Calixto Bieito und der Skandal in der Oper

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    • Calixto Bieito und der Skandal in der Oper

      Ich bin mir bewusst, dass dieser Beitrag schon am Rande des OT ist, aber bis jemand mal einen Thread zu einem der wichtigsten Opernregisseure der Gegenwart eröffnet, wozu ich leider nicht informiert genug bin, sei schon mal auf diesen Artikel von SPIEGEL ONLINE hingewiesen: spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,630127,00.html

      Vielleicht fühlt sich jemand inspiriert, etwas zu diesem Regisseur und dem, wie immer bei Spiegel Online, oberflächlichen Artikel zu schreiben.

      Dieses Posting wird selbstverständlich gelöscht, sobald der eigentliche Thread in Gang kommt.

      :wink: Rideamus
      Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung
    • Ich denke, es gibt unter uns Capriccioten einen natürlichen Kandidaten, einen solchen Thread aus der Taufe zu heben... Kleiner Tip: Name beginnt mit A :D . Nach 3 Live-Erlebnissen (Holländer, Lulu, Armide) und 1 DVD (Wozzeck) bin ich zwar glühender Bieito-Fan, aber immer noch Novize. Da werden im nächsten Jahr aber sicher ein Paar Premieren hinzukommen. Und falls das Gerücht stimmt, dass Bieito in 2010/2011 in München Fidelio inszeniert, gelobe ich hiermit feierlich, einen mehrseitigen Premierenbericht zu verfassen.

      Michel
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • Le Merle Bleu schrieb:

      Ich denke, es gibt unter uns Capriccioten einen natürlichen Kandidaten, einen solchen Thread aus der Taufe zu heben... Kleiner Tip: Name beginnt mit A :D . Nach 3 Live-Erlebnissen (Holländer, Lulu, Armide) und 1 DVD (Wozzeck) bin ich zwar glühender Bieito-Fan, aber immer noch Novize. Da werden im nächsten Jahr aber sicher ein Paar Premieren hinzukommen. Und falls das Gerücht stimmt, dass Bieito in 2010/2011 in München Fidelio inszeniert, gelobe ich hiermit feierlich, einen mehrseitigen Premierenbericht zu verfassen.

      Michel


      Ich weiß, auf wen Du anspielst, und hebe den Thread mal wieder nach vorne... ;)

      Vorwärts, Herr Schatzmeister... ;)

      Matthias
      "Bei Bachs Musik ist uns zumute, als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf." (Friedrich Nietzsche)
      "Heutzutage gilt es schon als Musik, wenn jemand über einem Rhythmus hustet." (Wynton Marsalis)
      "Kennen Sie lustige Musik? Ich nicht." (Franz Schubert)
      "Eine Theateraufführung sollte so intensiv und aufregend sein wie ein Stierkampf." (Calixto Bieito)
    • Ich stimme mit Michel 100%ig ,was Bieito angeht, überein, obwohl ich nicht weiß, welchen "Kandidaten" ihr meint ?( . Ich habe in Hannnover mir den Don Giovanni reingezogen, mit hervoragender Bieito-Regie und unter einen leider sehr mittelmäßigen Orchester. Zu WM 06 habe ich mir die Wozzeck-Premiere reingezogen und da stimmte fast alles: tolles Orchester unter Lü und die fetzige Bieito-Regie. Die DVD (Barcelona) gibt den Eindruck sehr gut wieder, zumal das Weigle-Dirigat im 1. Akt mir noch eine Spur besser gefällt als in Hannover. In beiden Fällen war es regiemäßig die beste Realisierung beider Opern, die bisher erlebt hatte. Einzige Einwand ist die szenische Realisierung während der Verwandlungsmusik ; also nach dem Tod Wozzecks. Da hätte sich die Bieito-Regie zurücknehmen sollen. Die Menschengruppe war mir überflüssiges Pathos. Da wäre weniger mehr gewesen. Ich hoffe wir erleben noch viele Bieito-Regieleistungen.

      :wink:
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Amfortas09 schrieb:

      Ich stimme mit Michel 100%ig - was Bieito angeht überein, obwohl ich nicht weiß, auf wen angespielt wird. Ich habe in Hannnover den Don Giovannie erlebt, mit einer hervoragenden Bieito-regie und einen leider sehr mittelmäßigen Orchester. Zu WM 06 habe ich mir die Wozzeck-Premiere reingezogen und da stimmte fast alles: Orchester und duie Bieito-Regie. Die DVD gibt den Eindruck sehr gut wieder, zumal das Weigle-Dirigat im 1. akt mir noch besser gefällt als in Hannover.
      Nach dem Don Giovanni haben ja angeblich in Hannover 3500 Abonnenten ihr Abo gekündigt. :stern: Weiss jemand ob die DVD aus Barcelona



      identisch mit der Hannoveraner Inszenierung ist? Mit Bertrand de Billy steht dort auch noch ein interessanter Dirigent am Pult.

