Beethoven: Symphonie Nr. 7 in A-Dur, op. 92 - Werk und Aufnahmen

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    • Doc Stänker schrieb:

      Das heißt, es gibt eine andere Aufnahme, die ist (zwar in Mono aber) genauso gut und die hüte ich wie einen Schatz:
      [IMG:http://ecx.images-amazon.com/images/I/41WDoqf5aSL._SL500_AA300_.jpg]

      Ist auf dieser Ausgabe die selbe Einspielung der 7. drauf, oder ist das eine andere?



      [Aufnahme: Mai 1950]


      jd :wink:
      "Interpretation ist mein Gemüse."
      Hudebux
      "Derjenige, der zum ersten Mal anstatt eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation."
      Jean Paul
    • Danke, Yukon, für den Link.

      Nach dieser Diskographie muß es die selbe Einspielung sein: Ein weiteres Mal hat er die 7. nicht aufgenommen.


      jd :wink:
      "Interpretation ist mein Gemüse."
      Hudebux
      "Derjenige, der zum ersten Mal anstatt eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation."
      Jean Paul
    • Eine Besonderheit, die Carlos von Erich Kleiber übernommen hat, ist, das allegretto mit Streicher-pizzicato zu beenden, während normalerweise die Schlussphrase wieder mit dem Bogen gespielt wird.
      Im 2. Satz durchzieht der später bei Schubert so genannte "Rosamunde"-Rhythmus "Tam-ta-ta-Taa-taa" auch die A-Dur-Abschnitte. Dieser Rhythmus feierlichen Schreitens (wenngleich zu zügig für einen Trauermarsch) dominiert damit diesen Satz in ähnlicher Weise wie der "hüpfende" Rhythmus den Kopfsatz. Der motivisch und rhythmisch vielgestaltigste Satz ist interessanterweise das Finale: Haupthema mit Fanfare und "Drehtanz"-Motiv, die Fortsetzung mit der marschartigen Horn/Holzbläser-Passage, die Verselbständigung des Wirbelmotivs und dann die gezackt-punktierten Motive des Seitenthemas.

      Das Trio wird fast immer sehr viel deutlicher verlangsamt als vorgeschrieben, außer einigen HIPisten ist Toscanini hier ziemlich nahe an der originalen Relation, wenn ich recht erinnere.

      Die Positionierung mit Vl. 1 und 2 gegenüber ist in diesem Werk besonders wichtig (vielleicht das Manko der Harnoncourt-Einspielung), in C. Kleibers Studio-Aufnahme wird das umgesetzt (obwohl die durch multimiking und mixing insgesamt sicher kein audiophiles Juwel ist).
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • RE: Bernsteins letzte Aufnahme: Tanglewood-Mitschnitt vom 19. August 1990

      music lover schrieb:

      Wenn man diese Umstände kennt, kann die Energie, die Kraft, die einem beim Anhören dieser fesselnden Aufnahme entgegenschlägt, kaum hoch genug gewürdigt werden.




      Hallo music lover,

      Deinen Ausführen möchte ich ebenfalls ausdrücklich zustimmen. Du hast die Umstände in deinem Beitrag 14 ja recht genau beschrieben.

      Berücksichtigt man diese ergreifenden Tatsachen des "gerade noch zu Ende Bringen des Werkes auf dem Dirigierpult", dann gehört diese sicher zu den ergreifensten Aufnahmen. Ich habe die Aufnahme der 7ten in der abgebildeten Beethoven-Bernstein-Box (die ich allen Bernstein - Liebhabern nicht nur wegen der packenden 5ten mit dem Bayerischen RSO empfehlen möchte).


      DG, ADD/DDD

      :!: Lässt man die Emotionen beiseite, die den Hörer bei solchem Bewustsein der gesundheitlichen Umstände ergreifen und betrachtet nur die Interpretation ohne dieses Hintergrundwissen: So empfande ich bisher den letzten Satz immer als etwas zu auszelebriert und habe die Beiden genannten Bernstein-Aufnahmen bei CBS (SONY) und DG immer vorgezogen ...



