J.S.Bach - Sonaten und Partiten für Violine Solo, BWV 1001-1006

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    • Kleiner Exkurs:

      Vorhin lief im Deutschlandfunk eine Sendung über die Familie Wittgenstein.
      Da wurde auch von Paul Wittgenstein erzählt, dem Konzertpianisten, der im 1. Weltkrieg seine rechte Hand verlor und danach mit der linken weiter Klavier spielte, darunter auch die Chaconne von Bach.
      "https://www.youtube.com/watch?v=jk_yNa0KPEM"

      Sokolov hat dies ebenfalls gespielt:
      "https://www.youtube.com/watch?v=gsylKLNXo9w"

      Beidhändig die Chaconne von Rubinstein...
      "https://www.youtube.com/watch?v=NKYyiD8ypCo"

      ... und Krystian Zimerman
      "https://www.youtube.com/watch?v=91KBiPlit-Y"

      :wink:

      amamusica
      Ein Blümchen an einem wilden Wegrain, die Schale einer kleinen Muschel am Strand, die Feder eines Vogels -
      all das verkündet dir, daß der Schöpfer ein Künstler ist. (Tertullian)

      ...und immer wieder schaffen es die Menschen auch, Künstler zu sein.
      Nicht zuletzt mit so mancher Musik. Die muß gar nicht immer "große Kunst" sein, um das Herz zu berühren...



    • amamusica schrieb:

      darunter auch die Chaconne von Bach.
      die Brahms-Übertragung schätze ich ganz hoch - einfach "einfach-genial". Ganz nahe am bachschen Notentext, sehr unauffällig differenzierte, dabei gut ans Klavier angepaßte Ausführung des großen Arpeggioabschnittes. Brahms ergänzt dynamische Bezeichnungen mit Vorsicht, fast immer kann ich einverstanden sein - Ausnahme s. unten.

      und Sokolov? - ganz ohne Zweifel höchste pianistische Kunst, aber in meinen Ohren funktionierts alles in allem nicht. die Neigung zu innerlich-Versonnenem scheint mir dem Stück - dem Bach sowieso, aber auch der Brahmsschen Auffassung - äußerlich übergestülpt. Auch werden Brahmsens Bezeichnungen oft in ihr Gegenteil verkehrt - z.B. Legato in ein spitziges Stakkato. Häufig sehr übertrieben leise, sogar unter Inkaufnahme von Nivellierung brahmsscher Differenzen.

      Auch mit Brahms nicht ganz einverstanden bin ich mit dem Eintritt des großen Dur-Teiles. Der Glanz von Barocktrompeten sollte m.E. gleich zu Beginn mit zu spüren sein. Bei Brahms/Sokolov kommt es dazu erst viel später. m.E. wäre aber eine Steigerung auch noch gut drin und schon quasi auskomponiert ohne Eliminierung zu Beginn.

      bei der Wiederkehr des Moll schreibt Brahms fp> vor - aber so dahinschwindend wie Sokolov braucht das m.E. doch nicht zu klingen. ich würde einen dunkleren, aber kräftigen Gegenpart zum Dur-Glanz bevorzugen.

      Ähnlich auch dann beim Umspielen der leeren A-Saite: Brahms bezeichnet zwar p ben legato - aber bedeutet das so ohne Biß, wie es bei Sokolov herauskommt? Das sind doch scharf auskomponierte Dissonanzenfelder.

      es ist, als ob der Notentext für Sokolov eine Art Knetmasse darstellt.
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • auf yt gibts "die Chaconne" mit der koreanischen Geigerin Zia Hyunsu Shin:

      youtube.com/watch?v=1wPFp0Q8Kb8

      also ich finde es phänomenal ... mit einem fast durchgehenden Hochdruck und Dauervibrato, das müßte "theoretisch" ja ganz scheußlich klingen ... tut es für meine Ohren aber nicht ... wieso nicht, ist mir ein Rätsel ...

      ich habe die Chaconne noch nie mit so gehört, daß die Brechungen so zur Sache dazu gehörig klingen, und keine Spur mehr von "Notlösung" spüren lassen

      wenn ich die Begabungen hätte, einen Essay darüber zu schreiben,würde ich vielleicht den Titel wählen "Technik ist Musik", d.h. die technischen Fähigkeiten sind nicht mehr, wie man gern sagt, das der Musikalität souverän zur Verfügung stehende Instrument, sondern völlig mit dieser zusammen gewachsen

      bei dieser "Frühlingssonate":

      youtube.com/watch?v=dCzSLm0Lpxw

      bleibe ich so auf Anhieb eher skeptisch ... vielleicht ist der Bach doch unmittelbarer vom Instrument her zu erfassen als der Beethoven?
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • zabki schrieb:

      auf yt gibts "die Chaconne" mit der koreanischen Geigerin Zia Hyunsu Shin:

      youtube.com/watch?v=1wPFp0Q8Kb8

      also ich finde es phänomenal ... mit einem fast durchgehenden Hochdruck und Dauervibrato, das müßte "theoretisch" ja ganz scheußlich klingen ... tut es für meine Ohren aber nicht ... wieso nicht, ist mir ein Rätsel ...

      ich habe die Chaconne noch nie mit so gehört, daß die Brechungen so zur Sache dazu gehörig klingen, und keine Spur mehr von "Notlösung" spüren lassen
      Was meinst du mit Brechungen in der Chaconne ?(

