Gustav Mahler: Symphonie Nr. 2 c-Moll "Auferstehung"

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    • Nun also mal langsam:
      Abbados Einstellungen zu den Mahler Sinfonien haben sich in ca. 40 Jahren wenig geändert.

      Die 2. ist straff und zügig. Darin unterscheidet er sich schon einmal (Imho) positiv von anderen. Er wird auch kaum sentimental und bläst nicht alles Richtung Erlösung auf.
      Aber er steht sich selbst im Wege, weil er in den 70igern alle wesentlichen Mahler Sinfonien, ich kenne, 2, 3, 5, 6 und 7, mit dem Chicago Sinfonie Orchestra eingespielt hat und dagegen hat er in Luzern definitiv die schlechteren Karten.
      Die 6. aus Chicago mochte ich immer besonders gern, die von mir wenig geliebte 5. soll seine Beste sein.

      Egal. Man/frau vergleiche die 2. aus Luzern mit der Einspielung des CSO. Gibt es auf Youtube.
      Das Luzerner Orchester, so schön es besetzt ist, ist eben nicht so eingespielt wie das CSO, mehr wie ne Uwe Seeler Gedächtnis Fußballtruppe zusammengewürfelt, die Bläser sind denen aus Chicago total unterlegen, was bei dem "Brass aus Chicago" aus den 70iger auch kein Wunder ist. Die Aufnahme aus Luzern ist auch sehr auf der Streicher Seite, obwohl Albrecht Mayer sich die Seele aus der Oboe bläst, aber was nützt es?
      Die Sinfonie geht übrigens in fast derselben Zeit wie die Einspielung aus Chicago über die Bühne, aber. (Werner Enke:) "Der alte Schwung ist hin".
      Da hilft es auch nicht bei Ebay einen Heiligenschein für diese Aufnahme zu kaufen. Es hilft auch nicht das Geraune, dass sie aus Luzern ist und des Meisters letztes Wort in Sachen Mahler 2.
      Tut mit leid. Abbado war 35 Jahre vorher einfach VIEL besser. Weltklasse eben, sonst wäre er in Berlin nie zum Zuge gekommen.
      Sorry. Nur meine Meinung.

      Gruß aus Kiel
      Was soll ich mit einem Oldtimer? Ich kauf mir doch auch keinen Schwarz-Weiß-Fernseher. (Jeremy Clarkson)
    • Doc Stänker schrieb:

      Es hilft auch nicht das Geraune, dass sie aus Luzern ist und des Meisters letztes Wort in Sachen Mahler 2.
      Tut mit leid. Abbado war 35 Jahre vorher einfach VIEL besser. Weltklasse eben, sonst wäre er in Berlin nie zum Zuge gekommen.
      Sorry. Nur meine Meinung.

      Gruß aus Kiel
      Werter Doc

      Danke für Deinen Ostergruss aus Kiel.

      Dein Diskussionsbeitrag ist berechtigt.

      Ich habe - wie du ja auch - nur mein subjektives Dafürhalten offenbart (und es auch mehrfach betont), eine Einschätzung, die nun allerdings zugegebenermassen gänzlich unbeleckt ist von jeglichen Vorerfahrungen in Sachen 'Mahler und Abbado'.

      Ich habe ihn und sein "Privatorchester" nie live erlebt. Auch kenne ich seine anderen Mahler-Deutungen nicht. Ich bin also weder ein Mahler- noch ein Abbado-Kenner.

      Hätte ich deswegen mein schwärmerisches Maul halten sollen? Ich glaube nicht.

      Die erwähnte Aufnahme (2003) ist mir ein Schatz, weil sie mir schlicht und einfach die Welt von Gustav Mahler eröffnet hat.

      Bleibt zu bedenken, dass Maestro Abbado kurz vorher von einer schweren Krankheit ('auferstanden') genesen ist, was nachvollziehbarerweise eine Auswirkung auf seinen Stil und seine Arbeitsweise gehabt haben muss - und mE nicht zu seinem Nachteil.

      Es bleibt dabei: ich finde die Atmosphäre dieser Live-Einspielung ganz bezaubernd, ja mystisch und geradezu magisch ... oder doch zumindest magistral, um die übertriebenen Adjektive zu neutralisieren.

