Die Deutsche Oper am Rhein droht auseinanderzubrechen

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    • Die Deutsche Oper am Rhein droht auseinanderzubrechen

      Die größte Theatergemeinschaft Deutschlands, der Zusammenschluss des Düsseldorfer und des Duisburger Musiktheaters zur "Deutschen Oper am Rhein", droht nach 58jährigem Bestehen im Jahr 2014 zu Ende zu gehen. Das kündigt jedenfalls der Duisburger Kulturdezernent Karl Jannsen an. Ob Jannsen diesen Plan ernsthaft erwägt oder im Gegenteil damit die letzten Reserven zur Erhaltung der Opernehe mobilisieren will, ist umstritten.

      Der Hintergrund: Die Stadt Duisburg gehört zu den am höchsten verschuldeten Kommunen Deutschlands, steht unter der Finanzaufsicht des Landes und kann deshalb nicht mehr frei über ihren Haushalt verfügen. Jährlich steuert man 11 Millionen Euro zum Etat der Oper bei. Spätestens nach 2014, wenn der Vertrag über die Theatergemeinschaft verlängert werden muss, kann Duisburg diese durch Tariferhöhungen etc. immer weiter steigende Last nicht mehr schultern - jedenfalls nicht, ohne an anderer Stelle extrem zu kürzen.

      Falls es wirklich soweit kommen sollte, kann sich Duisburg - wo seit 1887 Oper gespielt wird - keinen eigenen Opernbetrieb mehr leisten. Allenfalls ein Gastspielbetrieb wäre möglich. Die Duisburger Philharmoniker, derzeit noch ein A-Orchester, würden ausschließlich auf Konzerte reduziert und könnten mittelfristig ihren Status nicht mehr halten. Duisburg, immerhin fast eine Halbmillionenstadt, hat schon seit langer Zeit (mit Ausnahme eines kurzfristigen Versuchs) kein eigenes Schauspiel mehr. Jetzt würde es neben der Oper auch das ebenfalls gemeinsam mit Düsseldorf betriebene Ballett verlieren.

      Als die Theatergemeinschaft 1956 anlief, waren Düsseldorf und Duisburg zwei ökonomisch und finanziell gleichstarke Städte. Heute grenzen nirgendwo in Deutschland eine so reiche und eine so arme Stadt aneinander wie hier. Von den 42-43 Mio. Euro des Gesamtetats der Deutschen Oper werden 7 Mio. erwirtschaftet, 11 Mio. trägt die Stadt Duisburg bei, 24 Mio. Düsseldorf. Entsprechend finden in Duisburg monatlich noch höchstens ca. 10-12 Vorstellungen pro Monat statt, in Düsseldorf über 20. Der größte Teil der Premieren wird zuerst in Düsseldorf auf die Bühne gebracht, erst in der Folgesaison (wenn überhaupt) in Duisburg. Ähnliches gilt für das Ballett.

      Die fast schuldenfreie Stadt Düsseldorf hatte bereits die durch die letzte Tarifsteigerung verursachte Erhöhung des Etats allein geschultert. Ein weiteresmal ist man dazu offenbar nicht bereit. Der Düsseldorfer Oberbürgermeister schielt bereits in eine andere Himmelsrichtung: Die Kooperation mit Duisburg war über viele Jahre erfolgreich. Darum bedauere ich die aktuellen Pläne der Duisburger sehr. Wir müssen aber nach vorn schauen und überlegen, wie wir unser Opernhaus für die Zukunft aufstellen. Ich kann mir weiterhin eine Kooperation mit einem Opernhaus vorstellen. Dabei läge Köln natürlich nah. Es hätte Charme und auch eine Chance, ein Opernhaus von Weltformat gemeinsam zu haben. Typisch Düsseldorf: Es geht nie unter "Weltformat", letztlich bleibt es aber doch meist beim Altbier am Tresen...

