Auftrittsangst bei Musikern

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    • Auftrittsangst bei Musikern

      Liebe Musikerinnen und Musiker,

      als Journalist des Deutschlandfunks recherchiere ich derzeit zum Thema psychische Belastungen/Leistungsdruck/Lampenfieber unter Orchestermusikern bzw. Musik-Hochschulabsolventen. Gerade unter den veränderten arbeitsrechtlichen Rahmenbedingungen, indem sich immer mehr Musiker auf dem freien Markt bewähren müssen; Orchester zunehmend auf freie Musiker zurückgreifen, um flexibel zu sein, greifen gestresste Geiger, Trompeter oder Pauker vermehrt zu Betablockern, Amphetaminen, Tranquilizern. Um dem Druck standzuhalten. Die Dunkel-Ziffer der Betroffenen ist nach Angaben der Musikermedizin-Institute alarmierend.

      Dazu möchte ich mich gerne mit Ihnen, liebe Musikerinnen und Musiker unterhalten. Mir ist es wichtig, mit Betroffenen ins Gespräch kommen, die vor Auftritten Beruhigungsmittel einnehmen. Absolute Anonymität – wenn sie gewollt wird – ist zugesichert.

      Wenn Sie sich vorher ein Bild über meine Arbeit machen will, können Sie das auf meinem Mini-Blog tun, und Arbeitsproben hören: "http://radiospektive.tumblr.com/". Wenn Sie Fragen haben, scheuen Sie sich nicht, mir zu schreiben.
    • Ich habe seltenst Auftrittsängste, stehe aber auch wahrscheinlich nicht unter dem starken Druck meiner Kollegen aus dem sog. E Musik Bereich. Nervös macht es mich, wenn von mir geachtete Kollegen vor der Bühne stehen mit diesem "na, mal sehen, was die so drauf hat..." Blick. Da ist man ja doch ein wenig eitel und möchte glänzen :rolleyes:
      Eine erschreckende Erfahrung mit ähnlichem Hintergrund machte ich neulich beim Plausch mit einigen Müttern an der Schule meiner Tochter. Da gaben 2 von 4en ganz offen zu, ständig Citalopram (ein Antidepressivum) zu nehmen, weil sie sonst in den unpassendsten Situationen unter Tränen zusammenbrechen würden. Eine brach in Tränen aus, während sie erzählte, ihr sei das neulich an der Supermarktkasse passiert. Ohne Grund. Sie erzählte auch, daß dieses Mittel ALLE Gefühle quasi abdämpfen würde. Auch Freude, Wut, Angst, Lust. Ich frage mich nun besorgt:
      Ist das ein Phänomen unserer Zeit, daß immer mehr Menschen Menschen ihr scheinbar zivilisiertes, bequemes Leben nur noch gedopt ertragen?
      Werde ich, als Nicht- Pharma Junkie bald von der Fraktion der Sedierten als Hypersensibelchen abgestempelt?
      Was wird aus der Seele unserer Musik, wenn sie von zwar hochkarätigen, aber im Beta-Blocker Nebel agierenden Virtuosen abgespielt wird?
      Oder vielleicht sind auch nur die Mütter an unserer Schule anders?;+)
      Sehe ich Gespenster?
      Vielleicht ist es auch ein SEGEN unserer Zeit, daß depressiven Menschen dank der Pharma Industrie endlich geholfen werden kann, aber die Kehrseite der Medaille scheint zu sein, daß von uns erwartet werden kann, daß wir funktionieren. Um jeden Preis.
      Ich denke, ein wahrhaft guter Musiker bezieht seine Inspiration aus der LIEBE zur Musik.
      Man "spielt" Musik. Man "arbeitet" sie nicht.
      Man "komponiert". Man "baut" nicht einfach zusammen.
      Wie kann ich gefühlvoll singen, wenn meine Gefühle blockiert sind?
      Wie ein Instrument seelenvoll spielen?
      Sind es nicht Gefühle, aus denen ein guter Song entsteht?
      Was steckt dahinter, wenn ein Kunst-und Kulturbetrieb meint,es sich erlauben zu können, seine Künstler dermaßen unter Druck zusetzen, daß sie um einen hohen Preis vor allem Wert darauf legen müssen zu FUNKTIONIEREN?
      Was meint Ihr?
      gespannt
      Tara
      Wenn eine Vergewaltigung unvermeidlich ist - einfach stillhalten und geniessen.
      Konfuzius
    • Gerhaher sagte mal dazu: 'Ein Sänger habe es nicht nötig, sich mit dem Text des Lieds zu identifizieren: "Es geht doch niemanden etwas an, was wir empfinden, wenn wir singen!" '

