Gustav Mahler: Symphonie Nr. 2 c-Moll "Auferstehung"

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    • Gustav Mahler: Symphonie Nr. 2 c-Moll "Auferstehung"

      Sein Leben lang rang der sich durch und durch als Komponist fühlende Gustav Mahler (1860-1911) um die Durchsetzung seiner Werke, während er als Kapellmeister zielstrebig Karriere machte, von der Provinz bis nach Prag, Leipzig, Budapest (Operndirektor 1889-1891), Hamburg (Kapellmeister 1891-1897) und schließlich Wien (Hofoperndirektor 1897-1907).

      Sein ernsthaftes kompositorisches Bestreben begann mit einer herben Niederlage. 1881 vergab die Jury (Johannes Brahms, Karl Goldmark und Hans Richter) den Wiener Beethovenpreis für ein Klavierkonzert an Robert Fuchs, nicht für die Kantate „Das klagende Lied“ an Gustav Mahler.

      Statt des Aufbruchs als Komponist erfolgte daraufhin jener als Dirigent, und das Komponieren blieb für Mahler Freizeitbeschäftigung. Es entstanden Lieder (etwa die „Lieder eines fahrenden Gesellen“ sowie die ersten „Wunderhorn“ Lieder), und Mahler vervollständigte Carl Maria von Webers Oper „Die drei Pintos“ für Leipzig. Im März 1888 war die 1. Symphonie fertig komponiert.

      Schon von Juni bis August 1888 komponierte er in Iglau, wo er Kindheit und Jugend verbracht hatte, an einer Symphonischen Dichtung mit dem Titel „Todtenfeier“, dem Helden seiner 1. Symphonie nachgereicht. Das ist ein breit angelegter großsymphonischer Einzelsatz, fast eine halbe Stunde lang. Die Anekdote sagt, dass Mahler diese Symphonische Dichtung 1891 in Lübeck aufgeführt hat und sich sein älterer Dirigentenkollege Hans von Bülow (1830-1894) dabei die Ohren zugehalten haben soll.

      Mahler wurde, befreit vom Alltagsdienst als Opern- und Konzertdirigent bzw. Operndirektor (Budapest und Wien), zum „Ferienkomponisten“, zunächst in Steinbach am Attersee, später in Maiernigg am Wörthersee und noch später in Toblach in Südtirol.

      In Steinbach vertonte er im Sommer 1893 unter anderem zwei weitere Texte aus „Des Knaben Wunderhorn“ (eine von Clemens Brentano und Achim von Arnim herausgegebenen Volksliedtextsammlung), „Des Antonius von Padua Fischpredigt“ (Antonius predigt und die Fische hören zu oder nicht) und „Urlicht“ (Flehen des leidenden Menschen um Erlösung). Parallel dazu komponierte er einen Andantesatz für seine neu entstehende Zweite Symphonie. Für diese überarbeitete er auch sofort das eben komponierte „Antonius“ Lied, er machte ein großes Scherzo daraus. Das „Urlicht“ wird ebenfalls noch eine wichtige Rolle spielen. Aber der „Kick“ für die Symphonie fehlte ihm noch.

      Im März 1894 war es soweit. Mahler war bei der Totenfeier für Bülow in Hamburg anwesend, wo ein Choral auf Friedrich Gottlieb Klopstocks (1724-1803) Gedicht „Die Auferstehung“ vorgetragen wurde. Das gab ihm nun diesen „Kick“.

      Im April 1894 überarbeitete Mahler die „Todtenfeier“, er straffte sie etwas und machte sie zum ersten Satz des Werks. Im Juni und Juli 1894 skizzierte er den groß angelegten Finalsatz und begann, diesen zu orchestrieren. Das Werk nahm Gestalt an. Im Dezember 1894 schloss Mahler die Orchestrierung und somit die Komposition seiner Zweiten Symphonie ab.

      Am 4.3.1895 wurden die Sätze 1 bis 3 in Berlin uraufgeführt, am 13.12.1895 erklang das ganze Werk erstmals, ebenfalls in Berlin, beide Konzerte unter der Leitung des Komponisten.

      Mahler hat übrigens in der Folge die Symphonische Dichtung „Todtenfeier“ auch als eigenständiges Werk weiter als vollgültig anerkannt und im Konzert dirigiert.

