GOUNOD: Faust - Wiener Staatsoper - 13.6.2009

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    • GOUNOD: Faust - Wiener Staatsoper - 13.6.2009

      Gestern habe ich in der Wr.Staatsoper eine (fast) konzertante Aufführung von Gounods Faust gehört und gesehen. Es war die langweiligste (Nicht)Inszenierung, die ich je von dieser Oper gesehen habe. Kein Ansatz einer Personenregie, in kargen Bühnenbildern waren die Sänger sich selbst überlassen, keine Denkanstösse, eine derart zahme und langweilige Walpurgisnacht habe ich noch nie erlebt, Hexen in züchtigen Bikinis mit ein paar verrucht sein sollenden körperlichen Verrenkungen, das wars.

      Da zu kam noch das es praktisch keinen Mephisto in dieser Aufführung gab, Kwangchul Youn spielte kaum, sang mit einem Vibrato behaften eindimensional, keine Spurt von Ironie, Sarkasmus, Spott in Stimme und Spiel. Ich musste immer an die seligen Zeiten denken, wo noch Ruggiero Raimondi diese Rolle unvergleichlich sang und interpretierte.

      Piotr Beczala gab den Faust. Gesanglich, bis auf zwei kleine Ausrutscher am Beginn von "Salut...", wahrscheinlich nervlich bedingt, tadellos und er bemühte sich auch zu spielen, obwohl er ja kein wirklich guter Schauspieler ist.

      Soile Isokoski sang und spielte eine berührende Marguerite.

      Adrian Eröd war Valentin. Seine Stimme expandiert jetzt sehr in die Höhe, die geradezu aufblüht, allerdings muss er aufpassen, das dadurch nicht Defizite in der Tiefe entstehen. Ich vermeinte gestern erste Anzeichen dafür wahrzunehmen, und das wäre sehr schade für diese schöne Stimme.

      Die restliche Besetzung (Wagner: Hans Peter Kammerer, Siebel: Roxana Constantinescu, Marthe:Zoryana Kushpler) war solide und rollendeckend.

      Chor und Orchester unter Bertrand de Billy fand ich hervorragend.

      Lg. Erni
      Wir leben alle unter demselben Himmel, aber wir haben nicht alle denselben Horizont.
    • Ich kann Erni nur in allen Belangen zustimmen!
      Regisseur Nicolas Joel erkrankte während der Proben schwer und offensichtlich war niemand in der Lage, sein Regiekonzept - so überhaupt vorhanden - umzusetzen bzw. etwas Eigenes zu entwickeln. Das Ergebnis (?) ist derart peinlich für ein Haus wie die WSO, dass ich mich ernsthaft frage, warum man den "Faust" nicht gleich konzertant aufgeführt und sich somit viel Geld erspart hat. Ich hätte es ja nie für möglich gehalten, dass ich mich je nach unserer alten Ken-Russell-Inszenierung zurücksehnen würde, und trotzdem war genau das gestern der Fall. Denn abgesehen vom absurden Einfall, aus Marguerite eine Nonne zu machen und einiger alberner Mätzchen, die man aber leicht weglassen könnte, war sie wenigstens spannend.
      Diese aktuelle Stehpartie hingegen empfinde ich als Zumutung. Einige Szenen sind in ihrer Hilflosigkeit schon wieder unfreiwillig komisch, z.B. Auftritt Mephisto und Verwandlung des Faust - das sieht man in jeder Schüleraufführung origineller, vor allem wird da auch ambitionierter gespielt. Ansonsten werden fleißig Clichés bedient, angefangen von der Hahnenfeder am Hut Mephistos bis zur stickenden Marguerite (die kurz auch am Spinnrad sitzend gezeigt wird :wacko: ), und immer wenn der Teufel was zu sagen hat, wird die ansonsten "farblose" Bühne in blutiges Höllenrot getaucht. Ach nein..... Das Farbenspektrum für Bühnenbild (es gibt nur einige variable Stellwände) und Kostüme beschränkt sich auf Weiß, Grau und Schwarz, wobei Faust und Marguerite in die Farben der "Unschuld" gekleidet sind, wärend Mephisto im schwarzen Frack und Zylinder auftritt, allerdings mit roten Knöpfen und ebensolchen Handschuhen. Ein wahrlich kühner Einfall....(Ich musste immer an einen Zirkusdirektor denken :wacko: ) In der Walpurgisnacht vertauscht er dann die Diplomatenkluft gegen schwarzes Leder, behängt sich mit Eisenketten und Ohrklunker und darf seine wabbelige Brust entblößen. Es gibt ja Sänger, bei denen das durchaus nicht eines gewissen Reizes entbehrt, nur zählt Herr Youn ganz bestimmt nicht dazu - er wirkt leider wie die lächerliche Karikatur eines Altrockers.
      Der Chor steht brav gestaffelt auf der Bühne und singt seinen Text frontal ins Publikum, und dass einige der zum Nichtstun verurteilten Damen und Herren ziemlich gelangweilt wirkten, kann ich ihnen wahrlich nicht verdenken. (Wiederum wehmütige Erinnerungen an das bunte, bisweilen auch grelle Treiben in unserer alten Faustproduktion.......)