      Ich bin mit dieser Einschätzung nun wahrlich nicht alleine.

      Mehr als meine Faszination wollte ich mit meinem Beitrag auch keineswegs zum Ausdruck bringen. Meine Schilderung ist selbstredend frei vom Anspruch der ultimativen Objektivität.

      Danke, dass du mich mit berechtigtem Nachdruck zu dieser Präzisierung herausgefordert hast, lieber Kollege Stänker :D .
      :cincinbier:

      Gruss aus Bern vom Walter
    • Lieber Doc, da bin ich nicht bei dir.

      Und das hat vor allem wohl mit mir und meinem Blick auf Abbado zu tun. Ich denke, dass Abbado schon ein besondere Rolle in der Mahler-Rezeption hat - zumindest in Deutschland und insofern also auch mit den Berliner Philharmonikern und mit folgenden Orchestern. Kai Lührs-Kaiser spricht in seiner Abbado-Reihe in RBB Kultur unter anderem davon, dass Abbado Mahler „ent-sentimenatlisierte“ (und belegt das sehr schön mit dem Adagietto der 5. [mit den BPhil] und dies insbesondere im Vergleich mit Bernstein/Wiener Philharmoniker). Ja, er habe seinen Mahler aus den USA (auch als Assistent Bernsteins) mitgebracht, aber doch anders gefasst.

      Leider hat Abbado keinen vollständigen Mahler-Zyklus mit den BPhil hinterlassen. Es fehlt ausgerechnet die 2. („das Herzstück“). Lührs-Kaiser mutmaßt, dass dies seitens Abbado absichtlich geschehen sein könnte. Ein unvollständiger Zyklus, als Entsprechung zu der Narbe, die Berlin bei ihm dann doch geschlagen habe. Wer weiß.

      Insofern haben wir Luzern, um einen späten Blick Abbados auf Mahlers 2. zu haben. Dass diese (bei annähernd identischer Spieldauer) weniger schwungvoll sei, wird man meinethalben feststellen können. Aber dass sich seine Sicht auf die Symphonien in all den Jahren nicht verändert habe, halte ich für gewagt. Und auch wenn ich Gefahr laufe, zu küchenpsychologisieren, so denke ich doch, dass seine schwere Erkrankung und deren Überwindung seinen Blick zwangsläufig änderten. Lührs-Kaiser stellt beim genesenen Abbado eine größere Klarheit fest, nimmt dafür den 3. Satz aus der 6. als Beispiel, bei der Abbado Mahler als Mahler erklingen lasse, ohne diesen in einen anderen Zusammenhang stellen zu wollen. Für Lührs-Kaiser ist Abbado ein „Spätzünder“ in Sachen Mahler. Die katholische Sinnenfreude bleibe bewahrt, bei zugleich immer schärferem Blick auf die Abgründe.

      Das Lucerne Festival Orchestra dann zu einer Uwe-Seeler-Gedächtnis-Truppe zu erklären, ist zwar amüsant zu lesen, funktioniert für mein Empfinden aber ebenfalls nicht. Ich denke schon, dass diese Idee des „Musizierens mit Freunden“ mehr war als nur eine Floskel. Das Ergebnis klingt mir persönlich gerade auch bei der 2. danach - es lässt mich jedenfalls nicht an Rumpelfußballer denken, deren beste Zeiten lange zurückliegen. Und deinen Hinweis mit dem Heiligenschein, den man bei Ebay kaufe, lässt mich etwas ratlos zurück. Und „Geraune“? Naja.

      Ich empfand die 2. stets als so eine Art „Überwältigungssymphonie“, deren Wirkung und emotionaler Wucht man sich kaum entziehen kann. Gerade live ist das schon ein tatsächlicher Hammer - wenn die Musiker es können und man sich selbst darauf einlassen will. Ich habe die 2. zweimal mit Rattle und den BPhil hören können. Und schon aufgrund des persönlichen Erlebnisses ist diese hier eine meiner liebsten Einspielungen (neben Abbado und Luzern, natürlich):

    • Walter Heggendorn schrieb:

      Mehr als meine Faszination wollte ich mit meinem Beitrag auch keineswegs zum Ausdruck bringen. Meine Schilderung ist selbstredend frei vom Anspruch der ultimativen Objektivität.
      Danke Walter für Deinen Beitrag.
      Selbstverständlich! will auch mein Beitrag keine absolute Objektivität beanspruchen, aber ich trauer(te) mit den Luzerner Aufnahmen dem Abbado mit den Chicago Aufnahmen hinterher. Ich Depp habe noch die DLP der 6. in einem Anflug von "Verarmutsängsten" verkauft.
      Korrektur. Die 3 war aus Wien, nicht aus Chicago!!
      Auf jeden Fall freut es mich, dass Du so Zugang zu Mahler gefunden hast und wünsche weiterhin schöne Erlebnisse mit dieser Musik.

