OFFENBACH - Barbe-Bleue, der lustige Massenmörder...

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    • OFFENBACH - Barbe-Bleue, der lustige Massenmörder...

      Als zweites Werk der Felsenstein-Edition habe ich am Wochenende Jacques Offenbachs „Ritter Blaubart“ gesehen. Hier die Besetzung:

      Blaubart - Hanns Nocker
      Boulotte - Anny Schlemm
      Bobèche - Werner Enders
      Clementine - Ruth Schob-Lipka
      Hermia (Fleurette) - Ingrid Czerny
      Saphir (Daphnis) - Manfred Hopp
      Popolani - Rudolf Asmus
      Graf Oscar - Helmut Polze
      Alvarez - Hans-Otto Rogge
      Isaure - Irmgard Arnold
      Heloise - Evelyn Bölicke
      Eleonore - Eva-Maria Baum
      Rosalinde - Christa Noack
      Blanche - Ute Trekel-Burckhardt

      Chor und Orchester der Komischen Oper Berlin
      Regie: Walter Felsenstein
      Filmversion von 1973
      Kurze Inhaltsangabe: die Schäferin Fleurette und der Schäfer Daphnis lieben einander, es stellt sich jedoch heraus, das Fleurette in Wahrheit die verstoßene Königstochter Hermia ist. Als sich herausstellt, dass ihr jüngerer Bruder für die Thronfolge nicht geeignet ist, lässt ihr Vater, König Bobèche, das Mädchen zurück an den Hof bringen. Er will sie mit Prinz Saphir verheiraten. Dem stimmt Fleurette erst zu, als sich erweist, dass Saphir niemand anders ist als ihr Schäfer Daphnis.
      Zeitgleich sucht Ritter Blaubart eine neue Frau: seine Ehefrau ist vor kurzem verstorben. Die fünfte innerhalb von zwei Jahren, was für viel Gerede sorgt...seine Wahl fällt auf die Bäuerin Boulotte, die hocherfreut ist und keine Angst vor Blaubarts Frauenverschleiß hat.

      Kurz nach der Hochzeit mit Boulotte beauftragt Blaubart den Alchimisten Popolani damit, die Ehefrau ins Jenseits zu befördern- wie schon seine anderen 5 Frauen. Er will nun die schöne Fleurette/Hermia heiraten. Unterdessen gibt König Bobèche seinem Diener Graf Oscar den Auftrag Alvarez, einen Verehrer seiner Gemahlin, zu töten. Auch die geschieht nicht zum erstenmal.
      Am Ende zeigt sich, das keiner der Untergebenen sich an seinen Auftrag gehalten hat: Popolani hat die Frauen verschont, Oscar die Männer. Hermia heiratet ihren Saphir, Blaubarts „verstorbene“ Frauen werden mit den „ermordeten“ Hofherren verheiratet, Blaubart und Boulette bleiben ein Paar.

      Zunächst: ich kannte dieses Werk bisher nicht, lediglich Blaubarts Auftrittslied habe ich öfter auf einer alten Schallplatte von Leo Slezak gehört, und es hat mir schon immer sehr gefallen.
      Ich habe also mal wieder keine Vergleichsmöglichkeiten mit anderen Produktionen oder Aufnahmen.
      Felsenstein lässt das Werk mit einem kleinen Prolog beginnen: in den Studios der DEFA in Berlin wird die Dekoration für einen soeben abgedrehten Film abgebaut der offensichtlich in Paris um 1860 gespielt hat, in jener Zeit also in der Offenbach seine opéra-bouffe geschrieben hat. In dieses Studio fallen die Musiker und Sänger der Komischen Oper ein, die hier für ihren geplanten Blaubart-Film proben wollen. Wir erleben das gesamte Werk als Probe in den Restkulissen des Paris-Films, garniert mit einigen Blaubart-Bühnenelementen.
      Zu Beginn der „Probe“ spielen Ingrid Czerny und Manfred Hopp als Fleurette und Saphir denn auch etwas hölzern und unentspannt, bis sie sich in ihre Rollen gefunden haben. Wie es eben im Theater manchmal so zugeht.
      Felsenstein hat, wie es offenbar seine Art war, für seine Version des Blaubart eine neue deutsche Textfassung erstellt, deren Feinheiten mir aber entgangen sind, da ich wie gesagt keine andere Version kenne als seine und mir daher lediglich die Textveränderungen bei Blaubarts Auftrittslied aufgefallen sind.
      Hanns Nock ist m.E. ein grandioser Blaubart: lebensfroh, gespenstisch, charmant, gruselig und ganz eindeutig ziemlich verrückt erinnert er in seinen besten Momenten an Sir Peter Ustinov und dessen Kaiser Nero...singen tut er nach meiner Meinung ganz hervorragend, und ein bisschen ist es mit ihm wie mit Don Giovanni: ein ganz übler Kerl, aber die Welt wäre ärmer, die Bühne leerer ohne ihn...

