Gänsehaut pur, die schönsten Stellen

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    • Gänsehaut pur, die schönsten Stellen

      Beethovens Violinsonate G-Dur, op. 96, zweiter Satz "Adagio espressivo". Das Klavier spielt ein wunderbar kantables, achttaktiges Es-Dur-Thema, welches in den drei absteigenden Tönen g-f-es endet. Man erwartet, dass die Violine das Thema wiederholt oder variiert. Statt dessen: Sie wiederholt nur diese letzten drei Töne "sotto voce", wird dabei vom Klavier begleitet. Diese Begleitung nimmt wieder die Violine auf, während das Klavier das Dreitonmotiv ein weiteres Mal spielt. Was in der Beschreibung nach einem einfachen Dialog klingt, ist für mich eine der schönsten, ausdrucksvollsten, zärtlichsten Stellen der Musik. Wie kann nur jemand auf so einen Gedanken kommen?? Es ist, als könne die Violine nach der Schönheit des Klavierthemas nicht sofort mit ihrem eigenen Gesang beginnen und führe statt dessen mit dem Klavier ein unendlich zärtliches, intimes und vollkommen einvernehmliches Gespräch. Die ganze Stelle besteht wie gesagt melodisch aus drei Tönen, harmonisch aus zwei Harmonien, ist gerade einmal vier Takte lang, und ich weiß gar nicht, ob sie nur für mich so besonders ist.

      Welche Stellen beeindrucken Euch auf ähnliche Weise? Könnt Ihr beschreiben, warum das so ist? Teilen andere Eure Empfindungen?

      Viele Grüße,

      Christian
      Jeder Eindruck, den man macht, schafft Feinde. Um populär zu bleiben, muss man mittelmäßig sein.
      Oscar Wilde
    • Eine Hommage an die Erwartungshaltung des Hörers ist doch mal ein schöner Gedanke ;+) Danke für diesen Thread!

      Ja - solche Stellen gibt es zuhauf in der klassischen Musikliteratur (und auch in der modernen, welcher Art auch immer). Es fällt schwer, eine Auswahl zu treffen.

      Seit Jahrzehnten hört der Übergang vom langsamen Satz in das Rondo des 5. Klavierkonzertes von van Beethoven einfach nicht auf mich zu faszinieren und mitzureissen ... eingeleitet von einem sanften Sekundabstieg der Bläser deutet das Klavier das folgende Thema im piano zweimal an, um dann wild aufschäumend in das Rondo zu stürmen - und das nach einem himmlisch schönen Gesang von Klavier und Orchester im langsamen Satz, der einen die Welt vergessen lässt. Vielleicht empfinde ich deshalb diesen Übergang immer wieder so intensiv wie ein neues Hörerlebnis ...

      Naja ... wie bereits gesagt, es gibt viele dieser Momente in der Musik -

      der Einsatz des Hörnerthemas im Finale der 1. Sinfonie von Brahms,
      oder ähnlich,
      das lyrische Seitenthema im 1. Klavierkonzert von Brahms, vor allem, wenn in der Wiederholung die Streicher umspielt vom Klavier das Thema übernehmen,

      der Einsatz Wotans "der Augen leuchtendes Paar" aus der Walküre,

      das Grandioso-Thema aus der h-moll Sonate von Liszt ist in der Art, wie es sich emportürmt zum Höhepunkt, ein solch machtvoller musikalischer Einfall, dass ich mich ihm vermutlich nie verstandesmässig entziehen könnte,
      dagegen im lyrischen Sinne ähnlich,
      das dritte Thema aus der Ballade Nr.2, h-moll, von Liszt. In der Mittelstimme, begleitet von gebrochenen Akkorden in der Oberstimme, klingt dieses Thema wie ein ergreifendes Gebet (unnachahmlich intensiv gespielt von Horowitz),

      nicht zuletzt ein nicht endender Schauer, vielleicht wegen der Schlichtheit - ich weiß es nicht, das Miserere von Allegri, auch wenn gerade der intensivste Moment (das Einsetzen der hohen Sopranstimmen eine Oktave höher) wohl auf einem Kopierfehler beruhen soll ..... EGAL !!!