      Ekkehard schrieb:

      Uwe-Seeler-Gedächtnis-Truppe
      Tja, das war polemisch. Aber wie ist das so bei Benefitz Spielen? Da kommen viele große (EX)-Stars zusammen und spielen sehr nett anzuschauenden Fußball. Das Festival Orchester ist ein aus mehreren renommierten zusammengestelltes Orchester, ein gut besoldetes und daher sind die Aufführenden meist sehr sehr gut gelaunt.
      Aber dass sie mit dem BPO, den Wienern oder dem CSO mithalten können, halte ich für übertriebenen Optimismus.
      Doch es gibt Mahler mit Abbado (1- 7 und 9 aus Luzern) als DVD als CDs und das lässt sich viel besser vermarkten als ne olle CD aus Wien oder aus Chicago.

      Wie gesagt, meine Meinung.
      Gruß aus Kiel

      PS. Ich erinnere, als die ersten Aufnahmen aus Luzern mit Abbado kamen, das Marketing der DGG(?) quasi so tat, als sei es extra wg. Abbado zusammengestellt worden. Später erfuhr ich dann, das das Luzern Festival schon Ewigkeiten existiert und, wenn ich mich nicht irre, Toscanini 1938 der erste war, so jedenfalls dessen Biograf.
      Was soll ich mit einem Oldtimer? Ich kauf mir doch auch keinen Schwarz-Weiß-Fernseher. (Jeremy Clarkson)
    • Doc Stänker schrieb:



      PS. Ich erinnere, als die ersten Aufnahmen aus Luzern mit Abbado kamen, das Marketing der DGG(?) quasi so tat, als sei es extra wg. Abbado zusammengestellt worden. Später erfuhr ich dann, das das Luzern Festival schon Ewigkeiten existiert und, wenn ich mich nicht irre, Toscanini 1938 der erste war, so jedenfalls dessen Biograf.
      Das Lucerne Festival wurde in der Tat von Toscanini aus der Taufe gehoben. ABER: Nach dem Krieg gab es diverse Schlingerkurse mit dem sogenannten Festival-Orchester. So gab es ab 1955 ein „Schweizer Festival-Orchester“, es gab auch die „Lucerne Festival Strings“, aber all das war nicht von Dauerhaftigkeit. Ich habe im Moment keinen genauen Überblick (obwohl ich ein dickleibiges Buch über die Geschichte der Luzerner Festwochen besitze), und kann nicht sagen, ab wann es kein spezifisch Schweizer oder Luzerner Festspielorchetsre mehr gab und man ausschließlich Gastorchester einlud.
      Definitiv ist die „Marketing-Info“ der DGG nicht falsch, dass für das Jahr 2003 speziell für Abbado ein neues Orchester zusammengestellt wurde. Damit begann tatsächlich ein neues Zeitalter. Es gab wohl schon länger Kontakte zwischen Haefliger (der ab 1998 Intendant war) und Abbado, aber Haefliger dachte zunächst nicht daran, ein neues Festival-Orchester zu gründen. Dies war dann die Idee von Abbado, der dies an Ostern 2000 bereits vorschlug. Aber es dauerte dann noch 3 Jahre, bis es Wirklichkeit wurde. Dafür war offensichtlich auch das Sponsoring der Nestlé-AG eine sehr wichtige Voraussetzung.

