Wagner, Tristan und Isolde - Hamburgische Staatsoper - 28. Mai 2012 (Premiere war: 13. März 1988)

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    • Wagner, Tristan und Isolde - Hamburgische Staatsoper - 28. Mai 2012 (Premiere war: 13. März 1988)

      Wie an anderer Stelle hier schon angedeutet, waren wir über Pfingsten in Hamburg, und der Grund war der, daß ich die Inszenierung, die Ruth Berghaus noch zu DDR Zeiten als Gast in Hamburg auf die Bühne bringen durfte, und die ab und an in Hamburg immer mal wieder zu sehen ist (wo ich sie vor fünf Jahren zum letzten Mal sah und was dann ja auch den Auslöser bot, mich in einem uns wohl bekannten Forum mit Namen T... anzumelden und dort meinen ersten Beitrag zu verfassen ( http://www.tamino-klassikforum.at/index.php?page=Thread&postID=161363#post161363 ) (und der ganze Thread ist unter: http://www.tamino-klassikforum.at/index.php?page=Thread&threadID=5879 nachzulesen) ) noch einmal sehen wollte. In soweit war es also auch meine Reminiszenz an mein fünf-jähriges unter uns... :D

      Es war die "Premiere" der Wiederaufnahme, und gleichzeitig die 41. Vorstellung, vor fünf Jahren, am 17. Juni 2007, war es die 39. Vorstellung seit der Premiere am 13. März 1988. Und wie wir dem Spielplan für die nächste Spielzeit in Hamburg entnehmen können, steht diese "legendäre" Inszenierung auch nächsten Mai wieder in Hamburg auf dem Spielplan ( http://www.hamburgische-staatsoper.de/de/2_spielplan/index.php?tmpl=performance&event=97924&fromhl1=1 )

      Heinz Josef Heribort schrieb anläßlich der Premiere in der Zeit ( http://www.zeit.de/1988/12/liebes-nacht-in-der-turbine/ ) :

      "Unglaublich, welch tolle Bilder die Berghaus hier erfindet "

      Und das stimmt auch nach fast einem Vierteljahrhundert immer noch!

      Bevor ich aber darauf näher eingehe, erst einmal die Beteiligten:

      Musikalische Leitung: Simone Young
      Inszenierung: Ruth Berghaus
      Bühnenbild: Hans-Dieter Schaal
      Kostüme und Requisiten: Marie-Luise Strandt
      Chor: Florian Csizmadia
      Spielleitung: Petra Müller

      Tristan: Christian Franz
      König Marke: Peter Rose
      Isolde: Linda Watson
      Kurwenal: Boaz Daniel
      Melot: Moritz Gogg
      Brangäne: Katja Pieweck
      Ein Hirt: Jun-Sang Han
      Ein Steuermann: Levente Páll
      Stimme eines jungen Seemanns: Jun-Sang Han

      Die Mitwirkenden des Orchesters liste ich nicht alle auf, für Zwielicht sei angemerkt: Der Besetzungszettel nennt sie alle!

      Wir haben es mit drei unterschiedlichen Bildern zu tun, pro Aufzug eines.

      Im ersten Aufzug haben wir ein Schiffsdeck, mit Klappliegestühlen, und einer Empore auf der rechten Seite, die sowohl die Brücke als auch ein Ruhedeck darstellt. Links auf dem Deck haben wir eine Turbine, die das normale Deck beherrscht. Alles ist in Einheitsgrau gestrichen (in allen Aufzügen), und auch die Personen bringen nur wenig Farbe ins Spiel. Isolde und Tristan in dunkelviolettem Oberteil, und dunkelblauer Hose, Brangäne und Kurwenal ganz in Blau, die Matrosen in Schwarz. Am linken vorderen Eck des Deck ist ein Fahnenmast, an dem die Rüstung Morolds hängt, und vor dem Deck ist ein kleines Boot (das von Aufzug zu Aufzug größer wird).

