In der Mitte des Lebens in einem dunklen Wald - Dantes Divina Commedia

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    • In der Mitte des Lebens in einem dunklen Wald - Dantes Divina Commedia

      In Eben gewaelzt wurde vorin kurz die Divina Commedia erwaehnt. Und nicht zum ersten Mal. Wir werden in diesem Thread nach un nach die bisherigen Beitraege zu diesem Meisterwerk der Weltliteratur buendeln.Sonst versickern sie irgendwo im Forum.

      Dantes Divina Commedia. Das es sich um ein Stueck Weltliteratur handelt, ist unbestritten. Aber warum ist das so? Wie laesst sich das begruenden? Liegt das an der Thematik des Werkes? Und damit gleich eine weitere Frage: Was ist dass Thema der Divina eigentlich?
      Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

      Cato der Ältere
    • Eine Gefahr, die bei der Betrachtung der Commedia immer besteht, liegt darin, den Dichter Dannte auf die Rolle des Schoepfers der Commedia zu reduzieren. Dante hat ja nicht nur die Commedia verfasst. Ja, wer war Dante eigentlich? Was wissen wir eigentlich ueber den Dichter? Was muss ich ueber Dante und seine Zeit wissen, oder anders gefragt: muss ich fuer einen Zugang etwas ueber Dante und seine Zeit wissen? Das waeren einige Fragen, die ich gerne in den Raum stellen wuerde. Wenn Euch noch weitere einfallen, auf den Naegeln brennen: nur zu. Welche Leseerfahrungen habt Ihr mit Dante gemacht?
      Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

      Cato der Ältere
    • Caesar73 schrieb:

      Welche Leseerhahrungen habt Ihr mit Dante gemacht?
      Bislang noch keine. Das könnte sich aber ändern, wenn ich hier Ansprechendes lesen sollte... ;+)

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Im jetzigen Italienischen heißt das Buch
      La Divina Commedia.
      Allerdings schrieb Dante Comedìa. Die erste Gesamtausgabe erschien posthum, so daß man nicht sicher ist, ob das der Titel des Werkes gewesen wäre (das "Divina" wurde sowieso nachträglich hinzugefügt).
      Alles, wie immer, IMHO.
    • die Göttliche Komödie lese ich immer wieder gerne...
      oder anders gefragt: muss ich fuer einen Zugang etwas ueber Dante und seine Zeit wissen?

      ohne Zweifel. Das Werk ist so voll mit aktuellen Anspielungen, da sollte man meiner Meinung mindestens eine gut kommentierte Ausgabe verwenden

      (Und kleiner OT-Zusatz: Miltons Paradise lost spielt in der gleichen Liga...)
      viele Grüße

      Bustopher


      Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
      Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)
    • Lieber Bustopher, welche Ausgabe verwendest Du? Zuletzt gekauft habe ich mir die Uebertragung Kurt Flaschs. Den Kommentar fand ich sehr instruktiv. Die neue Reclam-Ausgabe habe ich auf der Liste.

      Worin besteht eigentlich fuer Euch dir Faszination der Commedia?
      Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

      Cato der Ältere
    • Hallo Caesar73,
      Ausgaben habe ich mehrere, da muß ich aber erst nachsehen.
      Ja, was fasziniert mich dran? Form, Sprache, Inhalt, interne und externe Bezüge... Allein schon die durchgängigen Terzinen - da habe ich schon Hochachtung vor jedem, der es nur nachdichtet... die Kraft der Bilder, besonders im Inferno und im Purgatorio, die Art der Umsetzung des mittelalterlichen Weltbildes, die ungezählten Anspielungen und Zitate, die es zu einem Prüfstein humanistischer Bildung machen...
      viele Grüße

      Bustopher


      Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
      Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)
    • Caesar73 schrieb:

      Was hieltet Ihr davon wenn wir gemeinsam einen Gesang der Commedia lesen wuerden? Zum Beispiel der erste Gesang?
      Das fände ich sehr gut. Vermutlich gibt es aber etliche Übersetzungen, in Reimform oder auch in Prosa? Vielleicht könnten wir eine nehmen, die übers Netz frei verfügbar ist.

