Puccini: Il trittico – Staatsoper Hannover, 02.06.2012

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    • Puccini: Il trittico – Staatsoper Hannover, 02.06.2012

      „Il tabarro“, eine düstere, dramatische, stark an den Verismo angelehnte Eifersuchtsgeschichte aus dem proletarischen Milieu der Pariser Binnenschiffer, „Suor Angelica“, ein tragisch-melodramatisches in einem Nonnenkloster angesiedeltes Werk, das musikalisch stark auf zarte Klangmalereien setzt, und schließlich Gianni Schicchi, eine von Dantes Göttlicher Komödie inspirierte Burleske voll von handfestem musikalischen Humor. Das sind die drei Komponenten, aus denen Giacomo Puccini sein 1918 uraufgeführtes Einakter-Triptychon schuf. Gestern war Premiere an der Staatsoper Hannover.

      Vergleichsweise selten werden die drei jeweils etwa einstündigen Einakter aufgeführt. Das könnte auch daran liegen, dass es eines beachtlichen personellen Aufwandes bedarf, um alle drei Opern an einem Abend auf die Bühne zu bringen. In Hannover wird das spätestens beim Schlussapplaus deutlich: so ziemlich das gesamte Ensemble der Staatsoper, ergänzt durch lediglich wenige Gäste, sowie der Opern- und Kinderchor befinden sich dann auf der Bühne.

      In Hannover hatte man relativ viel und relativ früh plakatiert: etwa seit Anfang Mai sind in der Stadt Plakate zu sehen gewesen, die die Vorstellungen des Trittico mit dem Slogan „You will die alone“ bewerben, wobei „You will die al…“ in schwarzer Schrift die ausgeschriebene Zahl „one“ auf der Rückseite einer Ein-Dollar-Note vervollständigt. Man weiß: irgendwie geht es in allen drei Opern um Tod, um Einsamkeit und Entfremdung und auch um Geld. Die Regie von Sebastian Baumgarten versucht dennoch nicht zwanghaft, die drei doch so verschiedenen Opern auf einen gemeinsamen Nenner herunterzubrechen. Vielmehr spielen alle drei Werke in einem von Alexander Wolf gebauten drehbaren Einheitsbühnenbild, in dem nach Art eines assoziativen Raums viele Eindrücke auf den Zuschauer einwirken. In diesem Zusammenhang wird sehr viel mit Lichtfarben und Videoprojektionen gearbeitet. Mal werden im Video marschierende Soldaten gezeigt, mal Textfragmente eingeblendet, bei denen es mitunter schwer fällt, einen unmittelbaren Zusammenhang zu dem weiteren Bühnengeschehen zu erkennen. Ich gebe es zu: meine Bühnenästhetik ist das nicht unbedingt, aber dennoch ist Baumgartens Regie Garant für einen recht kurzweiligen und auch anregenden Opernabend.

      Die Handlung aller drei Opern spielt meist in oder auf einem drehbaren mehrstöckigen Raumgebilde mit mehreren Trennwänden und Durchgängen, das in seiner Uneindeutigkeit gut gelungen ist. Zu Beginn jeder Oper werden Aktenzeichen auf dieses Gebilde projiziert, durch die, Kenntnisse der deutschen Aktenordnung der Justiz vorausgesetzt, sowohl der zeitliche als auch der sachliche Rahmen für das Folgende abgesteckt wird: Der Tabarro ist als Strafsache aus dem Jahr 1644 ausgewiesen und hat ein staatsanwaltliches Js-Aktenzeichen erhalten, Suor Angelica ist eine familienrechtliche Angelegenheit aus dem Jahr 1931, während Gianni Schicchi im Jahr 2032 angesiedelt ist. „Schuld“, „Sühne“, „Verheißung“ sind die weiteren Einblendungen zu Beginn der Opern.