      Und noch einmal wegen Uwe-Seeler-Gedächtnis-Truppe: Der Kern des LFO bestand (zu Abbados Zeiten) und besteht auch jetzt noch aus jungen Orchestermusikern des Mahler Chamber Orchestra (MCO), die seit ihrer Gründung jahrelang mit Abbado zusammengespielt hatten (und schon davor als GMJO). Da kann man weiß Gott nicht von Gedächtnistruppe reden. Und auch die anderen Vertrauten Abbados, die um diesen Kern herum platziert und eingeladen wurden, waren keine abgehalfterten verrenteten Musiker, die nur noch einmal Jugenderlebnisse auffrischen wollten, man denke z.B. an Raphael Christ, Jens-Peter Maintz, Jacques Zoon, Iseut Chuat, Raymond Curfs und viele andere, und eben die schon erwähnten jungen und hervorragenden MCO-Mitglieder.
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      Was ist heute Kunst ? Eine Wallfahrt auf Erbsen. (Thomas Mann, Doktor Faustus, Kap. XXV)
    • Danke, wieder was gelernt! :thumbsup:
      Ist doch schön, wenn es manchmal kontrovers zugeht. Dann erfährt man mehr als bei allzu übereinstimmenden Themen.

      leverkuehn schrieb:

      kann nicht sagen, ab wann es kein spezifisch Schweizer oder Luzerner Festspielorchetsre mehr gab und man ausschließlich Gastorchester einlud.
      Ich gebe zu, ich weiß es auch nicht, auch wenn ich von Audite ein paar CDs habe. Und da taucht oft das "Schweizerisches Festspielorchester" auf neben den anderen Orchestern.
      Gruß aus Kiel
      Was soll ich mit einem Oldtimer? Ich kauf mir doch auch keinen Schwarz-Weiß-Fernseher. (Jeremy Clarkson)
    • leverkuehn schrieb:

      Und noch einmal wegen Uwe-Seeler-Gedächtnis-Truppe
      Noch eine Ergänzung: Neben den Genannten waren mit Kolja Blacher (Ex-Konzertmeister) noch verschiedene Solisten der BPhil bei der hier in Rede stehenden Aufnahme dabei: der schon erwähnte Albrecht Mayer, Emmanuel Pahud, Stefan Dohr sowie Marie-Pierre Langlamet - und Sabine Meyer war schließlich auch zugegen. Weniger rumpelnde Rentnertruppe, mehr so „die Galaktischen“, wenn man so will (auch wenn, s. Real Madrid, so ein illustres Ensemble allein noch keine Erfolgsgarantie ist, klar).
    • Ekkehard schrieb:

      .... Viscontis „Tod in Venedig“. Das gab Mahler großen Auftrieb, drängte ihn aber auch in die gefühlige Schmerzensmann-Ecke. Bernstein tat nicht allzu viel dagegen. Abbado schon.
      Gab das Mahler wirklich Auftrieb?? Der (für mich problematische) Film vermittelte doch ein völlig verzerrtes Mahlerbild mit dem kitschigen und endlos wiederholten Adagietto. Die meisten Nichtkenner, die das „wundervoll“ finden, rennen doch bei den anderen Sätzen der 5., der kompletten 6. oder 7. und auch der 9. davon.
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    • Ekkehard schrieb:

      Noch eine Ergänzung: Neben den Genannten waren mit Kolja Blacher (Ex-Konzertmeister) noch verschiedene Solisten der BPhil bei der hier in Rede stehenden Aufnahme dabei: der schon erwähnte Albrecht Mayer, Emmanuel Pahud, Stefan Dohr sowie Marie-Pierre Langlamet - und Sabine Meyer war schließlich auch zugegen. Weniger rumpelnde Rentnertruppe, mehr so „die Galaktischen“, wenn man so will (auch wenn, s. Real Madrid, so ein illustres Ensemble allein noch keine Erfolgsgarantie ist, klar).
      Ich hatte die Berliner mit Absicht nicht erwähnt, weil sie später, als sich das Orchester konsolidiert hatte, nicht mehr dabei waren. Ich glaube schon 2006 gab Rattle keine Erlaubnis mehr für seine Leute.... Ab der Zeit oder spätestens ab 2008 war das Orchester bei den Stimmführern und Bläsersolisten eigentlich immer gleich besetzt. Kolja Blacher schied am Schluss aus und wurde dann durch Gregory Ahss (Camerata Salzburg, vormals MCO) und Sebastian Breuninger (Leipzig) ersetzt.
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    • Ich will mal versuchen, wieder zum Thread-Thema zurückzukommen, wenn auch auf verschlungene Weise und erst mit den letzten Sätzen :D . Nach den Diskussionen um die Abbado-Aufführung von 2003 und das Lucerne Festival Orchestra möchte ich hier noch einmal kurz zusammenfassen, was die Geschichte der "Internationalen Musikfestwochen Luzern" (IMF) und ihrem Orchester vom Beginn bis heute betrifft. Ich habe dazu das folgende Buch schnell noch einmal quergelesen und das Wichtigste zusammengetragen. Ich setze das in einen Zitatrahmen, auch wenn es keine wörtlichen Passagen aus dem Buch sind.

