Schoeck/Ullmann: "Erwin und Elmire" - "Der zerbrochene Krug", Stadttheater Hildesheim, 21.04.2012 (Premiere: 25.02.2012)

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    • Schoeck/Ullmann: "Erwin und Elmire" - "Der zerbrochene Krug", Stadttheater Hildesheim, 21.04.2012 (Premiere: 25.02.2012)

      Das kleine Stadttheater in Hildesheim bewies Mut, als es als Doppelabend zwei unbekannte Einakter von Othmar Schoeck und Viktor Ullmann auf den Spielplan setzte: vom Schweizer Komponisten Schoeck dessen Goethe-Vertonung „Erwin und Elmire, von Viktor Ullmann, der im österreichischen Teil Schlesiens geboren und von den Nazis in Auschwitz ermordet wurde dessen auf Kleists bekanntem Schauspiel basierende Oper „Der zerbrochene Krug“.

      Die Premiere am 25.02.2012 konnte noch wie geplant stattfinden, dann erkrankte eine Hauptdarstellerin und das Theater in Hildesheim war gezwungen, die folgenden Vorstellungen komplett abzusagen, ein Ersatz war für diese Raritäten nicht zu finden.

      Einen wirklichen Zusammenhang zwischen beiden Opern gibt es nicht, auch zeitlich trennen sie rund 25 Jahre und während der Schweizer Komponist keine Probleme damit hatte, dass seine Werke auch in Nazi-Deutschland aufgeführt wurden, schaffte es Viktor Ullmann gerade noch, seinen „zerbrochenen Krug“ im Selbstverlag erscheinen zu lassen, bevor er 1942 nach Theresienstadt deportiert wurde. Dort entstand dann auch sein heute bekanntestes Werk, „Der Kaiser von Atlantis“.

      „Erwin und Elmire“ ist von der Anlage her ein typisches, mit vier Personen auskommendes Singspiel und erzählt die Geschichte von Elmire, die ihren Verehrer Erwin abgewiesen und verspottet hat, worauf dieser spurlos verschwunden ist. Das wiederum grämt Elmire, die – natürlich – Erwins Liebe erwidert. Elmires Freund, Lehrer und Ratgeber Bernardo sorgt für einen glücklichen Ausgang der Geschichte: er sucht Erwin auf einem freien Feld auf, erklärt ihm die Situation, lässt Erwin sich als Eremiten verkleiden und diesem „Eremiten“ gesteht nun Elmire ihre Liebe zu Erwin. Das Liebespaar findet zu einander und Bernardo freut sich über den gelungenen Coup.

      Im November 1916 wurde das rund einstündige Stück in Zürich uraufgeführt und Schoeck hat eine abwechslungsreiche, unterhaltsame Musik komponiert, die liedhafte Elemente genauso einbindet, wie Passagen, die schon fast die Operette streifen, so trieft der satte Streicherklang vom Bogen. Munter geht es im Orchester zu, auch gefühlvoll und die Gesangspartien bieten solistisch oder im Ensemble für alle vier Mitwirkenden gute Gelegenheiten, sich zu profilieren.

      Bei Viktor Ullmann zeigt sich dann allein schon in der Instrumentierung ein etwas anderes Bild, nicht nur wegen des deutlich ausgeweiteten Schlagwerks, auch Holz- und Blechbläser treten in Erweiterungen um Klarinetten, Saxophon oder verstärkten Hörnern mit einer grösseren Farbenpalette hervor. Dazu kommt eine rhythmisch angeschärfte Motorik, grelle Einwürfe der Trompete und so etwas wie eine kleine Form einer Motivtechnik. Auch beim „zerbrochenen Krug“ gibt es dankbare Aufgaben für die Sängerinnen und Sänger, vor allem für Licht, Adam und Mathe Rull.

      Ullmann hat das Schauspiel von Kleist über den Dorfrichter Adam, dem ein nächtliches Abenteuer so wenig gut bekommen ist, dass er am nächsten Morgen arg ramponiert über sich selbst zu Gericht sitzen muss, stark gekürzt, sodass nur die Grundpfeiler der Geschichte übrigbleiben. Die reichen aber aus, um der für Adam missliche Geschichte gut folgen zu können. Wie auch im Schauspiel bildet die Erzählung der Marthe Rull, die ihren (titelgebenden) zerbrochenen Krug beklagt, einen Höhepunkt, das Ende des Stückes sieht bei Ullmann dann etwas anders aus, als bei Kleist: die Mitwirkenden der kleinen Oper ziehen zum Schluss ein Fazit: „Richter soll keiner sein, ist nicht sein Herze rein“. Der Ruf: „Fiat iustitia“ (das gesamte Zitat lautet: „Fiat iustitia et pereat mundus“ bedeutet in etwa: „Es soll Gerechtigkeit herrschen, auch wenn die Welt dabei zugrunde geht“) beschliesst den Abend.

      Die Regie von Wolfgang Gropper beschränkt sich weitgehend auf eine Bebilderung der zwei Handlungen, stärkere Impulse gehen von seiner routinierten Inszenierung nicht aus. Dass er mit einer guten Personenführung jeden Anflug von Langeweile vermeiden kann, soll nicht unerwähnt bleiben. Dass zu diesen auch Albernheiten mit einem Dorfrichter Adam in langen Unterhosen gehört, ebenfalls nicht.