      Die Protagonisten der ersten Oper des Abends, des Tabarro, stecken in absolut karnevalstauglichen Piratenkostümen, für die Marysol del Castillo verantwortlich zeichnet. Die Ladung, die von Michele und seinen Männern gelöscht wird, besteht in drei Käfigen, in denen sich von Statisten dargestellte dunkle Wesen befinden, die zunächst mit Nahrungsmitteln aus Eimern gefüttert und dann aus ihren Käfigen herausgelassen werden, um dann von Zeit zu Zeit über die Bühne zu huschen. Sklaven? Personifizierte Gefühle? Auch hier werden – wohl bewusst – Fragen offen gelassen. Deutlich wird, dass die Liebe Luigis zu Giorgetta weniger in dem Wunsch nach zärtlicher Zweisamkeit als in geschlechtlichem Begehren besteht. Luigi, stets x-beinig über die Bühne staksend, verteilt rote Zettelchen mit dem fünfzackigen Stern der Arbeiterbewegung, wobei man sich schon fragen kann, was das in dem Ambiente von Freibeutern und Menschenhändlern aus dem Jahr 1644 verloren hat. Luigi legt sich in einen der Käfige und lässt sich einsperren. Als er den Käfig in dem Wunsch nach dem verabredeten Treffen mit Giorgetta verlässt, wird er von Michele getötet. Der Mantel, nach dem diese Oper benannt ist, spielt in der Inszenierung keine Rolle, jedenfalls nicht im engeren Sinne. Michele begeht seine Morde an Luigi und Giorgetta, wie es sich für einen echten Piraten gehört, offen und schnörkellos mit blitzendem Messer, jedoch grotesk maskiert.

      Die Oper Suor Angelica schließt sich ohne Pause direkt an den Tabarro an. Die Bühne wird nur leicht gedreht, und zu sehen sind die Klosterschwestern, gewandet in klösterlich hochgeschlossene rötlich-orange Kleider. Das Klosterleben zu Beginn der Oper spielt sich zunächst weitgehend an der Rampe ab; die Nonnen sitzen aufgereiht auf Schemeln mit Blick ins Publikum. Später erscheint die Principessa in einem schwarzen uniformähnlichen Mantel; sie scheint irgendwie an Epilepsie zu leiden. Mit der dem Werk eigenen Süßlichkeit setzt sich die Regie nicht auseinander, diese wird vielmehr durch Videoeinblendungen eher weiter verstärkt. Ein ballspielendes Kind, ein wogendes Kornfeld sind zu sehen kurz bevor Angelica sich tötet. Etwas mehr Kreativität bei der Auswahl ihrer Bilder wäre der Regie hier zu wünschen gewesen. Nachdem sich Angelica vergiftet hat, bricht sie hinter einem weißen Vorhang zusammen, auf dem sodann als Projektion zu sehen ist, wie Angelica und ihr Kind Hand in Hand dem Bühnenhimmel entgegenschweben. Ganz am Ende ziehen zwei Schwestern den Vorhang weg und geben den Blick auf die Leiche Angelicas frei - doch noch einmal ein starkes Bild zum Schluss.

      Die Oper Gianni Schicchi zeigt eingangs die Verwandten des verblichenen Buoso Donati entsprechend dem „traurigen“ Anlass in schwarz, weiß und grau gekleidet, sie werden nicht nur durch die Musik sondern auch durch das ihnen von der Regie auferlegte zappelige Verhalten der Lächerlichkeit preisgegeben. Gianni Schicchi erscheint als durchaus weltgewandter Mann im schwarzen Anzug, Lauretta hingegen als etwas dümmliches Püppchen, das ihr „O mio babbino caro“ als Shownummer bei rosarotem Licht darbringt. Als sich Schicchi als Buoso Donati verkleidet, legt er dessen Militäruniform an, so dass sowohl von der Optik als auch vom Gestus her eine gewisse Ähnlichkeit zu Mussolini unübersehbar ist. Am Ende der Oper setzen die betrogenen Verwandten das von Schicchi ergaunerte Stadthaus in Brand. Flammen - natürlich als Videoprojektion - schlagen aus der Kulisse, während Rinuccio und Lauretta das goldene Florenz besingen: eine Art Weltenbrand am Ende des Triptychons als Kulmination der drei „Fälle“, wie sie im Programmheft bezeichnet werden. Der von Schicchi an das Publikum gerichtete gesprochene Schlusstext ist nicht der des Originals. Es wurde ein deutscher Text gewählt, der mit der Aufforderung „Kopf hoch!“ endet.

