SONDHEIM: A Little Night Music - Wenn die Mitternachtssonne dreimal lächelt. Ein Werkführer

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    • SONDHEIM: A Little Night Music - Wenn die Mitternachtssonne dreimal lächelt. Ein Werkführer

      Dieser Text ist eine aufpolierte Übernahme einer früheren Darstellung in einem Ort, wo sie vielleicht nicht dauerhaft sichtbar bleibt. Aber warum etwas neu schreiben, wenn man es ohnehin nicht besser kann?

      Trotz seines etwas irreführenden Titels hat A LITTLE NIGHT MUSIC erst in zweiter oder dritter Linie etwas mit Mozart und dem apokryphen Titel seiner "Kleinen Nachtmusik" zu tun. Die unmittelbare Vorlage, der Hugh Wheelers Libretto erstaunlich getreu folgt, obwohl er ein paar Nebenhandlungen und Schauplatzwechsel kürzte und, wohl auf Sondheims Wunsch, einen fünfköpfigen Chor einführte, über dessen Funktion noch zu reden sein wird, ist der Film SOMMARNATTENS LEENDE von Ingmar Bergman, auf den hier zunächst einzugehen ist.

      Das Lächeln einer Sommernacht - Der Film von Ingmar Bergman



      Diese wunderbar konstruierte und mit einem sehr fein ziselierten, dennoch höchst wirkungsvollen Humor inszenierte Komödie brachte ihrem Autor und Regisseur bei ihrem Debüt bei den Filmfestspielen in Cannes 1955 erstmals große internationale Aufmerksamkeit sowie eine Ehrenpalme für "den besten poetischen Humor" eines Films ein.

      Für diesen Film engagierte Bergman fast sein gesamtes reguläres Ensemble, darunter Harriet Andersson, Ulla Jacobsson, Gunnar Björnstrand, Jarl Kulle und in einer kleinen Rolle als Schauspielerin auch Bibi Andersson sowie, in ihrer besten Rolle überhaupt, Eva Dahlbeck. Hätte diese nur diese eine Rolle der Désirée Armfeldt gespielt, ein Ehrenplatz unter den bezauberndsten Frauen der Filmgeschichte wäre ihr schon deswegen sicher. Ich kenne wenige Ensemblefilme, die bis ins letzte Detail so hinreißend einfühlsam und zugleich wirkungssicher gespielt wurden.

      Das Erstaunlichste aber bleibt das Drehbuch, das so wirkungssicher gebaut und getimet ist, dass es überrascht zu erfahren, dass es wirklich nicht auf einem bewährten Klassiker beruht. Übrigens findet sich darin eine überraschende Parallele zu Hofmannsthals Libretto zu DER ROSENKAVALIER, die noch öfter auffallen wird, ohne dass man daraus einen Einfluss auf Sondheim konstruieren sollte. Bergman selbst hat Pierre de Marivaux (1688-1763) als eine seiner Quellen genannt, und tatsächlich erinnern die Konstellationen der Handlung sehr stark an Stücke dieses heute viel zu unbekannten, großen französischen Komödienautors zwischen Molière und Beaumarchais. Da die Theaterstücke von Marivaux außerhalb großer Bibliotheken, die ich nach Möglichkeit meide, gar nicht so leicht aufzutreiben sind, konnte ich bis heute keine konkrete Vorlage ausmachen, und das gilt auch für andere, die, Bergman ungeprüft nachplappernd, diesem sogar die Verfilmung einer Vorlage von Marivaux unterstellen.

      Wie auch immer, diese drei Größen des französischen Komödie kann man - neben Shakespeares SOMMERNACHTSTRAUM, mit dem Woody Allens A MIDSUMMER NIGHT'S COMEDY dessen Bergman-Hommage verknüpfte - als Inspirationen, im weiteren Sinne sogar als Paten dieses meisterhaften Films benennen. Von Shakespeare stammt eindeutig die traumhafte Stimmung, Molière beeinflusste die ironisch präsentierte Menschenkenntnis, die aus dem Buch spricht, während Marivaux und Beaumarchais, dieser vor allem durch das Vergrößerungsglas des Librettisten Da Ponte gesehen, für die wirkungssichere Konstellation der neun (!) Hauptpersonen stehen, deren amouröse Wechselspiele das Geschehen ausmachen.

      Natürlich hat Bergman auch schon damals seinen Mozart gekannt. Dafür steht nicht nur seine weit spätere, kongeniale Verfilmung der ZAUBERFLÖTE. Aber in diesem Film scheint mir der Bezug etwas weit hergeholt, zumal Erik Nordgrens Filmmusik zwar alte Kompositionen zu zitieren scheint, die ich allerdings bislang noch nicht identifizieren konnte. Meines Wissens ist aber nichts von Mozart dabei. Diesen Bezug, der eher einer zu Da Ponte ist, hat wohl erst Sondheim erkannt und verstärkt.

      Das Wunder dieses Films ist es, dass Bergman all diesen Vorbildern gerecht wird und ein Werk auf der gleichen Höhe der Inspiration schuf. Da ist es schon eine außerordentliche Leistung, dass Sondheims Musical-Operette ihm keineswegs nachsteht und in dem außerordentlichen Witz seiner Texte sogar noch mehrere Nasenlängen voraus ist, wobei er natürlich auf Bergmans Vorleistung aufbauen konnte. So ist allein die Lektüre des Textbuches schon ein reines Vergnügen, selbst wenn man die Musik nicht kennt. Deswegen sei ausnahmsweise mal der englischsprachige Druck eines Librettos hier angepriesen:


      Die Entstehung des Musicals

      Sie lässt sich in aller Kürze schildern. Als Sondheim und sein Produzent Harold Prince nach den Revue-Musicals COMPANY und FOLLIES Sondheims altes Projekt eines Walzermusicals (s.a. Kunst ist nicht einfach - Der Komponist Stephen Sondheim) aufgreifen und dafür ein richtiges Buchmusical mit durchgehender Handlung kreieren wollten, schwebte ihnen zunächst eine Bearbeitung von Jean Anouilhs Stück "L'invitation au chateau" vor, dessen Rechte sie aber nicht bekommen konnten. Daraufhin fiel Sondheim Bergmans Film ein, der sich in seinem zweiten Teil ebenfalls um eine Einladung auf ein Schloss dreht. Sondheim, Prince und Wheeler sahen sich den Film an und wussten sofort, dass sie den richtigen Stoff gefunden hatten. Zum Glück war Bergman mit der Adaption einverstanden, und keine zwei Jahre später konnte das Musical uraufgeführt werden.

      Wann und warum es den überraschenden und seither oft verwirrenden Titel "Eine kleine Nachtmusik" erhielt, und ob der Vorschlag wirklich auf Sondheim zurück geht, konnte ich noch nicht eruieren. Wie noch zu sehen sein wird, hat Sondheim, ähnlich wie seinerzeit Strauss und Hofmannsthal, die Verbindung ihres DER ROSENKAVALIER zur HOCHZEIT DES FIGARO, die Verwandtschaft seines Stoffes mit Beaumarchais' klassischer Komödie sehr wohl gesehen und sich gleich Richard Strauss, wenn auch noch konsequenter, dafür entschieden, diese überwiegend in Walzerfolgen auszudrücken. Aber was für ein Unterschied besteht doch zwischen den Ergebnissen dieser Inspiration. In mehr als einem Sinne unterscheiden sich diese beiden in ihrem Geist so verwandten Werke voneinander wie Tag und Nacht, nur nicht in ihrer Qualität. Aber es gibt noch eine weitere Parallele: Sondheim fand nämlich in einer nach den herben Charakterstudien von COMPANY und FOLLIES ebenso überraschenden Wendung wie seinerzeit Strauss nach SALOME und ELEKTRA, zu einem nostalgischen, aber keineswegs unkritischen und durchaus zeitgemäßen Ton, den er allerdings, ander als Strauss, danach wieder verlassen wird.

      Fortsetzung folgt.

      :wink: Rideamus
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    • Die Geschichte

      Hier die ausführliche Inhaltsangabe des Musicals. Wer den Film von Ingmar Bergman gut kennt, kann sich die Lektüre fast sparen:

      VORSPIEL

      Die teilweise gesungene Ouvertüre (REMEMBER / Erinnert euch) wird von einem Quintett ergänzt, das die Funktion des antiken Chors übernimmt. Wenn der Vorhang sich hebt, tanzen etliche elegante Paare im Take eines elegischen Walzers (NIGHT WALTZ / Nachtwalzer). Damit ist die Grundstimmung dieses „Walzermusicals“ angeschlagen, das eher eine Operette als ein Musical ist und oft auch als solche bei uns gegeben wird.

