Johannes Brahms: Sonaten für Cello und Klavier, op. 38 und 99

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    • Johannes Brahms: Sonaten für Cello und Klavier, op. 38 und 99

      Zwei Cellosonaten gibt es von Brahms, ich höre vor allem die erste sehr gerne.

      Die ersten beiden Sätze der e-Moll-Sonate, Op. 38 hat Brahms 1862 während eines Sommeraufenthalts in Baden-Baden komponiert, das Finale erst drei Jahre später. Besonders sommerlich klingt diese Musik nicht, vor allem der erste Satz hat eher etwas schwermütig-herbstliches. An zweiter Stelle stand ursprünglich ein Adagio, das Brahms aber später wieder gestrichen hat. Auch Clara Schuhmann konnte ihn nicht dazu überreden, diesen Satz zu veröffentlichen. So ist also der frühere dritte Satz nun der zweite, für meine Ohren ein recht schwerfälliger Tanz mit einem sanft-wiegenden Trio in der Mitte. Beim letzten Satz handelt es sich um eine Fuge, die deutlich von Bachs Kunst der Fuge inspiriert ist (Kontrapunktus 4 und 13).

      Die zweite Cellosonate in F-Dur, Op. 99, entstand 1886. Der erste Satz, ein Allegro vivace, vibriert vor Unruhe und Spannung. Im starken Kontrast dazu folgt ein langsamer Satz voller Innerlichkeit und Wärme - für mich der schönste Satz der Sonate. Zum Scherzo teilt Harenbergs Kammermusikführer mit, dass zu Beginn der Einsatz des Finales aus der 3. Sinfonie zitiert wird. Der vierte Satz ist ein lockeres, vergleichsweise gut gelauntes Rondo mit dramatischen Einsprengseln.

      Eine recht schöne Einführung in die e-Moll-Sonate bekommt man in der Reihe "http://www.br-online.de/podcast/mp3-download/br-klassik/mp3-download-podcast-starke-stuecke.shtml" "Starke Stücke" des Bayrischen Rundfunks zu hören.

      Gruß, Carola
    • Ins Schwärmen geraten kann ich über diese Aufnahme mit Anthony Leroy (Cello) und Sandra Moubarak (Klavier).



      Beide Namen sagten mir überhaupt nichts, ich habe die CD eher wegen des Labels gekauft, von ZigZag kam bisher nur Gutes in meine Sammlung. Und ich wurde nicht enttäuscht, hier stimmt in meinen Ohren einfach alles. Der weiche und doch kernige Klang des Cellos, das glockig-helle Klavier dazu - einfach wundervoll. Die beiden harmonieren prächtig miteinander, nie dominiert ein Instrument das andere. Ich bin mir nicht sicher, ob das Klavier eines aus dem 19. Jahrhundert ist, das Label lässt es vermuten. Es klingt jedenfalls phantastisch.

      Man bekommt die Aufnahme bei Amazonrecht günstig, da gibt´s aber keine Hörproben.

      Meine zweite Aufnahme ist die mit Gastinel (Cello) und Guy (Klavier):



      Auch diese Interpretation gefällt mir. Gastinel spielt das Cello, das einmal Pablo Casals gehört hat. Sie spielt eleganter und leichtfüßiger als Leroy, was vor allem den tiefsinnig-gründelnden Passagen ausgesprochen gut bekommt.

      Nun seid Ihr dran...

      Gruß, Carola
    • Mal so dazwischen:

      Carola schrieb:

      Eine recht schöne Einführung in die e-Moll-Sonate bekommt man in der Reihe "Starke Stücke" des Bayrischen Rundfunks zu hören.


      Danke dafür. Diese Reihe war mir bis gestern nicht bekannt, da ich BR-Klassik gar nicht empfange. höre mich gerade interessiert und genüßlich durch die einzelnen Folgen. :thumbup:

      :wink:
    • Carola schrieb:

      Zwei Cellosonaten gibt es von Brahms, ich höre vor allem die erste sehr gerne.


      Hätte ich bis vor kurzem auch gesagt, aber als ich gerade - mal wieder nach längerer Zeit - die beiden Sonaten gehört habe, fand ich die zweite Sonate deutlich faszinierender: gerade weil sie diese Brahms'sche Sprödigkeit hat, kein wirklich eingängiges Thema usw. Obwohl ich vieles von der formalen und musikalischen Konzeption vorerst nicht kapiere, fand ich das ständige Variieren der musikalischen Gestalten besonders schön (z.B. dieses charmante Grazioso-Abbiegen des energischen Hauptthemas in der Coda des Kopfsatzes!), auch die tollen klanglichen Effekte: z.B. die Tremoli des Cello am Ende der Exposition und vor allem am Ende der Durchführung, wozu das Klavier diese kryptischen Akkorde spielt. Und die Pizzicati im zweiten und vierten Satz, dort besonders in der Coda. (Die ganze Zeit hab ich mich gefragt, woran mich der Beginn des zweiten Satzes mit der Pizzicato-Begleitung erinnert, jetzt ist's mir eingefallen: das Largo aus Beethovens op. 2 Nr. 2.)