      Erich Singer: Lucerne Festival – Von Toscanini zu Abbado
      Verlag Prolibro, Luzern, 2014
      Die Gründung von Festspielen war seit 1936 geplant. Das geschah in erster Linie aus dem Grund, den Fremdenverkehr zu beleben, und weniger aus dem Geist als Hort der Freiheit, wie es dann später in lokalpatriotischen Äußerungen oft verbrämt wurde.
      Ursprünglich sollte bei der Eröffnung Richard Strauss mitwirken, der jedoch ablehnte. Über die Gründe gibt es keine klaren Antworten, nur Mutmaßungen.

      1938: Es fand ein erstes Konzert im Juli statt mit Alfred Cortot unter Ernest Ansermet. Dazu stellte Ansermet ein Orchester zusammen, das aus dem Luzerner Kursaal-Orchester bestand und um Mitglieder des Orchestre de la Suissse Romande erweitert wurde. Am 19. August gab es dann ein weiteres großes Orchesterkonzert unter Fritz Busch, und erst am 25. August fand das legendäre „Gala-Konzert“ vor dem Wagner-Haus in Tribschen unter Toscanini statt, das seitdem als Geburtstunde des Lucerne Festival und seines Festival-Orchesters angesehen wird. Der als „Elite-Orchester“ bezeichnete Klangkörper ging aus dem von Ansermet zusammengestellten hervor, wurde aber nochmals erweitert. Dies organisierte in erster Linie Adolf Busch in Absprache mit Toscanini. Dabei wurden die Streicher des Orchesters durch das Busch-Quartett, den Geiger Enrico Polo und weitere führende Streichquartette (namentlich nicht genannt) sowie die Geigerin Stefi Geyer verstärkt. Dieses so erweiterte Orchester stand aber nur Toscanini zur Verfügung, nachfolgende Konzerte in Luzern unter Willem Mengelberg und Bruno Walter fanden wieder mit dem von Ansermet zusammengestellten Orchester statt.

      1939: Das von Adolf Busch und Ernest Ansermet zusammengestellte Elite-Orchester steht jetzt nach Intervention von Bruno Walter nicht nur Toscanini, sondern auch anderen Dirigenten zur Verfügung.

      1940: keine Festwochen

      1941-42: Auf Initiative des Verkehrsdirektors Pessina wird das Orchester der Mailänder Scala eingeladen. Es dirigieren u.a. Serafin und Sabata.

      1943: Es gibt Widerstände gegen die neuerliche Verpflichtung eines Klangkörpers aus einem faschistischen Staat. Ein „Schweizer Orchester“ aus verschiedenen lokalen Orchestern wird gebildet, das als Festwochenorchester der IMF (Internationale Musikfestwochen) von jetzt an ca. 50 Jahre besteht. 1943 sind etwa die Hälfte der Mitglieder des Orchesters von 1939 dabei, u.a. Rudolf Baumgartner, der spätere künstlerische Direktor der IMF. Es treten u.a. Wilhelm Backhaus, Walter Gieseking, Paul Klecki, Ansermet und Schuricht auf.

      1945-1952: Nach dem Krieg entstehen Streitereien zwischen IMF und SMV (Schweizer Musikverband) über Zuständigkeit und Programmgestaltung.

      1954: Das Philharmonia Orchestra aus England ersetzt das Festspielorchester vollständig.

      1955: Neuer Anlauf und Wiederverpflichtung des Festspielorchesters, das ab jetzt unter dem Namen Schweizer Festival-Orchester (SFO) auftritt.

      1956: Die „Lucerne Festival Strings“ werden gegründet und geben ein erstes Konzert mit Schneiderhan u. Baumgartner. Zusätzlich wird auch das Philharmonia Orchestra als Gastorchester wieder eingeladen. Damit beginnt die Phase der Gastorchesterauftritte, die sich in den folgenden Jahren immer mehr verstärkt.