      .. hab mirs inzwischen gleichfalls reingezogen.. Chaconne kommt damit einen höchst emotional rüber, dabei merkwürdigerweise keineswegs Feeling, dass dabei mir so wichtige Moment an Distanz beim Reinziehn verkackt wird, also nix Pseudo-Vertrautheit ... ob komplette Partita mit dieser Lesart/Spielweise meine Lauscherchen erreicht, bin ich mir nicht sicher.. einen Versuch wäre es wert… die Konsequenz mit der Zia Hyunsu Shin die Chaconne durchzieht, imponiert.. .. Mucke kommt mir dabei gleichzeitig sehr differenziert rüber..
      … hatte bisher auf Schirm (seit Live-Mitschnitt von Bachs Komplett-Violin-Solo-Chosen aus Michaelis-Kirche in HSV-Town vom 02.+ 03. März 2010, dass emotionale Spielweise von Julia Fischer, die sich mit der Bachmucke totalst identifiziert, nicht mehr zu toppen wäre… seit Zia Hyunsu Shin Fehlanzeige.. ..

      Zum Vergleich/Kontrast mal Julia Fischer aus Brexit-Town:
      youtube.com/watch?v=wW5wuNlTZuo
      ~ 11:50

      ( youtube.com/watch?v=eGLvU6JQoeI
      youtube.com/watch?v=UTqoFxaA5Hc
      youtube.com/watch?v=W_AE5gwN94o
      youtube.com/watch?v=-G2ciZjQtpU
      youtube.com/watch?v=XtCq5huYzeE )
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Amfortas09 schrieb:

      Chaconne kommt damit einen höchst emotional rüber, dabei merkwürdigerweise keineswegs Feeling, dass dabei mir so wichtige Moment an Distanz beim Reinziehn verkackt wird, also nix Pseudo-Vertrautheit
      das trifft meinen Eindruck auch sehr gut - der so wichtige, aber so schwer zu fassende Unterschied zwischen einer der Musik auf- und hineingedrückten Emotionalität und einer in der Sache und dem Verhältnis zu dieser quasi "sachlich" aufgefundenen ...

      Amfortas09 schrieb:

      Was meinst du mit Brechungen in der Chaconne
      die notwendigen Brechungen beim Spielen von mehr als zwei "gleichzeitigen" Tönen (ich mein da nicht mal primär die ausdrücklich als arpeggio bezeichneten vierstimmigen Passagen, sondern die, die sich immer wieder von selbst als so auszuführend erweisenden Stellen) - die man wohl oft als "Notbehelf" für eine eigentlich kontinuierliche Stimmigkeit empfunden hat (und z.B. mit der Erfindung des "Rundbogens" experimentiert hat, um dem abzuhelfen), und die mir bei ZHS als völlig zur Sache gehörig aufgefaßt zu sein scheinen, so daß nicht der geringste Anlaß besteht, da was zu kaschieren, und deshalb klingts auch wie das Selbstverständlichste von der Welt.

      Amfortas09 schrieb:

      die Konsequenz mit der Zia Hyunsu Shin die Chaconne durchzieht, imponiert.
      ja

      Amfortas09 schrieb:

      mit der Bachmucke totalst identifiziert, nicht mehr zu toppen wäre
      ja, diese unglaubliche Identifikation, die völlige Überzeugtheit von der Musik und damit, daß diese die richtige Form für die eigene Existenz darstellt ... dabei bin ich nichtmal sicher, ob ZHS wirklich eine umfassende Musikerin ist, ich deutete ja Reserven gegenüber ihrem Beethoven an, muß das aber noch mehr prüfen. Mit dem Bach funktioniert da aber anscheinend was für mich ganz Unerwartetes

      edit
      nach ein paar Sekunden in Julia Fischers Spiel reingehört würde ich sagen, bei aller Qualität - vergleichsweise hören sich die Brechungen auch da wie Notbehelf an ...
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • Amfortas09 schrieb:

      Zum Vergleich/Kontrast mal Julia Fischer aus Brexit-Town:
      Julia Fischer ist aber auch toll. Danke für die Links!
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • Kleiner Exkurs.
      Passt zwar zugegeben nicht wirklich, aber weiß nicht wohin sonst damit.
      Und zugegeben nicht Violine solo, sondern Violine und Viola. Und auch nicht von Bach, sondern von Johan Halvorsen, der ein Stück/Thema "Passacaglia" von Händel sehr gut überarbeitet hat.
      Dieses Stück hatte ich vor langer Zeit gemeinsam mit der Chaconne kennengelernt, aber ich wusste gar nicht, was das ist. Wusste nur, dass mir das Stück so gut gefiel. Endlich wiederentdeckt!
      Hier mehr Infos und gespielt von verscheidenen Interpreten:
      "https://www.earsense.org/chamber-music/Johan-Halvorsen-Passacaglia/?v=HUF9neEN81I"
      Hier die "Passacaglia" als Zugabe gespielt von Perlman und Zukerman:
      "https://www.youtube.com/watch?v=HSykOS-g_Fc"

      :wink:

      amamusica
      Ein Blümchen an einem wilden Wegrain, die Schale einer kleinen Muschel am Strand, die Feder eines Vogels -
      all das verkündet dir, daß der Schöpfer ein Künstler ist. (Tertullian)

      ...und immer wieder schaffen es die Menschen auch, Künstler zu sein.
      Nicht zuletzt mit so mancher Musik. Die muß gar nicht immer "große Kunst" sein, um das Herz zu berühren...