      Die DVD steht in meinem Schrank und wartet auf die passende Gelegenheit, mal gesehen zu werden. :schaem:

      Bieito-Inszenierungen zum Vormerken für die nächste Saison:
      - Aus einem Totenhaus in Basel (der Vergleich mit Chéreau wird spannend)
      - Le Grand Macabre in Freiburg (Ligeti meets Goya?)
      - Parsifal in Stuttgart (der traut sich was :thumbup: )

      Man sieht sich ja vielleicht bei der ein oder anderen Gelegenheit...

      Michel
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • Le Merle Bleu schrieb:

      Parsifal in Stuttgart (der traut sich was :thumbup: )
      Ja, das könnte meine erste Bieito-Erfahrung werden, wenn ich denn eine Karte bekomme. Und der eine oder andere Capriccioso könnte dabei sein.
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Entschiedne Abkehr vom Begriffe der »zeitlosen Wahrheit« ist am Platz. Doch Wahrheit ist nicht – wie der Marxismus behauptet – nur eine zeitliche Funktion des Erkennens sondern an einen Zeitkern, welcher im Erkannten und Erkennenden zugleich steckt, gebunden. Das ist so wahr, daß das Ewige jedenfalls eher eine Rüsche am Kleid ist als eine Idee.
      Walter Benjamin
    • Weiss jemand ob die DVD aus Barcelona identisch mit der Hannoveraner Inszenierung ist?

      wenn am Ende der Komtur aus einem Kofferraum eines alten PKWs steigt, denn müsste es etwa die gleiche Regie sein...
      das könnte meine erste Bieito-Erfahrung werden, wenn ich denn eine Karte bekomme.

      dann ist Dir mein Neid gewiss.
      Hoffentlich kommt Bieito wieder mal nach Hannover
      :wink:
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Gurnemanz schrieb:

      Le Merle Bleu schrieb:

      Parsifal in Stuttgart (der traut sich was :thumbup: )
      Ja, das könnte meine erste Bieito-Erfahrung werden, wenn ich denn eine Karte bekomme. Und der eine oder andere Capriccioso könnte dabei sein.


      Bestellt habe ich die Karten... ;) Damit wird es dann mein vierter Bieito... (Stuttgart: Holländer, Freiburg: La Vida Breve, Berlin: Armida)

      Der mit "A" ist derzeit der Schatzmeister unseres Trägervereins und hat von uns hier wohl die meisten Bieito-Inszenierungen gesehen, und wohl auch das beste Gedächtnis, um darüber fundiert berichten zu können...

      Matthias
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    • pfuetz schrieb:



      Bestellt habe ich die Karten... ;) Damit wird es dann mein vierter Bieito... (Stuttgart: Holländer, Freiburg: La Vida Breve, Berlin: Armida)

      Der mit "A" ist derzeit der Schatzmeister unseres Trägervereins und hat von uns hier wohl die meisten Bieito-Inszenierungen gesehen, und wohl auch das beste Gedächtnis, um darüber fundiert berichten zu können...

      Matthias
      Lieber Matthias,

      bestellen kann man doch im Moment nur schriftlich, per Mail oder Online-Formular. Wenn ich die Homepage richtig verstehe, werden die Bestellungen aber erst einen Monat vor der Verabstaltung (also erst ende Februar) bearbeitet. Oder kennst Du einen anderen Weg?

      Nachdem uns jetzt auch Sascha nervös gemacht hat, haben wir jetzt auch per Online-Formular bestellt, aber - wenn ich nichts übersehen habe - muss man sich ja wohl noch ein Weilchen gedulden....

      Viele Grüße,
      Melanie
      With music I know happiness (Kurtág)
    • Ja, alles richtig, aber wie uns Alviano hier irgendwo mitteilte, und eine Nachfrage in Stuttgart bestätigt hat, werden die Karten nach EINGANG der schriftlichen Bestellung vergeben. Und bei der Premiere von Parsifal mit Bieito in Stuttgart gibt es da dann wohl einen großen Andrang. Daher die Sitzplatzwahl groß streuen, und morgen mal in Stuttgart anrufen, und nachfragen, wie die Chancen stehen...