      Die Zweite Symphonie in c-Moll dauert meist 75 bis 80 Minuten und ist groß besetzt. Zum sehr großen Orchester kommt auch eine Orgel. Und es ist eine der ersten Symphonien nach Beethovens Symphonie Nr. 9, in der Stimmen eingesetzt werden, hier ein Sopran, ein Alt und ein gemischter Chor. Mahler hat seine dann doch auch skizzierten Einführungen zu den einzelnen Sätzen später wieder verworfen, sie sind aber erhalten.

      Hier nun Mahlers Einführungen sowie kurze persönliche Bemerkungen zu den einzelnen Sätzen. Weiterführende Bemerkungen sowie Notenbeispiele finden sich auf der wikipedia Seite zur Symphonie und in diverser Fachliteratur. Empfohlen sei unter anderem etwa Gilbert Kaplans Werkeinführung zur Aufnahme mit den Wiener Philharmonikern (DGG 2002), weil dort die Sätze aufgeschlüsselt werden und mit genau anwählbaren Positionen alle markanten Stellen rasch akustisch nachvollziehbar sind.



      1. Allegro maestoso (Dauer meist 23 bis 25 Minuten - Spielzeiten bitte nur als sehr ungefähre Richtwerte betrachten)
      Mahler: „Wir stehen am Sarge eines geliebten Menschen und sehen uns der großen Frage gegenüber: Warum hast du gelebt? Warum hast du gelitten? Ist das alles nur ein großer, furchtbarer Scherz?“
      Ein gewaltiger musikalischer Nachruf auf einen Helden, deutliche Züge der Sonatenform sind erkennbar, die bis zur Explosion gesteigerte Apotheose vor dem Eintritt der Reprise ist des Schreibers dieser Zeilen Lieblings-Gänsehautstelle in der symphonischen Musik überhaupt.
      Die laut Partitur nach diesem Satz einzuhaltende Pause von fünf Minuten wird nicht bei allen Aufführungen befolgt.

      2. Andante moderato (Dauer knapp über 10 Minuten)
      Mahler: „Ein seliger Augenblick aus dem Leben dieses theuren Todten, und eine wehmütige Erinnerung an seine Jugend und verlorene Unschuld.“
      Wolfram Steinbeck (Mahler Handbuch, Metzler/Bärenreiter 2010) nennt den Aufbau A1 – B1 – A2 – B2 – A3 – Coda. Man beachte die Verfremdungen, die der vermeintlichen Idylle eine ganz spezielle Psychologie beimengen.

      3. In ruhig fließender Bewegung (Dauer knapp über 10 Minuten)
      Mahler: „Wenn Sie dann aus diesem wehmütigen Traum aufwachen, und in das wirre Leben zurück müssen, so erscheint die Welt wie im Hohlspiegel, verkehrt und wahnsinnig. – Mit dem furchtbaren Aufschrei der so gemarterten Seele endet das Scherzo.“
      Wieder laut Steinbeck: 5 Abschnitte, nämlich Scherzo (A-B-A´), Trio (mehrteilig), Scherzo (ohne A´), Trio (variiert), Scherzo (nur mehr A).
      Reizvoll mag es sein, diesen Satz mit dem „Wunderhorn“ Lied zu vergleichen, die symphonischen Erweiterungen werden dadurch besonders deutlich. Wenn man zuvor die 1. Symphonie gehört hat, schließt dieser Satz in seiner parodistischen, skurrilen Art irgendwo an den dritten Satz der 1. Symphonie an, man mag meinen, die Figuren die dort aufmarschieren finden sich hier wieder ein. Der von Mahler genannte „furchtbare Aufschrei“ ist unüberhörbar. (Voraus weisend sei auf eine ähnliche „Sintflut“ am Ende des 3. Satzes der 3. Symphonie verwiesen.) Und musikhistorisch verwiesen sei auf Hans Rotts Symphonie E-Dur, bei der sich Mahler für diesen Satz deutlich erkennbar „bedient“ hat.

      4. „Urlicht“ – Sehr feierlich, aber schlicht (Dauer je nach Dirigent zwischen 5 und 10 Minuten)
      Mahler (laut den Tagebucherinnerungen der ihm nahen Natalie Bauer-Lechner): „Das ´Urlicht´ ist das Fragen und Ringen der Seele um Gott und ihre eigene ewige Existenz.“ Gesungen wird es von einer Frauenstimme (meist Alt).