      Vermutlich unterschätzt der Düsseldorfer OB die Probleme der Auflösung einer alten Theatergemeinschaft und der Schaffung einer neuen massiv. Bei der Deutschen Oper am Rhein läuft das folgendermaßen: Die Institution hat eine gemeinsame Intendanz und Verwaltung, gemeinsame Werkstätten, einen gemeinsamen Chor (es können also nie am gleichen Abend in beiden Städten zwei große Choropern auf die Bühne gebracht werden), ein gemeinsames Sängerensemble (das als das größte Deutschlands gilt) und ein gemeinsames Ballett (z.Zt. unter Martin Schläpfer eine der erfolgreichsten Ballettcompagnien Deutschlands). Es gibt aber zwei Orchester: die Düsseldorfer Symphoniker und die Duisburger Philharmoniker. Beide Orchester haben für ihren Konzertbetrieb einen eigenen GMD (in Duisburg bisher Jonathan Darlington, demnächst Giordano Bellincampi; in Düsseldorf Andrey Boreyko), für den Opernbetrieb aber einen anderen, gemeinsamen GMD (z.Zt. Axel Kober, der vorhergehende GMD John Fiore war gleichzeitig auch GMD des Düsseldorfer Orchesters). Diese Konstruktion war nicht immer von Vorteil, beide Orchester waren früher nicht nur nach meiner Beobachtung in den Konzerten oft wesentlich motivierter als in der Oper.

      In ihrer bis in die 90er Jahre dauernden Glanzzeit war die Deutsche Oper am Rhein unbestritten eines der größten Musiktheater Deutschlands mit zumindest nationaler, teils internationaler Ausstrahlung. Unter Intendant Grischa Barfuss (1964-1986) ging noch in beiden Opernhäusern täglich der Lappen hoch, es gab ein riesiges, teils exzellentes Sängerensemble und man bemühte sich um Erweiterungen des Repertoires, bei einer sehr konservativen Marschrichtung im Regiebereich. Nachfolger Kurt Horres (1986-96) brachte in puncto Repertoire und vor allem Regie vorsichtig Neuerungen ein (was anfangs auf heftige Proteste des traditionell stockkonservativen niederrheinischen Publikums stieß). Ich wohne schon sehr lange nicht mehr in Duisburg, aber nach meinem Eindruck hat Intendant Tobias Richter (Sohn des Bach-Apostels Karl, 1996-2009) nicht sehr glücklich agiert: viel Kompromiss, viel Durchschnitt, immer mehr Provinzialität. Seit 2009 werkelt Christoph Meyer als Intendant und bemüht sich, ein paar Akzente mehr zu setzen. Zu den tonangebenden Musiktheatern Deutschlands zählt die Deutsche Oper am Rhein aber schon lange nicht mehr. Was natürlich auch durch harte Spareinschnitte bedingt ist.

      Ich bin im Duisburger Haus der Deutschen Oper am Rhein mit der Gattung Oper vertraut geworden und kann mir nicht vorstellen, dass im Duisburger Stadttheater demnächst nur noch ein dünner Gastspielbetrieb stattfindet. Auch wenn's allmählich langweilig wird: Es gibt eine Petition, mit der man sich für den Erhalt der Oper in Duisburg aussprechen kann.

      Noch drei Presselinks:

      nachrichten.rp-online.de/kultu…n-ehe-kuendigen-1.2815946

      rp-online.de/region-duesseldor…rnehe-mit-koeln-1.2817566

      xtranews.de/2012/05/04/ein-weg…er-kulturellen-sackgasse/


      Viele Grüße

      Bernd
      .
    • Zwielicht schrieb:

      Auch wenn's allmählich langweilig wird [...]
      ..., habe ich unterschrieben.

      Planen die Düsseldorfer tatsächlich, mit den Kölnern zusammenzugehen? Ich dachte immer, die können sich nicht leiden...? ?(

      Im Ernst: Ich fürchte, derartige Nachrichten wird es zukünftig öfter geben.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Gurnemanz schrieb:

      Planen die Düsseldorfer tatsächlich, mit den Kölnern zusammenzugehen? Ich dachte immer, die können sich nicht leiden...? ?(


      Das ist mit Sicherheit eine Luftnummer. Da ist der OB nur draufgekommen, weil die Kölner Oper z.Zt. auch in gewaltigen Kalamitäten ist. Neulich war ja schon mal eine Fusion Bonn-Köln im Gespräch, weil Bonn massiv gefährdet ist.

      Duisburg finde ich schon einen besonders schlimmen Fall: die Nr. 15 der größten Städte Deutschlands kann sich weder eine Oper noch ein eigenes Schauspiel leisten. Letzteres schafft bisher noch fast jede Mittelstadt von 70.000 Einwohnern. Ok, in Oberhausen gibt's schon lange nichts mehr, aber das ist kleiner und noch tiefer im Dreck.