      Siehe: Christian Gerhaher - Sänger des Jahres

      Matthias
      "Bei Bachs Musik ist uns zumute, als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf." (Friedrich Nietzsche)
      "Heutzutage gilt es schon als Musik, wenn jemand über einem Rhythmus hustet." (Wynton Marsalis)
      "Kennen Sie lustige Musik? Ich nicht." (Franz Schubert)
      "Eine Theateraufführung sollte so intensiv und aufregend sein wie ein Stierkampf." (Calixto Bieito)
    • pfuetz schrieb:

      Gerhaher sagte mal dazu: 'Ein Sänger habe es nicht nötig, sich mit dem Text des Lieds zu identifizieren: "Es geht doch niemanden etwas an, was wir empfinden, wenn wir singen!" '


      Da hat er total recht. Das ist der klassische Fall von Diderots Paradoxe sur le comédien. Um verschiedene Gefühle glaubhaft ausdrücken zu können, muß der Schauspieler eine kritische Distanz bewahren.
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Bei meinen Performances arbeite ich mit "Method acting" und ich glaube nicht, daß mir das als Schauspielerin/ Musikerin unter dem Einfluss von Beta Blockern o.Ä. gelänge!
      Was ist Method Acting?
      Method Acting ist ein Schauspieltraining nach der Arbeit von Lee Strasberg und dessen Nachfolgern.
      Das Ziel von Method Acting ist es Schauspieler so auszubilden, daß sie jede schauspielerische Aufgabe erfüllen können und dabei echte Gefühle auf der Bühne oder vor der Kamera erleben und diese auf theatralisch wertvolle Weise ausdrücken können.
      Der Schauspieler wird befähigt zuverlässig und wiederholbar die Situation des Charakters in der Szene wirklich zu erleben, immer wieder mit der gleichen Spontaneität und Überraschung wie ein Mensch im wirklichen Leben. Eine ausgewogene Balance zwischen Kontrolle und Impulsivität wird durch einen konkreten künstlerischen Schaffensprozeß gesteuert.
      Method Acting ist ein konkreter Weg als Schauspieler zu arbeiten. Der Schauspieler erlernt jedes vorstellbare Gefühl unter noch so schwierigen Bedingungen verläßlich hervorzurufen. Authentische Gefühle werden im Moment der Aufführung erlebt. Das ist möglich, weil die Gefühle durch Erlebnisse und Erinnerungen aus dem eigenen Leben ausgelöst werden. Diese Erlebnisse werden durch klare Techniken zugänglich gemacht. Der Vorgang ist jederzeit wiederholbar. Der Schauspieler kann so die Rolle tatsächlich erleben. Der Zuschauer wird zum Augenzeugen dessen was in der Szene geschieht, denn in gewisser Weise passiert es gerade jetzt im Moment dem Schauspieler.

      "http://www.method-acting.com/Bilder/nicholsontranspareni.gif"

