen ist die Musik von Jaan Rääts (* 1932), der acht Symphonien und diverse Konzerte schrieb.
      In seiner Schaffen ist eine Entwicklung zu erkennen: Zunächst war seine Musik noch vom Sozialistischen Realismus geprägt, Rääts entwickelte aber
      mehr und mehr einen eigenen Stil. Allerdings ist er ein Anhänger der Polystilistik, sodass er in späteren Werken u.a. auch Minimal Music einfließen ließ.



      Auf Eduard Tubin (1905 - 1982) möchte ich jetzt hier nicht nochmal näher eingehen und verweise auf diesen Thread.

      Eine wichtige Figur in der estnischen Musik stellt Erkki-Sven Tüür (* 1959) dar. In seinen Kompositionen verwendet er viele avantgardistische Mittel wie die Atonalität oder Polyrhythmik.
      Auch hier gibt sehr empfehlenswerte Aufnahmen von ECM:




      Sehr gut gefällt mir auch seine 2. Symphonie, von der es eine recht günstige Aufnahme (apex-Serie) gibt:



      Kann mir jemand zuällig etwas über diese recht neue Veröffentlichung bei Ondine sagen?



      Bei all diesen Herren, deren Musik sich aber weit unterscheidet, darf man die Komponistin Ester Mägi (' 1922) nicht vergessen.
      Sie schrieb vor allem Kammermusik, die ebenfalls von der estnischen Volksmusik beeinflusst ist.
      Ich kenne ihre Musik nur von folgender Veröffentlichung, auf der auch Musik von den oben genannten Sisask, Vähi, Rääts und Eespere ist.
      Daher sehr abwechslungsreich.



      Von Mägi gibt es noch folgende weitere Aufnahmen:



      Bei ersterer habe ich mal bei JPC in die Symphonie reingehört, habe allerdings auf die Schnelle nicht wirklich einen Zugang finden können -
      mir wirkt die Musik etwas aufgewühlt und hektisch. Aber ich denke, da müsste ich mir die CD zunächst zwei-drei Male anhören, bevor ich
      ein detaillierteres Urteil abgeben könnte.
      In der Antes Edition soll von ihr auch ein "Musikalisches Porträt" erschienen sein, was allerdings nur (noch?) zum MP3-Download verfügbar ist.

      Das war erstmal ein Einblick in die Welt der estnischen Musik, wobei ich nur Komponisten genannt habe, wo ich CDs habe bzw. von denen ich schon mal
      das ein oder andere im Internet gehört habe. Ich hoffe, dass ich dabei keinen wirklich wichtigen Komponisten vergessen habe, verweise aber mal vorsichtshalber hier drauf:
      de.wikipedia.org/wiki/Liste_es…onisten_klassischer_Musik
      Morgen werde ich dann mit einem Überblick über die litauische Musik weitermachen.

      Viele Grüße und eine geruhsame Nacht :wink:

      klassikfan
    • Ich genieße an diesem Samstagmorgen diese wunderbare CD, die ich allen, die geistliche (und auch moderne) Chormusik lieben, nur ans Herz legen kann!

      Hier finden sich Kompositionen von
      Cyrillus Kreek
      Sven-David Sandstrøm
      Einojuhani Rautavaara
      Veljo Tormis
      Arvo Pärt
      Petris Vasks


      Der Estonische Philharmonische Kammerchor unter Leitung von Paul Hillier leistet hier Phantastisches. Hillier war viel Jahre musikalischer Leiter des Hilliard Ensembles.

      Bis bald
      corda vuota

    • Von diesem Komponisten, der insgesamt 21 Symphonien schrieb, gibt es noch zahlreiche weitere Vertonungen:







      Ich habe bislang nur folgende, die ich empfehlen kann:



      Hier heißt es wieder aufpassen, da diese Marco-Polo-CD wenn man sie neu bestellt wie üblich bei Amazon
      als CD-R on Demand und ohne Originalbooklet geliefert wird. :thumbdown:
      Man sollte sie daher gebraucht (aber dafür original) erwerben

      Gruß

      klassikfan
    • Lieber Klassikfan,

      vielen Dank, dass Du meinen Anstupser aus dem anderen Thread so schnell aufgenommen hast. Ich selber habe diese Musik gerade erst für mich entdeckt und fühlte mich deshalb noch nicht zu einer Einführung befähigt.

      Da unser neuer Chorleiter aus Estland kommt, habe ich in den letzten Wochen begonnen, mich ein bisschen mit klassischer Musik aus Estland zu beschäftigen und habe einige tollen Sachen entdeckt. Der Name Tubin war mir aus irgendeiner Forumsecke noch bekannt und ich habe mich auf YT durch seine Symphonien gehört, die mir sehr gefallen haben, besonders die 2. finde ich herausragend! Als Opern-Fan bin ich dann auch schnell bei einer seiner Opern gelandet, "Reigi õpetaja" (Der Pfarrer von Reigi).