      Zum Thema Wiederholung im letzten Satz:
      Ich hatte ja so etwas vermutet; denn die Tempounterschiede beim Betrachten der Spielzeiten mit und ohne Whd sind auch gefühlsmässig einfach nicht in dem Maße gegeben - siehe zum Beispiel den Vergleich der beiden fabelhaften Bernstein-Aufnahmen aus Wien ohne Wdh und NewYork mit Wdh.
      Dank an Harnoncourt-Fan ( ;+) trotz der wenig freundlichen Worte) für die Klarstellung der Wdh-Frage. 8+) Das mit den 7Min hat sich somit erledigt.



      :thumbsup: Der Thread ist ja nun noch richtig in Fahrt gekommen und es wurden weitere sicher interessante Aufnahmen der Sinfonie Nr.7 genannt, die den "Tanz auf dem Vulkan" im letzten Satz ebnefalls gerecht werden.
      ______________

      Gruß aus Bonn

      Wolfgang
    • Ich höre die 7. gerade mit Leibowitz und dem Royal Philharmonic Orchestra via Spotify.
      Wow! Das ist pure Vitalität. Zudem ein trnsparenter, sauberer Klang. In Satz 1 und 4 werden keine Wiederholungen gespielt.
      Ich verneige mich. :juhu:


      Spielzeiten: 10:44/9:10/7:45/7:11


      Alle Sinfonien mit Leibowitz sind übrigens auf Youtube hörbar.
      "http://www.youtube.com/playlist?list=PL9DAD3155F9494BEC"

      :wink:
      Denn ich, ich kenne meine Pläne - spricht der Herr - Pläne des Heils und nicht des Unheils; denn ich will euch eine Zukunft und eine Hoffnung geben.
      Jer. 29,11
    • Ich habe den beschaulichen Sonntagnachmittag heute für eine absolute, persönliche Premiere meinerseits genutzt. Habe heute nämlich meine allererste Beethoven-Symphonie gehört, sprich die Siebente.
      Warum gerade die, könnte man jetzt fragen...purer Zufall, es war das erste Beethoven-Stück, dass mir heute beim Stöbern in yt vorgeschlagen wurde (ich habe mir die Entscheidung demnach sehr leicht gemacht).
      Ein Klassikleben ohne Beethoven, das ist ja für viele evt. unvorstellbar, bei mir lief es bisher ganz gut :D

      Die Version, die mir angeboten wurde, war diese :
      Leningrad Philarmonic Orchestra unter Evgeny Mravinsky 1958
      also habe ich sie angehört und weil mir der erste Eindruck äußert positiv geriet, habe ich kurz darauf noch eine andere Version angeklickt, die da so "herumlag", diesmal :
      Amsterdam Concertgebouw Orchestra unter Erich Kleiber 1950
      die hat mich dann noch mehr begeistert, auch wenn ich die Pausen zwischen den einzelnen Sätzen zu lang fand, und weil alle guten Dinge 3 sind, habe ich noch einen nachgelegt, wieder "lag" genug herum :
      Bavarian Radio Symphony Orchestra unter Carlos Kleiber Live 1999
      die mich dann total begeistert hat (obwohl die Tonquali alles andere als sauber ist...was an yt liegen könnte), aber trotzdem wow, dass macht Spaß!
      Die Symphonie überhaupt ist ja unheimlich forwärts treibend, ich habe mich beim Hören richtig mächtig und groß gefühlt, wie ein Riese (passiert mit sonst nur bei Bartoks Blaubart).
      Der Anfang gefällt mir sehr und dann der dritte Satz.
      Alles vielleicht etwas unkonventionell in der Vorgehensweise, aber die darausfolgende Begeisterung ist das Entscheidende.
      :juhuu:
      "Allwissende! Urweltweise!
      Erda! Erda! Ewiges Weib!"
    • Ich weiß nicht, ob man das als ungewöhnlich bezeichnen kann; ich selbst war jedenfalls überrascht, da meine persönliche "Klassikkarriere" vor Urzeiten bei Beethoven und Bach ihren Anfang genommen hat. Das mag bei Dir, aus welchen Gründen auch immer - vielleicht Richard Strauss/sängerisch orientiert? -, völlig anders gewesen sein.
    • Natürlich kannte ich vorher schon die sattsam bekannten Stellen aus Betthoven-Symphonien (Schluss der 9. , Anfang 5. usw.), aber die von mir empfundene Überpräsenz Beethovens hat mich bisher wohl immer abgeschreckt und dann da ich, wie du schon erkannt hast, eher sängerisch orientiert bin...(meine erste Klassik-CD war Wagners "Rheingold"), ich habe also sowieso erst spät mit Symphonien im allgmeinen angefangen.
      "Allwissende! Urweltweise!
      Erda! Erda! Ewiges Weib!"
    • Irgendwann bleiben alle bei Beethoven hängen. :thumbsup:

