Lortzing: Der Wildschütz - Landestheater Detmold, 15. Juni 2012

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    • Lortzing: Der Wildschütz - Landestheater Detmold, 15. Juni 2012

      Als letzte Premiere in dieser Spielzeit brachte das Landestheater Detmold Albert Lortzings "Der Wildschütz" heraus. Da diese Oper schon seit dem Beginn meiner Opernleidenschaft zu meinen absoluten Lieblingen gehört und vor der Sommerpause nur zwei Mal gespielt wird, bin ich, was ich sonst eigentlich nie tue, gestern nach Detmold gefahren und in die Premiere gegangen. Eigentlich stelle ich meine Berichte immer ins "Opern-Telegramm", nachdem ich in der letzten Zeit aber beobachtet habe, dass fast alle anderen Berichterstatter für ihre Texte eigene Threads aufmachen, halte ich das dieses Mal auch so und hoffe, dass das Thema dadurch ein paar Leser mehr bekommt.

      Ich beginne damit, etwas zur musikalischen Seite der Aufführung zu schreiben. Den Grafen von Eberbach, der als Figur im Zentrum der Inszenierung stand, sang Jundong Kim. Der junge Koreaner ist Mitglied des Opernstudios am Landestheater und wurde zum ersten Mal mit einer so großen Rolle betraut. Leider konnte er seine Chance nicht nutzen. Der kleine, zierliche Mann war von der Ausstatterin in ein lächerliches Kostüm gesteckt worden, hatte sowohl im Dialog als auch beim Singen mit der Sprache hörbare Probleme und gefiel uns auch musikalisch von allen Hauptdarstellern am wenigsten. Seine Stimme ist so klein, dass er kaum über das Orchester hinweg kam – und das Theater in Detmold ist nicht groß und Lortzing eigentlich wirklich kein Komponist, der die Sänger zum Brüllen zwingen würde.
      Seine Gattin, die Gräfin Eleonore, gab Evelyn Krahe. Mit markantem Alt und gewohnter Bühnenpräsenz machte sie die Figur zum Zentrum des zweiten Aktes. Musikalisch wie szenisch war das eine eindringliche Darstellung.
      Kommen wir zum zweiten Paar. Für den Baron Kronthal hatte man mit Peter Diebschlag einen Gastsänger engagiert. Diebschlag ist kein begnadeter Darsteller, aber er machte seine Sache solide. Sängerisch fand ich ihn sehr gut, die Stimme ist nicht sonderlich groß, passte mit ihrem lyrischem Schmelz und ansprechendem Timbre aber gut zur Weltschmerz-Attitüde der Figur.
      Die weibliche Hauptrolle, die Baronin Freimann, war wieder aus dem Ensemble besetzt. Catalina Bertucci singt schon seit einiger Zeit in Detmold fast alle Hauptrollen für leichte lyrische Soprane, vor allem wenn es um Mozart u. ä. geht. Neben Jundong Kim war sie die zweite Nicht-Muttersprachlerin im Ensemble, was beim Singen so gut wie gar nicht auffiel, im Dialog aber manchmal etwas holperig wirkte. Ansonsten gibt es da nichts zu kritisieren, das war eine tadellose, souveräne Leistung, die zurecht allgemein gelobt wurde.
      Dann gibt es noch das „niedere Paar“, aus dessen Sicht wir einen Großteil der Geschichte erzählt bekommen. Dirk Aleschus gab den Baculus und hatte sichtlich seine Freude an dieser nicht totzukriegenden Rolle. Aleschus war ein bis zwei Köpfe größer als seine Mitspieler, ein Koloss von einem Mann mit dröhnender Bassstimme. Die Einsätze im Billiardquintett, die Phantasien von den 5000 Talern donnerten durch den Saal, dass es eine wahre Freude war. Dabei ist die Stimme durchaus nicht nur laut, sondern vor allem auch rund und schön geführt. Die Rolle war Aleschus wie auf den Leib geschrieben, die Spielfreude ging allerdings manchmal so mit ihm durch, dass er in einigen Parlando-Passagen dem Orchester musikalisch davon lief. Seine Braut Gretchen sang Sarah Davidovic, klein, zierlich und mit blonder Zopfperücke ein komischer Kontrast zu ihrem gewaltigen Bräutigam, der sie, ungerührt weiter singend, hin und wieder auf dem Arm oder der Schulter quer über die Bühne trug. Davidovic bot eine hervorragende Leistung, darstellerisch wie musikalisch. Die Stimme, ein klarer, heller Sopran mit angenehmem Timbre, wurde sicher und musikalisch geführt, aufgefallen ist mir die hervorragende Textverständlichkeit, die ja gerade bei solchen Stimmen nicht selbstverständlich ist.
      In den kleinen Rollen glänzten Britta Strege als Nanette und Michael Klein als Pancratius, die alle beide ihren Episodenrollen eigenen Charakter und Profil verleihen konnten. Es spricht für die Qualität des Detmolder Ensembles, dass solche hervorragenden Sänger und Darsteller für kleine Rollen aufgeboten werden können.