      Warum wirken diese Momente so? Ja, sie lösen aufgebaute Spannung genial auf, und ja, sie sind alle sehr intensiv und auch im Ausdruck rein (die Komponisten streuen keine Zweifel an der Wahrhaftigkeit der musikalischen Aussage ... hmm, schwer zu beschreiben, was ich meine), ja, sie sind einprägsam und haben einen hohen Wiedererkennungswert, und - ja, sie sind nicht banal, also hört man sich nicht über daran ....
      ..... aber warum der Einzelne - also hier z.B. ich selbst - darauf so stark reagiert, ist damit leider auch nicht beantwortet. Vielleicht gibt es so etwas wie "individuelle Eigenresonanz", oder es sind doch auch frühe Prägungen mitbeteiligt .....

      Ich bin sehr gespannt auf andere Beiträge, denn die Frage, warum der Eine diese Empfindungen teilt, der Andere gar nicht, und der Dritte vielleicht sogar solche Empfindungen nicht bei Musik, sondern beispielsweise bei bestimmten Stellen in der Lyrik oder beim Betrachten von Bildern oder Skulpturen hat, ist spannend und hat sich mir auch desöfteren gestellt ...

      lg

      Tastenrabe
    • Ein schöner Thread! Ich kann alle von euch genannten Stellen sehr gut nachvollziehen, v.a. auch Brahms I, letzter Satz... der Hammer!
      Ich versuche auch mal, ein paar Stellen zu beschreiben, die mir spontan einfallen...

      1 - Der Anfang von Bruckners Dritter (v.a. in der dritten Fassung). Habe das neulich gespielt und hatte sofort die Assoziation eines riesigen Schiffes, welches nachts und unbeleuchtet in einen nebligen Hafen einfährt, ruhig, majestätisch, riesengroß und sehr würdevoll. Der erste Trompeteneinsatz wie das Signal von der Brücke, und kurze Zeit später das erste Horn wie eine beschwichtigende Antwort aus einer anderen Welt. Ich habe immer eine Wahnsinns-Gänsehaut bekommen, auch bei der Reprise...

      2 - Walküre, Dritter Akt - Sieglinde "Oh hehrstes Wunder" - eine der schönsten Stellen der gesamten Opernliteratur - und das sage ich, der kein Wagner-Fan ist. Das ist glaube ich das Erlösungs-Thema, oder?? welches am Ende der Götterdämmerung erklingt... reißt mich voll weg, vor allem wenn Montserrat Caballé das singt. :D 8+)

      3 - Beethoven, Violinkonzert, zweiter Satz, T. 45ff. - pianissimo-Thema der Violine, ich bekomme beim schreiben schon eine Gänsehaut - es gibt wohl eine Analogie zu dem Terzett in Fidelio, "Euch werde Lohn in bessren Welten", und diese Verbindung bekomme ich nicht mehr weg, dieses Thema quasi als Kernaussage dieses Konzertes, ein STILLES Denkmal für den Humanismus, und deshalb so berührend.

      4 - Bellini, Norma, Duett Norma-Adalgisa im ersten Akt, Stelle in der zweiten Strophe des Cantabiles, der Umschwung nach Dur, Adalgisa: "Salvami da me stessa, salvami dal mio cor!" - wieder so ein Moment, auch abhängig vom Inhalt, Adalgisa, die sich völlig verzweifelt und in Tränen aufgelöst an Norma wendet und die Kernaussage ihrer Klage exakt in dem Moment vornimmt wo Bellini von Moll nach Dur moduliert - ein irrer Moment, der vor allem durch den Harmonikwechsel so unnachahmlich wird....

      Dies sind nur ein paar der Sachen die mir spontan eingefallen sind...
      "Nichts gleicht der Trägheit, Dummheit, Dumpfheit vieler deutscher Geiger."

      Max Bruch (1838-1920)
    • Archaeopteryx schrieb:

      3 - Beethoven, Violinkonzert, zweiter Satz, T. 45ff. - pianissimo-Thema der Violine, ich bekomme beim schreiben schon eine Gänsehaut

      Oh ja ... diese Stelle habe ich tatsächlich vergessen :shake: - eines der schönsten Erlebnisse überhaupt, als ich diese Stelle in einer Aufnahme mit Jascha Heifetz zum erstenmal hörte. Seitdem ist diese Werk-Interpret Kombination für mich unübertroffen :juhu:

      lg

      Tastenrabe
    • Tastenrabe schrieb:

      Oh ja ... diese Stelle habe ich tatsächlich vergessen :shake: - eines der schönsten Erlebnisse überhaupt, als ich diese Stelle in einer Aufnahme mit Jascha Heifetz zum erstenmal hörte. Seitdem ist diese Werk-Interpret Kombination für mich unübertroffen :juhu:

      Freut mich dass es Dir auch so geht! Super schön ist die Stelle auch in der Einspielung von P. Kopatchinskaja gelungen, die quasi mit "einem Haar" so schön singt dass man weinen möchte... :faint: :cry:
      "Nichts gleicht der Trägheit, Dummheit, Dumpfheit vieler deutscher Geiger."