      Ich habe jetzt bei Wikipedia mal über das Werk nachgelesen. Um ehrlich zu sein, besonders die Passagen über die Hölle klangen für mich sehr abstoßend, als wenn da einer sadistische Rachephantasien auslebt. Mir ist der enorme zeitliche Abstand natürlich bewusst. Trotzdem erschließt sich mir bisher nicht, warum ich das lesen sollte. Wegen der künstlerischen Qualität der Verse? Kommt die denn in der Übersetzung überhaupt rüber?

      Gruß, Carola
    • Gerade die Hölle ist einerseits sehr unterhaltsam, andererseits sehr interessant, wie schwerwiegend die entsprechenden Vergehen eingeordnet werden. "Wollust" ist die am wenigsten verwerfliche, Hochverrat die schlimmste. (s.u., der neue 10. Kreis ist ein Gag, aber der Rest korrekt dargestellt.)

      Ich habe das Werk zweimal begonnen, aber nie ganz zu Ende gelesen. Einmal wohl noch als Teenager, beim zweiten Male vielleicht mit Anfang oder Mitte 20 bin ich etwas weiter gekommen, aber auch noch relativ am Anfang des Paradiso steckengeblieben. Die "sadistischen" Fantasien sind wohl für die meisten Leser farbiger und spannender als die zunehmend verklärtere Beatrice usw.
      Da die verbreitete Ansicht ist, dass sehr viel bei allen Übersetzungen auf der Strecke bleibt, habe ich einen weiteren Versuch auf die unbestimmte Zeit verschoben, zu der ich genügend italienisch lesen kann, um wenigstens mit einer zweisprachigen Ausgabe zurechtzukommen.

      "http://www.theonion.com/articles/tenth-circle-added-to-rapidly-growing-hell,507/
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Tja. Irgendwelche Schlaumeier haben herausgefunden, daß die Divina Commedia nicht politisch korrekt ist. Interessanterweise bemängeln sie juden- islam- und homosexuellenfeindliche Passagen, nicht aber die ebenfalls enthaltene Kritik an der Amtskirche, an der Politik, an ausschweifender Heterosexualität... [t.b.c.]. Honi soit qui mal y pense...

      http://www.welt.de/kultur/history/article13921943/Wie-rassistisch-ist-Dantes-Goettliche-Komoedie.html

      Andererseits:
      Umgehend erhoben Wissenschaftler und Publizisten lautstarken Widerspruch. Das sei etwa so, als ob man "den Figuren in der Sixtinischen Kapelle Unterhosen oder der Venus von Milo einen Bikini" anziehen würde, heißt es etwa in einem Kommentar der katholischen Tageszeitung "Avvenire".

      Kritik an den Unterhosen der Heiligen gerade von dieser Seite? Das ist ja nicht so "als ob", sondern die wurden de facto angezogen. Michelangelos Nacktheiten waren den Kirchenoberen zu obszön. Wie hieß doch der "Höschenmaler", il "Braghettone"? Daniele da Volterra? War der Kommentator nie in der Sistina? Und wer nur hat den vielen antiken Männerstatuen Feigenblätter vorgeklebt?
      ("http://www.avvenire.it/Commenti/Pagine/Toglietimi-tutto-Dante-no.aspx")

      Der inkriminierte Artikel findet sich auf der Homepage von Gherush92 ("http://www.gherush92.com/news_it.asp?tipo=A&id=2985"). Leider nur italienisch.
      viele Grüße

      Bustopher


      Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
      Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)
    • Seit Jahrzehnten steht neben mir am Schreibtisch einen Bronzen Büste von Dante Alighieri. Welch einen wunderbaren Schriftsteller !
      Ich habe zehn Übersetzungen von La Comédie in meinen Bibliothek (4 in Niederländisch, 5 in English und einen ins Französisch; leider keinen ins Deutsch...) und ich glaube das es gut ist, zu versuchen einen Poesie Übersetzung zu wählen mit viele Annotationen.

      Über Dante ist sehr viel biografisches zu finden, und sein Leben ist ja schon einen Roman. Hohe politischen Florentiner, werde aber verbannen wenn die Guelfi Neri die Macht übernahmen weil Dante auf einen diplomatischen Reise war. (Jaja, politisch gab es nicht nur die Guelfi gegen die Ghibeleinen, da waren ach schwarzen und weissen Guelfi. Dante gehörte zu den letzten.)
      Er war einer der ersten Vorkämpfer für einen verbunden Italien.

      Also, die Kommedie...
      Zuerst: es ist das erste literarischen Meisterwerk das in wirklich Italienische Sprache (Toskanisch) geschrieben ist. Das sichert ja schon Dante's Platz im Literatur von Italien.

      Weshalb ist das Inferno so viele Mahlen interessanter, oder würziger als die andere zwei Teilen ?
      Weil Dante ins Inferno offenstehende Rechnungen mit seine Gegner ausgleicht.
      In der Inferno findet man viele seiner Gegner, und eben einen Gegner die am Moment das das Buch geschrieben werde, gar noch im Leben war !
      Dante ist aber auch sehr ausgeprägt in seiner Meinung wenn es nicht seinen eigenen Gegenstreber gilt:
      Odysseus ist einen Lügner und Falschspieler, kann deshalb nie einen Helden sein. Für immer im Inferno mit Ihnen!

      Im Himmel, wenn Vergilius ersetzt werde bei Beatrice, ist alles schön und toll und blitzblank. Steril.
      Die Himmel hätte ja meine Meinung nach halb so lang sein mögen, aber Dante ist ja auch einen verbissener Kerl. Im Leben und im Schreiben; er wollte seinen Struktur keinen Millimeter ändern...

      Für tollere Versen mit / über Beatrice haben wir das wunderbare La Vita Nuova.

      Dante war keinen fröhlicher Kerl, und seine Verbannung hat seinen Leben auch noch mehr Bitter gemacht.
      Aber seinen Hölle Fahrt mit Vergilius als Begleiter ist eine meisterhafte Idee.
      Einen Idee das mehrmals kopiert ist.
      Ich bin den Namen des Schrifstellers vergessen, aber in Jahren '80 habe ich einen Inferno gelesen wo das 'Ich' Personage begleitet werd durch einen sehr tollen Type. Einen sorgsamen Person die viel Erbarmen und noch mehr Reue hat. Am Ende von die Reise findet der 'Ich' die Identität seinen Begleiter auf, und ist entsetzt. Er wirft Benito Mussolini wieder zurück ins tiefsten Teil des Inferno...

      Da ist noch so viel zu erzählen...
      Aber auch in die Musik findet man Dante vielfach !

      Granville Bantock – Dante and Beatrice, symfonisch gedicht; The Sea Reivers voor orkest; Dante, symfonisch gedicht nr. 2
      Conrado Del Campo – La divina commedia – El infiero, symfonisch gedicht
      John Foulds – The Vision of Dante, Konzertopera op. 7
      Paul Gilson – Francesca da Rimini, oratorium
      Enrique Granados – Dante, symfonisch gedicht
      Jenó Hubay – Dante-Symfonie, Vita nuova op. 118
      Franz Liszt - Dante-Symfonie (S.109)
      Paul Von Klenau – Paolo und Francesca, symphonische Fantasie, & Dante-Symphonie, symfonie nr. 4
      Roberto Mancinelli – Paolo e Francesca, opera
      Saverio Mercadante – Francesca da Rimini, opera
      Sergej Rachmaninov – Francesca da Rimini (Rachmaninov), opera
      Giacomo Puccini – Gianni Schicchi, opera
      Pjotr Iljitsj Tsjaikovski – Francesca da Rimini, symfonisch gedicht
      Charles Wuorinen - Dante Trilogie, ballet
      Riccardo Zandonai – Francesca da Rimini, opera
      Tangerine Dream - Drei muziekalbums mit elektronische Musik ( Inferno, Purgatorio, Paradiso )
      Iced Earth - Dante's Inferno, heavy metal
      Sepultura - Dante XXI, trashmetal
      Loreena McKennitt - Dante's Prayer ins Album The book of Secrets (1997)
      Zbigniew Preisner - Van Den Budenmayer En Mi Mineur (Version 1798), Liedtekst ist einen Teil von der Inferno. Filmmusik bei "La double vie de Véronique" von Kiéslowski
      Patrick Cassidy - "Vide Cor Meum", Gebaseerd op "A ciascun'alma presa"

      Und da soll ja viel mehr zu finden sein...

      Frohes Wochenende,
      Entschuldigung für die viele Fehler in meinen Deutsch,
      Viele Grüße aus ein völlig verregnet Amsterdam,

      Eric Wobma
      "We are all amateurs, since life is too short to become a professional" Charlie Chaplin
    • Neben Literatur und Musik haben ja auch viele Maler sich inspirieren lassen durch Dante Alighieri, und nicht nur Dante Gabriel Rossetti und die berühmte 'Barque de Dante' von Delacroix oder Bouguereau's Gemälde.
      Botticelli hat ja schon La Comedia bebildert.
      Einige seinen Nachfolger sind:
      Gustave Doré
      William Blake
      Juke Hudig
      Salvador Dali
      Georg Grosz
      Evelyn Paul
      Harry Bennett
      Umberto Romane

      Tschüss !

      Eric Wobma
      "We are all amateurs, since life is too short to become a professional" Charlie Chaplin
    • Wobelix schrieb:

      Weshalb ist das Inferno so viele Mahlen interessanter, oder würziger als die andere zwei Teilen ?

      Hier widerspreche ich für mich ganz entschieden, ich finde meinerseits das Paradiso und das Purgatorio mindestens ebenso interessant und mein Lieblingsbuch ist das Paradiso. Meine Faszination für Dante ist keine literaturwissenschaftlich motivierte, obschon ich seine grosse Bedeutung für die italienische Sprache und die Welt-Literaturgeschichte nicht in Abrede stelle. Für mich ist der Verfasser der Divina Commedia ein Eingeweihter, der einerseits den Erkenntnisschatz seiner damailigen Zeit und der vorangegangenen Jahrtausende in einem Buch zusammenfasst und anderseits eine Art archetypisches Modell erschafft bzw synthetisiert, das für mich weit über seine Zeit hinausweist. Das Durchwandern von Hölle, Reinigungsberg und Paradies als Seelenentwicklungsweg ist das Haupt- Thema dieses Werkes (es wurde ja oben danach gefragt) und dieser Weg kann je nach Bewusstseinzustand und spirituellem oder philosophischem Hintergrund des Lesers auf vielfältige Weise verstanden und interpretiert werden.
      Die Liebe einer bereits ins Paradies erhobenen Frau spielt dabei eine ganz entscheidende Rolle. Beatrice ist die Frau, die es dem Mann ermöglicht, die allerhöchsten Sphâren zu erreichen. Ich habe vorhin einen andereneher unerfreulichen Thread gelesen, in dem gefragt wurde was Liebe sei. Hier bei Dante ist die Antwort zu finden und sie ist auch meine Antwort: Liebe ist, dem/der Geliebten zu helfen, das Beste seiner selbst zu entwickeln und die höchste Stufe des Seins zu erreichen. Ob Mutter und Kind oder Bruder und Schwester oder Mann und Frau oder Mann und Mann oder Frau und Frau ist da einerlei.
      Bei Dante funktioniert diese Liebe ohne Sexualität bzw mit einer komplett sublimierten Sexualität, aber es gibt durchaus Kulturen, in denen gelebte Sexualität ein Weg zu eben diesem höchsten Bewusstsein ist bzw sein kann. (Beispiel tantrische Liebe). Ich konnte in dem entsprechenden geschlossenen Thread ncihts mehr beitragen, aber vielleicht ist dieser Thread hier ohnehin besser dazu geeignet. Die Liebe zu und von Beatrice ist in jedem Fall ein ganz entscheidendes Element der DC, denn sie motiviert den Erzähler, seinen Weg bis zu Ende zu gehen. Das Werk ist so komplex, dass es viele viele Diskussionen braucht, um sich dem anzunâhern. Ich will mich gerne hier beteiligenn, denn meine Leidenschaft für dieses Initiations-Buch wächst bei jeder Lektüre. Ich lese die italiensich-deutsche Reclamausgabe von Hartmut Köhler, eine bessere ist mir noch nciht untergekommen. Jeder Versuch, Dante in Versen zu übersetzen muss m.E. scheitern oder die Lektüre für heutige Leser noch mehr erschweren:fee:
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • Liebe Capricciosi!

      Fasziniert hat mich auch Giorgio Manganellis Beschreibung der "Commedia" in seinem Artikel "Die 'göttliche Komödie' - in einem durchgelesen" (Ital. Erstausgabe im Corriere della Sera, 27. 3. 1984; dt. Üs. in: G. Manganelli, Manganelli furioso. Ein Handbuch für unnütze Leidenschaften, Berlin: Wagenbach 1985.):

      Die fortlaufende Lektüre der "Göttlichen Komödie", ohne Beachtung ihrer Abschnitte, ja mit dem Bestreben, den letzten Gesang eines Teils mit dem ersten des nächsten auf einen Tag fallen zu lassen, hat mir ein ganz neues Gefühl vermittelt [das die analytische Bearbeitung des Werkes in der italienischen Schule seiner Ansicht nach nicht zu vermitteln vermochte, Anm. v. Areios], das ich nur mit dem Hören einer langen Symphonie à la Mahler oder einer endlosen Sonate vergleichen kann. Die Sätze einer Symphonie sind zugleich selbständig und miteinander verbunden.


      Und dann stellt er die "Commedia" tatsächlich als Symphonie vor:

      Die 'Hölle' beginnt mit einem Adagio - und das ist absolut klassisch - auf das natürlich gleich ein gewichtiges Allegro con fuoco folgt. In der 'Hölle' benutzt Dante ein Orchester à la Mahler; es ist auch viel Verdi darin [...]: Melodram, große Tragödie; ausgiebiger Gebrauch des Schlagzeugs, schöne Arien; hier und da ein Adagio; Lyrismen.


      Das 'Fegefeuer' ist zweifellos ein Adagio. Hier ist das Orchester deutlich reduziert. Nicht mehr als ein Dutzend Instrumente, würde ich sagen, mit einer prächtigen Besetzung der Bläser: Klarinette, Fagott, Oboe, Englisch Horn und mindestens zwei Bassetthörner - diese Mozart'sche Wonne. [...] Verglichen mit dem ersten Satz ist im zweiten - dem 'Fegefeuer' - das Orchester vereinfacht, während die Effekte raffinierter sind; sie erscheinen bis zum Äußersten reduziert und verfeinert. Im 'Paradies' ist der Prozeß noch weiter vorangetrieben. Wir sind jetzt bei einem perfekten Fugato angelangt, der Klangkörper ist von schwindelerregender Nacktheit: allerhöchstens ein Quartett. [...] Dante konnte die ersten beiden Sätze grundlegend in tonalen Tonarten schreiben, doch jetzt ist er am Ende; unermüdlich sucht er nach unwahrscheinlichen und unmöglichen Klängen, seine Sprache zerbröckelt und vertausendfacht sich, um sich schließlich mit angstvollen Schreien von unerträglicher Einsamkeit zu messen. Und wie arbeitet zwischen den Wörtern und Silben die gläserne Transparenz der Stille!


      Dieses Zitat kann vielleicht auch dazu anregen, das "Paradiso" noch einmal aus einer anderen Perspektive zu lesen.