      1. AKT
      Wir sind in einer schwedischen Stadt der letzten Jahrhundertwende. Die alte Madame Armfeldt, eine ehemalige Kurtisane des Hochadels, erzählt ihrer Enkelin Frederika, dass die Mittsommernacht dreimal lächelt: zuerst den Jungen und Naiven, die noch von gar nichts wissen, dann den Narren, die zu wenig wissen, und schließlich den Alten, die schon zuviel erfahren haben. Indessen überlegt der Rechtsanwalt Fredrik Egermann in seinen reifen Jahren, wie er seine zweite und mit 18 Jahren noch extrem junge Ehefrau Anne nach elf Monaten Ehe endlich entjungfern kann (NOW / Jetzt). Währenddessen plappert diese von den hübschen Dingen, die sie sich von ihrem vermögenden Mann noch wünscht, in denen das Bett aber keine Rolle spielt. In einem anderen Zimmer beklagt sich Henrik, der Sohn Fredriks aus erster Ehe, während er wieder einmal sein Cello traktiert, dass ihm seine pietistische Erziehung alle Freuden des Lebens verwehrt und beständig für später verspricht: Das tut auch die lebenslustige Magd Petra, als er unbeholfen versucht, ihre Bluse aufzuknöpfen (LATER / Später).

      Als Überraschung präsentiert Fredrik Anne zwei Theaterkarten für ein Stück mit der berühmten Schauspielerin Desiree Armfeldt, welche diese ihm aus einer Laune heraus geschickt hat. Sie war nämlich einst die Liebhaberin Fredriks, der damals, ohne eine Ahnung davon zu haben, der Vater ihrer Tochter Frederika wurde. Die Überlegungen der drei münden in ein Terzett (SOON / Bald), während dem Fredrik über Annes Versprechungen, bald ganz seine Frau sein zu wollen, einschläft und im Traum zu Annes Verwunderung den Namen Desiree murmelt.
      Desiree geht es indessen auch nicht sehr gut. Immer wieder unterbrochen von den missbilligenden Kommentaren ihrer Mutter und des Quintetts beklagt sie sich sarkastisch über den nur oberflächlich glamourösen Tourneealltag einer Schauspielerin (THE GLAMOROUS LIFE), der von ihr immer wieder verlangt, ihre Tochter bei ihrer Mutter zu parken. Als Anne während der Vorstellung mitbekommt, wie unverhohlen und offenbar erfolgreich Desiree mit ihrem Ehemann flirtet, was der Chor ironisch kommentiert (REMEMBER), wird sie eifersüchtig, schützt Kopfschmerzen vor und verlangt von Fredrik, umgehend nach Hause gebracht zu werden. Dort überraschen sie Petra bei einem nicht sehr schwierigen Versuch, Henrik zu verführen.

      Später übermannen Fredrik die Erinnerungen an Desiree. Er schützt einen Spaziergang an der frischen Luft vor um sie zu besuchen. Beider ziemlich zwanghafte Wiedersehensfreude wird beinahe ruiniert, weil Fredrik es nicht unterlassen kann, von seiner bezaubernden jungen Frau zu schwärmen, was bei Desiree nur sarkastische Reaktionen hervorruft. (YOU MUST MEET MY WIFE / Du musst meine Frau kennen lernen). Als bei Fredrik die alte Begierde durchbricht, ist Desiree einverstanden. Wozu sind alte Freunde schließlich da? Während sie im Schlafzimmer verschwinden, wendet sich die Aufmerksamkeit des Publikums der alten Madame Armfeldt zu, die sich ihrerseits der zahlreichen Amouren (LIAISONS) erinnert, die ihr immerhin ein komfortables Leben in dem großen Anwesen ermöglicht haben, das sie sich erschlafen hat.

      Die nostalgische Liebesnacht Desirees und Fredriks wird rüde unterbrochen durch die Ankunft von Desirees aktuellem Liebhaber, Graf Carl-Magnus Malcolm, einem arroganten Offizier, dessen Intelligenz sich überwiegend in dem hochnäsigen Umgang mit seinen beiden Stoßwaffen erschöpft. Vergeblich versuchen Desiree und Fredrik dem Grafen vorzumachen, er habe sie in einer Vertragsangelegenheit aufgesucht und sei dabei in die Badewanne gefallen, weshalb er das lächerliche Nachthemd trüge, das er kurz zuvor hastig übergeworfen hat. Diese faule Ausrede durchschaut sogar Carl-Magnus, und er jagt den Anwalt im Nachthemd in die kalte Nacht hinaus.

      Wieder bei seiner Frau Charlotte, die von der Untreue ihres Mannes weiß, ihn aber zu sehr liebt um ihn zu verlassen, schlägt Carl-Magnus ihr vor, ihrer Schulfreundin Anne bei Gelegenheit von den nächtlichen Ausflügen ihres Mannes zu erzählen und meditiert dann über die Reize der Frauen, ohne die die Welt eine ärmere, wenn auch reinere wäre (IN PRAISE OF WOMEN / Zum Lobe der Frauen). Anderntags besucht Charlotte Anne, und beide tauschen sich über die Untreue und sonstigen Schwächen ihrer Männer aus. Charlotte vertraut ihr an, dass das Eheleben jeden Tag einen kleinen Tod mit sich bringt (EVERY DAY A LITTLE DEATH). Derweilen bittet Desiree, die das Potenzial der aktuellen Konstellation um Fredrik durchschaut hat und nunmehr plant, ihn für sich zurück zu gewinnen, ihre Mutter darum, Fredrik und seine Familie für das bevorstehende Wochenende über die Mittsommernacht auf ihr Landgut einzuladen. Widerwillig, aber darauf hoffend, dass Frederika vielleicht doch ihren Vater bekommen könnte, stimmt Madame Armfeldt zu. Als die Einladungen eintreffen, ist Fredrik aus naheliegenden Gründen begeistert. Anne dagegen will ablehnen, aber Charlotte überzeugt sie davon, dass dies ihre Chance sei, ihren Ehemann wieder an sich zu binden, könne doch jeder sehen, dass die Reize der alternden Schauspielerin neben ihrer Jugend verblassen würden. Als Charlotte auch ihrem Mann von der Einladung erzählt, beschließt dieser, mit seiner Frau ebenfalls zu dem Wochenende zu fahren, obwohl sie gar nicht eingeladen sein. Genau das wollte Charlotte natürlich erreichen, denn sie plant eine Affäre mit dem Anwalt um ihren Mann eifersüchtig zu machen, während dieser Fredrik in einem Duell zu töten gedenkt. So haben alle ihre sehr verschiedenen Visionen, wie das Wochenende auf dem Lande verlaufen könnte (Ensemble: A WEEKEND IN THE COUNTRY).

      2. AKT
      Als die Gäste eintreffen, erstrahlt Madame Armfeldts Landhaus bereits im goldenen Licht der Mitternachtssonne. Während der Chor den Nachtwalzer wieder aufgreift (THE SUN WON’T SET), überlegen Fredrik und Carl-Magnus, wie schön das Wochenende mit Desiree sein könnte, wären nur die anderen nicht da (IT WOULD HAVE BEEN WONDERFUL).Da ist das Leben für die Dienerin Petra erheblich einfacher, denn die schnappt sich sofort Madame Armfeldts strammen Butler Frid, mit dem sie umgehend im Heu verschwindet. Henrik begegnet seiner, ihm bislang unbekannten, Halbschwester Frederika und bekennt ihr seine Verzweiflung darüber, dass er sich ausgerechnet in seine Schwiegermutter Anne verliebt habe. Damit sind die Voraussetzungen für das Intrigenspiel der Frauen geschaffen, das, immer wieder kommentiert von dem Quintett, beim Diner in spitzen Wortgefechten seinen Höhepunkt findet, denn alle hoffen darauf, dass sich die Dinge nun in ihrem Sinne klären werden (Ensemble: PERPETUAL ANTICIPATION). Charlotte flirtet mit Fredrik, während Desiree und Anne einander vergiftete Sottisen an den Kopf werfen.

      Schließlich hat Henrik von diesem seelenlosen und selbstverliebten Geplänkel der Erwachsenen genug. Nach einer flammenden Anklage gegen die Amoralität der angeblich so Erwachsenen schleudert er seinen Trinkbecher gegen die Wand und stürmt aus dem Raum. Frederika enthüllt Anne Henriks Liebe zu ihr, und beide machen sich auf die Suche nach ihm. Nach diesem frühzeitig unterbrochenen Diner sucht Fredrik Desiree in ihrem Schlafzimmer auf, und sie bekennt, dass sie ihn in der Hoffnung eingeladen habe, ihre alte Beziehung wieder aufleben lassen zu können. Als sie ihn fragt, ob er noch immer von ihr gerettet werden wolle, bekennt Fredrik, dass er sie immer noch liebe, aber nur als einen unerfüllbaren Traum. Allein gelassen und resigniert reflektiert Desiree über die Ungerechtigkeit der Liebe (SEND IN THE CLOWNS / Schickt nur die Clowns).