      Auch die finde ich sehr spannend. Der zweite Teil der Oper, eine Gerichtsverhandlung, ist ja fast komplett ein Melodram. Ein interessanter Strukturwandel innerhalb der Oper, den ich so noch nie zuvor erlebt habe.

      Eine andere estnische Oper, die ich kürzlich hörte, ist Eino Tambergs "Cyrano de Bergerac", auf die Du schon hingewiesen hast. Beim ersten Hördurchgang fand ich sie ganz nett, musikalisch ein bisschen brav vielleicht, aber das ändert sich womöglich beim wiederholten Hören noch.




      Meine neueste Bekanntschaft ist Erkki-Sven Tüür mit dieser CD:

      [Blockierte Grafik: http://ecx.images-amazon.com/images/I/415sTRD5KvL._SS400_.jpg]

      Daraus gefallen mir besonders "Architectonics III: Postmetaminimal Dream" und die 2. Symphonie.


      Aus Litauen kenne ich bislang die Symphonien 4 und 5 von Osvaldas Balakauskas, die 5. ist wirklich toll:



      Hier der letzte Satz aus der 5.: "http://www.youtube.com/watch?v=g0Ip2UqoAvs"

      Ich bin gespannt auf weitere Entdeckungen!

      DiO :beatnik:
      "Wer Europa in seiner komplizierten Verschränkung von Gemeinsamkeit und Eigenart verstehen will, tut gut daran, die Oper zu studieren." - Ralph Bollmann, Walküre in Detmold
    • Von Balakauskas habe ich neben der CD mit der 4. und 5. Symphonie auch noch folgende:

      Requiem in Memoriam Stasys Lozoraitis


      Seine Kammermusik gefällt mir aber wesentlich besser, das Requiem finde ich persönlich sehr düster.

      Außerdem gibt es noch folgende Veröffentlichungen, die ich noch nicht kenne:
    • Mit Komponisten aus dem Baltikum kenne ich mich nicht so gut aus. Ausser den Sinfonien von Eduard Tubin besitze ich diese CD, auf der sich u. a. die 2. Sinfonie von Lepo Sumera befindet:



      Diese Aufnahme gefällt mir insgesamt sehr gut und die Kombination von Sumeras 2. Sinfonie mit Orchesterwerken von John Adams macht sie aus meiner Sicht noch zusätzlich attraktiv. Interessant sind da sicherlich Paavo Järvis BIS-Aufnahmen von Sumeras Sinfonien und wie er sich da im Vergleich zu seinem Bruder Kristjan schlägt.

      Ansonsten kenne ich noch einige der Aufnahmen, die klassikfan mit Werken von Arvo Pärt vorgestellt hat. Interessant ist noch diese Aufnahme:

      [Blockierte Grafik: http://ecx.images-amazon.com/images/I/313RE3S2Z6L._SL500_AA300_.jpg]
      CD

      Diese enthält u. a. Pärts 3. Sinfonie (1971), die Neeme Järvi gewidmet ist. Stilistisch entstand dieses Werk noch vor Pärts Wandel hin zu dem sog. Tintinnabuli-Stil ab etwa Mitte der 1970er Jahre aber dieser Stilwechsel deutet sich in der 3. Sinfonie bereits an. Während der Komposition der 3. Sinfonie beschäftigte sich Pärt mit der Gregorianik und das erkennt man auch an diesem Werk mit weit gespannten Unisonolinien in verschiedenen Instrumentengruppen. Choralartige Passagen und die registerartige Behandlung insbesondere der Holz- und Blechbläser erinnern zudem entfernt an Bruckner.

      Lionel
      "Musik ist für mich ein schönes Mosaik, das Gott zusammengestellt hat. Er nimmt alle Stücke in die Hand, wirft sie auf die Welt, und wir müssen das Bild zusammensetzen." (Jean Sibelius)
    • Janis Ivanovs (1906-1983) gilt als bedeutendster lettische Symphoniker, nicht weniger als 21 Symphonien flossen aus seiner Feder. Davon kenne ich nur wenige und die auch nur ansatzweise.

      Die 2. Symphonie von 1937 zeigt noch deutliche Einflüsse von Cesar Franck und Peter Tschaikowsky, ist aber ein durchaus hörenswertes Werk, vor allem der melancholisch gefärbte 2. Satz ist melodisch sehr ansprechend. Marco Polo/Naxos ist bisher über 6 Symphonien (2, 3, 5, 8, 12 und 20) nicht hinausgekommen. Einige weitere Einspielungen sind weiter oben in Beitrag 4 gelistet.