      1957: Erstmaliger Auftritt der Wiener Philharmoniker. (Davon gibt es einen Mitschnitt von Beethovens Klavierkonzert op. 73 mit Robert Casadesus und Dimitri Mitropoulos).

      Später treten auch die Berliner Philharmoniker auf und ab Mitte der 60er-Jahre amerikanische Orchester.

      1992 (oder 1993 ?) wird das SFO aufgelöst.

      Danach erfolgt vom damaligen Intendanten Bamert der Versuch, ein neues Festivalorchester zu schmieden aus Mitgliedern des Gustav Mahler Jugendorchester (GMJO) und des European Community Youth Orchestra (ECYO). Dies gelingt nur zwei Jahre lang (1994-95), in denen verschiedene Dirgenten (Sanderling, Menuhin, Roshdestvenski, Dutoit) künstlerisch erfolgreiche Aufführungen realisieren. Allerdings lässt der Besucherzuspruch zu wünschen übrig und deckt damit in keiner Weise die organisatorischen und finanziellen Schwierigkeiten für die Weiterführung eines solchen „Sommer-Orchesters“. 1996 wird der Plan endgültig aufgegeben.

      1999: Festliche Einweihung des neuen KKL und der „Salle blanche“ durch die Berliner Philharmoniker unter Claudio Abbado mit Rihms In-Schrift und Beethovens 9. Sinfonie.

      2000: Claudio Abbado kontaktiert den Intendanten Michael Haefliger und unterbreitet ihm die Idee eines neuen Lucerne Festival Orchestra.

      2003: Eröffnungsgala des LFO unter Abbado mit Debussy’s La Mer. Danach in zwei weiteren Konzerten Aufführung der 2. Sinfonie von Gustav Mahler.
      Aus den Entwicklungen der ersten beiden Jahre erkennt man, dass das erste Luzerner Festival-Orchester nicht im eigentlichen Sinn ein von Toscanini komplett „handverlesenes“ Orchester war, sondern nur durch zusätzliche illustre Kammermusikformationen erweitert wurde. Eine Beständigkeit dieses Orchesters gab es eigentlich auch nur 1938-39. Selbst wenn nach den Angaben des Singer-Buchs im Jahr 1943 „mehr als die halbe Formation des Elite-Orchesters von 1939“ spielte, so war nach meiner Vermutung dann z.B. das Busch-Quartett nicht mehr dabei, das in Kriegszeiten natürlich nicht von USA aus anreisen konnte. Und auch Toscanini dirigierte das Orchester nach 1939 nicht mehr. Er kam nur 1946 zu sogenannten "Extra-Konzerten" noch einmal nach Luzern, dabei allerdings mit dem Orchester der Mailänder Scala.

      Nach dem Krieg war das Festival-Orchester Luzern bzw. Schweizer Festival-Orchester auf jeden Fall ein nationaler Klangkörper. Nur so ließen sich anfänglich überhaupt die Festwochen im organistaorischer und finanzieller Hinsicht realisieren. Dabei gab es allerlei Gerangel um Zuständigkeiten. Mit dem Beginn der Gastspiele fremder Orchester ab den späten 50er-Jahren ging die Bedeutung des Festival-Orchesters offensichtlich allmählich Stück um Stück zurück, so dass die Auflösung 1992 nicht verwunderlich ist.

      So gesehen war der Neuanfang 2003 wirklich von ganz anderer Qualität und der Beginn einer ganz anderen Ära, wo nach anfänglichen stark variierenden Orchesterbesetzungen auch mit den Berlinern und sogar den Wienern (Franz Bartolomey!) so ab 2007 ein klar definierter Klangkörper entstand, wo bis auf wenige Ausnahmen immer dieselbe Besetzung spielt. Natürlich gab es nach dem Tod von Abbado eine größere Veränderung, als Chailly übernahm und Leute aus dem Scala-Orchester unterbringen wollte. Über den derzeitigen Stand habe ich aber nun auch wegen Corona keinen Überblick.