      Max Bruch (1838-1920)
    • Was mir zu dem Thema einfällt... erstmal natürlich Brahms, die zweite Symphonie, wo im Kopfsatz das herrliche Seitenthema anhebt in fis-moll...
      Dann gibt es noch diese wunderbare Coda desselben Satzes, wo das Horn suchend, sich höher schraubend aus der Tonart steigt und wieder zurückfindet...

      Überhaupt Brahms: der langsame Satz der Vierten: das Seitenthema, von den Celli gespielt in H-Dur, das ist doch wie die Rückkehr aller Hoffnung...
      "Leider" in der Reprise anders instrumentiert - der Moment ist einmalig und kehrt nicht wieder..

      (eine schöne Parallelstelle gibts im langsamen Satz der zweiten von Sibelius... auch in der Reprise nicht mehr so himmlisch)

      das Seitenthema aus dem ersten Klavierkonzert ist ja schon erwähnt worden..

      Dann will ich für einige Bruckner-Stellen mal das Seitenthema aus dem Adagio der 8ten erwähnen, so traumverloren hingestrichen von den Celli, so ganz jenseitig...
      und die Antwort schließlich der Wagnertuben... Das ist wie eine ganz tiefe Meditation, aber nicht leblos, nur eine ganz große Ruhe atmend.
      Ach ja, die erste Gänsehaut in dem Satz ist ja schon nach dem ersten Forte, wenn die Streicher aus der Tiefe aufsteigen und dann choralmäßig wieder absinken, von Harfen umspielt... Man kann das kitschig finden oder sich dem hingeben, dann ist es das pure Glück...

      Ultimativ aber auch, meine Signatur läßt es ahnen, die letzte Strophe des "himmlischen Lebens" (Mahler 4.Symphonie) - ein Bekenntnis zur erweckenden Macht der Musik, wie es schönrer kaum denkbar ist.
      Das ganze Adagio nimmt die Stimmung ja schon voraus, aber wo die weibliche Stimme es auch noch ausspricht - -singt, ist es vollkommen.

      Und wo wir bei weiblichen Stimmen sind, soll doch das Christe eleison-Solo mit Chor aus Mozarts c-moll-Messe nicht fehlen.

      Langsam wirds lauter: Das Sanctus aus der h-moll-Messe - komponierter Weihrauch, für einen Anhänger musikailscher Räusche wie mich immer wieder ergreifend.

      jetzt mach ich mal ne Unterbrechung, sonst finde ich hier nicht wieder raus . Nur noch mal kurz:
      Die Überleitung zum Finale von Schumanns Vierter - das reißt echt mit.

      Und nochmal Sibelius: das erste Thema der ersten... Wie es aus dem Tremolo rauswächst, sich in schnellen Triolen verfängt, in Moll wiedrholt: großes Kino für mich

      in der Zweiten das Seitenthema im Finale, in der Reprise steigert es sich in einer Art ostinato in unerträgliche Spannung, pfeifend umspielt von hohen Hölzern, bis es endlich endlich nach Dur wechselt in die Paukenverstärkten Posaunenrufe...

      Und Abteilung große Tragik: Der Fortissimo-Höhepunkt im langsamen Satz der Vierten

      Jetzt aber Schluss, das nimmt hier sonst kein Ende: Schluß mit Bruckners Achter, dem Finale: der Start mit 8 Hörnern und Trompeten, und der Schluß, vor dem übereinandertürmen aller Themen hebt es sehr erst und feierlich an, steigert sich bedrohlich, bis es in die C-Dur-Schluß-Apotheose übergeht - aber die Takte vorher, wo noch alles offen scheint, liebe ich besonders...
      genug für heute

      wie man sieht, geht das recht häufig mit mir und der Gänsehaut bei Musik ... ich bin da echt berührbar, und da hilft auch keine Theorie gegen...