      5. Finale (Dauer ca. 35 Minuten)
      Mahler: „Das Ende alles Lebendigen ist gekommen, das jüngste Gericht kündigt sich an. Leise erklingt der Chor der Heiligen und Himmlischen: ´Auferstehen, ja aufersteh´n wirst du!´ Da erscheint die Herrlichkeit Gottes! Ein wundervolles, mildes Licht durchdringt uns bis an das Herz – alles ist still und selig! – Und siehe da: es ist kein Gericht – Es ist kein Sünder, kein Gerechter, kein Großer und kein Kleiner – Es ist nicht Strafe und nicht Lohn! Ein allmächtiges Liebesgefühl durchleuchtet uns mit seligem Wissen und Sein!“
      Dieser mehr als 35 Minuten lange Satz beginnt (vergleichbar dem Finalbeginn der 1. Symphonie) mit einem apokalyptischen Aufschrei, führt uns durch große Tore und in mystische Beseeltheit und geleitet uns zur Gewissheit der Auferstehung, gegen Ende hin mit Sopran, Alt und Chor sowie sogar mit der Orgel.

      Mittlerweile gibt es über 150 Aufnahmen dieser Symphonie. Wenn es um Festivals oder andere große Anlässe geht wird sie gerne (ähnlich Beethovens 9. Symphonie) besonders herausragend aufgeführt.



      Meine Lieblingsaufnahmen sind die beiden Leonard Bernstein Aufnahmen von 1973 (CD Sony, DVD DGG, London Symphony Orchestra) und 1987 (DGG, New York Philharmonic), in ihrer elementaren Wucht und universellen Unbedingtheit, dazu kommt seit 2003 die orchestral und von der Intensität überhaupt glutvoll lebendige Konzertaufnahme Claudio Abbados beim Lucerne Festival (DGG).



      Für die ausführliche Neubeschäftigung mit diesem Werk habe ich mir die Aufnahme angehört, die Lorin Maazel im Rahmen seiner Gesamtaufnahme der Mahler Symphonien mit den Wiener Philharmonikern im Jänner 1983 im Großen Musikvereinssaal in Wien eingespielt hat, mit Eva Marton, Jessye Norman und dem Wiener Staatsopernchor (CD Box Sony SX14X87874). Leider ist dies eine eher enttäuschende subjektive Hörerfahrung geworden. Wie auch bei der vom Schreiber zuvor gehörten 1. Symphonie stellt Maazel das Werk mehr vor als es zu durchleben. Er neigt zum Buchstabieren, sagt das Werk quasi auf, durchaus mit Sinn für (äußerliche) Effekte und herauszustellende Steigerungen. Das große Plus dieser Aufnahmen mit Maazel aus den 80ern sind der weiträumige Klang und das vollblütig aufstrahlende Orchester, die die Durchhänger im Duktus einigermaßen wettmachen. Und wie auch in der 1. Symphonie besticht ausgerechnet der zweite Satz mit seinen verklärenden, seligen Wiener Geigen besonders. Grandios auch Jessye Normans „Urlicht“, mit berückender Eindringlichkeit gesungen. Das Finale hat schon die gebotene echte Größe – und doch, hört man danach das Finale etwa mit Abbado noch einmal, merkt man, welche Intensität da eigentlich noch möglich wäre. Was die Wiener Philharmoniker betrifft, so zieht der Schreiber nun doch weiter Claudio Abbados an sich auch knalligere Wiener Aufnahme von 1992 vor, jedenfalls bis er (demnächst) jene mit Gilbert Kaplan (2002) und (später) jene mit Pierre Boulez (2005) kennengelernt hat.

      Ergänzungen, Korrekturen, Aufnahmetipps, Werkdiskussionen, hier ist "der große Appell" (im Werk eine ganz markante Stelle vor dem ersten Vokaleinsatz im Finale),...
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Lieber Alexander, eine schöne, schlüssige Einführung - ich bin wieder schwer beeindruckt, vielen Dank!

      Was die Zweite angeht, so muß ich einräumen, daß sie diejenige aller Mahler-Symphonien ist, mit denen ich mich am schwersten tue. Das ist mir schon so gegangen, als ich Mahlers Musik vor vielen Jahren kennenlernte. Ergebnis: ich habe sie schon lange nicht mehr gehört, was ich demnächst allerdings - nach der Lektüre hier - ändern werde.