      Zur 2. Sinfonie von Mahler habe ich persönlich ein gespaltenes Verhältnis, ich stehe ihr genauso wie der 8. und auch der 3. relativ distanziert gegenüber (für mich steht da Aufwand und Ertrag nicht im richtigen Verhältnis). Ich besitze die DVD aus Luzern, habe sie aber nur ein einziges Mal angeschaut. Daher kann ich mir kein Urteil erlauben. Allerdings habe ich dann ab 2005 die Sinfonien 1, 3, 4, 7 und 9 live erlebt. Irgendwo hier wurde der Begriff "mikro-detailliert" oder so ähnlich verwendet. Definitiv war der Anspruch Abbados kammermusikalische Klarheit und die Forderung an die Musiker aufeinander zu hören. Daraus ergibt sich dann automatisch ein detaillierteres Klangbild. Aber der große Bogen muss darunter nicht leiden.
      Sicher sollte man die Luzerner Aufführungen nicht völlig entmaterialisiert und wie von einem anderen Stern sehen (ich habe da einige Kostproben in meinem Bekanntenkreis erlebt, für die Abbado noch über Gott gestellt wurde und die sein Konterfei im Geldbeutel mit sich herumtrugen). So fand ich zum Beispiel den letzten Satz der 9. Sinfonie viel zu langsam und zu zelebriert dargeboten, zudem mit einer von Abbado angeordneten Lichtregie (Abdunklung) am Schluss, um damit einen zu schnellen Applaus zu verhindern. Er schaffte es damit tatsächlich, dass die Leute fast zwei Minuten ruhig blieben. Trotzdem war mir das dann doch zu aufgesetzt und zu weihrauchartig.
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    • leverkuehn schrieb:

      Ich will mal versuchen, wieder zum Thread-Thema zurückzukommen, wenn auch auf verschlungene Weise und erst mit den letzten Sätzen :D . Nach den Diskussionen um die Abbado-Aufführung von 2003 und das Lucerne Festival Orchestra möchte ich hier noch einmal kurz zusammenfassen, was die Geschichte der "Internationalen Musikfestwochen Luzern" (IMF) und ihrem Orchester vom Beginn bis heute betrifft. Ich habe dazu das folgende Buch schnell noch einmal quergelesen und das Wichtigste zusammengetragen. Ich setze das in einen Zitatrahmen, auch wenn es keine wörtlichen Passagen aus dem Buch sind.

      Erich Singer: Lucerne Festival – Von Toscanini zu Abbado
      Verlag Prolibro, Luzern, 2014


      Werter leverkuehn

      Magst Du nicht vielleicht mit deiner fulminanten Chronik zu den IMF (die ich herzlich verdanke) einen neuen Faden eröffnen, auf dass Deine prächtige Fleissarbeit ausreichende Anerkennung und eine würdige Fortsetzung erfahren möge?

      Nur eine Anregung und keine Erwartung, gell.

      Danke by the way für alle Deine kenntnisreichen, erfahrungsgenährten und erhellenden Beiträge!

      Gruss aus Bern vom Walter
    • Walter Heggendorn schrieb:

      Werter leverkuehn

      Magst Du nicht vielleicht mit deiner fulminanten Chronik zu den IMF (die ich herzlich verdanke) einen neuen Faden eröffnen, auf dass Deine prächtige Fleissarbeit ausreichende Anerkennung und eine würdige Fortsetzung erfahren möge?

      Nur eine Anregung und keine Erwartung, gell.

      Danke by the way für alle Deine kenntnisreichen, erfahrungsgenährten und erhellenden Beiträge!

      Gruss aus Bern vom Walter
      Hallo Walter, danke für den Vorschlag. Ich hatte auch schon daran gedacht, und habe es jetzt umgesetzt, dabei noch ein paar Sätze mehr hineingeschrieben, siehe Das Lucerne Festival gestern und heute.