      Matthias
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    • Liber Matthias,

      das haben wir heute getan. Die Dame am Telefon meinte, dass tatsächlich erhöhte Nachfrage besteht, aber es noch keineswegs aussichtslos sei. Also haben wir doch noch Hoffnung :D

      Vielleicht bekommen wir sogar 4 Karten, da ich aufgrund eines Benutzerfehlers zwei Bestellung abgeschickt habe :pfeif:

      Gibt es denn auch Tips für Freiburg und Basel? Für die Baseler Lulu habe ich letztes Jahr am ersten Tag des Vorverkaufs telefonisch bestellt und dann auchnoch was bekommen (war aber schon viel weg). In Freiburg habe ich gar keine Erfahrung.

      Viele Grüße,

      Melanie
      With music I know happiness (Kurtág)
    • Liebe Melanie,

      zu Basel kann ich nichts sagen (da war ich noch nie in der Oper), in Freiburg hatte ich bei der Premiere von Falla's Vida Breve auch noch relative kurze Zeit vorher (3-4 Wochen) sehr annehmbare Karten bekommen, weiß aber auch nicht, wie weit im Voraus dort Bestellungen oder Käufe möglich sind...

      Matthias
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      "Eine Theateraufführung sollte so intensiv und aufregend sein wie ein Stierkampf." (Calixto Bieito)
    • Irgendwie entwickelt sich dieser Thread zum Forum für Bieito-Junkies, die darüber reden, wie sie an den nächsten Schuss kommen :D
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • Hallo Ingrid,

      OK, bei Bieito selber ist das Opernglas vielleicht keine Gefahr. Aber bei seiner Lulu z.B., die immerhin mal zweite Miss New York war und ihr Gesangsstudium als Fotomodell verdient hat, hatte ich das Opernglas auch fest unter Beschlag :mlol: :D

      Viele Gruesse,

      Melanie
      With music I know happiness (Kurtág)
    • Mensch, ich beneide euch so um die vielen Möglichkeiten, Bieito-Inszenierungen zu sehen! :cry: Mir war's erst einmal vergönnt, bei seinem "Don Carlos" in Basel, der sehr zwiespältige Gefühle in mir auslöste, wobei aber letztendlich doch die Faszination überwog. Aber ich fürchte, eher geht das berühmte Kamel durch ein Nadelöhr, bevor Bieito einmal in Wien inszenieren darf. Der Grazer Oper traue ich diese Risikofreude eher zu. An der WSO ist leider schon Konwitschny der Gipfel an Kühnheit, und ich fürchte, unter unserem neuen Direktor wird sich da nichts ändern.
      lg Severina :wink:
      "Das Theater ist ein Narrenhaus, aber die Oper ist die Abteilung für Unheilbare!" (Franz Schalk)
    • Eine Aufführung sollte so intensiv und aufregend sein wie ein Stierkampf (Calixto Bieito)

      Dieser Satz aus einem Interview mit Calixto Bieito fasst perfekt den Eindruck zusammen, den seine Inszenierungen auf den Zuschauer machen. Die unbeschreibliche Körperlichkeit und Intensität seiner Arbeiten reißt mit, verstört, fasziniert, stößt ab, und meistens alles zugleich.

      Woher kommt dieser Mann, der wie kein anderer Kritik und Publikum spaltet? In einer kleinen Reihe von Beiträgen starte ich den Versuch einer Sammlung biographischer Eckpunkte zu seinem Werdegang, gesammelt aus diversen Interviews und Zeitungsartikeln.

      Vieles ist also Wissen aus zweiter oder gar dritter Hand. Wer die ein oder andere Station von Bieitos Karriere aus eigener Anschauung kennt, ist aufgerufen, meine Beiträge zu korrigieren und zu ergänzen.

      Michel (Bieitologe in Ausbildung)
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • Kindheit, Jugend und erste Erfolge

      Calixto Bieito wurde am 2. November 1963 in Miranda de Ebro (Provinz Burgos, Nordspanien) geboren. Seine Familie lebt nach Bieitos eigenen Worten in einfachen Verhältnissen, sein Vater ist Bahnangestellter. Musik ist in seiner Familie allgegenwärtig: Der Vater ist ein Liebhaber der Zarzuela, die Mutter singt leidenschaftlich gerne, sein Bruder ist heute Musiker. Calixto selbst lernt Klavier, gibt das Instrument später aber auf („I gave it up because I felt I was so crap.“). Geblieben ist ihm die Leidenschaft für Musik: Wenige Opernregisseure studieren Partituren so im Detail wie Bieito das tut.