      Die erste Sonate dagegen trumpft gleich am Anfang mit dem schönen sanglichen Hauptthema auf, ist überhaupt im ersten Satz sehr kantabel. Und als Konzeption finde ich das Werk auch interessant: gewissermaßen eine Reise in die musikalische Vergangenheit von der Romantik (Kopfsatz) über Haydn/Mozart (Quasi Menuetto) bis zu Bach (Finale). Ich geb aber zu, dass mir der erste Satz ein wenig langstielig geworden ist und das Hakelige im dritten Satz nicht so meine Sache ist. Auch die Proportionen: der Kopfsatz ist mit Expositionswiederholung weit länger als die beiden Folgesätze zusammen... (dies, bevor ich hier zusammengestaucht werde, nur erste subjektive Eindrücke, nachdem ich das Werk wiedergehört habe).

      Diese CD habe ich in den Player geschoben:



      Wage ich erstmal nicht zu beurteilen.


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Zwielicht schrieb:

      (dies, bevor ich hier zusammengestaucht werde,

      Du hast vielleicht Sorgen! Ob nun erste oder zweite Sonate, ich bin ja froh, dass hier überhaupt jemand eine Brahms-Cellosonate hört. Vielleicht können wir uns darauf einigen, dass die erste Sonate auf bisherige Cellosonaten- oder Brahms-Muffel wahrscheinlich eingängiger wirkt. Aber ich werde mir jetzt die zweite Sonate noch ein paar Mal anhören und besonders auf die von Dir erwähnten schönen Stellen achten (falls ich sie finde).

      Inzwischen habe ich auch noch eine Rezension bei "http://www.klassik-heute.de/kh/3cds/20070508_18227.shtml" klassik-heute gefunden, die meine Begeisterung für die Leroy/Moubarak-Aufnahme teilt und viel besser begründet, als ich das kann.

      Gruß, Carola
    • Zwielicht schrieb:

      Carola schrieb:

      Zwei Cellosonaten gibt es von Brahms, ich höre vor allem die erste sehr gerne.


      Hätte ich bis vor kurzem auch gesagt, aber als ich gerade - mal wieder nach längerer Zeit - die beiden Sonaten gehört habe, fand ich die zweite Sonate deutlich faszinierender: gerade weil sie diese Brahms'sche Sprödigkeit hat, kein wirklich eingängiges Thema usw. Obwohl ich vieles von der formalen und musikalischen Konzeption vorerst nicht kapiere, fand ich das ständige Variieren der musikalischen Gestalten besonders schön (z.B. dieses charmante Grazioso-Abbiegen des energischen Hauptthemas in der Coda des Kopfsatzes!), auch die tollen klanglichen Effekte: z.B. die Tremoli des Cello am Ende der Exposition und vor allem am Ende der Durchführung, wozu das Klavier diese kryptischen Akkorde spielt. Und die Pizzicati im zweiten und vierten Satz, dort besonders in der Coda. (Die ganze Zeit hab ich mich gefragt, woran mich der Beginn des zweiten Satzes mit der Pizzicato-Begleitung erinnert, jetzt ist's mir eingefallen: das Largo aus Beethovens op. 2 Nr. 2.)


      Tatsächlich! Hier besteht eine gewisse Ähnlichkeit. Die letzten beiden Sätze finde ich thematisch durchaus einprägsam. Es ist schon ein recht typisches Brahms-Werk aus dieser Zeit, von ähnlicher Knappheit wie die Trios c-moll und C-Dur, die ebenfalls da herum komponierten Violinsonaten sind allerdings melodisch wesentlich eingängiger.