      Chor, Extrachor, Kinderchor und Orchester des Landestheaters Detmold wurden geleitet von Matthias Wegele, dem 1. Kapellmeister des Hauses. Das differenzierte und präzise Orchesterspiel war sehr erfreulich, ich fand, man merkte den Musikern an, dass alles gerade frisch geprobt wurde und bei einer Premiere auch im Orchester nicht so leicht Routine aufkommt. Die gelegentlichen Unstimmigkeiten zwischen Bühne und Graben waren marginal und gehören bei einer Liveaufführung wohl dazu.

      So, nun muss ich wohl auch noch etwas zur Inszenierung schreiben. Die hatte man Christian Jérome Timme übertragen, eigentlich Regieassistent für das Musiktheater am Landestheater. Handwerklich war seine Regiearbeit tadellos, präzise und durchdacht bis in die Details. So wurde fast jeder Figur des Chores eine gewisse Individualität verliehen, es gab kleine Geschichten am Rande, nie herrschte auf der Bühne Leerlauf. Gut funktionierte auch das Absetzen der gleichzeitig gesungenen reflektierenden Teile der Ensembles von den die Handlung vorantreibenden durch die plötzliche Veränderung der Beleuchtung. Auch an der präzisen (bei der Premiere noch nicht abgenutzten) Personenregie merkt man, dass Timme sein Handwerk beherrscht.
      Trotzdem bin ich mit seiner Inszenierung nicht einverstanden. „Der Wildschütz“ ist eine Komödie. Es ist eine ausgesprochen pessimistische Komödie, die typischen Elemente vorrevolutionärer Adelskritik kommen vor, die bürgerliche Gesellschaft wird aber nicht als positiver Gegenentwurf gezeigt, sondern genauso karikiert wie der Adel und als genauso zum Scheitern verurteilt vorgeführt. Komödie zu sein und gesellschaftskritische Spitzen zu enthalten schließt sich ja nicht aus. Im Gegenteil, Lortzings feine Ironie und Parodie wirkt manchmal entlarvender als ein handfestes Pamphlet.
      Christian J. Timme hat sich entschieden, keine Komödie zu inszenieren. Er hat fast alle witzigen Dialogpassagen gestrichen, dafür sehr pathetische eingefügt, die im Original nicht vorkommen. Er hat Situationskomik eliminiert, so jagen sich am Ende des Billiardquartetts die Personen nicht um den Tisch herum und erhaschen, als das Licht wieder angeht, jeweils jemand falschen, sondern sie stehen starr da und singen einfach nur. Das stereotype „Wie närrsch“ des im Original sächselnden Haushofmeisters fehlt ebenso wie fast alle Anspielungen auf den Sophokles-Spleen der Gräfin. Lachen unerwünscht! Was bleibt aber noch von einer Komödie, wenn man ihr die Komik nimmt. Was bleibt noch vom Theaterpraktiker Lortzing, wenn man seine Coups de theatre streicht?
      Timme inszeniert die Geschichte eines adligen Monsters, vor dem seine Familie und seine Untertanen angstbebend im Staub kriechen. Mit dem Jagdlied (Partiturnummer 5) brechen der Graf, der Baron und ihre Jagdgesellschaft durch die Wand in die bürgerliche Idylle ein. Gejagt wird kein Rehbock, sondern ein Bauernmädchen, dass die Herren einkreisen und zu den Klängen ihres Männerchores der Reihe nach vergewaltigen – der Herr Graf zuerst, dann der Stallmeister, dann der ein oder andere vom Rest. Während der Lesung der Gräfin im zweiten Akt lässt sich der gnädige Herr vom Haushofmeister zwei gefesselte Dienstmädchen bringen, mit denen er dann verschwindet. Während des Vorspiels zu seiner großen Arie, die den dritten Akt eröffnet, vergewaltigt und verprügelt er erst seine Ehefrau, während der ersten Strophe lässt er sich von Pancratius wieder zwei Dienstmädchen vorführen, während der zweiten Strophe steigt er dann mit einer nackten Statistin in die Badewanne, während die Gräfin ihren Ekel in einen bereitstehenden Eimer auskotzt.
      Alles hat Angst vor diesem unberechenbaren Monstrum, das Macht hat und sie gnadenlos ausnutzt, das die eigene Frau verprügelt und vergewaltigt, die Dienstboten gefesselt herumlaufen lässt, die Frauen des Dorfes allesamt schon einmal geschwängert hat (im Finale demonstrieren sie im die Früchte seiner brutalen Eskapaden gerade zum Text: „Die Frau Gräfin auch nicht minder; leider mangeln noch die Kinder, sonsten ließen wir daneben auch noch die Familie leben“). Die Darsteller setzen das alles sehr überzeugend um, stellten sich ganz in den Dienst des ungewöhnlichen Regiekonzeptes.
      Ich werfe Christian Timme nicht vor, dass er etwas in das Stück hineininterpretiert hätte, was da nicht drinsteckte. Natürlich sind da Anspielungen auf das Klischee der adeligen Libertinage und natürlich können wir uns heute kaum noch vorstellen, was sich so ein Landadliger alles erlauben konnte. Im Programmheft wird auf den zeitgenössischen Fall des Grafen Edmund von Hatzfeldt-Wildenburg hingewiesen. Mir ist das in der Darstellung aber einfach zu krass. Wenn ich beim Zuschauen beginne, mich zu ekeln und wegzugucken, dann will ich das einfach nicht mehr. Aus dem gleichen Grunde gucke ich mir auch keine skandinavischen Krimis an und mag ich die Bilder von Callot nicht.
      Zum einen bekommt es der Inszenierung nicht, dass sie sich auf dieses eine Thema konzentriert und alle anderen Aspekte entweder weglässt oder so zurechtbiegt, dass sie sich einfügen. Zum anderen ist mir die Inszenierungzu plump und zu plakativ. Die parodistischen Spitzen in Lortzings Text sind mir lieber als die Sex- und Gewaltphantasien des Herrn Timme. Ich glaube dem Regisseur viele Dinge auch, wenn er sie nicht drei Mal mit Textmarker unterstreicht.