      Freut mich, dass Dir die Siebente so gut gefällt, liebe Succubus!

      :wink:
      Denn ich, ich kenne meine Pläne - spricht der Herr - Pläne des Heils und nicht des Unheils; denn ich will euch eine Zukunft und eine Hoffnung geben.
      Jer. 29,11
    • Habe es mit dieser Symphonie heute nochmal wiederholt, dieses Mal aber nur eine Aufnahme angehört, da sie mir das erste Mal am besten gefiel, die von Carlos Kleiber (siehe oben). Der erste Satz gefällt mir wirklich ausgesprochen gut.
      Die Satzbezeichnungen sind ja so :
      1. Poco sostenuto – Vivace
      2. Allegretto
      3. Scherzo. Presto
      4. Allegro con brio
      So grob durch die Pausen erkennt man das ja, aber könnte vielleicht einer der Beethoven-Experten hier eine Art Struktugramm aufstellen (so wie Algabal das im Thread zu Hartmanns Adagio gemacht hat), das würde mir sehr helfen und ich könnte auch besser darüber reden.
      Ich weiß, dass das zeitlich natürlich auf die Aufnahme ankommt, aber eine gewisse Grundstruktur würde ja schon reichen.
      "Allwissende! Urweltweise!
      Erda! Erda! Ewiges Weib!"
    • Hallo Succubus,

      um die Beethoven-Sinfonien zu erfassen brauchen wir ansich kein Struktugramm a´la Algabal.
      Greife Dir, wenn es unbedingt sein muss, einen Konzertführer (RECLAM) und Du bist gut bedient.

      Von der Sinfonie Nr.7 (und nicht nur der 7) gibt es massig gute Aufnahmen. Du bist nunmal zufällig mit der Kleiber-Aufnahme (DG) warm geworden. Ich persönlich finde diese etwas überschätzt und klanglich ohnehin nicht optimal. (Wie konntest Du nur an dem von Dir genannten Monoaufnahmen aus Beitrag 28 gefallen finden, wo wir heute auf 100te gut klingende Stereoaufnahmenn zurückgreifen können ??) Sorry - Monofans !

      Ich würde Dir eher die Leibowitz-Aufnahme (Chesky, 1960), die auch im letzten Satz weit mehr Schwung hat als Kleiber, empfehlen. Auch wenn jede Menge Widerspruch zu erwarten ist - auch die Karajan-Aufnahmen (DG) und (Decca, 1960), die im letzten Satz quasi dem "Tanz auf dem Vulkan" absolut feurig abgehen, gefallen mir eindeutig besser.