      An dem See des Grundstücks will Henrik sich aufhängen, aber Anne kann ihn gerade noch daran hindern. Sie gesteht ihm, dass auch sie ihn liebt, und nachdem sie ihm ihre Jungfräulichkeit geschenkt hat, beschließen beide, gemeinsam zu fliehen. Petra, die diese Flucht beobachtet, während der erschöpfte Frid auf ihrem Schoß eingeschlafen ist, sieht sich ihrerseits dazu veranlasst, über die eher praktischen Seiten von Liebe und Sexualität nachzudenken (THE MILLER’S SON). Indessen tröstet Charlotte Fredrik über den Verlust seiner Frau und seines Sohnes hinweg. Während sie sich umarmen, kommt, wie von ihr gehofft, Carl-Magnus hinzu und fordert Fredrik in rasender Eifersucht zum Duell, und zwar in der Form eines russischen Roulettes, da Fredrik keine Waffe beherrscht. Sie gehen in einen nahen Pavillon. Ein Schuss ertönt, und Carl-Magnus kehrt mit einem reglosen Fredrik über der Schulter zurück. In seiner Verachtung für den Anwalt hat Carl-Magnus die Pistolen nur mit Platzpatronen geladen, so dass dieser sich aber nur leicht am Ohr verletzt hat.

      Nun hat Desiree ihre große Chance, Fredrik zu trösten. Carl-Magnus, der einsieht, dass er bei ihr verspielt hat, fordert Charlotte auf ihre Sachen zu packen und reist mit ihr ab. Desiree eröffnet Fredrik, dass er Frederikas Vater sei, und beide erkennen, dass sie für einander ebenso geschaffen sind wie für diese pathetische Farce (Reprise als Duett: SEND IN THE CLOWNS). Madame Armfeldt lässt sich von Frederika die Ereignisse der Nacht erzählen und gibt ihr zu erkennen, dass die Mittsommernacht schon zweimal gelächelt habe. Das Lächeln für die Narren sei diesmal sogar besonders intensiv ausgefallen. Frederika erkennt, dass die Liebe etwas besonders Schwieriges sei und deshalb besondere Dinge geschehen müssen, damit man sie bewältigen kann. Da lächelt die Nacht ein drittes Mal. Sie schenkt der alten Madame Armfeldt den friedlichen Schlaf des Todes und erlöst sie in einem sanft melancholischen FINALE davon, in ihrem Leben noch mehr erfahren zu müssen.

      :wink: Rideamus
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    • Da die Mitternachtssonne heute nacht wieder dreimal gelächelt hat, wird es höchste Zeit für eine redigierte Übernahme der Werkanalyse:



      Wie bereits gesagt, planten Sondheim und sein Regisseur Harold Prince ein "Walzermusical", und tatsächlich gibt es in diesem Musical nur wenige Nummern, die nicht auf einem Dreivierteltakt basieren, der allerdings zum Glück nicht immer wieder in Walzer mündet, vielmehr einen unauffällig überzeugenden Eindruck von den vielfältigen Möglichkeiten dieses Tanzrhythmus vermittelt.

      Overture and Night Waltz

      Schon die "Ouvertüre" ist ein erlesener Einfall, wird sie doch nicht allein durch das Orchester bestritten, sondern geht von einem sich einsingenden Quintett aus, das in der Partitur zwar Namen trägt, aber keinen direkten Einfluss auf die Handlung hat. Vielmehr fungiert es ähnlich wie der Chor des antiken griechischen Theaters, indem es die Gedankenwelt der Handelnden repräsentiert und kommentiert - und nebenbei ganz praktisch notwendige Stimmungs- und Gedankensprünge überbrückt. Das oft wiederholte Schlüsselwort ihrer Funktion, das unseren Abstand zur Handlungszeit betont, ist "Remember", das im Orchesterpart bereits kurz anklingt, von dem wir aber erst später viel mehr hören werden. Zunächst erklingt nämlich der "Night Waltz" in Moll, der den nostalgischen Ton des Nachfolgenden grundiert, in seinem milde dissonanten Ausklang aber auch die Brüche der verklärenden Nostalgie charakterisiert. Harold Prince ließ diesen Walzer sowohl in der Broadway-Aufführung als auch in der missglückten Filmversion von den Protagonisten des Stückes tanzen und betonte so ein wesentliches Element der Handlung, in der sich alle Beteiligten beständig um sich selbst drehen, jedoch nie wirklich sich selbst sehen und allenfalls im Spiegel der Reaktionen ihrer jeweiligen Partner erkennen.

      Couplets und Terzett: Now - Later - Soon

      Die vielleicht größte und schwerste Kunst des Musiktheaters ist die Konzentration, d. h. die unauffällige Bündelung möglichst vieler Informationen auf einem möglichst geringen Raum. Mit diesem Eröffnungsterzett erweist sich Sondheim sofort als ein Meister dieser Kunst. Er setzt ein mit einem gesungenen Monolog seines Helden, des Rechtsanwalts Frederick Egermann, während seine jugendliche Ehefrau Anne unbeachtete Überlegungen vor sich hin plappert, was sie zu dem bevorstehenden Theaterbesuch anziehen könne, welcher Schmuck dazu passt, etc. Das greift Frederick mit dem ersten Stichwort Now/Jetzt auf und entwickelt es zu einem typischen Anwaltsplädoyer weiter:

      Now, as the sweet imbecilities
      Tumble so lavishly
      Onto her lap
      (Nun, da das dumme Geschwätz
      Sinnlos aus ihrem Mund blökt, als
      Wär' sie ein Schaf) *

      * Alle Übersetzungen sind von mir. Sie versuchen nicht, sangbar zu sein, sondern, notfalls auf Kosten der identischen Wortbedeutung, den Sinn und Rhythmus des Originals einzufangen

      Now, there are two possibilities:
      A: I could ravish her,
      B: I could nap
      (Nun gibt's die Möglichkeit
      A: ich nehm sie mit Gewalt oder
      B: Mittagsschlaf)

      Dem folgt, aus Copyrightgründen leider hier nicht so umfangreich wie wünschenswert zitierbar, eine lange Reihe von Argumenten für und gegen eine Entjungferung seiner jungen Ehefrau, die es seit elf Monaten geschafft hat, eine richtige Hochzeitsnacht hinaus zu zögern. Sie alle sind von betörender Logik, aber in ihrer zunehmenden Absurdität, die nicht einmal die Möglichkeit ausspart, dass er in seinem Alter lächerlich wirken könnte, wenn er sich nackt vor ihr aufstellt, von hinreißendem Witz und gipfeln in bester Amtssprache, wenn er bekennt, dass er sie gerne wirklich "begehren und/oder lieben" möchte. Wie offenbar immer, entschließt er sich zu einem Nickerchen.

      Dieses verteufelt schwer zu meisternde Stück Sprechgesang, das von seinem Darsteller kaum nennenswerten Stimmumfang, aber, wie übrigens das ganze Musical, einen sehr sattelfesten Sinn für Rhythmus und pointierte Diktion erfordert, ist ein Glanzstück sowohl musikalischer als auch sprachlicher Charakterisierung seines eher langweiligen Helden und dessen albern unrealistischen Sehnsucht nach einer zweiten Jugend. Dennoch denunziert Sondheim ihn nicht, sondern lässt ihm Intelligenz und Witz und daher alle Chancen, nicht einfach als ein Trottel nach dem Vorbild molièrescher Komödien da zu stehen. Damit ist schon in dieser Eröffnung der Tenor des ganzen Werkes angeschlagen: selbst wenn sie den größten Unsinn machen, verlieren seine Protagonisten nie ganz ihre Würde, auch wenn ihr Beharren darauf zuweilen sehr lachhaft wirkt.

