Bruckner: Sinfonie Nr. 1 c-moll "'s kecke Beserl"

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    • Bruckner: Sinfonie Nr. 1 c-moll "'s kecke Beserl"

      Entstanden 1865/66 und am 9. Mai 1868 unter der Leitung des Komponisten in Linz, wurde Bruckners 1. Sinfonie zu einem Achtungserfolg. Bruckner war ein begeisterter Wagneranhänger, daher ist Wagners Einfluss ist hier unüberhörbar, am deutlichsten tritt es im Tannhäuserzitat im Kopfsatz hervor.
      Es gibt zwei Fassungen: die sogenannte "Linzer Fassung" (1865/66), welche 1877 revidiert wurde, und die "Wiener Fassung" von 1891, welcher bisher wenig Aufmerksamkeit zuteil wurde.
      Bruckner nannte seine Erste, nach dessen Fertigstellung "'s kecke Beserl", weil sie sehr lebhaft ist. Außerdem wird die von Beethoven übernommene Sonatensatzform sehr eigenwillig ausgeweitet und weitergeführt.

      Die Sätze:

      1. Alegro
      2. Adagio
      3. Scherzo: Schnell, Trio: Langsamer
      4. Finale: Bewegt, feurig

      Aufbau und Analyse der Sätze wieder bei Wikipedia zu finden: "http://de.wikipedia.org/wiki/1._Sinfonie_%28Bruckner%29"

      Ich habe zwei hörenswerte Einspielungen der 1. Sinfonie:

      Liveaufnahme von 1987

      Sätze: 13:15/12:29/8:22/14:10

      Diese Einspielung besitzt einen klaren, transparenten Klang. Die Instrumentengruppen sind gut ausgeglichen. Besonders schön ist im vorwärtsschreitenden Kopfsatz das Tannhäusermotiv gelungen, die Bleche tönen sehr schön. Einem gefühlvollen und ruhig gespielten Adagio folgt ein rasant musiziertes Scherzo. Das Finale wird ebenfalls ausdrucksstark und lebhaft vorgetragen.


      Konzertmitschnitt vom 10.7.2004

      Spielzeiten: 13:23/15:03/9:32/16:17 mit Applaus (15:12 ohne Applaus)

      Ebenfalls ein Aufnahme mit Transparenz. Aufgrund des Aufführungsortes, die Barockbasilika in Weingarten, hallt der Klang etwas nach, das stört mich hier aber keineswegs. Die Tempi im Kopfsatz sind sehr ausgewogen, alles wie aus einem Guss. Beim zweiten Satz lässt sich das Orchester mehr Zeit als bei Inbal, es ist aber mit Wärme gespielt, die Holzbläser sind schön anzuhören. Das Scherzo ist hier lebhaft vorgetragen, die Tutti wirken sehr aggressiv. Auch das Finale gefällt mir gut, die Tutti verleihen dem Satz bedrohliches, als gelungener Kontrast sei die Flöte in den ruhigen Passagen erwähnt.

      :wink:
    • Lieber Treborian, danke fuer die informative Threaeroeffnung :) Jetzt sind die Brucknersinfonien weitgehend komplett, oder? Die erste Sinfonie duerfte zu den Brucknersinfonien gehoeeren, die ich am wenigsten im Ohr habe. Eine gute Gelegenheit dies zu aendern! :k:
      Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

      Cato der Ältere
    • Kann jemand eine Einspielung der Ersten in der Wiener Fassung empfehlen?

      Dürfte doch interessant sein, da von Bruckner selbst (und aus freien Stücken) revidiert - kurz vor der 9.)

      LG
      Tamás
      :wink:
      "Vor dem Essen, nach dem Essen,

      Biber hören nicht vergessen!"


      Fugato
    • Tschabrendeki schrieb:

      Kann jemand eine Einspielung der Ersten in der Wiener Fassung empfehlen?

      Dürfte doch interessant sein, da von Bruckner selbst (und aus freien Stücken) revidiert - kurz vor der 9.)


      Die ist wirklich sehr interessant, weil hier Bruckner'scher Spät- und Frühstil ziemlich unverblümt aufeinandertreffen. Das ist dann ganz und gar nicht mehr "keck".

      Von der sog. Wiener Fassung gibt es nicht viele Aufnahmen. Ich verweise nochmal pflichtgemäß auf
      "http://www.abruckner.com/discography/symphonyno1incmino/".


      Die bekannteste dürfte die Kölner Einspielung von Wand sein. Hier enthalten:



      Ist die einzige, die ich kenne. Gefällt mir gut (was nicht auf alle Kölner Aufnahmen Wands zutrifft).