      Das szenische Desaster wurde allerdings vom mit einer Ausnahme hohen musikalischen Niveau dieser Aufführung wettgemacht. Anders als in einer erstklassigen Besetzung darf man diesen Schmarren einem zahlenden Publikum auch wirklich nicht zumuten.......
      Soile Isokoski sang eine sehr innige, berührende Marguerite, konnte aber ihrer Figur, von der Regie völlig im Stich gelassen, nur wenig Profil verleihen. Schloss man die Augen, hörte man eine sehr nuancierte musikalische Interpretation, öffnete man sie wieder, konnte man das Gesehene damit nicht so richtig in Einklang bringen.
      Pjotr Beczala fand ich stimmlich großartig :juhu: :juhu: Die beiden von Erni beanstandeten ;) kleinen Unsicherheiten hörte ich natürlich auch, doch scheint mir das angesichts der Gesamtleistung vernachlässigenswert. Insgesamt war für mich "Salut, demeure chaste et pure" ein Lehrbeispiel für Legatokultur und Phrasierungskunst, und die acuti habe ich live schon sehr lange nicht mehr so souverän gehört. Ich mag einfach auch das weiche, sehr farbenreiche Timbre von Beczala sehr und höre in seiner Stimme mühelos all die Emotionen, der er als Darsteller leider nicht adäquat umsetzen kann. Er bemüht sich zwar sehr, aber sein schauspielerisches Talent ist leider nicht sehr ausgeprägt.
      Selten erntet der Sänger des Valentin ebenso große Begeisterung wie der Faust - bei Adrian Eröd war dies aber völlig gerechtfertigt. :juhu: :juhu: :juhu: Mit seiner einfach perfekt vorgetragenen Arie löste er großen Jubel aus, und er zählt zur raren Spezies der wirklichen Singschauspieler, die auch ohne Regisseur ihrer Bühnenfigur Leben einhauchen können. Mit diesem Talent wirkte er gestern fast ein bisschen als Fremdkörper :stumm:
      Leider konnte der Mephisto des Kwangchoul Youn mit den anderen überhaupt nicht mithalten. Sein Vibrato störte mich weniger, aber das von Erni monierte Eindimensionale seines Singens, gepaart mit absolut null Ausstrahlung, ergab unter dem Strich einen Mephisto, der völlig uninteressant blieb. Nach meinem Geschmack passt auch sein eher helles Timbre überhaupt nicht zu dieser Partie, die auch in der Stimme etwas Diabolisches transportieren muss. Herrn Youn glaubte ich kein Wort, schon das Rondo vom Goldenen Kalb sang er so beiläufig, als handle es sich um ein harmloses Geburtstagsständchen. Natürlich ist es unfair, ihn mit dem meiner Meinung nach besten Mepisto der letzten Jahrzehnte, Ruggero Raimondi, zu vergleichen, aber eine gewisse Annäherung an dieses Ideal kann man von einem Sänger schon erwarten. Das Schlimmste, was ich einem Sänger vorwerfen kann, ist Langeweile, und dieser Mephisto langweilte mich von der ersten bis zur letzten Minute. In dieser Stimme schwang keine Spur der Eigenschaften mit, die für einen Mephisto meiner Meinung nach unverzichtbar sind: Schwärze, Gefährlichkeit, Zynismus, Verachtung, aber auch der Charme des Verführers, also eine geballte Ladung Erotik. Wie man die Domszene (leider auch absolut uninszeniert) stimmlich und darstellerisch derart vergeigen kann, ist auch schon wieder eine Kunst..... Das einzige Ausdrucksmittel :S , über das Youn zu verfügen scheint, ist der mit Vehemenz in den Nacken geworfene Kopf - das tut er in regelmäßigen Abständen und soll wohl für alle die Emotionen stehen, die mimisch und gestisch darzustellen er nicht in der Lage ist.