      Ab seinem dritten Lebensjahr besucht Calixto eine Jesuitenschule, zunächst in seinem Geburtsort und nach dem Umzug der Familie nach Barcelona (1977) auch dort. Die Erziehung war in vieler Hinsicht prägend für ihn: Auf der positiven Seite steht, dass die Schule ihn zum Theater brachte: Es wurde jede Woche gespielt, alle 2 Monate kam es zu öffentlichen Aufführungen. Gespielt wurden alle spanischen Klassiker, aber auch Shakespeare. Auf der negativen Seite stand eine strenge, rigide, auf Unterdrückung basierende Erziehung, bei der auch vor körperlicher Züchtigung nicht halt gemacht wird. Sexualität wird radikal tabuisiert, andererseits kommt es zu sexuellen Übergriffen der Priester auf die Jungen.

      Bieito über seine Schulzeit:

      "Die Jesuiten säten die Anarchie in meinem Kopf."

      "Die Jesuiten lehren einen, selbst zu denken. Und wenn man anfängt zu denken, ist es sehr leicht einzusehen, dass man an Gott nicht glauben kann. An einen Mann, der Anhänger hat, die dich zum Glauben bekehren wollen und dann anschließend versuchen, dich zu vergewaltigen."

      Nach dem Ende der Schule studiert Bieito in Tarragona und Barcelona spanische und katalanische Literatur, Schauspiel und Regie. Er verschlingt Kinofilme, seine Helden sind Bunuel (ein anderer Jesuitenschüler übrigens), Fellini, Kurosawa, Antonioni, Coppola, Scorcese, Spielberg. Bieito macht seine ersten Erfahrungen als Regisseur, sein Talent fällt auf und er wird 1989 zum Sommerfestival in Barcelona eingeladen (Shakespeare „The Two Gentlemen of Verona“). Die Einladung wird in den folgenden Jahren wiederholt, Bieito inszeniert innerhalb und außerhalb des Festivals Goldoni, Molière, Beckett, Thomas Bernhard, Brecht, Shaw und immer wieder Shakespeare.

      (Fortsetzung folgt)
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • Durchbruch und Aufstieg zum Bad Boy

      Einen Wendepunkt erreicht seine Karriere 1996: Seine Inszenierung der Zarzuela „La Verbena de la paloma“ von Tomás Bretón und Ricardo de la Vega beim Festival in Barcelona stellt seine erste Arbeit für das Musiktheater dar. Und sie ermöglicht ihm den Sprung auf's internationale Parkett: Brian McMaster, Direktor des Edinburgh-Festivals, verbringt seinen Urlaub in der Nähe und besucht eine Vorstellung von „La Verbena de la paloma“.

      McMaster über Bieito: „"I was on holiday in Barcelona, and when it poured with rain I ended up wandering into a production of the zarzuela La Verbena de la Paloma by this young director I'd never heard of. I just knew I had to have it for Edinburgh. Bieito manages to be radical and hit you straight in the chest, but always in a way that honours the text and not his own ego."

      Er ist so begeistert, dass er die Aufführung im folgenden Jahr in Edinburgh übernimmt. Ein voller Erfolg, anscheinend. Im Festivalsonderheft der Zeitschrift „Opera“ erscheint eine überwältigende Kritik: “crude, loud, funny, tuneful, totally bewitching“.

      In den folgenden Jahren kehrt Bieito immer wieder nach Edinburgh zurück, mit Aufsehen erregenden Inszenierungen von Calderon, Shakespeare u.a. Für diese Arbeiten erhält er zahlreiche Preise: ADE Award der Society of Spanish Stage Directors für Calderon „La vida es sueño“, die Auszeichnung zum Best Director bei den Irish Times-ESB Theatre Awards für Valle Inclán „Comedias bárbaras“, den Herald Archangel Preis als bester Künstler des Edinburgh Festivals 2003 für Shakespeare „Hamlet“.

      Seine erste Opernarbeit liefert Bieito 1999 in Maastricht ab: „Il Mondo della Luna“ von Haydn. Es folgen „Carmen“ (Festival de Peralada 1999, Maastricht 2000, Dublin 2002, Antwerpen 2004) sowie „Così fan tutte“ (Cardiff 2000). Aufregung gab es unter den konservativen Zuschauern jeweils genug, aber echte Skandale, die dauerhafte Spuren im Internet hinterlassen hätten, waren nicht darunter.