      Die größten Probleme bereiten mir die beiden Ecksätze: Die Tragik des 1. Satzes erscheint mir irgendwie aufgesetzt, "unecht", als wäre dieser Satz allzusehr davon bestimmt, erschüttern zu wollen.

      Das große Finale ist mir fremd vor allem wegen dem ausgedehnten Auferstehungs- und Erlösungsbrimborium, einer religiösen Naivität, die mich eher befremdet. Natürlich könnte ich mich hier unter die bewähreten dialektischen Fittiche Adornos begeben, so in der Art: Die Naivität werde sich hier ihrer selbst bewußt, was sie letztlich aufhebt und zur "wahren Musik" verklärt, aber so wohl ist mir dabei nicht.

      Das "Urlicht" ist sicher schön, vor allem wenn man es mit einer guten Solistin hört.

      Am meisten sagen mir die Sätze zwei und drei zu: wunderbar ausgearbeitete Stücke aus der "Wunderhorn"-Welt, die schon die Dritte und Vierte erahnen lassen.

      Soweit - zugegeben: plakativ, nicht frei von Klischees und daher anfechtbar - ein paar Eindrücke, die auf - wie gesagt - lang zurückliegende Hörerfahrungen zurückgehen. Vielleicht werde ich nach erneuter Beschäftigung mit dem großen Werk (hat Mahler nicht einmal gesagt, daß es Wagners Tristan in gleichem Maße übertreffe wie dieser eine Haydn-Symphonie?) zu neuen Ergebnissen kommen...?

      (Z. B.: Unter meinen Aufnahmen gibt es eine mit Hermann Scherchen. Soweit ich mich erinnere, nimmt er den ersten Satz extrem langsam, was eine ganz eigene Eindrücklichkeit bewirkt.)

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • AlexanderK schrieb:

      Mittlerweile gibt es über 150 Aufnahmen dieser Symphonie
      Ja, und darunter sind recht viele wirklich gute. Meine zwei Lieblingseinspielungen sind einmal die ältere unter LÖeitung von Otto Klemperer, und zwar nicht die mit der Schwarzkopf und dem Philharmonia Orchestra, sondern die 1965 mit dem Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks und mit Janet Baker (Urlicht: traumhaft - so ein Urlicht hat es nie wieder gegeben!!!) und Heather Harper aufgenommen wurde.



      Ich glaube, erst 1998 wurde sie als CD veröffentlicht und als beste Mahler-Einspielung des Jahres preisgekrönt wurde - eine sehr konzentrierte, ernsthafte und trotzdem vitale und mitreißende Einspielung.



      Eine neuere - wie ich finde - sehr gute Einspielung hat Paavo Järvi 2009 mit Natalie Dessay, Alice Coote und dem HR SO Frankfurt aufgenommen:


      Eine feine, transparente Interpretation, leicht (aber nicht seicht), und an den richtigen Stellen kraftvoll und pointiert - eine wunderbare Aufnahme.

      Auch andere hervorragende Einspielungen gibt es z.B. Gielen, Nott, die neue von Jansons ist auch ganz gut ...

      Beste Grüße von Ansgar
    • Das Werk, an dem wohl die meisten Mahler lieben lernten, die Zweite Symphonie, dürfte am raschesten verblassen. (Theodor W. Adorno, 1960)

      Am Schluss hatten nicht nur im Publikum viele Leute Tränen in den Augen, wir auch. Nicht nur ich, sondern alle waren wir hingerissen von der Tiefe, die sich in dieser sehr einfachen Musik erschließt. (Michael Gielen nach einer Aufführung des Werks, 2002)


      Ich kann beide Statements nachvollziehen. Ganz fremd ist mir der Überdruss an diesem Werk nicht, das ich schon x-mal im Konzert gehört habe (es wird trotz des Aufwands extrem häufig gespielt) - dann denke ich: der Effekt ist schon manchmal stark im Vordergrund, das ganze Konzept steht sehr im Banne Beethovens und Liszts, bei fast schon hypertropher Übersteigerung des kunstreligiösen Pathos, um wievieles subtiler sind doch fast alle anderen Mahler-Sinfonien.

      Aber dann reißt es mich immer wieder mit wie am ersten Tag: weniges rührt mich so sehr an wie das Urlicht, das Ende des Finales überwältigt mich und alle vielleicht gehegten Reserven.