      Die erste Sonate dagegen trumpft gleich am Anfang mit dem schönen sanglichen Hauptthema auf, ist überhaupt im ersten Satz sehr kantabel. Und als Konzeption finde ich das Werk auch interessant: gewissermaßen eine Reise in die musikalische Vergangenheit von der Romantik (Kopfsatz) über Haydn/Mozart (Quasi Menuetto) bis zu Bach (Finale). Ich geb aber zu, dass mir der erste Satz ein wenig langstielig geworden ist und das Hakelige im dritten Satz nicht so meine Sache ist. Auch die Proportionen: der Kopfsatz ist mit Expositionswiederholung weit länger als die beiden Folgesätze zusammen... (dies, bevor ich hier zusammengestaucht werde, nur erste subjektive Eindrücke, nachdem ich das Werk wiedergehört habe).
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      Ich liebe den dritten Satz der Sonate sehr und ebenso die Themen des Kopfsatzes. Der Kopfsatz ist etwas langatmig, aber nur unwesentlich (ca. 1 min, je nach Tempo) länger als die mutmaßlichen Vorbilder, nämlich Beethovens op.69 und Schumanns "Arpeggione". Letztere hat einen ähnlich dominanten Kopfsatz (und noch extremer ist das bei den beiden frühen Beethovensonaten) Brahms hat ja ein adagio gestrichen, weil die Sonate sonst zu lang geworden wäre. Allerdings finde ich den Mittelsatz selbst jetzt einen etwas schwachen Kontrast, zumal der auch in Moll steht und nur unwesentlich bewegter als der Kopfsatz wirkt, d.h. es dauert ca. 15-18min bis endlich im Finale die Post abgeht.
      Das A-Dur-Klavierquartett ist ähnlich breit angelegt, insofern ist das für Brahms in dieser Phase nicht ungewöhnlich.
      Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
      (B. Pascal)
    • Zwielicht schrieb:

      die Tremoli des Cello am Ende der Exposition und vor allem am Ende der Durchführung, wozu das Klavier diese kryptischen Akkorde spielt
      So kryptisch sind diese Akkorde gar nicht: Der Quartsprung vom Beginn des Hauptthemas wird zunächst in verschiedenen harmonischen Varianten wiederholt, um schließlich (ab T. 112) in den kompletten Themenkopf (Tonfolge c-f-as-g-d-c-b) in der Vergrößerung zu münden und so die Reprise vorzubereiten.


      Viele Grüße,

      Christian
      "Herr Professor, vor zwei.Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
      "Mir nicht."
      (Theodor W. Adorno)
    • Kater Murr schrieb:


      Brahms hat ja ein adagio gestrichen, weil die Sonate sonst zu lang geworden wäre.

      Harenbergs Kammermusikführer vermutet, dass Material aus diesem gestrichenen langsamen Satz später in die zweite Cellosonate eingearbeitet wurde. Wirklich tragfähige Anhaltspunkte dafür scheint es aber nicht zu geben, jedenfalls schreibt Harenberg dazu nichts.

      Gruß, Carola
    • Carola schrieb:

      Zitat von »Kater Murr«

      Brahms hat ja ein adagio gestrichen, weil die Sonate sonst zu lang geworden wäre.

      Harenbergs Kammermusikführer vermutet, dass Material aus diesem gestrichenen langsamen Satz später in die zweite Cellosonate eingearbeitet wurde. Wirklich tragfähige Anhaltspunkte dafür scheint es aber nicht zu geben, jedenfalls schreibt Harenberg dazu nichts.
      Harenbergs Kammermusikführer vermutet so manches... Der Stand der Forschung ist eher im Brahms-Handbuch (Bärenreiter/Metzler 2009) zu finden, wo Christiane Wiesenfeldt über die Cello-Sonaten schreibt. Die Vermutung, dass ein langsamer Satz existiert habe, geht auf Max Kalbeck und dessen Brahms-Biographie zurück. Ansonsten ist die Sonate zwar in Brahms' eigenhändigem Werkverzeichnis als viersätzig verzeichnet, es ist aber dennoch unklar, ob ein langsamer Satz nur geplant war oder tatsächlich existiert hat. Clara Schumann hat in einem Brief das Fehlen eines solchen Satzes bedauert, was aber keine weiteren Rückschlüsse zulässt. Im Briefwechsel zwischen Brahms und dem Widmungsträger Gänsbacher ist von einem solchen Satz an keiner Stelle die Rede, was doch immerhin merkwürdig wäre, wenn Gänsbacher dessen Fehlen (laut Kalbeck) als "schmerzlich" empfunden hätte. Wenn schon die Existenz des Satzes zweifelhaft ist, so gehört laut Christiane Wiesenfeldt Kalbecks Behauptung, Brahms habe diesen in der zweiten Cello-Sonate verwendet, "vollends in das Gebiet der Spekulation".