      Ein systematisches Training der Schauspieler ist Voraussetzung für die erfolgreiche Umsetzung. Die Method basiert im wesentlichen auf einem Entspannungstraining, auf der Schulung aller Sinne, sowie des emotionalen Gedächtnisses und der Konfrontation und Bewältigung persönlicher Ängste und Hindernisse. Keine andere Schauspiellehre hat jemals so weitreichende Erfolge in Theater und Film erzielen können, wie die Schauspieler des Actors Studios und die Schulen Strasbergs und seiner Nachfolger.
      Die Ansätze von Stanislavsky und Strasberg lösen das Grundproblem der Schauspielkunst: nämlich leidenschaftlich voll Gefühl zu sein und gleichzeitig diesen Prozeß so steuern zu können, daß die Vorgaben der Szene, bzw. des Autors erfüllt werden. Der Streit darüber, wie der Schauspieler Leidenschaft und Kontrolle über die Gefühle erlangt beschäftigt Schauspieler seit der Antike. Der Schauspieler Polus nahm die Asche seines verstorbenen Sohnes auf die Bühne mit, um die Trauer vor den Überresten des Orest wirklich zu empfinden. (Gewissermaßen war er der erste aktenkundige Method Actor!). Der Streit Empfindung kontra Nachahmung beschäftigte Schauspieler aller Zeiten. Einige gaben sich mehr dem Gefühl hin andere spielten die Gefühle aufgrund von Beobachtung nach, um Kontrolle zu bewahren. Method Acting hebt gewissermaßen den Grund für diese Spaltung auf. Der Schauspieler arbeitet mit echten Gefühlen und erlangt in dieser Methode genug Kontrolle den Prozeß zu steuern.
      Das Grundprinzip von Method Acting ist einfach mit drei Fragen zu fassen:
      • Wie fühlt der Charakter in der Szene?
      • Was hat bei mir ähnliche Gefühle ausgelöst?
      • Wie kann ich diese Umstände für mich real machen?
      Besonders wichtig ist die Frage, wie die Umstände real gemacht werden. Dies ist der eigentliche künstlerische Prozeß. Es gibt einfache konkrete Techniken um diese Erlebnisse aus dem eigenen Leben für den Darsteller real zu machen. Es ist eine Voraussetzung für den Schauspieler einen klaren Weg zu haben, um wirklich künstlerisch einen Anspruch erheben zu können.
      Doch bevor ein Schauspieler diese Techniken einsetzen kann, müssen oft viele Blockaden und Ängste bewältigt werden. Auch hier gibt es hunderte von klaren Übungen. Entspannung, innere und äußere Aufmerksamkeit, Selbstbewußtsein, emotionale Berührbarkeit, Konzentration und Vorstellungskraft sind essentielle Ausbildungsbereiche des instrumentellen Schauspieltrainings. Gerade in diesen Bereichen haben einige Schüler Strasbergs wichtige Erweiterungen entwickelt.
      Selbstverständlich ist auch Stimmtraining und Bewegungstraining. essentieller Bestandteil der Ausbildung. Ziel des instrumentellen Trainings ist, daß der Schauspieler befähigt wird seine eigenen Gefühle aus der Entspannung heraus auszudrücken in dem Maße in welchem er sie fühlt. Er wird aufmerksam sowie berührbar nach innen und außen und lernt sich jedem Gefühlsbereich auszusetzen. Zugleich muß die Stimme gestärkt werden und der Körper beweglich und ausdrucksstark trainiert werden. Wenn diese Grundlagen erarbeitet sind können Techniken, wie Sense Memory (sinnliche Erinnerung), oder Imaginäre Monologe tatsächlich jede schauspielerische Aufgabe erfüllen helfen.
      Für Strasberg wurde ein Satz aus Shakespeares Hamlet zum Ansporn und Ziel:
      "...daß der Spieler hier
      Bei einer bloßen Dichtung, einem Traum
      Der Leidenschaft, vermochte seine Seele
      Nach eignen Vorstellungen so zu zwingen."





      Wenn eine Vergewaltigung unvermeidlich ist - einfach stillhalten und geniessen.
      Konfuzius
    • Dezibella, um auf Deinen früheren Beitrag zu antworten.
      Anti-Depressiva sind Medikamente und Depression ist eine Krankheit. Wikipedia hat darüber einen ausführlichen Artikel und hier ist nicht der Ort, Fachdiskussionen über Medizin anzustoßen. Deshalb hier vereinfacht, schematisch ... Fachleute mögen mir verzeihen.
      Die vernünftige Vorgehensweise ist, wenn jemand Symptome einer psychischen Störung hat, eine Diagnose zu treffen. Im erwähnten Artikel wird treffend gesagt (meine Hervorhebung):
      Zur Behandlung depressiver Störungen werden nach Aufkärung über die Ursachen und den Verlauf der Erkrankung Antidepressiva eingesetzt, aber auch reine Psychotherapie ohne Medikation
      Die modernen Antidepressiva, wie Citalopram, beinflussen den Haushalt von Neurotransmittern im Gehirn. Viele Depressionen sind nämlich mit einer Störung dieses Haushalts verbunden. Es gibt mehrere Neurotransmittern: Serotonin, Adrenalin, Noradrenalin, Dopamin ... Oft kann man nur mit einem langwierigen Trial-and-Error Prozeß feststellen, welcher Transmitter oder welche Kombination von Transmittern in Frage kommt. Dann muß man feintunen, welches Medikament, das den Haushalt dieser/s Transmitter(s) reguliert, am besten geeignet ist.
      Wenn