      Die Grundarchitektur der beiden Stücke ist gleich: ein weisser Raum mit zwei grossen Türen, bei „Erwin und Elmire“ steht erst ein Flügel in der Zimmermitte, dann weitet sich zum Eremiten-Bild der Hintergrund zu einer Wiese voller Gräser und einem Zelt im Vordergrund für Erwin (Ausstattung: Ulrike Schlemm). Im „zerbrochenen Krug“ dann die Gerichtsstube, unordentlich, viele Flaschen stehen herum, Aktenberge türmen sich auf einem Schreibtisch, die Rückwand ist beschädigt, ein riesiges Loch klafft in der Wand. Das ist einer der wenigen Hinweise, auf die Zeit, in der das Stück entstand (die anderen finden sich bei den Kostümen wieder): Europa befand sich 1942 seit drei Jahren in einem Krieg, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hatte. Staunend blicken die vorbeikommenden Beteiligten des anstehenden Prozesses durch die Öffnung in der Wand, Schreiber Licht lässt sich von Frau Brigitte schon mal die Perücke zeigen, die Adam beim nächtlichen Abenteuer verloren hat und so wird klar, dass von Anfang an alle schon wissen, wer der Schuldige ist. Am Ende wird Adam durch eine der Wände springen – raus aus seiner Zeit und aus der Situation, in die er sich selbst gebracht hat. Ganz zum Schluss stiehlt er sich wieder in den Raum und sitzt an seinem Richtertisch, als wäre nichts geschehen. Mit roter Farbe hat ein Bediensteter „Fiat iustitia“ an die Wand gemalt.

      Bei „Erwin und Elmire“ trennt ein Schleiervorhang zu Beginn die Bühne ab: dahinter sieht man Elmire und ihre Freundinnen, davor bewegt sich Edwin – im gelb und blau des Werther (beides, den „Werther“ und „Erwin und Elmire“ schrieb Goethe 1774). Ein Herz, aus Papier ausgeschnitten, wird unter dem Vorhang durchgeschoben und wenig später von Elmire zerknüllt. Konventionell läuft der Rest des ersten Bildes ab. Hübsch anzuschauen das zweite Bild mit Wiese und Bergpanorama, wenig glaubwürdig dann die Umsetzung der „Eremiten“-Szene. Eine Sonnenbrille, ein langer, schwarzer Umhang nebst Mütze und ein barfüssiger Erwin hätten wohl jede Elmire „ihren“ Lover erkennen lassen.

      Problematisch bei „Erwin und Elmire“ die Dialoge. Sämtliche Sänger und Sängerinnen sprechen phonetisch gut, aber in diesem aufgesetzten Duktus, der auf jeder Sprechbühne zu Lachern führen würde – das geht auch um Klassen zeitgemässer und organischer.

      Gesungen wird insgesamt auf gutem Niveau. Das gilt besonders für die Mezzosopranistin Dorothee Schlemm (Olympia, Mutter der Elmire/Marthe Rull), die ihre lyrische, nur ganz leicht flackernde Stimme überzeugend zu präsentieren versteht, aber auch für den sich im Laufe des Abends steigernden Bass Uwe-Tobias Hieronimi als Dorfrichter Adam.

      Ebenfalls hörenswert der Charaktertenor Jan Kristof Schleip als Licht mit klarer Diktion und scheidendem Tenorglanz. Sopranistin Antonia Radneva (Elmire) bringt einen dunkeltimbrierten, in der Höhe nicht immer sicheren Sopran zu Gehör. Tenor Daniel Jenz (Erwin) stellt sich seiner Aufgabe mit vehementem Stimmeinsatz. Seine Stimme wirkt allerdings nicht immer frei und in der Höhe gelingt nicht alles wirklich souverän.

      Ein dickes Lob gebührt dem musikalischen Leiter des Abends, Werner Seitzer. Völlig unaufgeregt leitet er sein kleines Orchester durch die für ein Haus dieser Grösse ungewohnten Aufgaben und die Musikerinnen und Musiker schaffen eine musikalisch dichte, spannende Wiedergabe der Musik von Schoeck und Ullmann. Der grosse Vorteil der kleinen Besetzung liegt in der Transparenz des Klangkörpers, hier ist jede (Neben)Stimme klar zu hören und egal ob beim Streicherapparat, der Trompete, Klarinette oder bei den Hörnern, das Zuhören macht einfach Spass. Kein Platz war im Orchestergraben für das bei Viktor Ullmann geforderte Cembalo – hier musste der Synthesizer aushelfen, eine der Not geschuldete Lösung, die klanglich problematisch bleibt.

      Der Besuch war für eine solche Stückkombination zufriedenstellend, aber natürlich blieben Plätze frei – die, die gekommen waren, erlebten eine interessante Begegnung mit unbekannten Werken und dankten dem Ensemble und besonders Werner Seitzer mit langanhaltendem Apllaus für diesen Abend.
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