      Ich finde es nicht uninteressant, dass gleichzeitig mit Mahlers Zweiter Werke wie Bruckners Neunte, Tschaikowskys Sechste, Don Juan von Strauss und Debussys Prélude à l'après-midi d'un faune komponiert wurden. In diesem Kontext steht Mahlers Zweite m.E. - auch wenn er selbst und das Adorno nicht gern gehört hätten ;+) - Tschaikowskys Pathétique am nächsten. Diese setzt vor allem durch die Satzfolge und die pessimistische Abkehr vom per-aspera-ad-astra-Prinzip Akzente, die bei Mahler konventioneller erscheinen. Dafür finde ich Mahlers Musik viel reicher, im Detail radikaler und in der Orchesterbehandlung avantgardistischer.

      Es gibt Stellen, zu denen m.E. Ende des 19. Jahrhunderts nichts Vergleichbares existiert: der vorweggenommene Ives-Effekt am Ende der Durchführung des Finales, wenn zu dem klagenden Seitenthema wie vom Wind herüber getragene Klänge einer kaum vernehmbaren Musik (Mahler), nämlich einer hinter der Bühne aufgestellten Militärkapelle ertönen. Das ist die Radikalisierung einer Idee aus dem Finale von Bruckners Dritter (gleichzeitiges Ertönen von Choral und Polka).

      Oder gleich danach der Repriseneintritt im Finale: das ist eine der Stellen, in der die totale Entfesselung von Musik gelingt, mit einem fast körperlich um sich schlagenden Gestus, wobei einem durch die grandiose Orchesterbehandlung und das extreme Accelerando in jeder Hinsicht der Boden unter den Füßen weggezogen wird (welcher Unterschied zu den jederzeit sehr kontrollierten Strauss und Debussy, um mal zwei sehr unterschiedliche Zeitgenossen zu nennen). Rein formal ist das auch interessant: die größte "Katastrophe" in dieser Musik ist gleichzeitig der Repriseneintritt, was schon den Kopfsatz von Mahlers Neunter vorwegnimmt. Solche entfesselten, "ausrastenden" Stellen gibt es in der Zweiten mehrfach, darunter natürlich das Urbild des Repriseneintritts, der Schrei des Ekels (Mahler) im dritten Satz.


      Viele Grüße

      Bernd
      .
    • Zwielicht schrieb:

      Ich finde es nicht uninteressant, dass gleichzeitig mit Mahlers Zweiter Werke wie Bruckners Neunte, Tschaikowskys Sechste, Don Juan von Strauss und Debussys Prélude à l'après-midi d'un faune komponiert wurden. In diesem Kontext steht Mahlers Zweite m.E. - auch wenn er selbst und das Adorno nicht gern gehört hätten - Tschaikowskys Pathétique am nächsten.
      Allerdings. Leider. Besonders in ihrer nervtötenden Homophonie, und in ihrer Bekenntnishaftigkeit natürlich (welche letztere Du vermutlich im Auge hattest). Bei der II. empfinde ich als glaub' ich einziger von allen Sinfonien Mahlers die Kindlichkeit (der Faktur, des Gehalts) als Problem, nicht als Gewinn (Dinge wie das von Dir erwähnte 'Urlicht' ausgenommen, wo die Kindlichkeit Teil der Größe und Unverwundbarkeit des Liedes ausmacht). Das ganze 'Predigen' der Solostimmen im Schlussatz etwa macht mich zwar nicht direkt lachen wie vieles Vergleichbare im Schlussatz von Beethovens Neunter, aber ich höre es eben als vergebliches Brimborium, es rührt mich zwar aber nur in der vergeblichen Anstrengung die es ausdrückt. Irgendwie schlicht unreif. Und in den ersten Sätzen sehne ich mich nach der kompositorischen Komplexität der Fünften..
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      Musica est exercitium metaphysices occultum nescientis se philosophari animi
    • Recordatorio schrieb:

      Besonders in ihrer nervtötenden Homophonie, und in ihrer Bekenntnishaftigkeit natürlich (welche letztere Du vermutlich im Auge hattest).


      Und in einem gewissen Gefühlsexhibitionismus, den ich nicht unbedingt ablehne. "Homophonie" ist doch aber ein Merkmal, das die ersten vier Sinfonien gleichermaßen prägt und das ich nicht negativ sehe (unbestritten, dass ab der Fünften ein Stilwechsel hin zu einer polyphonen Struktur erfolgt). Dafür gibt es in der Zweiten z.B. Klangflächen, langdauernde harmonische Querstände, melodische und klangfarbliche Qualitäten...