      Wie Hermia und Daphnis verfällt auch er gelegentlich vom Deutschen ins Französische: immer dann nämlich, wenn die Gäule mit ihm durchgehen und er voller Stolz und Selbstverliebtheit verkündet „Je suis Barbe-Bleue!“

      Anny Schlemm ist eine zupackende Boulotte, bei der man vom ersten Augenblick an klar ist, dass Blaubart es mit ihr nicht ganz so leicht haben wird wie mit seinen anderen Verflossenen und die jedem ungeschminkt und ungefragt ihre Meinung ins Gesicht sagt.
      König Bobèche ist ein grotesker kleiner Tyrannen-König: gekleidet in eine Art Strampelanzug mit der Bourbonen-Lilie tobt und geifert er mit sich überschlagender Stimme und hektischen Bewegungen. Walter Felsenstein hat in einem Interview gesagt, dass er an keinen bestimmten Tyrannen gedacht hat, daß man als Deutscher Zuschauer aber sicher besonders an einen Bestimmten denkt, ist aber wohl auch kein reiner Zufall...
      Der gespenstisch-komische Höhepunkt seines Auftritts ist für mich jene Szene, in der sich Bobèche auf ein militärisches Reizwort als ganz offensichtlich kriegstraumatisiert offenbart: mit einem starren Blick dass es einem eiskalt den Rücken runterläuft, musikalisch aber so unglaublich komisch dass mir, und ich übertreibe nicht, vor lachen fast der Teebecher aus der Hand gefallen ist.
      Für diese Szene allein lohnt sich die ganze DVD, und man kann, um sie zu beschreiben, wohl nur noch Schiller bemühen: „Und treiben mit Entsetzen Scherz“.
      Ebenfalls grandios in diesem Moment ist Ruth Schob-Lipka als Bobèches Gattin Clementine, die solche Auftritte wohl nicht zum erstenmal erlebt, auch sie bedauernswert und unglaublich komisch zugleich.
      Ich persönlich finde so manches Opern- oder Operetten-Happyend ja ziemlich verlogen, so auch hier: zwei Menschen (Bobèche und Blaubart) die nur deshalb nicht zum Serienmörder geworden sind weil ihre Untergebenen mehr Herz gezeigt und die Tötungsbefehle verweigert haben. Fünf Paare, die ohne gefragt zu werden zusammen gegeben werden, gerade mal ein paar das in wirklicher Zuneigung zueinander findet. Dabei kann einem nicht wohl sein.
      Das ist es Boulette auch nicht, die plötzlich abbricht und sagt, dass ihr das alles zu verlogen ist. Empörte Rufe von ihren Kollegen: das könne sie doch nicht machen, der Film müsse doch fertig werden. Nein, so Boulotte, so gehe das nicht. Was solle man bei so einem Ende denn machen? Na was schon „Operette spielen!“ und so stürzen sich alle miteinander in ein ungutes, unrealistisches, verlogenes Operettenfinale, das dann auf einmal doch wieder viel Spaß macht.

      Mir hat dieser Blaubart sehr, sehr gut gefallen.
      Wer die Produktion kennt und und in dieser Hinsicht berufener ist als ich, kann sich wenn er mag ja mal zu den musikalischen Leistungen äußern. Ich persönlich kann es nur mit den Worten eines anderen Forumsmitglieds in einem anderen Zusammenhang tun: „Ich sitze da und finde alles toll“. :angel:
      Ein Paradies ist immer da, wo einer ist, der wo aufpasst, dass kein Depp reinkommt...
    • Liebe Mina,

      Danke für Deine ausführliche Rezension. Sie hat meinen Appetit geweckt ........
      Nicht böse werden, wenn ich Dir sage, daß für die Franzosen der Bart ein weibliches Wesen ist (la barbe). Deshalb Barbe-Bleue.
      Alles, wie immer, IMHO.