      Viele Grüße,

      Christian
      "Herr Professor, vor zwei.Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
      "Mir nicht."
      (Theodor W. Adorno)
    • Mir war die zweite Cellosonate ursprünglich zuwider, da ich sie als extrem hektisches Geplärre wahrgenommen habe (natürlich nur den ersten Satz). Viele Jahre später, und mit einem Moderne-geeichten Ohr, gefällt mir das Werk viel besser. Trotzdem hat für mich die erste Sonate immer noch die Nase vorne. Ich glaube übrigens auch nicht unbedingt an einen herausgenommenen langsamen Satz. Mendelssohn hatte in seiner ersten Cellosonate, einem Werk von ähnlicher Länge, auch nur einen Tanzsatz im schnelleren Tempo eingefügt (Allegretto scherzando statt Allegretto quasi Menuetto, wie hier bei Brahms). Die von Carola vorgestellte Einspielung von Leroy und Moubarak finde ich ebenso fantastisch. Gefällt mir eindeutig besser als die - ebenfalls gute - Einspielung von Gerhardt und Groh, die zweite, welche ich besitze.
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Kurz dazwischen geworfen: Es gibt sehr, sehr viele fantastische Einspielungen der Sonaten, darunter viele, die hier noch nicht genannt wurden. Die Aufnahme von Leroy und Moubarak der Sonate Nr. 1 aus 2006 habe ich soeben gehört und finde ich gut. Nur:

      Zuvor gehört hatte ich die Sonate mit Starker und Sebők (1964):



      Mein zugespitzter Eindruck: Leroy spielt sehr gut, Starker hingegen wie ein Gott, dessen Mittel unendlich sind.

      Bei Leroy entsteht in mir das Gefühl der Wiederholung, wenn die Themen wiederkehren. Bei Starker kehrt nichts wieder, sondern ist alles Teil eines von Anfang an meisterlich disponierten Klangdramas, das unglaublich fesselt, von den brutal-abrupten Enden der Phrasen zu Beginn bis zu der gänzliche anderen, fahlen Tonfarbe am Ende. In jeder Hinsicht meisterlich. Bin schwer beeindruckt. Reinhören lohnt sich. Ist allerdings keine Entdeckung, sondern ein Klassiker. Gibt es jetzt günstig bei apex.
    • Ich höre gerade

      die 2. Sonate mit Rubinstein und Piatigorsky und finde das, was ich höre, ausgezeichnet.
      Ich gebe allerdings zu, das es wohl erst mein zweites oder drittes Hören der Sonate überhaupt ist.
      Gruß aus Kiel
      Ich vergesse niemals ein Gesicht. Doch bei Ihnen mache ich eine Ausnahme! (Groucho Marx)
    • Hallo zusammen,

      ich bin gerade höchst erfreulich "geflasht" von dieser Aufnahme:



      Das war eher so ein Verlegenheitskauf. Beifang, weil eben 5,99 EUR, Brahms und SACD (in dieser Reihenfolge :D ).
      Torleif Thedeen und Roland Pöntinen sind bei mir in der Schublade "gut und verlässlich" abgelegt. Künstler, die man gerade bei wenig bekanntem Kompositionen bedenkenlos durch Kauf supporten kann, die aber den bekannten Werken des Repertoires nicht zwingend einen so gewaltig großen Stempel aufdrücken, dass sie damit aus der Masse der Aufnahmen herausragen. Was die beiden aber HIER zu bieten haben, in diesen rauf und runter eingespielten und (von mir) konsumierten Werken, dass ist einfach wahnsinnig packend. Hochdramatisch und durchflossen von einer so sehr, sehr selten gehörten Energie und Kraft! Dann wieder in den ruhigen Momenten bis zum Stilstand ausgehört, nachgefühlt - Wahnsinn. Großartiger Klang. Referenzaufnahme (nein, "kleiner" geht's dieses Mal echt nicht).
      Als Bonbon, für diejenigen, die fälschlicherweise annehmen, sie bräuchten diese Deutung nicht, gibt es ein Arrangement der Sonate op. 78, erarbeitet vom Komponisten Paul Klengel (Bruder von Julius). Die funktioniert sogar sehr gut. Selbst wenn ihr das Behände etwas abgeht, hat diese Version im Schwelgerischen und auch in der Neudefinition des Zusammenspiels mit dem Klavier ihre Qualitäten. Kann man machen. :)
      Kaufen - tut's für euch, ist doch bald Weihnachten!

      :verbeugung1: :verbeugung1: :verbeugung1: :verbeugung1:

      Kritik:
      arkivmusic.com/classical/album.jsp?album_id=489247
      klassik-heute.com/4daction/www_medien_einzeln?id=19734

      Viele Grüße
      Frank
      :cincinbier:
      "it's hard to find your way through the darkness / and it's hard to know what to believe
      but if you live by your heart and value the love you find / then you have all you need"
      - H. W. M.