      Recordatorio schrieb:

      Das ganze 'Predigen' der Solostimmen im Schlussatz etwa macht mich zwar nicht direkt lachen wie vieles Vergleichbare im Schlussatz von Beethovens Neunter


      Das Appellatorische im Finale von Beethovens Neunter hat mich noch nie lachen gemacht, aber dafür ist hier nicht der richtige Platz. Ja, die Solostimmen im Finale der Zweiten waren für mich auch immer die problematischsten Passagen des Werks - diese Süßlichkeit ist leider ein starker Gegensatz zum Urlicht. Ich warte dann immer etwas ungeduldig, dass der Chor wieder das Steuer in die Hand nimmt.


      Viele Grüße

      Bernd
      .
    • Zwielicht schrieb:

      Homophonie" ist doch aber ein Merkmal, das die ersten vier Sinfonien gleichermaßen prägt und das ich nicht negativ sehe
      Nee, stimmt, da hast Du recht. Aber in der II. finde ich sie irgendwie dem groß-'philosophischen' Gestus unangemessen. Philosophie ist ja Denken mit Gegenstimmen (-argumenten).
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      Musica est exercitium metaphysices occultum nescientis se philosophari animi
    • Also ich finde das Nebeneinander von Subtilem und Plakativen keineswegs ein Alleinstellungsmerkmal der 2. Das ist doch eigentlich bei fast allen seinen Werken so und auch schon seit jeher bekrittelt worden. Diese mitunter unvermittelte Nebeneinanderstellung scheint doch gerade eine Pointe Mahlers zu sein.
      Ich finde das Finale allerdings auch problematisch; es ist zu lang, der dramatische Bogen ist für mich nicht allzu schlüssig, aber der Überwältigungseffekt tritt dann irgendwie doch ein.

      (im Finale von Beethovens 9. herrscht übrigens kein Mangel an Passagen mit subtiler (oder manchmal auch demonstrativer) Polyphonie.)
      Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
      (B. Pascal)
    • Kater Murr schrieb:

      Also ich finde das Nebeneinander von Subtilem und Plakativen keineswegs ein Alleinstellungsmerkmal der 2. Das ist doch eigentlich bei fast allen seinen Werken so und auch schon seit jeher bekrittelt worden. Diese mitunter unvermittelte Nebeneinanderstellung scheint doch gerade eine Pointe Mahlers zu sein.


      Ja, das Nebeneinander von Subtilem und Plakativem als bewusst eingesetztes Stilmittel. Allerdings könnte man (man! nicht unbedingt ich! ;+)) einwenden, dass in der Zweiten das Plakative die ganze Konstruktion und zu große Teile der Musik bestimme - und dass zuwenig Subtiles zu finden sei.


      Kater Murr schrieb:

      Ich finde das Finale allerdings auch problematisch; es ist zu lang, der dramatische Bogen ist für mich nicht allzu schlüssig, aber der Überwältigungseffekt tritt dann irgendwie doch ein.


      Der Teddy, pardon, Adorno hatte schon recht, wenn er gesagt hat, der instrumentale Teil des Finales plaudere zuviel vom vokalen Teil aus.

      Dieses ständige neue Anlaufen, dieses blockhafte Aneinanderreihen der Abschnitte gerade in der Exposition macht leicht den Eindruck des Form- und Kunstlosen. Wobei die Großform als Quasi-Sonatensatz doch durchaus einsichtig ist.

      Genug gemeckert: Diese Klangflächen, die in der Exposition zweimal nach dem Dies-Irae-Thema erscheinen (beim erstenmal leise, beim zweitenmal laut), sind schon überwältigend. Und der erste Choreinsatz!


      Viele Grüße

      Bernd
      .
    • Hier zwischendurch mein persönlicher Höreindruck der weiter oben abgebildeten Aufnahme mit Gilbert Kaplan.

