Beethoven: Symphonie Nr. 7 in A-Dur, op. 92 - Werk und Aufnahmen

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    • ich denke, es ist ein Unterschied, ob es für eine bestimmte Sitzordnung optimal passende Stellen gibt, oder ob es für eine bestimmte Stelle nur eine optimal passende Sitzordnung gibt.
      Ein Motiv 9 Mal von einer Seite zu hören, (o.k., 5mal Moll und 4mal Dur) finde ich eben nicht so lustig, und ich glaube einfach, dass Beethoven noch irgendeinen variierenden Effekt eingebaut hätte, wenn er nicht auf den links-rechts-Effekt hätte vertrauen können.
    • Braccio schrieb:

      Wie findet Ihr denn in der antiphonischen Aufstellung die Passagen, in denen das Motiv mit den sechs Sechzehnteln durch die Streichergruppen von den ersten Violinen bis zu den Bratschen durchgereicht wird, z. B. T. 37ff.? Das hüpft dann von links nach rechts und dann halbrechts. Ist okay, klingt aber in dem Fall für mich von links nach rechts durchlaufend stimmiger. Dann T. 92ff. mit dem punktierten Motiv, das durch die Streicher läuft. Ist das mit Bestimmtheit für die deutsche Sitzordnung geschrieben? Dann T. 129f., ein für meine Begriffe ziemlich eindeutiges Wechselspiel zwischen einerseits Violine I und II und andererseits Viola, Violoncello und Kontrabass. Klang für mich hier im Wechsel zwischen links und rechts ziemlich passend.
      pflichtschuldig habe ich mir diese Beispiele angeschaut. Ich sehe in keinem Fall die eine Aufstellung gegen die andere im Vorteil. Ob einem ein von oben nach unten durchgereichtes Motiv (eine eher vom Klavier aus gedachte Technik) dann lieber ist, wenn es der Reihe nach von links nach rechts erklingt oder meinetwegen zickzack ist völlig Geschmackssache.
      Typischer Fall dafür ist übrigens 3. Satz Takt 24-28. Ich bevorzuge eindeutig auch hier die antiphonische Aufstellung mit einer leichten Zickzaklinie von halblinks nach rechts und zurück nach links.

      T. 129 f. hältst du also ein Wechselspiel links-rechts für passend. Warum nicht in T. 388 f.?
      T. 129 f. ist für mich ein Wechselspiel (in antiphonischer Aufstllung) zwischen "vorne ganze Breite" (Violine I+II) und "zentral" (Vcl+Vla) nicht weniger passend. Im Gegenteil, wenn erst die eine Seite pausiert und dann die andere, wirkt das manchmal arg plakativ.
      (vgl. Tschaikowsky 5. Sinfonie, Beginn des Finales: Violinen I+II beginnen mit dem Hauptthema, nur der tiefste Ton e wird von den tiefen Streichern übernommen. Das klingt dann in der amerikanischen Aufstellung wie wenn auf einmal der linke Kanal ausgefallen ist.)

      Kurz: mir ist noch kein einziges Beispiel begegnet, für das die amerikanische Sitzordnung klanglich vorteilhaft wäre (spieltechnische Vorteile beiseite gelassen). Umgekehrt hunderte.
      Aufgrund einer recht erfreulichen Entwicklung in der Orchesterlandschaft über die letzten Jahrzehnte betrachte ich dieses Thema als einigermaßen erledigt.
    • Khampan schrieb:

      T. 129 f. hältst du also ein Wechselspiel links-rechts für passend. Warum nicht in T. 388 f.
      Dass es in 388ff. nicht passend wäre, habe ich nicht behauptet. Im Gegenteil, es passt auch dort hervorragend, und wenn man die Passage 388ff. diesbezüglich für wichtiger hält, stellt man die Geigen natürlich antiphonisch auf. Wogegen ich auch nichts habe; in den meisten Aufnahmen der Siebten, die ich häufiger höre, sind die Orchester "deutsch" aufgestellt.

      Ich wollte eigentlich nur die Entrüstung etwas relativieren, weil ich die Wiedergabe in der anderen Aufstellung nicht absurd daneben finde und weil ich bei vermeintlich einzig richtigen Lösungen meist skeptisch bin.

      Warum Haselböck, der ja auch sehr historisierend und anscheinend auch recht akribisch unterwegs ist, nun gerade diese Aufstellung gewählt hat, würde mich jedenfalls interessieren. Ich kann mir kaum vorstellen, dass er es unabsichtlich getan hat.
    • nun ja, einige Jahrzehnte lang galt die amerikanische Sitzordnung als quasi einzig richtige, was definitiv Quatsch ist. Es ist irgendwie grotesk, wieviel Überzeugungsarbeit von verschiedenen Seiten geleistet werden musste, um das wieder gerade zu rücken.

      Aus den Partituren bis, sagen wir, Ravel oder so ist klar abzulesen, dass die Komponisten viele Entscheidungen in dem Bewusstsein getroffen haben, dass die Violinen (normalerweise) geteilt sitzen.
      Dass manchmal akustische Gründe dagegen sprechen, weil z.B. wegen einer ungünstigen Akustik die Violingruppen sich gegenseitig nicht genug hören können und ein besseres Zusammenspiel wichtiger ist als der Links-rechts-Effekt, mag ja sein und liegt sicher im Ermessen der Ausführenden. Selbst wenn das bei der Uraufführung so gewesen sein sollte, spielt das keine große Rolle. Beethoven hatte da wichtigeres zu tun als sich um die Aufstellung zu kümmern. Möglich dass die Violinen sicherheitshalber nebeneinandergesetzt wurden, um das Risiko des völligen Auseinanderfallens aufgrund des tauben Dirigenten zu reduzieren.
      Ha, Marktlücke gefunden: Eine CD-Aufnahme unter den Uraufführungsbedingungen :versteck2:

      Haselböcks Aufnahme kann natürlich ganz toll sein. Harnoncourts Aufnahme möchte ich auch gar nicht schlecht reden. Mit der "richtigen" Aufstellung wären beide aber noch besser.

      Braccio schrieb:

      Dass es in 388ff. nicht passend wäre, habe ich nicht behauptet. Im Gegenteil, es passt auch dort hervorragend, und wenn man die Passage 388ff. diesbezüglich für wichtiger hält, stellt man die Geigen natürlich antiphonisch auf.
      Zweifellos ist 388 ff viel wichtiger. Die zuvor in chromatischen Kreisbewegungen absteigenden Bässe finden sich endlich in T. 389 zu einem Quasi-Orgelpunkt auf E (der noch bis T. 416 mit Dis alterniert - das ist glaube ich die Passage, wegen der C.M.v. Weber meinte, Beethoven wäre reif für die Irrenanstalt). Mit diesem Orgelpunkt beginnt eine der markantesten Steigerungen in dem Satz.

      Takt 129 ff liegt in einer modulatorischen Passage am Beginn der Durchführung, in der vor allem das Hautthema in seine Bestandteile zerlegt wird. Vom Charakter mehr Überleitung und Spannungsabbau denn Steigerung.