      :!: Wenn es eine Neue aus diesem Jahrhundert sein darf, dann empfehle ich Dir Paavo Järvi mit der Bremer Kammerphilharmonie. Aber nicht unbedingt die Studioaufnahme bei RCA. Bei seiner LIVE-Aufnahme vom Beethovenfest aus der Beethovenhalle Bonn, 2010 brennt er ein Feuer ab, das seinesgleichen sucht. Der Pauker geht dort ab wie bei einem Rockkonzert. Diese gibt es auch auf DVD mit Bild im astreinen 5.1 Dolby-Surround-DTS-Sound (SONY, 2010). Järvi beachtet gegenüber Karajan auch alle Wiederholungszeichen - für viele ein entscheidendes Argument, für mich weniger entscheidend, da für mich das Hörerlebnis zählt.
      Wenn Du das hörst, wirst Du keine Gedanken mehr an Kleiber verschwenden (so gut die tatsächlich auch ist).


      SONY, DVD - DTS 5.1, 2010
      ______________

      Gruß aus Bonn

      Wolfgang
    • Hallo Teleton,

      übrigens ist die Kleiber-Aufnahme, die ich meine, nicht bei DG erschienen, sondern bei Orfeo (siehe Beitrag 17)
      Und was das angeht :

      teleton schrieb:

      (Wie konntest Du nur an dem von Dir genannten Monoaufnahmen aus Beitrag 28 gefallen finden, wo wir heute auf 100te gut klingende Stereoaufnahmenn zurückgreifen können ??) Sorry - Monofans !

      Monoschrott...*hust-hust, räusper-räusper*, also ich habe überhaupt nichts gegen Mono-Aufnahmen, wenn die Interpretation mir gefällt, finde ich das zweitrangig. Davon abgesehen, habe ich auch nie behauptet, dass die Kleiber-Aufnahme das Neunplusultra ist, sondern lediglich, dass sie mir von den 3, die ich gehört habe am besten gefallen hat.
      Deinen Tipp werde ich aber trotzdem bestimmt berücksichtigen, wenn ich mir einmal eine CD zulege.
      "Allwissende! Urweltweise!
      Erda! Erda! Ewiges Weib!"
    • Ich höre gerade einige Aufnahmen der Beethoven Symphonien 1 bis 9 durch, ausgehend von Leonard Bernsteins New Yorker Zyklus. Ludwig van Beethovens Symphonie Nr. 7 A-Dur op. 92 also auch in ein paar Aufnahmen neu gehört, wieder gestaunt über dieses erstaunliche Werk – nach der sehr bestimmten Einleitung der rhythmisch geprägte erste Satz, das suggestive Geflecht des zweiten, die Standfestigkeit auch im Kreisen bei den Trioabschnitten des dritten Satzes, und das Finale, ekstatischer Tanz, Kriegsritt oder Turbinen; starke Musik eines starken Ich…

      Später, herzlicher Dank an Philmus für die Ergänzung - die „C-Dur Melodie der Holzbläser“ im 2. Satz wird in Reclams Konzertführer (Ausgabe 2001) sogar zweimal „gesungen“, auch wenn der Teil in dem sie erklingt in A-Dur steht. War hier zu "Reclam fixiert"...

      Persönliche Höreindrücke:



      Beethovens Siebente hat Leonard Bernstein 1957 in Boston mit dem Boston Symphony Orchestra aufgeführt, und der Mono-Mitschnitt davon ist seit 2008, digital remastered, auf CD verfügbar (IDIS 6556). Der etwas dumpfe Monoklang wird sofort nebensächlich, weil Bernstein den Zuhörer wie in einen Sog mitreißt. Hier geht es um alles, das ist Emotionalität pur. Bernstein wiederholt in den Sätzen 1, 3 und 4 nicht (Spielzeiten 11:43, 8:04, 6:53 und 6:35). Beethovens Siebente entfaltet sich hier als männlich kraftvolle Musik, das Finale verblüfft als exzessiver Rausch. Wie ich es höre eine in sich vollendet starke Aufnahme, ein großartiges Mono-Livedokument, ein versteckter Glanzpunkt in Bernsteins Diskografie.



