Beethoven: Symphonie Nr. 2 in D-Dur, op. 36 – Werk und Aufnahmen

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    • Habe jetzt noch im vorigen Posting die Schuricht Aufnahme ergänzt, vorhin vergessen.

      Weitere persönliche Höreindrücke:



      Pierre Monteux nahm nicht alle Beethoven Symphonien mit den Wiener Philharmonikern auf. Die Symphonie Nr. 2 spielte er am 9. und 10.5.1960 zusammen mit der Fidelio-Ouvertüre op. 72b und der König Stephan Ouvertüre op. 117 in Londons Kingsway Hall mit dem London Symphony Orchestra ein – prachtvoll klangschön, in herrlich offenem, seither unerreicht großartigem Decca Raumklang. Und Monteux „malt“ wie bei der 1. Symphonie die Musik besonders natürlich pulsierend und beseelt inspiriert, wunderbar beherzt und belebt. Auch er wiederholt die Exposition im 1. Satz allerdings nicht. Insgesamt für mich eine großartige, in allem stimmige Aufnahme.




      Im Kunsthaus Luzern entstand am 25.8.1988 eine Liveaufnahme der Symphonie (neben Wagners Siegfried-Idyll) mit dem von Claudio Abbado dirigierten Chamber Orchestra of Europe (CD audite 95.627). Im Vergleich zu Abbados klangherrlichem Wiener Beethovenzyklus aus dieser Zeit ist diese Beethoven Zweite direkter, unmittelbarer. Das Orchester klingt frisch und natürlich, es spielt großartig leidenschaftlich und (genauso wie die Wiener Philharmoniker) mit dem „Abbado con brio“. Die Ursprünglichkeit dieses Orchesters, diese Nicht-Tradition eines entwickelten Klangbilds, ermöglicht so wie ich es höre einen ganz eigenen spannenden „Beethoven-Geist“. Auch eine Aufnahme, an der es für mich nichts auszusetzen gibt. Bestmöglicher Beethoven! Abbado wiederholt die Exposition im 1. Satz. Komischerweise ist der Applaus nach dem Ende ausgeblendet.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Im Rahmen meines (angesichts des anstehenden 250. Geburtstagsjubiläums nächstes Jahr verfrühten) Beethoven-Revivals habe ich heute nach langer Zeit einmal wieder die Zweite gehört. Besonders spannend, wenn man gerade in Caeyers' Beethoven-Biographie gelesen hat.

      Das Werk wurde ja ziemlich selbstbewusst in einem reinen Beethovenprogramm zusammen mit dem dritten Klavierkonzert und dem Oratorium Christus am Ölberge uraufgeführt, zusätzlich gab es eine Wiederauflage der ersten Symphonie. Im Vorfeld lief wohl eine ziemlich chaotische Probenarbeit mit Beethoven als Dirigenten und großteils improvisierendem Pianisten, die Orchestermusiker waren irritiert angesichts eines eher auf Akzente als auf Zählzeiten fokussierten Dirigats (und betonte Synkopen gibt es ja doch einige in der zweiten Symphonie). Die Rezeption der Zweiten war dann wohl sehr zwiespältig, viele Hörer waren durch diese "Neue Musik" verstört.

      Betont wird von Caeyers die Bedeutung der Zweiten als wichtiges Werk des Übergangs und Vorbereitung der Eroica. Z. B. hinsichtlich der Dimensionen (hier u, a. die für die Zeit ungewohnt ausgedehnte Coda des Kopfsatzes oder auch Länge und lyrisches Gewicht des langsamen Satzes) oder der spieltechnischen Anforderungen.

      Die Järvi-Interpretation hat hinreichend Virtuosität und Attacke, um erahnen zu lassen, dass das Werk einst ein Schocker war.

    • AlexanderK schrieb:

      Und die beiden verweisen auf eine d-Moll-Stelle in der Einleitung des 1. Satzes, bei der man schon an die 9. Symphonie denken mag.
      die Stelle, in abstürzender Moll-Akkord mit scharfklingenden Punktierungen (obs auch d-moll ist, wüßte ich jetzt nicht aus dem Kopf), kommt schon einem Zitat des Hauptthemas der Nunten sehr Nahe...

      eine andere, noch nicht angesprochene Genietat in der 2. ist das Thema des Finales, genauer das Hauptmotiv:
      Das dominantische A7 umschreibend eine zackige Figur, zum nicht geringen Teil aus Verzierungen bestehend (Vorschlag, Triller), wie eine Art verlängerter Auftakt auf unbetonter Zählzeit angesiedelt, und auf dem betonten Schlag nicht etwa in die Tonika aufgelöst, sondern mit 2 Akzenten nochmal Quinte und Grundton des Dominantakkordes bekräftigend: das ist mal eine Setzung, die das in der Einleitung der 1. eingeführte "dissonante Beginnen" nochmal steigert.
      in Kandidat für den "seiner Zeit voraus"-thread eigentlich - solche Motive als Hauptthemen hat eigentlich (zumindest in der Symphonik) erst Bruckner wieder gebracht - ich denke da an die 8. ...
      Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
      daß Alles für Freuden erwacht
    • Also Haydn hat schon zahlreiche ähnlich minimalistische Themen, meine ich. Wenn vielleicht häufiger in Klaviersonaten. Z.B. der Beginn der relativ bekannten D-Dur (ich glaube 37 nach irgendeiner Numerierung).
      Und der punktierte d-moll-"Absturz" kommt von Haydns letzter Sinfonie, ebenfalls die Einleitung. Tatsächlich ist Beethovens 2. m.E. recht deutlich von dieser und Mozarts "Prager" Sinfonie inspiriert, jedenfalls im Kopfsatz.
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Irgendein Rezensent schrieb seinerzeit über frühen Beethoven, wobei ich nicht mehr genau weiß, auf welche Werke es sich bezog, von "vergröbertem Haydn". Das ist zwar einseitig, aber nicht falsch. Beethoven nimmt häufig Elemente und Verfahren, die so ähnlich bei Haydn schon vorkommen, ihm fehlt (oder er verzichtet eben auf) die spielerische Eleganz, der "Witz" Haydns. Dadurch wirkt vieles schroffer, unebener, nahezu wild und manchmal etwas grobschlächtig.

      Manchmal ist es ein bißchen Reduktion "aufs Wesentliche". Haydn hat in der #104 einen monothematischen Kopfsatz, bei dem der scheinbare uninteressanteste Teil des Themas die Durchführung beherrscht, eine Floskel von zwei Takten (ta-ta-ta-ta-taa-taa). Beethoven hat zwar mehrere Themen in seinem Satz, aber als Hauptthema nimmt er eins, das von vornherein so "primitiv" ist wie diese beiden Takte aus Haydns Thema...
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Mit dem zweiten Satz betritt Beethoven für mich als erster Musiker überhaupt eine Ausdrucksebene, die weit über das, was jemals zuvor erklang hinausreicht. Diese unglaublich emporsteigende Melodielinie, einzigartig! Deren geniale Tonsprache hat für mich nur er selbst noch übertreffen können.

      Dieser Satz sticht für mich gegenüber den anderen 3 Sätzen entscheidend heraus.

      Damit hat Beethoven als erster eine neue Dimension des Klanges demonstriert.

      Bereits in seiner Eroica hat er dann mit seinem zeitlosen Marce Funebre gehörig da angeknüpft. Spätestens mit diesem Satz hat er für mich unverrückbar den Olymp der Symphoniker betreten.

      Ist nur eine Meinung, aber trotzdem muss ich die hier jetzt Mal loswerden :verbeugung1: :verbeugung1: :verbeugung1: :verbeugung1: :verbeugung1: :verbeugung1:

      Ich werde es nimmer vergessen, als ich in seiner letzten Wohnung in Wien vor seinem Klavier stand - ich habe ihn förmlich gespürt diesen mächtigen Nachhall!

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      ... alle Menschen werden Brüder.
      ... We need 2 come 2gether, come 2gether as one.