      Gleich darauf droht das aggressive Cellospiel von Fredricks Sohn Henrik, Fredricks Schlaf zu stören. Anne bittet ihn, etwas weniger Deprimierendes zu spielen, und das später und woanders. Der arme Henrik, der im Priesterseminar auf Keuschheit getrimmt wurde, wird wie ein kleiner, dummer Junge behandelt und von aller Welt weitgehend ignoriert. Zunächst wird er sogar von dem Hausmädchen Petra, von dem er sich gerne entjungfern ließe, während er sich eigentlich nach seiner gleichaltrigen Stiefmutter verzehrt, auf "Later / Später" vertröstet. Seine Frustration bringt er in einem kurzen Solo zum Ausdruck. Danach erhält auch die junge Ehefrau Anne in einem dritten Solo Gelegenheit, sich als mitfühlende, aber reichlich überforderte, all zu junge Frau darzustellen, die Fredrick aus Mitleid geheiratet hatte, weil er so unglücklich wirkte. "Soon / Bald", verspricht sie, wird sie ihre Angst ablegen und ihrem Mann eine wirkliche Ehefrau sein können. Auch diese beiden Charakterisierungen erfolgen in denkbar konzentrierter, aber restlos überzeugender Form, die keine Fragen offen lässt. Innerhalb einer einzigen Nummer von wenigen Minuten haben wir so drei sehr verschiedene Menschen und die Art ihrer Schwierigkeiten mit dem Leben kennen gelernt.

      Der musikalische Höhepunkt des Stückes kommt, wenn diese drei rhythmisch und stimmungsmäßig stark divergierenden Charakterisierungen zu einem kontrapunktischen Terzett zusammen gefügt werden, das erneut an die rhythmische Disziplin der Darsteller - und des Dirigenten - höchste Ansprüche stellt. Dass dennoch - bei einer guten Aufführung - alles selbstverständlich und leicht zusammen klingt, ist ein Markenzeichen des Komponisten und Texters Sondheim, der sich - leider nur in diesem Stück - in einem Ausmaß an Ensembles gewagt und diese auch gemeistert hat, wie wir es aus kaum einem anderen Musical, eigentlich sogar aus irgendeinem Werk des 20. Jahrhunderts für die Musikbühne kennen.

      Genau da haben übrigens Übersetzungen, denen Sondheim verständlicherweise nicht viel abgewinnen kann, erhebliche Probleme. Bei Sondheim, der nach eigenem Bekunden stets Text und Musik gleichzeitig schreibt, damit er mit dem einen Element nicht das andere in eine Ecke treibt, aus dem er es nicht mehr herausführen kann, sind Musik und Text immer aus einem untrennbaren Guss, dessen Legierung allein wegen der Unterschiedlichkeit des jeweiligen Sprachduktus selbst in der genialsten Übersetzung zwangsläufig mindestens leichte Haarrisse aufweisen muss, meist aber nicht annähernd an die Kombination aus Eleganz und phänomenaler Charakterisierung seiner sprachlichen Lösungen heran reicht. Dass wir Opern selbst in den entlegensten Originalsprachen geben, während das Musical, das in der Regel nur das gängige Englisch verlangt, eingedeutscht werden muss, zeugt fuer eine gründliche Missachtung von deren muskalischem Eigenwert, die wenigstens Sondheim nicht verdient.

      Am Ende dieses Terzetts, das von einem geplanten Theaterbesuch angeregt wurde, bei dem die bekannte Schauspielerin Désirée Armfeldt die Hauptrolle spielt, mit der Fredrick vor mehr als einem Jahrzehnt ein stürmisches Verhältnis hatte, folgt ein unerwarteter und deshalb stets besonders wirkungsvoller Topper (d.h. ein Gag, der alles Vorangegangene überbieten soll): nach dem ausklingenden letzten Ton des Terzetts, waehrend dem Fredrick einschlaeft, entweicht ihm im Schlaf der sehnsuchtsvolle Seufzer "Désirée". Allein mit diesem Wort können wir uns seinen lustvollen Traum vorstellen - und die Irritation Annes nachvollziehen, die keine Ahnung von der Beziehung ihres Mannes zu der berühmten Schauspielerin hat, aber instinktiv erfasst, das da mehr im Spiel sein muss als die Vorfreude auf einen harmlosen Theaterabend.

      Terzett: The Glamorous Life

      Im nächsten Bild und Sondheims nächster Ensemblenummer lernen wir die zweite wichtige Familie des Stückes kennen. Sie besteht aus der - wegen beständiger Tourneen stets abwesenden - Schauspielerin Désirée Armfeldt, deren Mutter, Madame Armfeldt, einer ehemaligen Kurtisane, und Désirées unehelicher Tochter (von Frederick, wie wir später erfahren werden) Frederica. Diese lebt bei ihrer Großmutter, welche sie dem unsteten Leben ihrer Mutter entzogen hat und ihr die Manieren einer jungen Dame beibringt. Wer sich durch die Ähnlichkeit mit dem gleichen Motiv in Lerner/Loewes Musical GIGI erinnert fühlt, hat ein wesentliches Element dieser "Erziehung" erkannt, wobei allerdings die Verwandtschaft mit deren Vorlage, der rund zehn Jahre früher entstandenen Novelle von Colette, eher auf den Zeitgeist zurück gehen als eine Übernahme dieses Motivs durch Ingmar Bergman darstellen dürfte.

      Die Nummer entsteht wie selbstverständlich aus einer Skalenübung der Tochter am Klavier. Dabei beklagt sie sich in einem Sprechgesang darüber, dass normale Mütter ein normales Leben führen, während ihre Mutter Theater spielt. Das "Mine... acts" (Meine Mutter... spielt Theater) gibt den Auftakt zu einem Intermezzo des Gesangsquintetts, das sich ironisch und in der Manier eines strophischen Kinderliedes über die nervtötend monotonen Routinen des vermeintlich glamourösen Lebens am Theater auslässt:

      "Unpack your luggage, la la la,
      Pack up your luggage, la, la la"
      (Koffer auspacken, la la la
      Koffer einpacken, la la la)

      Nach einem Blick auf die Briefe schreibende Désirée, die sich wieder einmal bei ihrer Tochter (nach dem zweiten Vers bei ihrer Mutter) für ihre Abwesenheit entschuldigt, hat Madame Armfeldt das Wort zur gleichen Klage: Normale Töchter respektierten und hofierten ihre Mutter, aber ihre tourt. Danach greift Désirée das ironische Motiv des Quintetts auf, vergisst dabei aber nicht zu erwähnen, dass die vielen jugendlichen Verehrer durchaus auch ihre Vorzüge haben, was ihrer Familie sicher auch bewusst ist, aber von dieser diskret verschwiegen wird. Im Sinne einer optimalen Erzählökonomie bewährt sich hier die Einführung des Quintetts, die den Regisseur Harold Prince ursprünglich stark irritierte (in "seinem" Film hat er es prompt gestrichen), auf das beste, und dieses muntere Stück aus nur fünf Tönen und einem im Wortsinn monotonen Ostinato (la la la) gehört zu den eingängisten des ganzen Werks.

      Remember

      Die folgende Sequenz von dem Besuch im Theater, der ersten Wiederbegegnung Fredericks mit Désirée per Blickkontakt im Theater und dem Dämmern der Wahrnehmung und entsprechender Eifersucht bei Anne nimmt in Ingamer Bergmans Film einen relativ großen Raum ein, in dem er virtuos mit den Möglichkeiten von Schuss/Gegenschuss und Nahaufnahmen spielt, während Désiree und die übrigen Schauspielerinnen das frivole französische Stück geben, das auf dem Spielplan steht. Dies ist begreiflicherweise auf der Bühne schwer nachzuspielen, ohne dass das Momentum komplett verloren geht. Die Lösung Sondheims und seines Buchautors Hugh Wheeler ist genial: Während Frederick und seine Frau die Aufführung betrachten, zitiert das Quintett zu den Klängen eines flirrenden Walzers die Gedanken und Erinnerungen, die dem ehemaligen Liebespaar durch den Kopf gehen:

      "Remember, Darling
      ...
      What we did with your perfume,
      Remember, darling,
      The condition of the room
      When we were through.

      Our inventions were unique
      Remember, darling
      I was limping for a week,
      You caught the flu.
      I'm sure it was
      You

      (Denk daran, Liebling
      ...
      Was ich tat mit dem Flakon
      Denk dran, Liebling
      Alles war aus der Facon,
      Zerzaust wie wir.

      Was uns einfiel jeden Gang,
      Denk drank, Liebling,
      Danach hinkt' ich wochenlang
      Dann schnieften wir.
      Bestimmt kam's von
      Dir.)

      Riskanter, nur durch seinen Witz nicht zur Zote verkommender Humor und Nostalgie, Leidenschaft und Poesie werden hier in kurzen Gedankensplittern aufgeworfen und zu einem mitreißenden Ensemble verschmolzen, das auch musikalisch keineswegs anspruchslos ist, gibt doch das Quintett die Gelegenheit, professionelle Stimmen vorzuführen. Diese Nummer ist nicht nur eine dramaturgisch, sondern auch musikalisch meisterhaft schillernde Vignette.