      Andreae, Chailly und Rozhdestvensky haben ebenfalls die Wiener Fassung aufgenommen.



      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Zwielicht schrieb:

      Tschabrendeki schrieb:

      Kann jemand eine Einspielung der Ersten in der Wiener Fassung empfehlen?

      Dürfte doch interessant sein, da von Bruckner selbst (und aus freien Stücken) revidiert - kurz vor der 9.)


      Die ist wirklich sehr interessant, weil hier Bruckner'scher Spät- und Frühstil ziemlich unverblümt aufeinandertreffen. Das ist dann ganz und gar nicht mehr "keck".

      Von der sog. Wiener Fassung gibt es nicht viele Aufnahmen. Ich verweise nochmal pflichtgemäß auf
      "http://www.abruckner.com/discography/symphonyno1incmino/".


      Die bekannteste dürfte die Kölner Einspielung von Wand sein. Hier enthalten:



      Ist die einzige, die ich kenne. Gefällt mir gut (was nicht auf alle Kölner Aufnahmen Wands zutrifft).


      Andreae, Chailly und Rozhdestvensky haben ebenfalls die Wiener Fassung aufgenommen.



      Viele Grüße

      Bernd


      Hui, di Wand-Box habe ich ja auch... die Erste habe ich noch garicht daraus gehört.. werde ich mir mal vornküpfen. Danke!

      LG
      Tamás
      :wink:
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      Biber hören nicht vergessen!"


      Fugato
    • Die Sinfonie Nr. 1 von Bruckner habe ich das erste Mal mit Anfang 20 im Rahmen einer Konzertübertragung des Norddeutschen Rundfunks aus der Hamburger Musikhalle gehört. Ich erinnere mich noch wie heute daran, dass ich im Auto unterwegs war und NDR 3 eingeschaltet hatte. Dann startete das Bruckner-Werk und ich fuhr rechts heran. Um ab dem ersten Ton ergriffen zu lauschen. Und je weiter das Werk fortschritt, umso fassungsloser war ich. Bis ich dann beim Finale nur noch atemlos hinter meinem Steuer saß und nicht begreifen konnte, dass so ein musikalisches Ereignis überhaupt möglich ist. Bruckner war mir damals natürlich schon geläufig, aber seinerzeit regierten bei mir andere Komponisten. Weil sich dies durch diese Konzertübertragung schlagartig änderte und ich diesen Klang so faszinierend fand, ist die 1. Sinfonie in der Linzer Fassung bis heute meine Lieblings-Sinfonie von Bruckner. Allerdings nur, wenn sie "richtig" gespielt wird, d.h. exakt so, wie ich das damals im Radio gehört habe. Und das wurde zum Problem. Ich hatte mir nämlich den Namen des Dirigenten nicht gemerkt. Ich kannte ihn auch nicht. Für mich reichte es damals, mir zu merken: Bruckner Nr. 1 in der Linzer Fassung. Ich glaubte, wenn ich in ein Schallplattengeschäft gehe und eine gute Aufnahme des Werks kaufe, werde ich dieses Klangerlebnis wohl ohne Probleme erneut zu Hause haben. Aber Pustekuchen! Ich hörte Aufnahme um Aufnahme durch und sie waren nicht einmal entfernt so gut wie diese damalige Aufführung. Größtenteils waren sie ziemlich schlecht, manche waren ziemlich oder sogar sehr gut, aber eben nicht zu vergleichen. In die letztere Kategorie gehören z.B. Karajan und Solti
      [Blockierte Grafik: http://ecx.images-amazon.com/images/I/41aeMiNWVOL._SL500_AA300_.jpg]

      Der von mir sehr bewunderte Günter Wand

      dirigierte aufgrund seines Ansatzes, dass nur der letzte Wille des Komponisten zählt, selbstverständlich nur die spätere Wiener Fassung, war aber auch abgesehen davon für mich nicht erste Wahl. So hatte ich also eine "Lieblings-Sinfonie", aber keine dazu passende Schallplatte bzw. CD im Regal.

      Viele Jahre später fand ich heraus, dass der Dirigent des NDR-Sinfonieorchesters an jenem Abend Heinz Wallberg war. Ein unglaublicher guter, fast schon unschlagbarer Bruckner-Dirigent. Auf Umwegen, die ich jetzt nicht näher erläutern möchte, geriet ich an einen Wallberg-Mitschnitt jenes legendären Hamburger Abends. An das, was er dargeboten hat, reicht allenfalls entfernt noch Abbado mit den Wiener Philharmonikern heran

      Mit der Betonung auf "allenfalls entfernt".

      Am 21. September 2012 werde ich Claudio Abbado mit dem Lucerne Festival Orchestra und Bruckners Sinfonie Nr. 1 "http://www.elbphilharmonie.de/events/000000e9:00011b56.de" live in der Hamburger Musikhalle erleben. Irritierenderweise dirigiert er dann - anders als auf seinem DG-Mischnitt, wo er die Linzer Fassung wählte - die Wiener Fassung ?( Ich bin hochgespannt, was dieser Luxusklangkörper unter der Leitung dieses von mir sehr geschätzten Dirigenten dann zu bieten haben wird. In einem bin ich mir aber fast schon sicher: an Heinz Wallbergs Ausnahmeleistung mit dem NDR-Sinfonieorchester an selbiger Aufführungsstätte wird er wohl nicht herankommen. Oder doch? Ich bin jedenfalls freudig gespannt :jub:
      Er tut so gut.
      (Swjatoslaw Richter über Joseph Haydn)
    • Ich habe Bruckners Erste erst vor ein paar Jahren mit Claudio Abbados (von music lover vorgestellter) Aufnahme aus dem Jahr 1996 kennen- und liebengelernt und mir diese Aufnahme immer wieder mal sehr gerne angehört. Nun habe ich mir endlich die Zeit genommen, Abbados erste Aufnahme dieses Werks kennenzulernen, und ich wurde positiv überrascht.



      Anton Bruckners Symphonie Nr. 1 c-Moll hat Claudio Abbado insgesamt dreimal eingespielt: 1969 und 1996 mit den Wiener Philharmonikern und 2012 in Luzern. 1996, in der klangschönen DGG Einspielung, wählte er die Nowak Ausgabe (1953) der „Linzer Fassung“, 2012 (die Hamburger Aufführung davon wurde ja auch bereits von music lover angesprochen) gar Bruckners spätere Wiener Fassung (1891) nach der Neuausgabe von Günter Brosche (1980).

      Abbados erste Aufnahme entstand von 30..11. bis 2.12.1969 in den Wiener Sofiensälen für die Decca (gehört aus der 7 CD Box Decca 478 5365). Damals griff er auf Haas´ „Linzer Fassung“ (1935) zurück. Mein Höreindruck: Sie überrascht den, der mit der späteren DGG Aufnahme vertraut ist, mit ihrem ursprünglicheren, urtümlicheren Duktus. Hier wird noch deutlicher, dass dies die 1. Symphonie eines innovativen Komponisten sein soll. Das Werk erklingt entdeckungsfreudig frisch und impulsiv, auch rauer. Richard Wagners Einfluss wird immer wieder ganz deutlich. Das Decca Klangbild besticht mit seiner raumfüllenden Offenheit, wie so oft aber glänzen die Wiener Streicher kälter als bei den Aufnahmen aus dem Wiener Musikverein, der Klang ist “internationaler“. Insgesamt (wie ich finde) eine spannende Entdeckungsreise hinein in Bruckners 1. Symphonie.

      Hier die Neuaufnahme mit der "Wiener Fassung". Ich bin "schwer kaufgefährdet" und vor allem gespannt auf den Vergleich - Überleitung vom Trio zur Scherzo-Reprise, Verlangsamung beim Final-Ende...

      Zur Info: Bis auf weiteres keine aktive Moderationstätigkeit meinerseits.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Schon witzig, früher wurde die Sinfonie kaum gespielt, jetzt gibt es so viele Einspielungen, dass jeder etwas anderes empfiehlt. So handhabe ich das auch. :D

      Ich habe in den letzten Wochen immer mal wieder Aufnahmen dieses kecken Werks gehört und zunehmend Gefallen an dieser mir vorher nahezu fremden Sinfonie gefunden.

      Viele Stellen des Werkes, auch bereits die ersten Sekunden des ersten Satzes, werden sehr unterschiedlich gespielt. Da kann ich dich, lieber music lover, sehr gut verstehen, wenn du diese eine Aufnahme unbedingt haben wolltest. Ich habe festgestellt, dass mir als relativ neuem Hörer der Sinfonie eine Geschlossenheit des musikalischen Geschehens wichtig ist. Es gibt gerade im ersten Satz viele Stellen, in denen die Klänge sich abrupt ändern, Bläser Einwürfe machen etc. Ich meine, dass das starke Ausspielen der Kontraste die musikalische Geschlossenheit des Satzes gefährden kann und das Werk dann Gefahr droht, zu zerfasern - was möglicherweise unterschiedlich störend empfunden wird, je nachdem wie gut man die Sinfonie kennt. Umgekehrt dürfen die Bläser sich auch in meinen Ohren schon Gehör verschaffen und müssen sie nicht nur verschämt so tun, als spielten sie. Ein Beispiel für unterschiedliche Vorlieben: Das deutliche Herausstellen der Wagner-Zitate mag ich weniger. Sie sind auch so deutlich genug. Andere loben genau das.

      Zu den nach meinem Dafürhalten besten der von mir gehörten Aufnahmen gehören:

      Barenboims 2012er Aufnahme mit der Staatskapelle Berlin. Barenboim hatte bereits 1980 eine gelungene Aufnahme mit dem Chicago Symphony Orchester eingespielt (mit einem sehr guten Te Deum auf meiner DG Galleria-CD als Kopplung). Die neue Aufnahme ist jedoch klanglich klar besser und hat zudem diese anheimelnde, mir sehr angenehme dunkle Klanggrundierung. Wundervoll!

      Skrowaczewskis Aufnahme mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Saarbrücken aus 1995. Der spannendste mir bekannte Anfang. Skrowaczewski nimmt das Tempo deutlich schneller als üblich, hält das Orchester aber zugleich stark zurück, so dass es sich anhört, wie mit Dämpfer gespielt. Zusammengenommen vermittelt mir das den Eindruck eines unterschwelligen, gefährlichen Loderns oder bedrohlichen Schleichens. Erst nach einer guten Minute mit dem Einsatz der Holzbläser und der folgenden Streichermelodie verlangsamt er abrupt, was dieser Sequenz eine oasenhafte Schönheit verleiht. Bedauerlicherweise kann das Orchester klanglich nicht mit den Spitzenklangkörpern mithalten. Vielleicht stand auch nur wenig Aufnahmezeit zur Verfügung. Ähnlich, aber nicht ganz so schnell dirigiert übrigens Wand den Anfang. Allerdings hat er die Wiener Fassung eingespielt. Ich möchte jedoch die Linzer hören.

      Blomstedts Aufnahme mit dem Gewandhausorchester aus 2011, erschienen bei Querstand. Hier, so empfinde ich es, stimmt nahezu alles. Das ist die Aufnahme, zu der ich daher momentan am ehesten greife.



      Weniger gelungen fand ich Tintner (das Orchester klingt in dieser Aufnahme einfach nicht, vor allem die Holzbläser bleiben blass), Jochum (die Aufnahme ist schon sehr alt, zugegeben, aber ich empfand das Dirigat im Vergleich recht holzschnittartig), Karajan (wenn das Blech einsetzt und strahlt wie bei einem Ritterturnier, frage ich mich, wie das zum Werk passen soll). Bolton (sein Dirigat ist ideenreich, ihm bin ich gern gefolgt; das Mozarteumorchester Salzburg spielt indes zu oft hörbar nicht in derselben Liga wie z. B. das Gewandhausorchester).

      Meine Einschätzungen möchte ich nur als Zwischenstand verstanden wissen. Wie gesagt, ich lerne die Sinfonie immer noch kennen. Ein Bruckner-Kenner mag vieles ganz anders empfinden.
    • Knulp schrieb:

      Ich möchte jedoch die Linzer hören.
      Da ist es wie mit der Torte - Linzer ist nicht gleich Linzer . Carragan hat eine "nicht überarbeitete" Version von 1866 erstellt , die von Schaller und Tintner verwendet wird . Dann gibt es die Version von 1868 , die Roeder erarbeitete und die Thielemann aufgenommen hat . Und dann gibt es die am häufigsten eingespielten Linzer-Versionen mit Überarbeitungen von 1877 , in der Haas-Variante von 1935 ( z.B.Abbado 1969-72) , oder in der Nowak-Ausgabe von 1953 ( z.b. Abbado 1996, Barenboim ) . Alles Linzer . ( 1891 nahm Bruckner Veränderungen für die 'Wiener'-Version vor , und für eine weitere Ausgabe 1893 hatte Hynais die Finger im Spiel ) . Aber - es zählt das Gehörte .
      Übrigens : eine mich überzeugende Aufnahme der 1.Sinfonie hat Ernest Bour mit dem SWF Orchester 1976 eingespielt (Nowak 1953) , und auch die 1984 von Wolfgang Sawallisch mit dem Bayrischen Staatsorchester aufgenommene "Linzer Fassung 1865/66"(lt.Cover) bei Orfeo finde ich gelungen .

      Bour : youtube.com/watch?v=L5gT1SpuT-g Download : abruckner.com/downloads/downloadofthemonth/december17/

      Good taste is timeless / "Ach, ewig währt so lang " - Don't all thank me at once (Scott Miller) - Jung sterben , aber so spät wie möglich ( F. Jourdain )