      Musikalisch hat dieser Detmolder „Wildschütz“ also große Meriten, szenisch ist er ein ziemlicher Reinfall. Das sah auch der Rest des Premierenpublikums im seltsamerweise nicht ausverkauften Landestheater so. Es gab freundlichen Applaus für die Darsteller, besonderen Jubel für Dirk Aleschus und die Damen Bertucci und Davidovic, und einhellige Ablehnung mit kräftigen Buhs für Regiesseur Timme, die er mit Fassung und roten Schuhen trug.
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde
    • 2. Vorstellung, 16.06.

      Ich sah die zweite Vorstellung dieser Inszenierung und mir hat diese Sichtweise zwar nicht unbedingt gefallen, aber sie erschien mir weitesgehend schlüssig. Die Arie "Heiterkeit und Fröhlichkeit" habe ich selber oft gesungen und habe dabei den Subtext der Arie so gefühlt, wie ihn der Regisseur ausgelebt hat. Nichts desto trotz hätte Regisseur Timme zuweilen auch etwas feinfühliger zu Werke gehen können, da auch Lortzings Musik seine Kritik durchaus mit einem Augenzweinkern versieht. Auch bei uns war Bertucci der Star des Abends, zudem hatten wir mit James Tolksdorf einen tollen Grafen Eberbach. Musikalisch lohnt sich der Besuch in Detmold sowieso! Über die Inszenierung kann man streiten.
      http://wotans-opernwelt.blogspot.com/
    • Lieber Peter,

      wie schön, noch eine weitere Stimme zu dieser nicht einfachen Detmolder "Wildschütz"-Produktion zu hören! Willst du dir vielleicht noch die Zeit nehmen, eine genauere Kritik aus deiner Sicht zu schreiben?

      Peter Michaelow schrieb:

      Ich sah die zweite Vorstellung dieser Inszenierung und mir hat diese Sichtweise zwar nicht unbedingt gefallen, aber sie erschien mir weitesgehend schlüssig.