      Mit den New Yorker Philharmonikern hat Leonard Bernstein Beethovens Siebente Symphonie zweimal aufgenommen, das erste Mal am 6.10.1958 im St. George Hotel in Brooklyn, New York (auf CD erstveröffentlich in der Bernstein Century Edition, CD Sony SMK 60967). Vielleicht macht es auch der Stereoklang aus (fast genauso ist es mir bei Bernsteins Mono- und Stereoaufnahme der „Eroica“ gegangen), diese Aufnahme wirkt deutlich zurückgenommener, milder, in den Sätzen 1 bis 3 auch entspannter als der „Kraftakt“ in Boston 1957. Bernsteins Leidenschaft für die Musik, seine totale Identifikation, bleibt weiterhin unwiderstehlich, das spürt man (zumindest ich) in jeder Nuance. Wieder verzichtet Bernstein auf die Wiederholungen (Spielzeiten 12:27, 9:43, 8:23, 7:27). Den Stereoklang (auch der meisten anderen Bernstein Aufnahmen aus New York) finde ich in seiner Vollblütigkeit traumhaft schön.



      Die Aufnahme Bernsteins mit den New Yorker Philharmonikern vom 4. und 26.5.1964 (Manhattan Center, New York City, CD Sony SMK 61835) bietet nun alle Wiederholungen (Spielzeiten 14:30, 9:03, 9:27 und 9:03) – und sie wirkt auf mich strenger, straffer gespannt als die von 1958. Aber immer: Leidenschaft pur! Den dritten Satz nimmt Bernstein hier auch getragener, vielleicht etwas zu gemütlich. Das Straffere des Finalsatzes macht diesen marschartiger, militärischer. Bisheriges Bernstein Fazit: 1957 Boston Urknall, 1958 New York Abmilderung, 1964 New York „geordnet für den Weltmarkt“.

      Bernsteins Wiener Aufnahme aus den 70ern wird erst bei meinem nächsten Beethoven Symphonien Durchgang von 1 bis 9, diesmal ausgehend eben von dem Tonträger- und Bildträgerzyklus aus Wien, konzentriert gehört.

      Und zu Bernsteins letzter Aufnahme? Später bitte, später…



      Ganz anders faszinierend war es für mich, Herbert von Karajans Aufnahme mit den Wiener Philharmonikern vom 9. und 10.3.1959 (oben von teleton als Einzel CD gezeigt, gehört von 9 CD Box Decca 478 055, ohne Wiederholungen, Spielzeiten 11:51, 8:42, 7:44 und 6:46) zu hören. Faszinierend der weiträumige, offene Decca Sound, der damals in den Wiener Sofiensälen erzeugt wurde. Faszinierend Karajans brillantes Gestalten, die klangliche und modellierte Detailarbeit, die stringenten Steigerungen. Faszinierend die wie ich finde optimale Tempowahl. Faszinierend einfach die ganze perfekte Ausstrahlung dieser frühen Stereoaufnahme. Da klingt auch irgendwie das „Düsenjet-Zeitalter“ mit. Und doch: Karajan „gestaltet“, Bernstein „lebt“ die Musik (so mein Höreindruck). Insofern: faszinierend einmal mehr, wie völlig unterschiedlich und doch auf ihre jeweilige Art überzeugend Interpretationen (nicht nur) dieses Werks sein können.



      Carlos Kleiber nahm nach der 5. Symphonie bald auch Beethovens Siebente mit den Wiener Philharmonikern auf (CD DGG 447 400-2, Musikverein Wien, 11/1975 und 1/1976), mit allen Wiederholungen (13:36, 8:09, 8:15 und 8:36). Kleiber gibt dieser wuchtigen Musik ein Element federnder Leichtigkeit. Die Wiener Philharmoniker klingen bei ihm auch zarter und transparenter als etwa bei Karl Böhm. Hochstimmung (durchaus im wörtlichen Sinn) unter Hochspannung – aber die Aufnahme hat bei aller singulären Faszination (diese Energie etwa beim dritten Satz – da sagt man heute wohl „Wow!“) auch etwas Künstliches, man spürt, dass sie eine ausgefeilte „Studioproduktion“ ist, ein „Endresultat“. Das Finale höre ich hier als „Das Werkl läuft wie geschmiert“.