      Im zweite Aufzug haben wir eine große graue Wand, die mittig einen riesigen Ventilator (oder auch wieder eine Turbine) besitzt, rechts eine kleine Empore, und links befindet sich eine Tür in der Mauer.

      Im dritten Aufzug ist der Mond in das Schiff gestürzt, und liegt zentral auf der Bühne. Rund um den Mond sind die schiefen Flächen des Schiffs, auf denen sich die Szenerie abspielt.

      Der Vorhang ist bei allen Vorspielen geschlossen, und auf ihm ist der Mond zu sehen, sowie noch einige weitere, kleinere Sterne, das Ganze umrahmt von einem Omega-förmigen weißen Fensterrahmen.

      Während des ersten Aufzugs zieht ganz langsam der Mond von links nach rechts hinter der Bühne durch.
      Im zweiten Aufzug kommt eine Lichtkugel (ist es die Sonne, oder auch der Mond?) hinter der Turbine zweimal von links nach rechts durch, und auch im dritten Aufzug taucht nochmals zusätzlich der Mond am Bühnenhintergrund ziehend auf.

      Wir befinden uns also im All (man denke an das Produktionsjahr, Star Wars et al. lassen grüßen), und Ruth Berghaus nutzt diese Umgebung, um die Leere, die sich durch die Unabwendbarkeit des Tranks, und was er bewirkt hat, auch fühlbar werden zu lassen. Das Ganze endet dann nach dem Liebestod, bei dem Isolde an den Bühnenrand nach vorne kommt, und sich der Vorhang senkt, darin, daß sie final den Mond umarmt, Dazu nochmals die Zeit von 1988:

      "Und so rudert Isolde ihn am Ende „hinüber": Rauch quillt - selbst das Universum ist verseucht, vergiftet, verschmutzt - aus der Kraterkugel, Marke hat nichts mehr zu segnen, Brangäne nichts mehr in die Arme zu schließen, beide verschwinden in den Klüften dieses Weltalls. Die höchste Lust aber vollzieht sich draußen vor geschlossenem Vorhang: Isolde umarmt den hier noch wieder intakten Mond. "

      Allein für dieses Schlußbild lohnt die Fahrt in den Norden unserer Republik. Aber auch die Liebeserklärung im zweiten Aufzug, die in der Turbine aneinander vorbei gesungen wird, mit dem finalen Liegen auf den Turbinenschaufeln, sich den Rücken jeweils zuwendend, ist so beeindruckend, daß ich es sehr erfreulich finde, daß diese Inszenierung immer mal wieder gespielt wird. Wenn man dann noch die Szene, in der dann Melot und Marke Tristan abführen, sowie Isolde ihm hinterher kommen soll, sieht, dann weiß man, daß die Buhs, die Ruth Berghaus damals nach der Premiere entgegennehmen mußte, vollkommene Ignoranz des Publikums bedeuteten. Das ist wirklich große Kunst.

      Auch musikalisch gab's nichts zu meckern, auch, wenn im dritten Aufzug manchmal die Spannung fehlte, und auch die Diktion gelegentlich von Tristan hätte etwas deutlicher sein können.

      Ich finde, es lohnt sich auf jeden Fall, diese Inszenierung in Hamburg anzusehen, sie hat auch nach fast einem Vierteljahrhundert nichts von ihrer Überzeugungskraft verloren.