      Viele Grüße aus dem Schaumburg Land,
      Stephan
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    • Ein guter Freund hat mir die Aufnahme des Gedenkkonzerts für Mariss Jansons vom Januar letzten Jahres geschenkt, bei dem die zweite Symphonie gegeben wurde, leider bin ich noch nicht zum Hören gekommen :)
      Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

      Cato der Ältere
    • Caesar73 schrieb:

      Ein guter Freund hat mir die Aufnahme des Gedenkkonzerts für Mariss Jansons vom Januar letzten Jahres geschenkt, bei dem die zweite Symphonie gegeben wurde, leider bin ich noch nicht zum Hören gekommen :)
      Und für alle, die sich auch einen Eindruck von dieser Aufführung machen wollen:

      Der Studienfreund des Verstorbenen, Zubin Mehta, dirigiert Chor und Symphonieorchester des BR, Golda Schultz und Gerhilde Romberger singen, aufgenommen am 15.01.2020 im Gasteig in München.
      Seit einigen Tagen ist diese Aufnahme auch hier für ca. ein Jahr verfügbar.

      Gruß Benno
      Überzeugung ist der Glaube, in irgend einem Puncte der Erkenntniss im Besitze der unbedingten Wahrheit zu sein. Dieser Glaube setzt also voraus, dass es unbedingte Wahrheiten gebe; ebenfalls, dass jene vollkommenen Methoden gefunden seien, um zu ihnen zu gelangen; endlich, dass jeder, der Überzeugungen habe, sich dieser vollkommenen Methoden bediene. Alle drei Aufstellungen beweisen sofort, dass der Mensch der Überzeugungen nicht der Mensch des wissenschaftlichen Denkens ist (Nietzsche)
    • Ich habe die Aufnahme inzwischen hören können, dazu muss ich sagen, dass es Komponisten mit denen ich vertrauter bin als mit Mahler. Was mich beeindruckt hat, war die fast kammermusikartige Transparenz des Klanges des Orchesters. Als Zubin Mehta das Podium betrat wirkte er wie ein Mann von über 80 Jahren, in dem Moment als er den Taktstock hob, ging eine Veränderung in ihm vor, wie verwandelt. Was mich als Laien immer wieder beeindruckt ist, wenn jemand in der Lage ist eine solche komplexe Partitur im Kopf zu haben, solche Musik auswendig zu dirigieren.
      Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

      Cato der Ältere
    • ChKöhn schrieb:

      Mauerblümchen schrieb:

      Eben. Gerhild, die Walkür. Weiß man doch ... :versteck1:
      Ich weiß das, weil sie eine sehr geschätzte Kollegin hier an der Hochschule ist...
      Lieber Christian,

      vielen Dank für die Korrektur. Und wenn sie Deine sehr geschätzte Kollegin ist, erklärt das auch, dass Du sie besser kennst als ich, der ich erst einmal das Vergnügen hatte, sie live im Konzert zu erleben. Und das Konzert ist dann auch schon wieder fünf Jahre her. Ich sollte Namen halt nicht aus dem Gedächtnis schreiben, wenn es dann doch so unpräzise ist.

      Gruß Benno
      Überzeugung ist der Glaube, in irgend einem Puncte der Erkenntniss im Besitze der unbedingten Wahrheit zu sein. Dieser Glaube setzt also voraus, dass es unbedingte Wahrheiten gebe; ebenfalls, dass jene vollkommenen Methoden gefunden seien, um zu ihnen zu gelangen; endlich, dass jeder, der Überzeugungen habe, sich dieser vollkommenen Methoden bediene. Alle drei Aufstellungen beweisen sofort, dass der Mensch der Überzeugungen nicht der Mensch des wissenschaftlichen Denkens ist (Nietzsche)
    • VIELEN DANK, @Giovanni di Tolon, für den Link zu dieser herrlichen M2-Aufführung in sehr guter Tonqualität!
      Ich liebe die gezupfte Landler-Stelle heiß und innig, die aber ist meist nicht besonders gut zu hören.
      Hier dagegen kann ich schwelgen :rolleyes: ^^ :rolleyes:
      (ab Min. 31)

      Auch der Schlusschor, die tiefen, leisen Stellen

      Die "Urlicht"-Sängerin ist nicht ganz mein Fall, auch etwas arg langsam geraten, finde ich

      :wink:

      amamusica
      Ein Blümchen an einem wilden Wegrain, die Schale einer kleinen Muschel am Strand, die Feder eines Vogels -
      all das verkündet dir, daß der Schöpfer ein Künstler ist. (Tertullian)

      ...und immer wieder schaffen es die Menschen auch, Künstler zu sein.
      Nicht zuletzt mit so mancher Musik. Die muß gar nicht immer "große Kunst" sein, um das Herz zu berühren...