      Ein gewaltiges Plus dieses Abends war Bertrand de Billy am Pult, der die Philis zu einem inspirierten Spiel anleitete und die vielen Farben der Gounod'schen Musik prächtig zum Leuchten brachte. Selten habe ich das Orchestervorspiel so schön, so fein ausziseliert gehört. Zurecht umbrandete ihn bei seinem Solovorhang beinahe ebensolche Begeisterung wie Beczala und Eröd. Nicht verschweigen will ich allerdings, dass etliche Opernbesucher auch Herrn Youn durchaus bravowürdig empfunden haben.......
      lg Severina :wink:
      "Das Theater ist ein Narrenhaus, aber die Oper ist die Abteilung für Unheilbare!" (Franz Schalk)
    • Diese "Faust"-Aufführung der Wiener Staatsoper ist inzwischen vom Label Orfeo auch als Livemitschnitt auf CD veröffentlicht worden:

      Für die CD hat man die Aufführung vom 5. September 2009 mitgeschnitten, die gegenüber der hier besprochenen in der Besetzung bis auf eine Ausnahme identisch war. Statt Roxana Constantinescu singt auf der CD Michaela Selinger den Siebel. Ich habe die CD letzte Woche gekauft und nun schon einige Male gehört. Es ärgert mich allerdings, nebenbei bemerkt, etwas, dass sie gerade nachdem ich sie gekauft hatte, bei Amazon im Preis heruntergesetzt wurde - wie kann man nur so ein Pech haben!? :wut2: Außerdem empfand ich die Qualität und Ausstattung der CD-Box nicht so, dass sie den exorbitanten Preis gerechtfertigt hatte.
      Was die musikalische Seite der Produktion angeht, habe ich den Kauf allerdings nicht bereut und kann fast allem, was hier schon gesagt wurde, zustimmen. Piotr Beczala und Soile Isokoski sind ein rundum überzeugendes Protagonistenpaar, Beczalas Stimme klingt wie immer zum Niderknieen und die zum Zeitpunkt der Aufführung immerhin schon 52-jährige Isokoski verkörpert sehr überzeugend das brave junge Mädchen. Kwangchoul Youn mit seiner nachtschwarzen vollen Basstimme schätze ich normalerweise sehr, er war einer der Gründe, dass ich die Aufnahme gekauft habe, aber auch mich kann er im Endeffekt von den Protagonisten am wenigsten überzeugen. Die Gestaltung ist in der Tat eindimensional, auch beim reinen Hören, und die machtvolle Stimme wabert und tremoliert auch für meinen Geschmack ein Bisschen zu heftig. Auf der anderen Seite gelingen Youn aber auch ein paar wirklich schöne Momente.
      Adrian Eröd klingt in dieser Aufnahme wirklich sehr tenoral. Seine einfühlsame Gestaltung und die Schönheit seiner Stimme sind großartig, aber dieser schlanke helle Tenorklang ist in der Tat gewöhnungsbedürftig. In älteren Aufnahmen habe ich das bei Eröd so nie gehört und ich habe auch den Eindruck, dass er sich, je höher die Töne werden, umso wohler fühlt, in der Tiefe dafür aber verliert. Michaela Selinger mit ihrem jungen schlanken Sopran finde ich als Siebel sehr überzeugend, ich hätte allerdings auch gerne Roxana Constantinescu gehört, die ich vor vielleicht sechs oder sieben Jahren, bevor sie mit dem Engagement in Wien eine respektable Karriere begann, als junge Nachwuchshoffnung zwei Mal open air in der Burgruine von bad Lippspringe als Dorabella und als Isabella gehört habe.
      Bertrand de Billys gleichzeitig feines, differenziertes und, wo nötig, dramatisch zupackendes Dirigat empfinde ich auch, wie meine Vorschreiberinnen, als großen Pluspunkt der Produktion.

      Okay, eigentlich wollte ich nur auf die CD hinweisen, jetzt ist doch eine halbe Rezension daraus geworden. Passt das nun besser in den Thread zur Aufführung oder in die "Kommentierte Diskographie" des "Faust"? :rolleyes:
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde
    • Faust läuft gerade in großartiger Besetzung in Hannover.

      Mir wird bei dieser Musik übel, aber vielleicht kann ja ein echter Gounod-Fan mal eine kleine Rezension einstellen.

      :juhu:
      Ich habe eiserne Prinzipien. Wenn sie Ihnen nicht gefallen, habe ich auch noch andere.