      Matthias
      "Bei Bachs Musik ist uns zumute, als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf." (Friedrich Nietzsche)
      "Heutzutage gilt es schon als Musik, wenn jemand über einem Rhythmus hustet." (Wynton Marsalis)
      "Kennen Sie lustige Musik? Ich nicht." (Franz Schubert)
      "Eine Theateraufführung sollte so intensiv und aufregend sein wie ein Stierkampf." (Calixto Bieito)
    • Lieber Matthias,

      ich habe mich über diesen Beitrag ehrlich gefreut. Wir Aficionados der Hamburgischen Staatsoper kämpfen momentan ja ähnlich wie die Fans des HSV gegen den Abstieg - und da tut es natürlich gut, wenn von weiter südlich aus mal wieder an die alten Glanzlichter erinnert wird. Ich habe die Berghaus-Inszenierung in der Spielzeit, in der sie herauskam, zum ersten Mal gesehen und habe übrigens damals schon in einer der Folgevorstellungen nach der Premiere das Publikum unglaublich konzentriert, verblüfft und zum Schluss einhellig begeistert und enthusiastisch erlebt. Für mich war das die erste Begegnung mit einer Produktion, die man in die Rubrik "Regietheater" einordnen könnte. Und die fabelhafte Qualität dieser Inszenierung hat bis heute dazu geführt, dass ich mir einen differenzierten Blick auf das Phänomen Regietheater bewahrt habe. Obwohl ich mich bei vielen heutigen Regietheater-Produktionen bis aufs Blut gequält fühle, würde ich dank Ruth Berghaus' Tristan-Inszenierung dieses Phänomen nie in Bausch und Bogen verdammen. Es ist auch beim Regietheater einfach nur eine Frage des Könnens des Regisseurs , ob eine Inszenierung gelingt - das haben wir dann später auch bei dem Berghaus-Schüler Konwitschny grandios erlebt. Leider kann man heutzutage auch als staatlich subventionierter Schaumschläger, Stümper und Scharlatan seinen Hass auf die Oper und auf die Gesangskunst sowie sein handwerkliches Unvermögen als Regietheater intellektuell verbrämen. Aber Inszenierungen wie Tristan und Isolde von Ruth Berghaus sind ein Schatz und ein Erbe, das bewahrt werden muss - und gottseidank wird es hier in Hamburg auch gebührend gewürdigt und gepflegt.

      Viele Grüße
      Gerhard
      Oper in Hamburg: seit 1678 in 3D
    • Lieber Gerhard,

      freut mich, daß ich Dir mit meinem Beitrag eine Freude machen konnte. Meine Lebensgefährtin sagte, daß diese Inszenierung mit Abstand das Beste sei, was sie bisher gesehen habe, und sagte auch, daß z.B. im zweiten Aufzug die Spannung und Intensität der Zuschauer und -hörer im Zuschauerraum richtig deutlich spürbar war. Das kann ich bestätigen, ich habe es auch so empfunden. Das zeigt auch, wie gut die Arbeit von Ruth Berghaus ist, die ja nun leider immer nur alle 5 Jahr und auch wohl nur für jeweils drei Aufführungen wieder auf den Spielplan kommt (nächstes Jahr, im Wagnerjahr, ja leider sogar nur einmal (oder positiv gesagt: Außer der Reihe sogar ein weiteres Mal extra.)).

      Eine kleine Anekdote: Kurz vor Beginn der Vorstellung (als Simone Young schon am Pult stand) rief jemand links aus einem der Ränge: "Können wir heute mal versuchen, ohne Husten auszukommen?", was auch den gewünschten Erfolg hatte, es wurde wirklich deutlich weniger gehustet. Auch vor dem zweiten Aufzug rief er noch etwas, was aber leider nicht verständlich war, es ging im Klatschen beim Auftritt von Simone Young leider unter. Aber auch im zweiten und dritten Aufzug war sehr wenig an Husten zu hören, was höchst erfreulich war!

      Ja, auch wegen Konwitschny Inszenierungen bin ich schon nach Hamburg gekommen...

      Als Lektüre zu Ruth Berghaus empfehle ich Dir:



      Ich lese es gerade, und bin noch nicht ganz durch, es sind Berichte der Menschen, die mit Ruth Berghaus zusammengearbeitet haben, und diese Berichte wurden wohl so von 2008 bis 2010 aus der Erinnerung geschrieben. Jeder noch Lebende wurde um einen Beitrag zu einer bestimmten Inszenierung gebeten. Was z.B. Hans-Dieter Schaal über diese Tristan Inszenierung schreibt, ist mindestens so wundervoll, wie die Inszenierung selbst!