      Gruss
      Herr Maria
      Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
      daß Alles für Freuden erwacht
    • Einen schönen Abend, die Herren,

      das klingt ja wirklich interessant !

      Wenn es mich mal wieder in den Ohren juckt, werde ich mit YouTube's Hilfe die von Euch so gelobten Stellen "ansteuern"
      (hoffentlich finde ich sie dann auch) und mir zu Gemüte führen!

      Mal schauen, was noch so alles kommt...


      :wink:

      amamusica :pfeif:
      Ein Blümchen an einem wilden Wegrain, die Schale einer kleinen Muschel am Strand, die Feder eines Vogels -
      all das verkündet dir, daß der Schöpfer ein Künstler ist. (Tertullian)

      ...und immer wieder schaffen es die Menschen auch, Künstler zu sein.
      Nicht zuletzt mit so mancher Musik. Die muß gar nicht immer "große Kunst" sein, um das Herz zu berühren...



    • Das kann sich bei mir gelegentlich ändern. Ein Dauerbrenner ist der langsame Satz aus Mozarts Gran Partita: die unaufhaltsamen Achtel im Bass bzw. 2.Fagott und Kontrafagott, dazu die getupften Akkorde der restlichen Bläser und die abwechselnden Melodien der 1.Oboe, Klarinette und des 1.Bassetthorns, die sich über dieser Grundierung in immer wieder neuen Varianten entfalten. Das schafft mich jedes Mal.

      Strauss' Rosenkavalier: ab "Hab's mir gelobt" bis zum Schluss Dauergänsehaut. Oder in der Ariadne, "eher stürben die ewigen Götter, als das Du stürbest in meinen Armen"...

      III.Mahler, das Posthornsolo.

      Aber das sind nur wenige. Wenn ich nicht immer wieder welche entdecken und wiederentdecken würde, dann hörte ich keine Musik mehr.
      Lucius Travinius Potellus
      Those who would give up essential Liberty, to purchase a little temporary Safety, deserve neither Liberty nor Safety. (B.Franklin)
    • ge-stell schrieb:

      debussy, etudes:

      pour les notes repetees

      takt 75 bis takt 80

      Darf ich das ergänzen:

      Claude Debussy; 12 Etüden, L 136

      Etüde Nr. 9: Pour les notes répétées


      Hab mir die Takte 75-80 angesehen, die Noten schauen fast aus wie eine Zeichnung, mit den vielen Strichen. Da spielen ein Haufen Triolen, während der Bass immer einen Riesen-Abwärtsschritt macht.
    • Gerade diese Stelle in der "Ariadne" ist für mich besonders schön -

      aber eine Gänsehautstelle ist der Beginn des Walzers "Lippen schweigen" wo so wie aus dem "Nichts", im 3. Akt, die Melodie herkommt. :juhu:

      Wem so etwas einfällt der bleibt für mich unvergessen.

      Liebe Grüße Peter aus Wien. :wink: :wink:
    • Eine der ersten Gänsehautstellen, die ich für mich entdeckte, war der zweite Satz aus Mozarts Violinsonate in C-Dur, K. 296: das Andante sostenuto, oder genauer gesagt, die Takte 14-16 : die Violine mit ihrem Verharren auf dem f am Ende von 14 und in 15, nur einmal durch das e unterbrochen, dazu das Klavier im steten Wechsel: b-a-d-c-b-a – und dann die letzten drei Töne so leise und sacht: in der Violine a-f-e, im Klavierpart c-a-g.

      Und dieser leise, verhaltene „Schluss“, bevor das Ursprungsthema noch einmal wiederholt wird, berührt mich immer wieder - zuallererst in einer Aufnahme von 1967 mit George Szell, Klavier und Raphael Druian, Violine, die ich vor etlichen Jahren zufällig einmal im Radio hörte und leider nicht mitschneiden konnte. Auf meine begeisterte Schilderung des Gehörten hin schenkte mir ein lieber Mensch eine Aufnahme dieser Violinsonate – eigentlich eine sehr gute, aber leider nicht diejenige welche, und ich saß davor und versuchte vergeblich, den Zauber wiederzufinden. Er stellte sich ein, als ich die bewusste Aufnahme dann endlich erwischen konnte.