      Im Prinzip sehe ich das genauso. Die Inszenierung ist in sich weitgehend schlüssig und sie interpretiert auch kaum etwas in das Stück hinein, was da nicht drin wäre. Gefallen hat sie mir trotzdem ebensowenig wie du, denn

      Peter Michaelow schrieb:

      Nichts desto trotz hätte Regisseur Timme zuweilen auch etwas feinfühliger zu Werke gehen können, da auch Lortzings Musik seine Kritik durchaus mit einem Augenzweinkern versieht.

      Eben! Lortzing schreibt ein radikal modernes (für seine Zeit, nicht für unsere!) und ein radikal pessimistisches Stück. Er verpackt das aber in eine leichte, lockere Komödie, die deutlich das Vorbild der "Hochzeit des Figaro" zitiert. Wie oben geschrieben ist mir Lortzings treffsicherer Humor, sind mir seine satirischen, ironischen Spitzen viel viel lieber als die Explizitheit der Gewalt- und Sexphantasien des Herrn Timme. Ich habe an manchen Stücken weggucken müssen, weil mir das körperlich zuwider war, was ich da gesehen habe. So eine heftige Inszenierung passt nicht zu einer Komödie! Kurz gesagt, ich habe nichts gegen die Sichtweise von Timme, aber die Umsetzung war mir zu plump und zu plakativ - und gerade das ist Lortzing nun wahrlich nicht.

      In der Rezension der Internetseite "Opernnetz" (ist die von dir?), die ich in der Beschreibung der Inszenierung und der Gesangsleistungen größtenteils sehr treffend fand (toll, dass Britta Strege trotz ihrer kleinen Rolle als prägende Sängerdarstellerin hervorgehoben wird, ich habe das genauso empfunden!), ist zu lesen: "Dabei ist zu erwarten, dass Timmes Regiekonzept Ablehnung mit sich bringen wird, die nicht nur in einigen platten Sexszenen begründet ist. Doch das sehr konservativ erscheinende Publikum lacht eh am lautesten, wenn in den nahezu ungekürzten Dialogen der Biedermeier vorgeführt wird, und ist dann empört, wenn das Lustspiel in bitteren Zynismus umschlägt". Ich habe mir am Montag aus der Bibliothek das Lustspiel Kotzebues besorgt, das Lortzing als Vorlage für sein Libretto gedient hat und inzwischen beim Lesen festgestellt: Der mir größtenteils unbekannte Text der Detmolder Aufführung ist aus der Vorlage genommen. Timme hat also nicht den Dialog Lortzings nahezu ungekürzt verwendet, er hat ihn im Gegenteil fast völlig gestrichen und durch Kotzbues Text ersetzt. Man wechselt also hin und her zwischen einer Aufführung von Kotzebues Lustspiel und Lortzings Musikstücken. Dabei spielt sicher auch Timmes Bemühung eine Rolle, dem Stück möglichst alles Komödiantische zu nehmen - und der Text von Lortzing enthält um ein vielfaches mehr Sprachwitz und Situationskomik als der von Kotzebue.
      Ärgerlich finde ich den Seitenhieb auf das konservative Publikum. Während der Aufführung fand ich die reichlichen Unmutsbekundungen während der Arie des Grafen einerseits völlig daneben und dem Sänger gegenüber unfair, andererseits habe ich es mit Erstaunen wahrgenommen, dass sich unser sonst so gleichmütiges Publikum tatsächlich einmal gewehrt hat! Das kennt man so gar nicht. Man muss aber sicher nicht konservativ sein, um diese Inszenierung eines vielleicht überambitionierten Nachwuchregisseurs abzulehnen, man kann, das hat die Diskussion hier ja gezeigt, durchaus gute Gründe dafür finden, sie zumindest differenziert zu sehen. Nachwievor finde ich manche Szenen ekelhaft, plump und plakativ. Nachwievor will ich manche Dinge einfach nicht sehen. Nachwievor bin ich voller Überzeugung empört, wenn ein gleichzeitig bitterböses und urkomisches Lustspiel in blanken Zynismus (und sehr explizite Sex-, Gewalt- und Kotzdarstellungen) umschlägt. Ich liebe dieses Stück viel zu sehr, als das mir das gleichgültig sein könnte.

      Peter Michaelow schrieb:

      Musikalisch lohnt sich der Besuch in Detmold sowieso! Über die Inszenierung kann man streiten.