      Oder, was Margrit Steger über ihre Berliner Barbier von Sevilla Inszenierung schreibt, die ja zum Glück nach nun fast einem halben Jahrhundert auch immer noch gespielt wird, ist ebenso toll. Man erfährt da z.B., daß viele von Ruth Berghaus' Mitarbeitern sich auch immer noch um die Pflege der noch gespielten Inszenierungen kümmern, auch freiwillig und aus der Rente heraus.

      Schade nur, daß nur so wenig von Ruth Berghaus' Arbeiten auf DVD verfügbar ist, ich denke, da ist uns viel an kulturellem Schatz abhanden gekommen. Ich habe ihren Ring in Frankfurt damals gesehen, und war hin und weg.

      Liebe Grüße,

      Matthias
      "Bei Bachs Musik ist uns zumute, als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf." (Friedrich Nietzsche)
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      "Eine Theateraufführung sollte so intensiv und aufregend sein wie ein Stierkampf." (Calixto Bieito)
    • Lieber Matthias,

      die Produktion war ja in der Tat viele Jahre nicht auf dem Spielplan - und das hatte irgendwelche technischen Gründe, die - glaube ich - mit den genialen aber höchst komplizierten Bühnenbildern von Hans-Dieter Schaal zu tun hatten. Leider erinnere ich mich nicht mehr genau, was da los war. Kann sein, dass sie bei einem Brand im Magazin gelitten hatten oder nach einer Ausleihe an ein anderes Haus ramponiert wurden. Jedenfalls ist es mehr als erfreulich, dass man die Inszenierung jetzt wieder sehen kann.

      Herzlichen Dank für den Tipp zu der Lektüre. Das Buch kannte ich nicht und werde es mir bestimmt zu Gemüte führen.

      Übrigens auch schönen Dank für die Anekdote zu der Publikumsreaktion. Das erinnert mich an folgende Geschichte, die ein Freund von mir bei einem Konzert der Hamburger Philharmoniker in der Laeiz-Halle erlebt hat. Das Orchester kam auf das Podium, es wurde wie üblich präludiert und gestimmt . Dann trat Stille ein und das Saallicht ging aus. Aber der Dirigent ließ sich Zeit, und Zeit..... und Zeit....... Plötzlich eine Stimme aus dem Publikum: " Herr Kapellmeister, wir wären dann soweit!"


      Viele Grüße
      Gerhard
      Oper in Hamburg: seit 1678 in 3D
    • Und da ist noch ein tolles Buch über Ruth Berghaus:

      "Bei Bachs Musik ist uns zumute, als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf." (Friedrich Nietzsche)
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    • Vielen Dank für den Hinweis, lieber Matthias. Auch ich finde es nach wie vor lohnend, sich mit dem Schaffen von Ruth Berghaus zu beschäftigen.

      Übrigens was Berghaus' "Tristan und Isolde" angeht:
      Womit man eigentlich nicht gerechnet hätte - die neuen Hausherren der Oper Hamburg, Georges Delnon und Kent Nagano haben weitere Aufführungen dieser Produktion angesetzt. Unter Naganos Leitung singen Ricarda Merbeth (Isolde), Lioba Braun (Brangäne), Stephen Gould (Tristan), Wilhelm Schwinghammer (König Marke) und Werner von Mechelen (Kurwenal). Die Aufführungstermine sind 17. und 22. April sowie 1., 5., und 8. Mai 2016.


      Herzlichst
      ilbravo
      Oper in Hamburg: seit 1678 in 3D
    • Genau deswegen kam ich drauf, wir planen fest den 22.4. ein!
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