      Der 1941 in New York geborene Gilbert Kaplan hat Gustav Mahlers Zweite Symphonie zu seiner leidenschaftlichen Lebensaufgabe gemacht und sie als Hobbydirigent vielfach, auch mit den bedeutendsten Orchestern, aufgeführt. Offizielle CD Aufnahmen unter seiner Leitung gibt es mit dem London Symphony Orchestra (1987) und mit den Wiener Philharmonikern. Die Wiener Aufnahme entstand im November und Dezember 2002 im Großen Wiener Musikvereinssaal. Neben dem Wiener Singverein wirkten hier Latonia Moore (Sopran) und Nadja Michael (Mezzosopran) mit. Der Aufnahme (2 CDs DGG 474 594-2) liegt die damals veröffentlichte neue Edition der Symphonie zugrunde, basierend auf einer „Ausgabe letzter Hand“ von Gustav Mahler aus dem Jahr 1910, deren Unterschiede zur vorigen Edition aber sicher nur derjenige hört, der das Werk bis in winzigste Details genau durchhört und speziell darauf aufpasst.

      Kaplans Wiener Aufnahme ist durchzogen von deutlicher Transparenz und genauer Akzentuierung. Es wird gewissermaßen „völlige Klarheit“ angestrebt. Das klangliche Fundament des farbigen Wiener Orchesterapparats löst sich in ganz klar strukturierten Räumen auf. Ein bewusst didaktischer Zug wird auch ermöglicht, weil Kaplan in seiner Werkeinführung im Beiheft die vielen Tracks in die die Sätze unterteilt sind (erster Satz 14, zweiter fünf, dritter neun, vierter ein Track, fünfter 13) genau aufschlüsselt, wodurch es möglich ist, alle markanten Stellen direkt aufzurufen. Für jemanden der die Struktur des Werkes genau kennenlernen will, ist diese Aufnahme so gesehen optimal geeignet. Keineswegs neigt Kaplan bei aller Durchleuchtung bis ins Detail zum Sezieren, er wahrt den Fluss der Musik, was die Agogik betrifft weniger leidenschaftlich als andere Dirigenten, aber gerade in ihrer Stringenz ihre eigene Intensität aufrecht erhaltend. Im Gegensatz etwa zur vom Schreiber zuvor gehörten Maazel Aufnahme gibt es keine Leerläufe und kein mutwilliges Aufzeigen. Da passt Kaplan ganz genau auf, den großen Bogen genauso wie die Innenspannung nicht aus Augen und Ohren zu verlieren. Alle Mitwirkende ordnen sich diesem hochkonzentrierten Versuch bewundernswert einheitlich unter, Mahlers Werk mit größtmöglicher Klarheit wiederzugeben.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Ein interessanter Artikel aus der New York Times zum Autodidakten Kaplan, eigentlich ein Ökonom, der sich mit einem eigenen Wirtschaftsmagazin die ökonomische Unabhängigkeit geschaffen hat, sich ganz seiner Leidenschaft, Mahlers 2. hinzugeben:

      "http://www.nytimes.com/2008/12/18/arts/music/18kapl.html?_r=1"

      Ob die Orchester trotz Kaplan ganz ordentliche Aufnahmen/Auftritte hinbekommen oder aus den im Artikel angeführten Kritiken mehr die Verteidigung des Stands der Profis spricht, kann ich nicht beurteilen. Schlecht habe ich die beiden Aufnahmen, die ich mit Kaplan kenne, auch nicht in Erinnerung, jedoch auch nicht irgendwie herausragend. Muß ich aber noch wieder in Ruhe hören.

      Herausragend aber auch für mich die Abbado-Aufnahme mit dem Lucerne Festival Orchestra.

      Unter den Top-Aufnahmen sollte man jedoch auch die von Herbert Blomstedt keinesweg vergessen:



      :wink: Matthias
    • Matthias Oberg schrieb:

      Kaplan, eigentlich ein Ökonom, der sich mit einem eigenen Wirtschaftsmagazin die ökonomische Unabhängigkeit geschaffen hat, sich ganz seiner Leidenschaft, Mahlers 2. hinzugeben
      Das könnte doch ein prima Vorbild für jemanden sein, der mit ähnlich kompromissloser Leidenschaft seine Musikbegeisterung allein in "Hänsel und Gretel" auslebt...