      Nordrhein-Westfalen ist aber auch, zumindest was den Kulturbereich betrifft, ein Scheißbundesland. Kein Land ist so minimal an der Finanzierung seiner Theater und Opernhäuser beteiligt wie NRW, alles wird den Kommunen aufgebürdet, es gibt kein einziges Staatstheater (die Pläne vor einiger Zeit, Köln und Essen zu Staatstheatern zu machen, hat wohl niemand wirklich ernstgenommen). Man vergleiche das mal nicht nur mit den vergleichsweise luxuriösen Zuständen in Bayern und Baden-Württemberg, sondern auch mit Hessen oder sogar mit dem klammen Saarland, das sich (noch) ein eigenes vom Landesetat finanziertes Staatstheater mit drei Sparten leistet.


      Viele Grüße

      Bernd
      .
    • Soll ich jetzt bösartig formuliert sagen, daß in NRW der Karnickelzüchter-/Brieftaubenverein wichtiger ist als "Hochkultur"? Nee, ich sach's ma net. Dennoch schade, daß im ehemaligen "Arbeiter"-land so wenig für die Kultur übrig bleibt...

      Matthias (der mal wieder freche Thesen und Statements von sich gibt)
      "Bei Bachs Musik ist uns zumute, als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf." (Friedrich Nietzsche)
      "Heutzutage gilt es schon als Musik, wenn jemand über einem Rhythmus hustet." (Wynton Marsalis)
      "Kennen Sie lustige Musik? Ich nicht." (Franz Schubert)
      "Eine Theateraufführung sollte so intensiv und aufregend sein wie ein Stierkampf." (Calixto Bieito)
    • Zwielicht schrieb:

      in Oberhausen gibt's schon lange nichts mehr

      Wat? Das Theater Oberhausen befindet sich, trotz kräftiger Finanzkürzungen in den letzten Jahren, derzeit in einem künstlerischen Höhenflug und wurde im letzten Jahr (mit Herbert Fritschs "Nora"-Inszenierung) sogar zum Theatertreffen eingeladen. Ich kenne einige, die es für die derzeit spannendste Ruhrgebietsbühne halten - obwohl es über erheblich weniger Geld verfügt als etwa das Grillo in Essen oder das Bochumer Schauspielhaus.

      Grüße
      vom Don
    • Stimmt, ich hatte das mit dem Oberhausener Musiktheater durcheinandergeworfen, das es seit Anfang der 90er nicht mehr gibt (und damals durch das zwischenzeitlich auch abgeschaffte Sprechtheater ersetzt wurde).

      Bin seit über 25 Jahren nicht mehr in Oberhausen gewesen...


      Viele Grüße

      Bernd
      .
    • 31.05. - 19.00Uhr!!

      .....zum obigen Termin gibts im Duisburger Theater eine kostenfreie Info-Veranstaltung!!
      - wenn mir nicht ganz bös was zwischenkommt, werde ich dort sein u. (so mich nicht wieder die walldorff`sche Forumträgheit packt :| :| ) darüber berichten...
      PPSS............Falls sonst noch`n Capri-Zist vorrauss. kommen wird, bitte PN an mich!!!!

      n`Morgn ;+)

      --------------------------- nicht nur BTW...
      1) hatte mir neulich (mit ein paar Tagen Verspätung) das TV-Streitgespräch Kraft vs. Röttgen genehmigt - wo das Wörtchen "Hochkultur" (od. was vergleichbares) nicht vorkam...
      2) werde die Tage noch die "Lokalzeit Duisburg" anmailen - sollen mal bittschön gucken, ob sich eine(r) der vier frischgewählten Duisburger MDL.s aus obigem Anlass dort sehen lässt; wär ja mal was...
      Das Schlimmste ist Konsequenz >Bruno Maderna< Fleiß ist gefährlich >Henning Venske ''Inventur''< Majo ist ätzend >Gus Van Sant ''Paranoid Park''<
    • Die Opernehe zwischen Düsseldorf und Duisburg scheint gerettet zu sein:

      "http://www.wz-newsline.de/home/kultur/duisburger-politiker-retten-opern-ehe-1.1015273"

      "http://www.derwesten.de/staedte/duisburg/erleichterung-ueber-das-vorlaeufige-ja-zu-opern-ehe-id6771129.html"


      Es wäre allerdings sehr schade, wenn das nun wirklich überregional bekannte Rheinopern-Ballett nicht mehr in Duisburg auftreten würde. Ich habe selbst zwei großartige Produktionen von Martin Schläpfer in Duisburg erlebt, wobei die Lücken im Zuschauerraum allerdings unübersehbar waren. Eine Auslastung von gut 50 Prozent für das Ballett in Duisburg (wie im Pressebericht genannt) ist wirklich nicht toll, was aber auch für die 59 Prozent in der Oper gilt.


      Viele Grüße

      Bernd
      .