      Im Laufe der Jahre noch weitere Gänsehautstellen hinzugekommen, und dieser Thread lädt dazu ein, sie alle mal wieder herauszusuchen.

      Typisch für mein Empfinden dieser Stellen ist wohl einerseits, dass sie bei aller Liebe zu der Musikstelle allgemein auch zum Teil - aber nicht immer - an bestimmte Interpretationen gebunden sind: Was mich bei einer zum Himmel schicken kann, muss bei einer anderen nicht dasselbe Gefühl auslösen. Und es sind oft Stellen, in denen die Musik von einem Grundton aus gesehen ein relativ großes Intervall in die Höhe geht – oder umgekehrt „aus der Höhe herunter fällt“. Bei Liedern sind es oft die zarten, verhaltenen Nachspiele, die ich besonders gern höre. Und bei Opernaufnahmen die Ensembleszenen, in denen sich verschiedene Stimmen artikulieren und oftmals ganz unterschiedliche Emotionen zum Ausdruck bringen.

      Viele Grüße,
      Federica
    • philmus schrieb:


      wie man sieht, geht das recht häufig mit mir und der Gänsehaut bei Musik ... ich bin da echt berührbar, und da hilft auch keine Theorie gegen...
      Gruss
      Herr Maria


      Dito!

      Gänsehautstellen? Da gibt es so viele, dass ich Schwierigkeiten habe, mich in ihrer Gänze hier vor dem PC sitzend überhaupt klar zu entsinnen. Aber es gibt natürlich einige, die ganz besonders herausstechen und die mir ganz oft - auch ohne äußeren Anlass - vor dem inneren Ohr erklingen.

      Eine besondere Stelle ist der erste Einsatz des Klaviers in Brahms' Klavierkonzert Nr. 1. Das ist - wenn es denn gut gespielt wird - so schwebend, so aus dem Nichts kommend, die 16-tel immer leicht drängend, quasi voller zunächst unterschwelliger Leidenschaft zur nächsten - vielleicht verzögerten - 1 hinzielend, dass es mich immer wieder umhaut.

      Ähnlich geht es mir, wenn in Elgars Symphonie Nr. 1 durch ein knappes crescendo in der Basslinie angekündigt wird, dass das bereits im piano vorgestellte Motto nun im großen Forte gebracht werden wird. Eigentlich einfach - aber eine ganz große Wirkung.

      Die ungeheure Dramatik des Chores "The people shall hear" aus Händels "Isreal in Egypt" mit seinen Streichestaccati und den sich ununterbrochen qualvoll reibenden Harmonien (besonders "by the greatness of thy wrath") jagt mir mit schöner Regelmäßigkeit Schauer über den Rücken.

      Wenn "Au loin" von Koechlin ansetzt, werde ich umgehend in einen verklärungsartigen Zustand versetzt. Selten ist es mir begegnet, wie schnell Musik einen geradezu episch großen (Klang)Raum eröffnen kann - außer vielleicht bei den ersten Takten von Weberns "Im Sommerwind".

      Mahler: Das Lied von der Erde. Der Abschied. Der Einsatz des Marsches bei Ziffer 41 (A tempo subito.). Sehrend, unerbittlich, schmerzvoll. Gänsehaut - immer.

      Auch ja: Wagner. Liebestod. Ist vielleicht ein bisschen platt, aber ich erlebe mich hier durchaus als williges Opfer seiner Klangmagie. Wenn die sich hochgeschaukelte und aufgestaute Spannung sich in "in des Welt-Atems wehendem Schall" entlädt, dann werde ich sofort mit weggespült.

      Schließlich - und damit soll es dann auch gut sein - Sibelius' Siebte Symphonie. Die Hinführung zum Choralthema im ersten Abschnitt und dann das Thema selbst... "Heute kann nur noch Sibelius oder Gott in C-Dur schreiben" soll Vaughan Williams gesagt haben. Und genauso klingt das für mich auch. Das ist fast göttliche, fast unendlich dahinströmende Musik.

      Wenn ich mir das so ansehe, dann falle ich wohl am ehesten den "großen Gesten" zum Opfer.

      :wink: Agravain
    • Ich muss gestehen, dass mir die von Christian eingangs genannte Passage noch nie aufgefallen war... Die Violine wiederholt danach allerdings auch nicht das Eingangsthema des Klaviers, sondern bringt ein neues eigenes Thema. Die Stelle wirkt auf mich so ein wenig zwischen "Echo" des Abschlusses und "Atemholen" für die neue Melodie.