      Viele Grüße,

      Christian
      "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
      "Mir nicht."
      (Theodor W. Adorno)
    • Ziemlich zu Beginn meiner selbstständigen Klassik-CD-Käufe erwarb ich diese hier:



      Auf die 2. war ich generell aufmerksam geworden,weil ich einen FIlm gesehen hatte, in dem Bernstein die Symphonie probte. Und er sagte sinngemäß, dass diese die Symphonie überhaupt sei. Eine Einspielung mit ihm und dem New York Philharmonic habe ich dann bald bekommen, wenig später Klemperer.
      Auf Kaplan wurde ich über einen Zeitungsartikel aufmerksam, wenn ich das recht entsinne. Tatsächlich habe ich die Einspielung der 2. von dieser CD eher wenig häufig gehört. Ich fand aber interessant, dass Kaplan zudem das Adagio aus der 5. mit anfügte, weil er davon ausging, dass dieses Stück stets zu langsam gespielt wird. Mir gefiel seine schnellere Interpretation durchaus. Auch die Welte-Mignon-Aufnahmen von Mahlers Klavier-Interpretationen waren willkommene Zugabe; die müsste ich eigentlich bald mal wieder anhören.

      Die 2. an sich ist live für mich immer wieder überwältigend. Rattle und die Berliner! Wen das kalt lässt...

      :wink:
    • Hier ein weiterer persönlicher Höreindruck:



      Die Zügel werden gestrafft. Man ist flott unterwegs. Es wurde hörbar sehr nuanciert geprobt. Tolles weiträumiges transparentes Klangbild. Grundsätzlich kühler und analytischer als Bernstein oder Abbado. Das Wiener Philharmonische Klangbild aber prachtvoll wie bei Maazel und Abbado. Die Emotion kommt aus der nuancierten Forcierung des Geschehens bei stets voll gewahrter äußerer Kontrolle. Die Pferde gehen also nie durch. In 81 Minuten ist man durch, das passt auf eine einzelne CD (DGG 00289 477 6004, mit Michelle DeYoung, Mezzosopran, Christine Schäfer, Sopran, Wiener Singverein, Rainer Keuschnig, Orgel, aufgenommen im Wiener Großen Musikvereinssaal, Mai und Juni 2005).
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Ach, Wulf,
      verklären wir mal wieder die Vergangenheit? War früher wieder mal alles besser?
      ;+)

      Nein, im Ernst, ich hätte natürlich nicht so verallgmeinern dürfen. Mich lässt die Kombination Rattle/BPhil üblicherweise nicht kalt (auch wenn es beim vergangenen Mal mit der 4. weniger gut klappte als gedacht), schon gar nicht bei der 2.
    • Meine Lieben!

      Ich binda nicht so bewandert wie ihr, aber ich habe 1986, knapp nach dem Tod meiner Mutter diese Aufnahme, von einem Freund in der Kirche bekommen,



      und sie hat tief und innig bewegt und mich getröstet.

      Liebe Grüße Euer Peter aus Wien. :wink: :wink:
    • oper337 schrieb:

      Meine Lieben!

      Ich binda nicht so bewandert wie ihr, aber ich habe 1986, knapp nach dem Tod meiner Mutter diese Aufnahme, von einem Freund in der Kirche bekommen,



      und sie hat tief und innig bewegt und mich getröstet.

      Liebe Grüße Euer Peter aus Wien. :wink: :wink:

      Die Produktbeschreibung bei Amazon behauptet, diese Aufnahme sei live aufgenommen am 21. August 2003 auf dem "Lucerne Festival". Das scheint mir (wenn ich die Interpreten etc. betrachte) eine ziemlich glaubwürdige Angabe. Hast du, lieber Peter, da vielleicht diese Aufnahme und die, die dich so bewegt hat, verwechselt?
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde
    • Claudio Abbado hat am 24.8.1985 im Wiener Musikverein eine Aufführung von Mahlers Zweiter Symphonie mit dem European Community Youth Orchestra dirigiert, die auch vom ORF aufgezeichnet wurde. Vielleicht war es eine Aufzeichnung dieser Aufführung, um die es geht. Ich habe damals das Werk mit dieser Aufführung erstmals total erlebt und war völlig überwältigt, vom Werk selbst und von der Aufführung und dann auch von der Aufzeichnung. Hin und wieder wird sie in 3sat wiederholt.
      Hier das Urlicht daraus mit Jessye Norman:
      "http://www.youtube.com/watch?v=Vt5plD04lAU"
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Lieber Cherubino!

      Es kann sein - aber die Urgewalt dieser Musik hat mich so getröstet, dass es aus und geschehen war. :sparkle: :sparkle:

      [Mir geht auchbeim "Brahms Deutschen Requiem" so, kein Requiem kann einem so trösten]

      Liebe Grüße sendet Dir Peter aus Wien. :wink: :wink: