WAGNER: Siegfried - Freiburg/Br. 14.6.2009 - Premiere

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    • WAGNER: Siegfried - Freiburg/Br. 14.6.2009 - Premiere

      Die gestrige Premiere hat - wie die früheren "Ring"-Teile in Freiburg auch schon - neue Erkenntnisse und manchmal verblüffende Einsichten gebracht. Dennoch scheint der "Siegfried" weit weniger gelungen als die fulminante "Walküre". Regisseur Frank Hilbrich hat das vermeintlich heitere Stück sehr düster inszeniert - Siegfried ist sozial unfähig und umgeben von kaputten Typen. Die alten Männer, mit denen er zu tun hat (Mime, Fafner, Wanderer), sind ihrerseits heruntergekommene Gestalten. Siegfried kennt nur seinen Willen und im Zweifel Gewalt. Angesiedelt wird die Handlung in einer schäbig eingerichteten Einzimmerwohnung mit meist heruntergelassenen Rolläden (Bühnenbild: Volker Thiele), deren Inventar mittels der Drehbühne ab und an ausgetauscht wird. In solchen Behausungen vegetieren Siegfried und Mime als Männer-WG (das kennt man schon aus Stuttgart), in so etwas schmort aber auch der verwahrloste Fafner vor sich hin. Stärker als in den früheren Teilen verliert sich die Regie in Albernheiten oder unnötigen Konterkarierungen des Libretto und der Musik: Auf das Schmieden eines Schwertes sollte man in einer Neubauwohnung vielleicht in der Tat verzichten, aber für den Verlauf des ersten Aktes ist das dramaturgisch natürlich bedrohlich, wenn es kein Schwert gibt und ein Bär auf einer Bratpfanne hämmert.

      Musikalisch war der Abend durchwachsen, aber die positiven Eindrücke überwiegen deutlich. Fabrice Bollon hat mit der neuen Spielzeit das Philharmonische Orchester übernommen und disponiert klug und mit Sinn für Details. Gerade im ersten Akt skizziert er scharf Mimes Brüten (piano, oft langsamer als andere), während bei Siegfrieds Einsätzen das Tempo oft straff angezogen wird. Die Musiker folgen ihrem Generalmusikdirektor engagiert und verlieren bis zum Ende nicht die Spannung. Das Hornsolo (Isabel Forster) funktioniert nicht bis in die letzte Note (aber wann funktioniert es schon einmal bei einer Liveaufführung), wird aber spannend intoniert, so dass es weit mehr ist als ein kurzes Stück Bühnenmusik auf der Basis zweier Leitmotive.

      Sehr stark war der Mime von Roberto Gionfriddo - rhythmisch sicher, klare Diktion, engagiertes Spiel, auch an grösseren Häusern wäre dieser Auftritt rundum gelungen gewesen. Peteris Eglitis als Wanderer hatte im ersten Akt Schwierigkeiten, konnte sich aber bedeutend steigern; die Zwiegespräche mit dem bestens aufgelegten Neal Schwantes als Alberich und Anja Jung als Erda waren ein Genuss. Fafner (Gary Jankowski) haust als fettleibiger Messie in einem Berg alter Pizzakartons und singt von seinem unaufgeräumten Sofa aus durch ein Sprachrohr, um denen draussen, die ihn nicht sehen, einen angsteinflössenden Eindruck zu machen - eine überzeugende Interpretation! Gary Jankowski hat obendrein sehr gut gesungen (leider ein falscher Texteinsatz...). Lini Gong (Waldvogel) hatte ihre Partie sicher im Griff. Und das vermeintliche Traumpaar Siegfried-Brünnhilde? In dieser Inszenierung sind es zwei Figuren mit schweren psychischen Hypotheken, die nicht erst in der Götterdämmerung aneinander vorbeireden. Sabine Hogrefe singt aber auch - und wie! Ein durchschlagendes Organ, die beiden C's lupenrein (das erste leider, leider einen Schlag zu spät), sie ist dazu eine sehr engagierte Schauspielerin. Doch darin lag auch das Problem der Szene: Nicht zum ersten Mal wurde ein erschöpfter Siegfried nach fast fünf Stunden von einer ausgeruhten Brünnhilde förmlich an die Wand geblasen. Gunnar Gudbjörnsson, das muss leider so gesagt werden, ist der Partie des Siegfried nicht gewachsen. Durch die Akte hindurch gelingt es ihm im Gegensatz zu allen anderen nicht, seine Stimme über das Orchester hinweg tragen zu lassen, sie ist zu eng geführt, gequetscht, die Artikulation der Vokale ist zumindest gewöhnungsbedürftig, und zudem scheint er mit seiner Rolle alles andere als vertraut, wie sonst liessen sich die unzähligen Hänger im Text und die viel zu vielen falschen Einsätze (vom GMD immer wieder beeindruckend schnell korrigiert) erklären?

      Am Ende viel Applaus vor allem für Brünnhilde, Alberich, das Orchester und das Regieteam, etwas weniger für Siegfried, der trotzdem nicht ausgebuht wurde (was mich gewundert hat). Wer sich auf eine Ring-Interpretation einlassen will und kann, die unkonventionell, menschlich und sehr düster ist, sollte sich diesen No-future-Siegfried nicht entgehen lassen und sich die Götterdämmerung (Premiere: 16. Mai 2010) vormerken!
    • Nachtrag: Die Aufführung vom 28.6.2009 war musikalisch und szenisch insgesamt sehr viel stimmiger als die Premiere, als einiges noch nicht ganz eingespielt schien. Die Besetzung war identisch. Die Inszenierung ist in der "Badischen Zeitung" kritisiert worden (badische-zeitung.de/klassik-re…plattenbau--16079075.html), teils zu Recht, teils auch nicht. "Siegfried" muss nicht unbedingt eine Komödie sein. Die dramaturgische Anlage der Brünnhildenfigur schien mir schon in der "Walküre" fulminant gelungen, im "Siegfried" ist die Erweckungsszene sehr beklemmend geraten - mehr sei hier nicht verraten... Es geht unter die Haut.

      Was dieses mittlere Haus hier leistet, ist sehr beachtenswert. Die Regiearbeit wirkte jetzt ebenfalls homogener, einige übertriebene Details der Premiere (unter anderem ein sehr lästiger Knall) sind gestrichen. Sängerisch hat sich der Eindruck bestätigt: Während Alberich und Brünnhilde (Sabine Hogrefe) einigen, die man schon in Bayreuth gehört hat, stellenweise weit überlegen sind, ist der Siegfried eine Fehlbesetzung; auch bei ihm war es besser als in der Premiere, aber längst nicht gut. Viel verdienter Applaus für (fast) alle Beteiligten!