      You Must Meet My Wife

      Anne, die sich nicht ganz im Klaren ist, was zwischen den beiden lief, aber zurecht vermutet, dass sie allen Grund zur Eifersucht hat, fordert ihren Mann zum frühzeitigen Aufbruch auf. Zu Hause erwischen sie Henrik, der gerade mit Petra gesündigt hat, was beider erotische Fantasien anregt, aber Anne ist nach wie vor nicht imstande, sich ihrem Mann hinzugeben und ihn auch sexuell an sich zu binden. Deshalb schützt Fredrick einen Spaziergang an der frischen Luft vor um Désirée zu besuchen. Dabei kommt es zu einem herrlich komischen Duett, denn in seiner Verlegenheit fällt Fredrick nichts Besseres ein, als seiner alten und prospektiv erneuten Geliebten ausgerechnet von seiner jungen Frau vorzuschwärmen. Daraus entwickelt sich ein reizvoller musikalischer Dialog von erlesenem Wortwitz. Natürlich ist auch ein Sondheim nicht darüber erhaben, auch einmal einen billigen Gag einzuflechten, etwa wenn er Fredrick schwärmen und Désirée sarkastisch kommentieren lässt:

      Fredrick: She flutters
      Désirée: How charming
      F: She twitters
      D: My word
      F: She floats
      D: Isn't that alarming
      What is she? A bird?

      Fredrick: Sie flattert
      Désirée: Wie niedlich
      F: Sie zwitschert
      D: (komisch resigniert) Besiegt
      F: Sie schwebt
      D: Das klingt doch vorzüglich.
      Sag bloß noch, sie fliegt.

      Dennoch: der Gag zündet unweigerlich. Sondheims guter Theaterinstinkt bewährt sich auch im weiteren Verlauf, wenn sich Désirée über das junge Monster aufregt, das Fredrick schon fast ein Jahr auf Sexualentzug hält und eher ein Messer als angemessenen Respekt verdient. Dabei verliert das Ganze nie seine dominierende Komik, die daraus erwächst, dass ein ehemaliger Schwerenöter seiner wahrlich nicht tugendhaften Geliebten von den Vorzügen einer ungepflückten Blume vorschwärmt. Natürlich ist sie trotzdem nur zu bereit, Fredricks Nachholbedarf zu stillen. Wozu sind alte Freunde schließlich da?

      Liaisons

      Beider Rückzug ins Bett ist das ideale Stichwort für die alte Madame Armfeldt, sich in einem Solo ihrer eigenen Jugend als Kurtisane von Herzögen und Königen zu erinnern, die ihr ein luxuriöses Alter ermöglichten. In dem Wissen, dass diese Rolle, wie ursprünglich von Hermione Gingold, in der Regel von alten Diseusen von begrenztem Stimmumfang verkörpert werden würde, ist dieses Couplet von den muskalischen Ansprüchen her sehr einfach gehalten, bleibt aber ganz im melancholischen Umfeld, das einen idealen Nährboden für die Charakterisierung der Figur abgibt, die ebenfalls von Sondheims ungewöhnlich pointensicherem Witz profitiert und natürlich einer erfahrenen Darstellerin bedarf, die diese Pointen zu setzen weiß:

      At the palace of the Duke of Ferrara
      Who was prematurely deaf but a dear
      At the palace of the Duke of Ferrara
      I acquired some position
      Plus a tiny Titian

      (Im Palast des alten Duca Ferrara,
      Er war ziemlich dumm und taub, aber lieb,
      Im Palast des alten Duca Ferrara
      Kriegt ich einmal, mit nur Witz an,
      Einen kleinen Tizian)

      Bemerkenswert ist der etwas steife, eher künstlich als gekonnt vornehme Sprachduktus der alten Kurtisane, während sie betrauert, dass heutige Liaisons kaum noch das wert sind, was sie einbringen. Er stammt, wie sie, aus einer anderen Welt, nämlich der Welt derer, die schon zuviel mitgemacht und sich so das finale Lächeln der Mittsommernacht verdient haben.

      Zurück bei Désirée Armfeldt, werden die beiden von Désirées aktuellem Liebhaber, einem lediglich köperlich stattlichen Offizier überrascht, dem Grafen Carl-Magnus, dessen hohlköpfige Blasiertheit verstehen lässt, was Désirée an Fredrick findet, und warum sie fortan planen wird, ihn wieder für sich einzufangen.


      In Praise of Women

      Mit dem Auftritt des Grafen ist die vorletzte der neun Hauptfiguren des Stückes eingeführt und wird es höchste Zeit, auch die letzte kennen zu lernen, nämlich dessen Ehefrau Charlotte, die ihren Mann vollauf durchschaut, ihm aber dennoch hörig ist. So sind die beiden Solos, in denen sie sich vorstellen, trotz der verschiedenen Schauplätze ähnlich kontrapunktisch miteinander verbunden wie die Vorstellung der drei ersten Hauptpersonen zu Beginn.

      Nachdem Carl-Magnus seinen Rivalen Fredrick aus seinem Morgenmantel und im Nachthemd aus dem Haus seiner Geliebten gejagt hat, überlegt er ernsthaft, ob ihn Désirée wirklich betrogen haben könnte. Trotz allem äußerlichen Anschein lässt sein eitler Stolz die Möglichkeit nicht zu. Sondheim fasst das in einen herrlich stammelnden Monolog, der die ausführlicheren Abwägungen Fredricks zum Auftakt in köstlicher Weise sowohl karikiert, und damit die begrenzte Intelligenz des Grafen unterstreicht, als ihnen auch entspricht und damit eine sehr männliche Gemeinsamkeit belegt:

      She wouldn't...
      Therefore they didn't...
      So then it wasn't...
      Not unless it...
      Would she?...
      She doesn't...
      God knows she needn't...
      Therefore it's not.

      (Sie wird nicht...
      Drum haben sie nicht...
      Und deshalb war nichts...
      Es sei denn, dass...
      Will sie?...
      Sie will nicht. ...
      Bei Gott, sie braucht's nicht...
      Drum kann's nicht sein.)

      Every Day a Little Death

      Dennoch nagt die Eifersucht weiter an Carl-Magnus, und er stachelt seine ebenfalls noch sehr junge Frau Charlotte auf, ihrer Studienfreundin Anne von den nächtlichen Abenteuern ihres Ehemannes zu berichten. Mit höchst weiblicher Tücke sucht sie also Anne auf und ventiliert ihr eigenes Leiden in das geheuchelte Mitleid mit einer Leidensgenossin. Beide beklagen schließlich gemeinsam, dass das Eheleben jeden Tag einen kleinen Tod bedeute:

      Every day a little death
      In the parlor, in the bed,
      In the curtains, in the silver,
      In the buttons. in the bread.

      (Jeden Tag ein kleiner Tod
      Im Geschäft, am Bügelbrett,
      Es beginnt beim Aufgebot,
      Setzt sich fort in Bad und Bett)

      Das kann auch die noch unerfahrene Ehefrau Anne nachvollziehen, und so erweitert sie, wie schon zu Beginn, einen Monolog zum Duett, das wiederum Teil eines heimlichen Eifersuchtsterzetts ist, und wird damit erneut zum dritten Rad am Wagen zweier eigentlich perfekt zusammenpassender Paare. Ihr Text allerdings könnte ohne jede Veränderung schon in Sondheims sehr ernster Beziehungsstudie COMPANY vorkommen, denn der ironische Unterton der übrigen Lyrics fehlt auf einmal völlig. Anne entpuppt sich so unversehens als eine wahrhaft leidende Frau, was sich zum Ende ihres Beitrag auch in einer auffälligen Rhythmusverzögerung ausdrückt:

      Every day a little death
      In the lips and in the eyes
      In the murmurs, in the pauses
      In the gestures, in the sighs

      Every day a little dies,
      In the looks and in
      The lies.

      (Jeden Tag ein kleiner Tod
      Aus dem Mund, der Art des Blicks,
      Seinem Brummen, seinen Pausen,
      Und der Sturheit des Genicks.

      Täglich stirbt man Zug um Zug
      An der Worte Lug
      Und Trug.)

      Sondheim, ein Fan (und sogar Autor) von komplex entworfenen Kriminalstücken, liebt Puzzles und Strategiespiele, und in keinem seiner Werke wird dies deutlicher als zum Schluss des ersten Aktes von A LITTLE NIGHT MUSIC, der auf den ersten Blick wie die Lösung eines Puzzles von immensem Ausmaß erscheint, das für Normalmenschen nicht mehr zu bewältigen ist.