      Liebe Grüße,
      Areios
      "Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
      Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.
    • Lieber Areios, danke fûr diesen Hinweis, den ich sehr spannend finde und noch nicht kannte. Nun verstehe ich noch besser, warum das Paradiso mein Lieblingsbuch ist- Kammermusik und Stille sind halt einfach besser als grosse Symphonien. :rolleyes:
      In jedem Fall freue ich mich auf inhaltliche Diskussionen zu diesem Werk. :fee:
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • Carola schrieb:

      Ich habe jetzt bei Wikipedia mal über das Werk nachgelesen. Um ehrlich zu sein, besonders die Passagen über die Hölle klangen für mich sehr abstoßend, als wenn da einer sadistische Rachephantasien auslebt. Mir ist der enorme zeitliche Abstand natürlich bewusst. Trotzdem erschließt sich mir bisher nicht, warum ich das lesen sollte. Wegen der künstlerischen Qualität der Verse? Kommt die denn in der Übersetzung überhaupt rüber?

      Liebe Carola, wenn man nur das Inferno liest, wie das offenbar viele Leser tun, kann man evtl diesen Eindruck bekommen (den ich natürlich nicht teile). Wenn Du die Divina commedia aber als den Weg verstehst, den Dante beschreibt, gehört das Inferno als erster Schritt (und nicht als Selbstzweck!) unbedingt dazu. Allerdings niemals ohne Purgatorio und Paradiso.
      Warum man das lesen sollte? Wenn man keine Lust hat, sollte man es lieber lassen, denn das ist keine leichte Lektüre sondern ein hochkomplexes Universum.
      Wenn man aber Lust hat, sich auf einen archetypischen spirituellen oder philosophischen oder psychonanalytischen oder was auch immer Weg (je nach Interpretation kann man das ganz verschieden sehen) zu begeben, der auch nach vielen Jahrhunderten noch fasziniert, dann kann man sich kopfüber in dieses Lektüreabenteuer stürzen.

      Was die "sadistischen Rachephantasien" angeht, würde ich darüber gerne genauer diskutieren, wenn wir bei diesem Thema sind. Es geht da ja bekanntlich um die Todsünden und ich finde Dantes Auseinandersetzung damit und auch seine persönlichen Wertungen ausserordentlich interessant. Wenn man etwas Abstand von der christlichen bzw kirchlichen "Sünden"thematik nimmt und die Todsünden aus anderen Blickwinkeln betrachtet, wird es für mich noch viel spannender.
      Aber dazu kommen wir sicher noch.
      :fee:
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • Natürlich ist die Comedia eins, und nicht nur ein Drittel...

      Aber die Esoterik Dante's im letzten Drittel ist nicht seiner, sondern Da volgt er einen langen Weg die ja zurück geht zur ersten Soefis und die Mystiker von eher als das Mittelalter.
      Ja, er hat sehr viel gelesen, und mehr noch begriffen.

      Im Inferno hat er keinen Selbst Zensur, spricht Ihr aus tiefsten seinen eigenen Herzen.

      Es ist ja völig unmöglich das er wirklich einen lauterenden und sexualen esoterisches Traumbild machen kann mit einer Mädel wem er am letzten gesehen hatte wenn er 8 Jahre alt war und Beatrice 6... Und danach sind Sie beiden verheiratet mit andere Leute... Und haben Sie einander im Jahrzehnten nicht mehr gesehen. Sire haben einander fast NIE gesehen !
      Beatrice ist ja wirklich wie einer Mitteralterischer Ritter Liebe: ihrer Taschentuch ist wichtiger Als die Frau selbst.

      Dante's Beatrice ist ein Monument, und sogar ein wunderbares Kreatur.
      Aber mit Sexualität hat es ja wirklich nichts zu tun.
      Denke ich doch...
      Und ich bin völlig gefallen für das romantische Bild von Beatrice, hat ja 4 mini Bronzestatue von ihr ins Häuschen.

      Aber wer weis, suche noch immer nach immer mehr gute Bücher darüber...

      Viele Grüße aus Amsterdam,

      Eric
      "We are all amateurs, since life is too short to become a professional" Charlie Chaplin