      Das Jahr 2001 macht Bieito ein für alle Mal zum bösesten aller bösen Buben unter den Opernregisseuren: „Maskenball“ in Barcelona und „Don Giovanni“ in London werden Skandale ersten Ranges, der Hass des konservativen Publikums und eines Teils der Presse entladen sich gnadenlos. Zu Don Giovanni schreibt der Kritiker der London Times: „I should sooner poke my eyes out and sell my children into slavery than sit through it again“. Nebenbei mischt Bieito im gleichen Jahr die Salzburger Festspiele mit einer radikalen Inszenierung von Shakespeares „Macbeth“ auf.

      (Fortsetzung folgt)
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • Die Deutschen Jahre - erster Teil

      Spätestens nach dem Londoner „Don Giovanni“ riskiert jeder Intendant, der Bieito engagiert, von seinen Abonnenten am nächsten Baum aufgeknüpft zu werden. Was paradoxerweise dazu führt, dass Bieito in den nächsten Jahren in Deutschland an immer wieder die gleichen Häuser eingeladen wird, und zwar umso öfter, je höher die Wogen schlagen. Den Vogel schießt Albrecht Puhlmann ab: Während dessen Intendanz an der Staatsoper Hannover (2001-2006) bringt er nicht weniger als 5 Produktionen von Bieito auf die Bühne, und in Stuttgart, wohin er 2006 wechselte, wird der Parsifal im März 2010 schon sein vierter Bieito sein. Es folgen die Komische Oper Berlin, Freiburg und Basel mit jeweils 3 Arbeiten (die Saison 2009/2010 mitgezählt).

      Der Reigen in Hannover beginnt gleich in Puhlmanns erster Saison mit der Übernahme des Don Giovanni aus London. Von dieser Inszenierung kann sich jeder anhand der in Barcelona entstandenen DVD selbst ein Bild machen (Aber: Der Vergleich mit youtube-Clips zeigt, dass für die DVD-Version z.B. die Inszenierung von Leporellos Registerarie verändert wurde. Und zwar zum Nachteil. Vielleicht gibt es ja noch mehr Unterschiede.). Bieito und mit ihm die Hannoveraner Oper schaffen es damit in die Schlagzeilen, von der „Zeit“ bis zur „Bild“. Angeblich kündigen mehrere Tausend Abonnenten, es wird Anzeige beim Staatsanwalt erstattet. Und kein anderes Stück hat in dieser Saison in Hannover eine bessere Auslastung.

      Wenn überhaupt möglich, schlagen die Wellen beim „Troubadour“ im folgenden Jahr noch höher. „Eine apokalyptische Höllenvision“ wird die Inszenierung beschrieben. Das an sich ja ziemlich triviale Stück wird auf radikale und blutige Weise ernst genommen. Die Abonnenten toben, die Abendkasse klingelt. Anlässlich dieser Inszenierung werfen aber auch wohlmeinende Stimmen dem Team Puhlmann/Bieito vor, den Skandal programmieren zu wollen. Ein Marketinginstrument, um nationale Aufmerksamkeit zu erhalten.

      Verblüffend dann "La Traviata" (September 2003): Das Publikum ist begeistert, und dass, obwohl Bieito hier auch noch in die sonst sakrosankte Musik eingreift: Nummern werden gestrichen oder gar im Namen des Regiekonzepts anderen Personen übertragen. Der größte Teil des Publikums folgt Bieito sogar bei seiner Umdeutung des Schlusses: Violetta hat ihre Krankheit nur gespielt um die Germonts auszunehmen und verschwindet mit dem Geld. Vielleicht hat Bieito diesmal auch auf allzu provozierende Bilder verzichtet, vielleicht war der Druck der Öffentlichkeit auf Puhlmann zu groß.

      Bieitos nächster Schlag erschüttert aber wieder die Republik: „Die Entführung aus dem Serail“ an der Komischen Oper Berlin (2004). Die Premiere wird zum Eklat, laute Zwischenrufe während der Aufführung, so mancher verlässt wutschnaubend das Theater. Eigentlich erstaunlich, waren doch wegen Vorabmeldungen der Presse alle gut darauf vorbereitet, was sie erwarten würde. Aber die Unmittelbarkeit der Bilder blieb auch so nicht ohne Wirkung, niemand verließ die Vorstellung gleichgültig. Und die Inszenierung läuft in Berlin noch immer und ist auch hier eines der Stücke mit der besten Auslastung. Mancher Kritiker hält diese „Entführung“ für Bieitos (bis zum damaligen Zeitpunkt) stärkste Arbeit.

      (Fortsetzung folgt)
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)