      Die Neuproduktion des Trittico wurde in Hannover insgesamt freundlich aufgenommen. Alle Beteiligten, auch das Regieteam, konnten sich über fast ungeteilte Zustimmung freuen. Die Bereitschaft, sich auf neue, auch eigenwillige Sichtweisen auf bekannte Werke einzulassen, ist in der niedersächsischen Landeshauptstadt in den letzten Jahren gewachsen. Buhs und Bravos waren nur ganz selten zu vernehmen.

      Unter den Sängern des Tabarro konnte Brian Davis mit schönem Bariton erneut für sich einnehmen, auch wenn in der Rolle des Michele die bei Davis zweifellos vorhandene Gesangskultur weniger gefragt war als die etwas weniger ausgeprägte stimmliche Vehemenz und Durchschlagskraft. Vincent Wolfsteiner, der Luigi dieser Aufführung, besitzt beachtliches Stimmmaterial, Feinheiten waren in dieser Rolle weniger gefordert. Kelly Gods Giorgetta zeigte sich trotz einiger schafer, harter Töne ebenfalls stimmlich auf der Höhe. Als Suor Angelica konnte Miriam Gordon-Stewart vor allem mit einigen sehr schönen Pianotönen punkten, auffällig ist aber auch, dass ihre Höhe mitunter ziemlich vibratoreich ist. Stefan Adam als Gianni Schicchi verfügt über einen voluminösen, eher rau klingenden Bariton und der Rolle angemessenes komödiantisches Talent. Die vielen, meist kleineren Solorollen des Gianni Schicchi konnten fast ausnahmslos aus dem Ensemble der Staatsoper besetzt werden, und das meist gut, wenn auch nicht herausragend. Nur Sung-Keun Park hatte mit seinem doch recht kleinformatigen Tenor trotz reichlich Nachdrückens leider bei weitem nicht ausreichend stimmliches Format für den Rinuccio – eine Fehlbesetzung. Karen Kamensek leitete das aufmerksame Niedersächsische Staatsorchester umsichtig mit präziser Zeichengebung, fast zu umsichtig, denn gerade dem Gianni Schicchi hätte man etwas mehr zupackende Wildheit gewünscht.

      Insgesamt ein interessanter Abend und ein schöner Erfolg für die Beteiligten an der letzten Hannoveraner Premiere der Spielzeit 2011/2012.
    • merkatz schrieb:

      Suor Angelica - eine der wenigen Opern, in denen es nicht um die übliche 08/15 Opern-Liebeskonstellation Mann-Frau geht, sondern um Mutterliebe.


      Naja. Auch hier wäre ohne die "übliche 08/15 Opern-Liebeskonstellation Mann-Frau" wohl nicht diese Handlung herausgekommen, wenngleich das alles in ferner Vergangenheit spielt. Aber eigentlich ist ja Suor Angelica nur die Fortsetzung einer hypothetischen Traviata, in der die Rollen von Violetta und Alfredo vertauscht sind und Giorgio eine Geschlechtsumwandlung zur Zia Principessa gemacht hat. ;+)

      Liebe Grüße,
      Areios
      "Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
      Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.
    • Areios schrieb:

      Naja. Auch hier wäre ohne die "übliche 08/15 Opern-Liebeskonstellation Mann-Frau" wohl nicht diese Handlung herausgekommen, wenngleich das alles in ferner Vergangenheit spielt.
      Ok, da hast du natürlich recht. Aber das was man in der Oper sieht ist halt nicht die sonst eher übliche "Wir nehmen eine Viertelstunde voneinander Abschied, drücken in Vergleichen aus wie sehr wir uns doch liebhaben" Handlung, sondern man sieht mal eine (reinere?) Form der Liebe, nämlich die Mutterliebe, die hier im Vordergrund steht. Und das finde ich schön als Thema für eine Oper :juhuu:

      Areios schrieb:

      eine Geschlechtsumwandlung zur Zia Principessa
      DAS wär mal ein Thema für eine Oper! :jub: :jub:
    • Dass diese drei Opern von Puccini nicht so bekannt sind wie Tosca mit ca. 340 Aufnahmen, oder La Bohéme mit ca. 338 Aufnahmen sind, merkt man auch an der Anzahl der Einspielungen:

      Bis 2007 waren es bei

      Suor Angelica - ca. 43 Aufnahmen
      Il Tabarro - ca. 50 Aufnahmen
      Gianni Schicchi - ca. 47 Aufnahmen