      Und dann die Offenbarung schlechthin für mich. Carlos Kleiber hat am 3.5.1982 mit dem Bayerischen Staatsorchester ein Beethoven-Konzert in der Bayerischen Staatsoper gegeben. Den Mitschnitt der 4. Symphonie gab er selbst frei, die CD mit der 7. Symphonie (Orfeo C 700 051 B, Cover siehe weiter oben) wurde erst 2005 veröffentlicht. Live kommt das Werk sofort vollblütiger, unmittelbarer, total lebendig rüber, auch aufnahmetechnisch. Kleiber wiederholt nur im 3. Satz (11:12, 7:47, 8:23 und 6:27). Diese Aufnahme ist „totale Gegenwart“ – glutvoll farbig, extrem spannend, das Finale in seiner musikalischen Intensität atemberaubend sondergleichen. Für mich eine dieser ultimativen Lebens CDs „für die einsame Insel“. Ein sensationelles Tondokument eines einmaligen Konzerts.

      Vor Leonard Bernsteins „Final Concert“ (CD DGG 431 768-2, Cover siehe weiter oben) bin ich lange zurückgeschreckt.

      Das hat persönliche Gründe.

      Mit Leonard Bernstein habe ich dank einer mir zugänglichen LP Sammlung mit Columbia und CBS Platten in den 70er und 80er Jahren das breite Spektrum seiner New Yorker Aufnahmen im großen Überblick kennengelernt und damit auch viele Symphonische Werke akustisch dank Leonard Bernstein erstmals miter- und gelebt. Was für erhebende Augenblicke dann für einen jungen Musikfreund, die edlen DGG LP Boxen mit den Beethoven- und Brahms-Symphonien auszupacken und zu öffnen, die Beihefte zu studieren, die Musik von LP zu hören. Mitte der 80er Jahre habe ich eine umfangreiche Seminararbeit über Leonard Bernstein geschrieben, mit der ich was Bernsteins Biografie betrifft ohne zu untertreiben bei einigen Lebensabschnitten fast Humphrey Burton „vorweggenommen“ (und die Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek bis in den letzten Winkel was Texte von und über Bernstein betrifft durchforstet) habe. Im Musikverein und im Konzerthaus (Fernsehkonzertmitschnitte) sowie in der Wiener Staatsoper (Wagner Konzert 1985, „A Quiet Place“ 1986) konnte ich Leonard Bernstein mehrmals live erleben (unvergessliche Erinnerungen fürs Leben), auch in seinen letzten beiden Wiener Konzerten mit Bruckners 9. Symphonie war ich am Stehplatz dabei. Die CD und die DVD geben die unbeschreibliche Zerrissenheit der Momente, diesen zutiefst berührenden Versuch eines Menschen, damals im Musikverein ins Paradies vorzustoßen (anders kann ich es nicht beschreiben) wenigstens ansatzweise wieder. Aufbau einer nicht sehr konsequenten Bernstein CBS CD Sammlung, parallel dazu sehr konsequent die DGG CDs mit Neuaufnahmen (sie stehen noch heute nach Nummern geordnet im Regal; irgendwann bei den 415er Nummern fing die DGG an, Aufnahmedaten anzugeben, von der „zeitlosen Unsterblichkeit“ zur „zeitlichen Unsterblichkeits-Fixierung“, was für ein Einschnitt!), seit einigen Jahren auch nach und nach das seinerzeitige CBS Material (nun Sony) ergänzend, bevorzugt aus der Bernstein Century Edition. Nach und nach auch Kauf DVDs. Der Literatur von und über Bernstein lebenslang nachgespürt. Vieles immer wieder gehört, gesehen und gelesen.

      Jetzt endlich, ich lege die CD mit dem „Final Concert“ ein, aufgenommen am 19.8.1990 in Tanglewood, Leonard Bernstein und das Boston Symphony Orchestra (16:19, 9:48, 10:26, 8:01, Wiederholungen im ersten und dritten Satz, nicht mehr im vierten). Die 4 Sea Interludes aus der Oper „Peter Grimes“ op. 33 von Benjamin Britten (Dawn – Sunday Morning – Moonlight – Storm) sind schon einmal für mich viel mehr als nur Einstimmung auf den Beethoven. Ein Mensch, alleine mit den Naturgewalten, zwischen Geborgenheit, Weltflucht und Verlorensein, so etwas fällt mir beim Hören dieser Musik ein. Und dann noch einmal Beethovens Siebente, die siebente Aufnahme binnen sieben Tagen, und alles wird anders. War Kleibers Liveaufnahme aus München für mich die Offenbarung schlechthin was Beethovens Werk betrifft, so ist diese Aufnahme nun die Offenbarung von Musik an sich. Demut ist da, Neugier ist da, Liebe ist da, auch eine bei Bernstein ungewohnte Verhaltenheit (wohl auch der Gesundheit geschuldet), und nichts mehr ist wichtig, kein Vergleichshören, kein Abwägen. Nichts als die ehrliche Hingabe an die Musik ist wichtig. Diese Aufnahme beschämt mich als Musikhörer mit meinen Erwartungshaltungen zutiefst. Hier wird Musik gelebt, große Musik, in all ihren Momenten voller tiefster Liebe und Hingabe, ohne vordergründig auftrumpfen zu müssen und doch der Gewalt der Musik jederzeit vollauf gerecht werdend.

      Den Bogen über sieben Aufnahmen von Beethovens Symphonie Nr. 7 op. 92 habe ich gespannt, und zu meiner Überraschung bleibt am Ende – einfach nur Musik.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • RE: Bernstein

      AlexanderK schrieb:

      Bisheriges Bernstein Fazit: 1957 Boston Urknall, 1958 New York Abmilderung, 1964 New York „geordnet für den Weltmarkt“.


      Ich habe gar nicht gewust, das Bernstein zwei verschiedene Aufnahmen mit den New Yorker PH für CBS (SONY) aufgenommen hatte: 1958 und 1964; war nur immer verwundert, warum SONY diese seltsame Kopplung - einmal mit der Sinfonie Nr.1 und dann mit der Sinfonie Nr.2 vorlegte.

      In der Beethoven-Sinfonien GA mit Bernstein (SONY) ist die Aufnahme von 1964 enthalten.
      Das diese nach deinen Worten "geordnet für den Weltmarkt" sein soll, mag im Vergleich zu den Vorgängern von 1958 und 1957 stimmen --- aber auch gegen diese sind die meisten "gängigen" Interpretationen langweiliger "kalter Kaffee".
      Mit anderen Worten: Dein Vergleich finde ich zu krass und zu harmlos für Bernstein ausgedrückt. Denn "geordnet" empfinde ich bei dem feuer dort nichts.

      Heute habe ich mal Szell/Cleveland Orchester (SONY, 1963) und Leibowitz (Chesky, 1960) im Vergleich gehört - das sind Aufnahmen, die noch mit Bernstein mithalten können.
      Und von den neuen Aufnamen könnte ich nur noch
      Paavo Järvi / Deutsche Kammerphilharmonie Bremen (SONY, Live 2010 Beethovenhalle Bonn, DVD-DTS 5.1)
      nennen, die für meinen Geschmack konkurrenzfähig wäre. Das ist ein pures :D Rockkonzert, das Paavo dort abbrennt.
      ______________

      Gruß aus Bonn

      Wolfgang
    • Hallo,

      ich höre und sehe gerade diese Aufnahme hier und frage mich dabei, warum ich Beethovens 7. eigentlich so viele Jahre lang nicht mehr gehört habe: sie gefällt mir nämlich sehr :spock:

      "http://www.youtube.com/watch?v=bYlYLc1-ya0"

      Hier gefällt mir auch besonders das Dirigat von Paavo Jarvi