      Mit dem Fazit bin ich hingegen vollkommen einverstanden!
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde
    • Lieber Cherubino,
      leider fehlt mir die Zeit genau auf deinen tollen Beitrag einzugehen, daher muss ich mich sehr kurz fassen. In der Tat ist die Opernnetz-Kritik von mir: Ich weiß nicht wie, dass Publikum bei dir war, aber ich persönlich finde es absolut indiskutabel den Missmut über die Inszenierung bei den Sängern abzuladen. James Tolksdorf hat die Arie trotz dieser schwierigen Umstände sehr gut gesungen - und das erste Wort nach dem letzten Ton war "Sch...." Das gehört sich nicht! Und es gab noch mehere Momente, wo sich viele aus dem Publikum selbst ins Abseits gestellt haben, allein das ständige Diskutieren während der Aufführung... Daher auch mein dezenter Hinweis auf das Publikum...
      http://wotans-opernwelt.blogspot.com/
    • "Der Wildschütz" abgesetzt

      Nach einem Monat hole ich diesen Thread noch einmal hervor, es gibt nämlich aktuell ein interessantes "Nachspiel" zur umstrittenen "Wildschütz"-Premiere in Detmold.
      Weil Paderborn kein eigenes Opernhaus hat, spielt hier das Landestheater Detmold pro Saison sechs Musiktheater-Aufführungen, meist ein Ballett, ein Musical und vier Opern und Operetten. Das Landestheater bezeichnet sich selbst als größte Reisebühne Europas und hat viele seiner Inszenierungen schon darauf hin konzipiert, auch an den Abstecher-Bühnen praktikabel zu sein. So wie Paderborn versorgt das Landestheater eine ganze Reihe von Städten in Nordwestdeutschland mit regelmäßigen Musiktheateraufführungen. Verantwortlich für diese Musiktheater-Reihe ist hier, ebenso wie für die Abonnementsserien der Symphonie- und Kammerkonzerte, das Städtische Kulturamt, das dabei sehr gute Arbeit macht.
      Schon Anfang Juni gab es eine Vorankündigung, was in der nächsten Saison zu sehen sein wird, bevor im August das offizielle Programm erscheinen wird. Die Musiktheatersaison sollte am 5. September mit dem "Wildschütz" losgehen, ich wusste das noch nicht, als ich die Karten für die Detmolder Premiere gekauft habe, sonst hätte ich die zweieinhalb Monate auch noch warten können. Ich habe, als ich das mitbekommen habe, natürlich sofort geschlossen, mir eine meiner Lieblingsopern noch einmal anzugucken, wenn sie denn schon zu mir kommt und war gespannt, wie Publikum und Presse hier auf die ziemlich krasse Inszenierung Christan Jerome Timmes reagieren würden.
      Sehr erstaunt und ein Bisschen enttäuscht in meiner Neugierde war ich, als ich gestern folgende Pressemitteilung in der Lokalzeitung las: "Musicalfreunde aufgepasst: Das US-amerikanische Musical „Hair“ wird in der Abo-Serie Musiktheater des Kulturamts Paderborn am Mittwoch, 5. September 2012, statt der Oper „Der Wildschütz“ in der Paderhalle aufgeführt. „Wir glauben, dass das Abo dadurch noch etwas attraktiver wird und versprechen uns auch mehr Interesse für den Einzelverkauf, der nach den Sommerferien beginnt“, erklärt Kulturamtsleiter Christoph Gockel-Böhner. Hair gilt als eines der erfolgreichsten Musicals überhaupt. Die Spielplanumstellung habe man gemeinsam mit dem Landestheater „nach intensiver Diskussion über die beiden Produktionen buchstäblich auf den letzten Drücker vor der Theater-Sommerpause“ getroffen. [...]".
      Ich gehe mal sehr stark davon aus, dass die kurzfristige Änderung nicht am Stück liegt, sondern an der Inszenierung. Wäre man der Meinung gewesen, "Der Wildschütz" sei beim Publikum nicht gefragt, hätte man die Produktion ja gar nicht erst eingekauft. Vermutlich hat der Kulturamtsleiter die umstrittene Detmolder Inszenierung gesehen und wollte das seinem Paderborner Publikum nicht zumuten. Ich gehe schon seit einigen Jahren hier regelmäßig in die Oper, könnte mich aber nicht erinnern, dass eine Produktion schon einmal wieder "abbestellt" worden wäre, im Gegenteil, wir hatten hier schon einige moderne Inszenierungen aus Detmold zu Gast. Dieser "Wildschütz"-Skandal war dann aber wohl doch zu viel des Guten...
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde