Händel: Alcina - Oper Köln (Palladium), Premiere am 16.06.2012

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    • Händel: Alcina - Oper Köln (Palladium), Premiere am 16.06.2012

      Mit Peter Neumann, dem langjährigen Leiter der Kartäuserkantorei, konnte die Kölner Oper einen weiteren Alte-Musik-Spezialisten für die letzte Produktion der laufenden Saison gewinnen, Georg Friedrich Händels 1735 am Royal Theatre Covent Garden uraufgeführte Oper Alcina.

      Für die äußerst minimalistische Ausstattung hat Bühnenbildnerin Anne Neuser einen hölzernen Guckkasten an die Bühnenrampe im Kölner Palladium gesetzt; nach hinten abgeschlossen wird die Bühne durch eine versetzbare Rückwand mit Tür. Im ersten Akt gibt es noch zwei Restaurantische mit Stühlen, einer davon mit (allegorischen) Äpfeln bestückt; in den beiden anderen Akten bleibt die Bühne leer. Kleidung (Kostüme: Stephan von Wedel) und Requisiten versetzen den Spielort in eine Art zeitloses Hier und Jetzt. Die Regie von Ingo Kerkhof konzentriert sich in der Folge auf eine mehr oder weniger ausgefeilte Personenführung. Die für die Barockoper typischen Leerläufe (lange Arien ohne Handlung) kann er damit nicht immer sinnvoll ausfüllen und entgeht nicht der Gefahr sinnloser Füllgesten (Jacke an, Jacke aus, Mantel zu Boden, Mantel hoch etc.). Immer wieder gelingt ihm aber auch neben eindrücklichen Figurenkonstellationen eine wunderbar musiknahe Innenschau der Charaktere, dies umso mehr, als er dafür durchweg exzellente Darsteller zur Verfügung hat.

      Daß die Längen des Stückes (mäßig gekürzt, einige Umstellungen) kaum auffallen, ist vor allem aber Verdienst der musikalischen Seite. Das in alter Musik mittlerweile durchaus erfahrene Gürzenich-Orchester spielt (auf überwiegend modernem Instrumentarium) einen Händel, wie er differenzierter und textnäher kaum denkbar ist! Für jede Wendung des Textes arbeitet Neumann das musikalische Pendant heraus, kaum ein Fugato, daß nicht bei jeder Wiederkehr und in allen Stimmen hörbar wird. Dabei bleibt die Musik immer der Handlung dienlich und wirkt zu keinem Zeitpunkt etwa akademisch abgezirkelt: über drei Stunden das reinste Vergnügen, dabei einige schöne Einzelleistungen aus dem Orchester, vor allem das obligate Violoncello bei Morganas Arie "Credete al mio dolor". Daß es hie und da auch mal ein paar weniger schön intonierte Streichertöne gibt (möglicherweise dem ungewohneten vibratolosen Spiel und/oder einer geänderten Stimmung (?) geschuldet), läßt sich problemlos verschmerzen.

      Sängerisch bleiben keine Wünsche offen. Alle sieben Protagonisten haben keine Mühe mit Neumanns durchweg flott gewählten tempi, die da capos werden mit viel Mut und Phantasie ausgeziert: auch wenn die Art und Weise nicht immer typisch HIP sein mag, sie ist den Möglichkeiten der Sänger angemessen und daher gerade richtig, so beispielsweise Anna Paliminas (Morgana) Ausflüge in die ihr zur Verfügung stehende vokale Stratosphäre oder Adriana Bastidas Gamboa (Oberto) mit fast schon hochdramatisch anmutendem Gestus. Überzeugende Leistungen auch von Katrin Wundsam (Bradamante), John Heuzenroeder (Oronte) und Wolf Matthias Friedrich (Melisso).

      Aus dem erstklassigen Ensemble ragen die beiden auf Weltklasseniveau singenden Hauptdarsteller noch heraus. Franziska Gottwald scheint kein Tempo zu schnell und keine Koloratur zu halsbrecherisch zu sein. Bei "Sta 'nell ircana" hält man während der Instrumentaleinleitung ob des rasendem Tempos den Atem an - kein Problem für den Ruggero dieser Aufführung (und auch nicht für das Orchester!). Am anderen Ende der Skala ein - trotz auch hier ungewohnt hohem Tempo - ein wunderbar fließendes "Verdi prati". An der Spitze des Ensembles Claudia Rohrbach in der Titelrolle, mit jeder von Alcinas Arien eine neuen Höhepunkt setzend. Besonders eindrucksvoll gelingt ihr "Ah, mio cor", bei dem die Darstellerin an der Bühnenrückwand im Zeitlupentempo zusammenbricht, eine geradezu artistische Leistung! Kaum weniger großartig das düster-morbide "Ombre pallide" und ein ergreifendes "Mi restano le lagrime" zum Abschluß der Aufführung. Furioser Beifall für alle Beteiligten, beim Regieteam etwas abflauend, Ovationen für Claudia Rohrbach.
      Bernd

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    • Wiederaufnahme am 31.10.2013

      In einer sorgfältigen Wiedereinstudierung (Anna-Katharina Schneider) hat die Kölner Oper diese minimalistische Inszenierung von Ingo Kerkhof jetzt wieder ins Programm genommen; dabei wurde sie (gegenüber der Premiere) nochmal ein bißchen spartanischer und um viele der oben beklagten "Füllgesten" bereinigt.

      Die musikalische Leitung liegt jetzt bei Konrad Junghänel, mit dem das Gürzenich-Orchester perfekt harmoniert. Er nimmt die tempi nicht alle so rasant wie Peter Neumann und erzeugt über weite Strecken einen noch stärker zurückgenommenen Klang, z.B. extremes piano bei Alcinas Arie Ah, mio cor, daß man glaubt, sein eigenes Herz klopfen zu hören!

      Den spartanischen Rahmen füllen die Sänger in musikalischer wie szenischer Hinsicht bestens aus. Erneut eine herausragende Leistung von Claudia Rohrbach in der Titelrolle (Mi restano le lagrime mag ich schon seit letztem Jahr von keiner anderen Interpretin mehr hören), als Bradamante eine wunderbare Katrin Wundsam (mit fantastischer Geläufigkeit!), erneut großartig Anna Palimina als Morgana und John Heuzenroeder als Oronte. Die drei anderen Rollen waren neu besetzt: den Ruggero sang Regina Richter (die Verdi prati wundervoll sang, aber insgesamt nicht ganz das von ihr gewohnte Niveau erreichte und bei Sta 'nell ircana ziemlich blaß blieb); sehr gut auch Marta Wryk vom Opernstudio als Oberto und Young Doo Park als Melisso. Nochmal zu erwähnen, daß auch diesmal wieder die da capo-Teile der Arien von allen Sängern - jeder nach seiner Art! - wunderbar phantasievoll und einfühlsam gestaltet wurden. Toller Opernabend!

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      Wie hat es denn den anderen anwesenden Capricciosi gefallen?
      Bernd

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