      Schumann, Davidsbündlertänze: 17. (vorletztes) Stück "Wie aus der Ferne". Besonders im Kontrast/Übergang zum Vorhergehendes ist das für mich der Inbegriff der Romantik. Als ob sich plötzlich eine weite Aussicht in eine Traumlandschaft eröffnen würde (das klingt bescheuert, hört Euch eben das Stück an)

      und

      Schumann, Liederkreis op.24, Nr.4 "Lieb Liebchen, legs Händchen aufs Herze mein". Das ist vom Text her grenzwertig (romantisch-verliebtes Selbstmitleid), zumal Schumann das Lied völlig ernstzunehmen scheint (während bei Heine Ironie vermutet werden darf). Aber wie in den letzten vier Takten Stimme und Begleitung aus dem Takt kommen, d.h. zuerst stockt die Begleitung, dann pausiert die Stimme und der "Herzschlag" geht weiter, dann endet die Stimme, nachdem das "Herz stehengeblieben" ist:
      "Ach sputet Euch, Meister Zimmermann, damit ich balde - (dam-dam- damm)- schla - fen kann."

      Mahler, Der Tamboursg'sell: Hier finde ich den zweiten Teil, sozusagen das "Trio" des Trauermarsches besonders ergreifend "Gute Nacht, Ihr Offizier" usw. wirkt noch verzweifelter als der düstere Marschteil (es gibt ja auch kein da capo, außer ein paar Instrumentaltakten, die den Beginn andeuten; vermutlich ist der Tambour nun gehenkt)
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Bei mir kommt das auch vor:

      1. Holst: Die Planeten "Jupiter" - wenn das zweite Thema beginnt und sich allmählich steigert, das ist eine der ergreifendsten Stellen für mich überhaupt. Die Melodie geht mir direkt ins Herz.

      2. Machaut-Messe "Kyrie I" - der Beginn dieser Messe hat für mich etwas Ungeheures, Beruhigendes. Die Art von Sphärenmusik, die mich am Meisten gefangennimmt. Die ganze Harmonik dieses Stückes ist ausgelotet und vollendet, mit all den Disharmonien, die zu guter Letzt wieder wunderbar aufgelöst werden.

      3. Monteverdi: Marienvesper "Audi Coelum" - der Einsatz des Chores bei der Stelle "omnes"; welche Befreiung wird da deutlich, als der Chor einen neuen musikalischen Teil beginnt! Definitiv meine liebste Stelle in der Vesper.

      4. Händel: Messiah "Worthy Is The Lamb - Amen" - die letzte Minute des Amen, wenn der Chor und das Orchester am Lautesten spielt, wenn sie alles zu einem gewaltigen Forte aufschwingt, da rutscht mir jedesmal das Herz zum Hals; besonders in der Beechum-Einspielung von 1959. Danach brauch ich ne Weile, um wieder klar im Kopf zu werden.

      5. Allegri: Miserere - speziell die Sopranpartien; es ist eine engelsgleiche Stimmung, die da einem begegnet, und es wundert mich nicht, daß man dieses Stück so eifersüchtig im Vatikan gehütet hatte. Damit konnte man damals die Besucher und Zuhörer am Ehesten davon überzeugen, daß der Vatikan zurecht als Platzhalter des Himmels verehrt wird.

      Mehr fällt mir mommentan nicht ein.


      jd :wink:
      "Interpretation ist mein Gemüse."
      Hudebux
      "Derjenige, der zum ersten Mal anstatt eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation."
      Jean Paul
    • Bei Joseph Haydn's "Schöpfung" - "Es werde Licht- und es ward Licht!",

      gleich am Anfang diese Majestät des Geschaffenen. :juhu:

      Das war auch für mich, damals als ich es noch selbst gesungen habe, der 1. ganz große Augenblick und wird es immer bleiben!

      Liebe Grüße Euer Peter. :wink:
    • Da stimme ich dir aber mal sowas von zu lieber Streifenpeter!
      Ich hatte ja kürzlich auch die Freude, die Schöpfung im Chor zu singen und diese Stelle jagt einem wirklich die Gänsehaut den Rücken runter.
      Ein Paradies ist immer da, wo einer ist, der wo aufpasst, dass kein Depp reinkommt...