      A Weekend in the Country

      Mit diesem Ensemble hat Sondheim sein großes Vorbild, das Quintett TONIGHT aus WEST SIDE STORY, mindestens erreicht und in der Anzahl der beteiligten Stimmen sogar noch übertroffen. Es ist nicht weiter verwunderlich, dass der Tüftler Sondheim dabei auf die anspruchs- und höchst kunftvollen Formenstudien Bachs zurückgreift. Zwar vermeidet er die Durchführung einer neunfachen Fuge, diese aber ist immer wieder in Ansätzen heraus zu hören, und das noch am wenigsten in den überraschend eingeflochtenen Anklängen des Kirchenchorals, wenn Henrik einsteigt, was der brilliante Orchestrator Jonathan Tunick mit den passenden Glockentönen unterstreicht. Das Erstaunliche ist, dass dieses Ensemble dabei auch noch die Aufgabe erfüllt, die Spannungen der bisherigen Personenkonstellation auf den Höhepunkt zu bringen und die Handlung des zweiten Aktes rasch und in vollkommener Logik vorzubereiten.

      Zuächst übergibt das abenteuerlustige Dienstmädchen Petra Anne die Einladung der alten Madame Armfeldt zu einem Wochenende auf ihrem Landgut, zu dem Désirée ihre Mutter überredet hatte, und das zufällig auf die Nacht der Sommersonnenwende fällt. Petra ist begeistert, und zunächst ist es auch Anne:

      "Your presence",
      Just think of it, Petra,
      "Is kindly..."
      - It's a chateau ! -
      "Requested..."
      Et cetra, et cetra,
      "...Madame Leonora Armf-"
      OH NO!

      A Weekend in the country...

      ("Über Ihr Kommen..."
      Ach denk doch nur, Petra
      "Würde sich freuen..."
      - Auf ein Schloss! -
      Et cetra, et cetra,
      "...Madame Leonora Armf-"
      OH NEIN!

      Ein Weekend auf dem Lande...)

      Natürlich will Anne jetzt ablehnen, fürchtet sie doch die Intrigen ihrer Rivalin, und auch Fredrick, der natürlich hinfahren will und deshalb Geschäfte mt Désirées Mutter vorschützt, kann sie nicht überreden. Damit setzt ein kontinuierlicher, mehrstimmiger Wechselgesang ein, in dessen Verlauf es Charlotte, die ihrem Mann die Information steckt, gelingt, alle Beteiligten, also auch die Nichtgeladenen, an diesem Wochenende zu versammeln. Graf Carl-Magnus will die Gelegenheit nutzen, seinen Rivalen zu einem Duell zu provozieren, und so schenkt er seiner Frau dieses Wochenende zum Geburtstag. Charlotte überredet daraufhin Anne, die Chance nicht zu verpassen, als junge Schönheit neben der verwelkenden Désirée zu glänzen, und alle machen sich ans Packen.

      All das wird in kurzen Sätzen zu einer funkelnden Melodie in einem mitreißenden Rhythmus vorgetragen und mit Kontrapunkt, kurz eingestreuten Dialogsätzen und sogar fugierten Teilen zu einem herrlichen Nonett entwickelt, zu dem sich am Schluss auch noch das bekannte Quintett hinzu gesellt. Vor allem aber begeistert, dass das Ganze, das in sich schon eine Mini-Oper darstellt, deren musikalischer Duktus nicht von ungefähr mit Liszts "Mephisto-Walzer" verglichen wurde, sich auch noch völlig natürlich anhört. Für mich ist dieses Ensemble eine der ganz großen Leistungen des Musiktheaters überhaupt und in seiner geschickten Verknüpfung von Text und Musik durchaus mit dem ersten Finale von Mozarts NOZZE DI FIGARO zu vergleichen. Mir ist bewusst, wie hoch dieser Anspruch greift, aber genau an diesem Punkt treffen sich die Komponisten der beiden "kleinen Nachtmusiken", die sonst kaum etwas miteinander gemeinsam haben, als dass sie zu den größten Komponisten ihrer Zeit gehören.

      Wer dieses Enemble in der vorzüglichen Aufführung der New York City Opera ansehen und -hören möchte, kann das in diesem Ausschnitt auf Youtube tun, der leider eine sehr schwache Bildqualitaet aufweist: de.youtube.com/watch?v=bZutBlUXUDI&feature=related

      Dort gibt es übrigens aus diesem Musical noch zahlreiche weitere Beispiele, die man notfalls als Bild- und Tonträger zu diesem virtuellen Beiheft nutzen kann.

      Dieses war der erste Akt. Der zweite spielt zur Mittsommernacht, wie die Rätselfreunde inzwischen wissen, und was da geschieht, wird im nächsten Abschnitt erläutert werden, wenn die Mittsommernacht dieses Jahres Geschichte ist.

      :wink: Rideamus
      Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung
    • Für dieses Jahr ist die Mitternachtssonne wieder weiter gezogen, deshalb folgt jetzt, wie versprochen, der Rest meiner Werksvorstellung:

      Eine auffällige Konstante (vor allem) des zweiaktigen Musiktheaters, egal welcher Gattung, ist das Phänomen, dass die letzten Akte musikalisch fast immer weniger zu bieten haben als der erste. Das muss nicht unbedingt daran liegen, dass der Komponist sein Pulver schon zu Beginn verschossen hat und ihm nichts Neues mehr einfiel. Oft hat es damit zu tun, dass die meisten Personen bereits ihre eigenen Vorstellungscouplets oder -arien hatten, dass man sich auf das zeitraubende Vorantreiben und Auflösen der Handlung konzentrieren muss oder, ganz banal, dass man Erfolgsnummern des ersten Teils wieder aufgreifen und im Gedächtnis des Zuschauers verankern möchte.

      A LITTLE NIGHT MUSIC macht da keine Ausnahme, aber gerade was das Aufgreifen einer Erfolgsnummer betrifft, leistet sich Sondheim auch hier eine seltene Eigenheit, wie wir noch sehen werden. Außerdem fehlt noch eine wichtige Person, deren Bedeutung wir bislang unterschätzt haben. Zunächst aber beginnt

      Der zweite Akt

      wieder mit einer Einstimmung durch das Quintett, das diesmal zu der bereits bekannten Melodie des "Night Waltz" die irritierend irisierenden Risiken und Nebenwirkungen der Mittsommernacht kommentiert, während die Gäste eintreffen und jeder, immer wieder unterbrochen durch Kommentare des Quintetts, die dem Wort Verfremdungseffekt eine völlig neue und höchst musikalische Bedeutung geben, auf seine Weise das überraschende Auftauchen von Carl-Magnus und Charlotte zu verarbeiten sucht. Die Ökonomie dieser Sequenz ist hinreißend.

      The Sun Won't Set / Die Sonne bleibt

      Es beginnt mit einem herrlichen Binnenreim, den ich beim besten Willen nicht ohne Krampf auf deutsch nachvollziehen kann:

      Perpetual sunset is
      Rather an unsettling thing"

      (Das Licht geht nicht schlafen,
      Da schwindet selbst Braven der Sinn)

      Nachdem Désirée Anne kennen gelernt hat und sie Fredrik daraufhin süffisant ihr Kind (und diesem damit erstmals und noch ohne dessen Wissen seine Tochter) vorgestellt hat und weitere spitze Bemerkungen ausgetauscht wurden, ist der Ablauf des allgemeinen Diners vorbestimmt. Henrik gesteht Frederica seine Liebe zu seiner Stiefmutter Anne, Charlotte macht sich an Fredrik heran, Carl-Magnus wird eifersüchtig. Beide Männer wissen nicht mehr, wo ihnen der Kopf steht oder stehen sollte. Das Resultat ist ein ergötzlich-besinnliches Duett:

      It Would Have Been Wonderful

      Jeder für sich, überlegen beide Männer, wie schön das Wochenende und überhaupt das Leben sein könnte, wenn Désirée nur weniger perfekt wäre. Das Resultat ist eines der schrägsten Liebeslieder, das ich kenne, und bestimmt das einzige dieser Art, das je für zwei Männer geschrieben wurde. Sie beginnen mit je zwei Strophen, die sich dann ineinander flechten, so dass die Männer in voller Übereinstimmung ihre jeweiligen Sätze ergänzen.

      If she'd only been faded,
      If she'd only been fat
      If she'd only been jaded
      And bursting with chat.
      If she'd only been perfectly awful
      It would have been wonderful.
      If... If...
      ...
      But the woman was perfection
      To my deepest dismay
      Well, not quite perfection
      I'm sorry to say.
      If the woman were perfection
      She would go away!
      And that would be wonderful.

      (Wär' sie bloß nur zu mager,
      Wär' sie wenigstens fett,
      Wär' sie hochnäsig, eitel
      Und schwätzte im Bett
      Wär' sie absolut schrecklich und dumm nur,
      Wie wäre das wundervoll.
      Wär... Wär...

      Doch die Frau war ganz vollkommen,
      So leid es mir tat.
      Nun, nicht ganz vollkommen,
      Nur in ihrer Art.
      Wär' sie wirklich vollkommen,
      Hätt' sie sich mir erspart!
      Und das wäre wundervoll.)

      Der anschließende Versuch beider Männer, Désirée dazu zu bewegen, sie später in ihr Schlafzimmer zu lassen, wird durch die Ankündigung des Abendessens unterbrochen. Dem folgt eine außergewöhnliche und ungewöhnlich kurze Nummer von fast höfischem Charakter, in dem das Quintett in einer Fuge die beständige Erwartung aller Anwesenden besingt:

      Perpetual Anticipation.

      Während des anschließenden Essens entwickelt sich, teilweise begleitet von Sondheims vergifteten Walzerklängen, eine Diskussion mit bissigen Wortgefechten auf höchstem Marivauxschem Niveau (man sollte den Buchautor eines Musicals, hier Hugh Wheeler, nie gering schätzen), bis schließlich Henrik der Kragen platzt und er nach einer Schimpftirade auf die verrotteten Erwachsenen aus dem Raum stürmt. Betroffen will Anne ihm hinterher laufen, aber zum letzten Mal gehorcht sie ihrem Mann und lässt es. Sie ist aber wahrscheinlich die Einzige, die die Bedeutung ihrer Spontanreaktion nicht erkennt. Selbst Frederica ist da verständnisvoller und tut später das ihre um die beiden jungen Liebenden zusammen zu bringen.

      Damit ist die Szene für eine Variante über die konstanten Missverständnisse gegeben, wie wir sie schon aus Shakespeares Sommernachtstraum kennen. Ebenso, wie dort die verschiedenen Stände verwirrt werden, widerfährt das hier den verschiedenen Generationen - weshalb es auch keinen Puck braucht, nur den besonderen Wein, den Madame Armfeldt aus den Beständen ihrer früheren Liebhaber kredenzt hat.

      Zunächst gibt das Fleisch dort nach, wo es den geringsten geistigen Widerstand zu überwinden hat, bei dem Butler Madame Armfeldts und dem Dienstmädchen Petra. Es folgen Fredrik und Désirée, die sich so ausgelassen ihrer früheren Abenteuer erinnern, dass Désirée es wagt, ihr eigentliches Anliegen vorzubringen, nämlich Fredrik zu fragen, ob er sich nach all dem, was sie schon zusammen mitgemacht haben, nicht doch ein gemeinsames Leben vorstellen kann. Damit ist der Moment erreicht, an dem das Musical - eher zufällig - seinen größten Erfolg hervor brachte.

      Send in the Clowns
      Es ist aber auch der Moment, an dem Désirée, wie zuvor schon die übrigen (ausgenommen Frederica und Madame Armfeld), ihre Position verkennt. Sie versucht Frederick davon zu überzeugen, sich von seiner viel zu jungen Frau zu trennen und mit ihr zusammen zu leben, aber dieser weist sie zurück. Er ist entgegen aller Vernunft noch immer von seiner jungen Frau bezaubert. Désirées intensiv kultiviertes Selbstbild einer unwiderstehlichen Frau von Welt bricht zusammen, und sie kann sich nur noch in die Theater- und Zirkuskonvention flüchten: "wenn es eine Panne gibt, schickt die Clowns auf die Bühne".

      Isn't it rich?
      Are we a pair?
      Me here at last on the ground
      You in mid-air.
      Send in the clowns
      Send in the clowns.
      ...

      Was sind wir doch
      Nur für ein Paar?
      Ich bin im heute, und du
      Siehst nicht mal klar.
      Her mit den Clowns,
      Her mit den Clowns.

      Nur mühsam behält sie die Fassung und bricht dennoch mitten im Lied aus dem Rhythmus aus, weil das, was aus ihr herausdrängt, sich einfach nicht in das starre Korsett eines schlichten Liedes pressen lässt

      Just when I stopped
      Opening doors
      Finally knowing the one that I wanted was yours
      Making my entrance again
      With my usual flair
      Sure of my lines...
      No one was there

      Kaum weiß ich selbst:
      Nur eine Tür
      Will ich noch öffnen, denn ich weiß, sie führt mich zu dir.
      Ich trete auf wie gewohnt
      Mit viel Pomp und Trara,
      Sicher im Text...
      Niemand ist da.
      ...

      Hilflos entschuldigt sich Frederick und geht ab. Erst da verliert Désirée endgültig die Fassung und fängt sich nur mühsam wieder ein.

      Isn't it rich?
      Isn't it queer?
      Losing my timing this late
      In my career!
      And where are the clowns?
      There ought to be clowns!
      Well, may be next year.

      Was bin ich denn?
      Sicher kein Star?
      Ist nicht mein Timing so schlecht
      Wie es so niemals war.
      Wo sind denn die Clowns?
      Wann kommen die Clowns!
      Vielleicht... nächstes Jahr.

      Dieses populärste Lied Sondheims, zugleich eines der langsamsten, das er jemals schrieb, wird wegen seiner Melancholie und seiner schlichten Melodie gerne auf bloße Klangschönheit hin gesungen, auch von der sonst durchaus überzeugenden Sally Ann Howes in der Aufführung der New Yorker Oper. Wenn man aber einmal dieses Lied in einer der Situation angemessenen Interpretation hört (etwa von Judi Dench oder Patricia Petibon, deren Interpretation man beide auf YouTube finden kann), spürt man unversehens, dass hier ganz plötzlich - wie zuvor schon bei Ingmar Bergman - die persönliche Tragödie in die Salonfarce eingebrochen ist, nach der nichts mehr so sein kann, wie es zuvor war. Auch Désirée ist entzaubert und fürchtet ein ähnliches Schicksal wie ihre alte Mutter.

      Zunächst scheint der Stimmungsumschlag direkt auf eine tödliche Tragödie hinaus zu laufen, denn Henrik versucht sich allen Ernstes aufzuhängen. Wie einst Papagena zu Papageno (Mozart ist hier manchmal doch so nah, wie der Titel des Werkes vermuten lässt), kommt aber Anne noch rechtzeitig hinzu. Zunächst verspottet sie ihn ob seines lächerlichen Tuns, dann aber realisiert sie die Ernsthaftigkeit seiner Liebe - und endlich auch, wem ihre eigene in Wahrheit gilt. Beide verlassen Frederick und die Gesellschaft, die für ihren Erkenntnisstand schon viel zu zynisch geworden ist. Die Mitternachtssonne hat zum ersten Mal für die Jungen und Unerfahrenen gelächelt.

      Fortsetzung folgt

      :wink: Rideamus
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    • Und nun zum letzten Teil und Schluss:

      The Miller's Son

      Spätestens seit Molière und Shakespeare ist es am Theater üblich, dass die egozentrischen Spiele der großen Welt auch einmal aus der Perspektive eines Mitglieds der niederen Stände kommentiert werden. Bei Sondheim werden diese von der Magd Petra vertreten, die gerade mit Madame Armfelds Butler geschlafen hat - bzw. eben nicht, denn nur er ist gerade erst erschöpft auf ihrem Schoß eingeschlafen. Ganz im schlichten Ton eines Shakespearschen Liedes, malt sie sich ihre eigene Zukunft aus und stellt sich vor, den Sohn eines reichen Müllers zu heiraten:

      I shall marry the miller's son,
      Pin my hat on a nice piece of property.
      Friday nights, for a bit of fun,
      We'll go dancing.
      Meanwhile...

      Ich heirate des Müllers Sohn
      Häng' meinen Hut an ein reichliches Gut
      Freitag nachts kriege ich meinen Lohn
      Wir geh'n tanzen.
      Doch bis dahin...

      Nun folgt ein für Sondheim typisches, virtuoses Textfeuerwerk, das einem die Sprache verschlägt und der ansonsten eher unterforderten Darstellerin der Petra alles an Zungenfertigkeit abverlangt, was ihr Können und Training irgend hergeben. Eigentlich ist das Stück mit seinem hochmodernen, eher an Sondheims COMPANY als an eine Kostümkomödie erinnernden Tonfall ein kompletter Stilbruch, der zudem einen weiteren in sich selbst enthält, wenn er ohne jede Brücke von der Einleitung im Renaissance-Stil zu Kurt Weill und dem hektischen Parlando der New Yorker Welt von COMPANY umsteigt, und das gleich dreimal. Leider kann ich aus Copyrightgründen hier nur die erste Variation zitieren, die danach immer neu - und immer virtuoser - variiert wird:
      ...
      In the meanwhile
      It's a wink and a wiggle and a giggle in the grass
      And I'll trip the light fandango,
      A pinch and a diddle in the middle of what passes by.
      It's a very short road
      From the pinch and the punch
      To the paunch and the pouch
      And the pension.
      It's a very short road
      To the ten thousandth lunch
      And the belch and the grouch
      And the sigh.
      In the meanwhile,
      There are mouths to be kissed
      Before mouths to be fed,
      And a lot in between
      In the meanwhile.
      And a girl ought to celebrate what passes by.

      Or I shall marry the Prince of Wales...

      Doch bis dahin
      Gibt's ein Lüften meiner Hüften und ein Kichern tief im Heu
      Und ich stolpere im Fandango
      Und ein Kuss und was muss bei der Lust, die da geschieht
      S'ist ein winziger Schritt
      Von dem Zwick zu 'nem Fick,
      Von dem Brauch zu 'nem Bauch
      Und den Gören.
      S'ist ein ganz kurzer Weg
      Zu dem tausendsten Mahl
      Und dem Rülps und dem Raunz
      Und dem Stören.
      Und bis dahin
      Gibt es Mäuler zum Küssen
      Bevor man sie stopft
      Und dazwischen noch viel.
      Doch bis dahin
      Muss ein Mädchen sich freuen an dem was da kommt

      Oder ich heirat' den Prince of Wales...

      Wer sich für den vollständigen Text interessert, findet ihn hier: allmusicals.com/lyrics/littlenightmusic/themillersson.htm

      In der deutschsprachigen Aufführung am Münchener Gärtnerplatztheater, die mich ansonsten wenig begeistert hat, war dieses Lied in der Darbietung durch Salome Kammer neben der wunderbar textverständlichen Lola Müthel als die alte Madame Armfeldt einer der wenigen Höhepunkte. Schade eigentlich, denn wenn man von der Schwierigkeit der Übersewtzung absieht, wäre dieses Stück eigentlich am ehesten für unsere Bühnen geeignet.

      Nun wird es an der Zeit, das Stück zum Höhepunkt und Ende zu führen. Immer wieder kommentiert von dem Quintett, das kurze Zitate früherer Nummern ansingt, gelingt es Charlotte, Frederick in ein Gespräch zu verwickeln und ihren Ehemann Carl-Magnus eifersüchtig zu machen, während dieser sich, Désirées Proteste nicht achtend, in ihrem Schlafzimmer entkleidet und dabei seine Frau mit seinem Rivalen beobachtet. Er fordert Frederick zum Duell in Form eines russischen Roulettes heraus, bei dem dieser verliert, allerdings mit der Pistole dermaßen zittert, dass er sich nur am Ohr verletzt.

      Nachdem Frederick so seine Frau und seine Selbstachtung verloren hat, ist er endlich in der Lage einzusehen, dass Désirées Angebot doch das beste ist, was ihm noch passieren kann. Beide nehmen also das Lied von den Clowns auf, nunmehr im perfekten Duett:

      Désirée: Was that a farce?
      Frederick: My fault, I fear
      D: Me on a merry-go-round
      F: Me as King Lear
      ...
      F: Make way for the clowns
      D: Applause for the clowns
      Beide: They're finally here

      D: Welch eine Farce.
      F: Die kam von mir.
      D: Ich spielte nur Blinde Kuh
      F: Ich König Lear
      ...
      F: Macht Platz für die Clowns!
      D: Applaus für die Clowns!
      Beide: Sie sind endlich hier.

      Nun hat die Mitternachtssonne ein zweites Mal gelächelt, und diesmal besonders breit für die Narren, erläutert Madame Armfeld ihrer Enkelin Frederica. Danach möchte sie abwarten, wie die Sonne ein drittes Mal für die Alten und Erfahrenen lächelt, und tatsächlich tut sie das. Unter den Klängen des Sommernachtswalzers wird Madame Armfeld von einem für sie selbst schon zu langen Leben erlöst.

      ENDE
      Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung
    • Wie ich leider erst jetzt entdeckt habe, gibt es inzwischen die wunderbare Aufführung dieses Musicals durch die New York City Opera mit (u. a.)Sally Ann Howes, Regina Resnik, George Andrews und Kevin Anderson auf der Tube zu sehen, und zwar hier: "http://www.youtube.com/watch?v=xQFQ2hxucD4" und hier: "http://www.youtube.com/watch?v=9CY_DGPvWLk".

      Wer jetzt noch zögert, dieses herrliche Musical kennen zu lernern, ist wirklich selbst schuld, denn mit Hilfe meiner vorangehenden Analyse sollten sich selbst bessere Englischkenntnisse erübrigen, obwohl die natürlich für das Verständnis des Witzes des Buches höchst hilfreich sind.

      Vielleicht lässt sich auf dieser Basis ja sogar noch eine Diskussion des Stückes in Gang bringen., hofft wider bessere Befürchtungen

      :wink: Rideamus
      Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung
    • Beim Blättern fand ich diesen Thread. Freue mich über die große, tief ausgearbeitete Begeisterung für dieses Stück, das auch eins meiner Favoriten ist – leider musste ich beim Nachblättern auch sehen, dass der Autor Rideamus offensichtlich bereits verstorben ist. So kann ich mich nur postum für die viele Mühe bedanken, und die freudige Inspiration, die mir der Thread gibt.

      Wir hatten die Gelegenheit und das große Vergnügen, »A Little Night Music« 2010 in New York City mit Angela Lansbury und Catherine Zeta-Jones als Stars, aber auch einer hervorragenden weiteren Besetzung und Inszenierung erleben zu dürfen. Wir fanden es hinreißend, spritzig; alle Bewegungen, Tänze, Übergänge traumgleich perfekt realisiert; geistreich und musikalisch erfüllend; dabei gleichzeitig aber auch erfrischend geerdet und von oft trockenem Witz.

      Entgegen meiner Gewohnheit war ich – Musik oder auch nur Handlung – diesmal überhaupt nicht »vorbereitet« gewesen (von »A Weekend in the Country« und »Send In The Clowns« einmal abgesehen). In diesem Fall erwies sich das in einem Punkt als glücklicher Vorteil: Als sich eine der vorgestellten anscheinend un/doppelmoralisch bis besonders sarkastischen Charaktere sich dann als so unerwartet verletzt und zutiefst unglücklich über die Beziehungsverhältnisse zeigte, ging mir ihre entsprechende musikalische Klage wirklich außerordentlich unter die Haut (und tut dies bis heute).

      Wieder zu Hause habe ich dann allerdings das Original Cast Recording mit Texten immer wieder bis ins Detail verschlungen, und wirklich: kreativer, sinnreicher und sinnlicher wird es kaum gehen, dabei mit einer oft geradezu schlafwandlerischen Nonchalance, wie es einem »Mittsommernachts«-Stück zur Ehre gereicht.
    • A Litte Night Music

      Wunderbarer Aufsatz!!! Ja, wer war nun Namensgeber der Show? Es war - wie sie schon vermuten - Sondheim selbst. Ursprünglich war der Titel für die Fernsehshow EVENING PRIMROSE gedacht. Aber die Produzenten waren dagegen. Vielfach nachzulesen. Unter anderem auch bei Sondheim selbst: "Finishing The Hat", Seite 252.
    • Ein Sondheim-Interessierter? Sind wir schon zu zweit (zumindest derzeit)! :thumbup:

      Hast Du Erfahrungen mit Sondheim-Aufführungen oder den verschiedenen verfügbaren Audio/Video-Aufnahmen? Wenn Du Lust hast, böte der Vorstellungs-Thread eine gute Gelegenheit!

      Zufällig habe ich mir vor wenigen Tagen übrigens das (lange nur zu Mondpreisen erreichbare) Cast-Album vom Londoner Revival 1995 mit Judi Dench (hinreißend!) und Siân Phillips zugelegt:

      [IMG:http://ecx.images-amazon.com/images/I/51UsOK9evfL.jpg]

      Hier in München wird das Ensemble des Gärtnerplatztheaters (welches immer noch in der Sanierung, daher Aufführungsort Cuvilliés-Theater) im Februar 2016 ihre zweite Inszenierung des Stücks vorstellen. Allerdings auch diesmal auf deutsch :thumbdown:. Na schaunmer mal.

      Dort wird auch wieder der ursprüngliche Bergman-Titel »Das Lächeln einer Sommernacht« verwendet werden. Wie u.a. in der von Dir schon erwähnten Quelle (geniales Buch, wie auch der zweite Band!) beschrieben, hatte Ingmar Bergman den Titel (obwohl er der Adaption gegenüber durchaus aufgeschlossen, und von einem späteren Besuch der Aufführung sehr angetan war) zurückbehalten, für den deutschsprachigen Raum aber doch freigegeben; »Eine kleine Nachtmusik« hätte hier unüberwindbar falsche Erwartungen geweckt.