      Dezibella schrieb:

      dieses Mittel ALLE Gefühle quasi abdämpft. Auch Freude, Wut, Angst, Lust.
      dann ist es sicher das falsche Medikament.
      Citalopram ist ein Wiederaufnahmehemmer von Serotonin. Mit dem Serotonin-Haushalt seines Gehirns einfach zu spielen, ist unverantwortlich und kann verheerende Folgen haben. Zum Beispiel depressive Systome, die mit einer Störung des Haushalts von Serotonin verbunden sind.
      Dazu ist die Wirkung dieser Antidepressiva nicht augenblicklich. Prophylaktisch eine Tablette zu schlucken, damit es einem gut geht, damit die Person "funktioniert", ist Unsinn.
      Die Dosierung und die Posologie muß von einer Fachperson geprüft sein und der Prozeß muß von der Fachperson begleitet werden. In vielen mittelschweren oder schweren Depressionen muß der Patient seine Medikamente täglich einnehmen. Wie oben erwähnt, gibt es nicht nur medikamentöse Therapien und die Fachperson nimmt das ganze Spektrum in Erwägung. Begleitet, kontrolliert und geprüft wird selbstvertsändlich auch die Absetzung von Medikamenten oder die Umstellung auf eine andere Therapie (z.B. in der "Trial and Error" Phase).

      Nocheinmal und nocheinmal: Antidepressiva sind Medikamente und keine Glückspillen, keine zulässigen Dopingsubstanzen, keine Aufputschmittel.
      Würde es jemandem einfallen, Medikamente gegen Diabetes zu schlucken, um abzunehmen ?
      Daß Eltern ihren Kindern Antidepressiva "verschreiben lassen" ist schlicht und einfach kriminell.
      ich glaube nicht, daß mir das als Schauspielerin/ Musikerin unter dem Einfluss von Beta Blockern o.Ä. gelänge!
      Ein Depression-Patient, der Antidepressiva nimmt, um seine Depression in den Griff zu bekommen, ist nicht "unter Einfluß fremder Substanzen". Eine krankheitsbedingte Störung wird behoben, das heißt, grob und schematisch gesagt, er ist wie der Patient ohne Depression. Mit seiner "echten" Persönlichkeit. Vorausgesetzt, die Therapie ist lege artis definiert worden.
      Klar, wie bei jeder Krankheit gibt es eine Entwicklung, positiv oder negativ, etc etc ... Dies würde uns aber zu weit führen.
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Vor diesem verantwortungsbewussten Hintergrund finde ich es umso bedenklicher, daß immer mehr Menschen das Bedürfnis verspüren, zu solchen "Hilfsmitteln" zu greifen.
      Bedenklich auch, wie leichtfertig manche Mediziner sie verschreiben. Ich wage mal kühn zu behaupten, daß mindestens die Hälfte aller Konsumenten von Antidepressiva und sonstigen Blockern,Downers und Uppers wie z.B. Prozac wie eine Abkürzung zum glücklich sein , angstfrei bleiben, sich funktionstüchtig erhalten, benutzen. Ich habe eine Zeit lang mit Betroffenen in einem Projekt gearbeitet. Viel mit ihnen gesprochen und aus Neugier (und Leichtsinnigkeit) das eine oder andere Medikament an mir selbst ausprobiert, weil ich wissen wollte, in wie weit sich mein Bewusstseinszustand verändert. Eines hatten diese Mittel alle gemeinsam : man fühlte sich wie in Watte gepackt. So wusste ich z.B. daß ich in einer bestimmten Situation normalerweise Trauer, Freude, Wut empfunden HÄTTE, konnte diese Emotionen aber nicht mehr an mir spüren. Die gleiche Erfahrung spiegelten mir sämtliche Konsumenten, die diese Medikamente ordnungsgemäß von hippokratisch vereideten Medizinern verschrieben bekommen hatten. Aber darum geht es hier nicht, oder nur am Rande.
      Mir kam aufgrund der Frage des Threaderöffners nur die erschreckende Vision einer Gesellschaft, die sich der Psychopharmaka als legaler, leicht erhältlicher Funktionsgarantie ganz allgemein und immer alltäglicher bedient. Als Künstlerin im Speziellen machte ich mir dann natürlich Gedanken, was das für unsere Zunft für Konsequenzen haben könnte .
      Irgendwie scheint es ein schwieriges Thema zu sein, denn wenn sich aufgrund einer sachgerechten Medikation keine Nebenwirkungen ergeben, wenn nur tatsächlich an der Seele kranke Menschen diese Hilfsmittel benutzen, bräuchte sich doch keiner verstecken mit seinem Problem! Kann es gewollt sein, daß ein Musiker, der dem Druck des Konzertbetriebes nicht standhält, Medikamente nehmen muss, um zu funktionieren? Um sich dann auch noch verschämt mit seinem Problem zu verstecken? Wie belastend sind die Bedingungen für die Kollegen wirklich? Wie sieht ihr Alltag aus? Wie könnte man den Druck mindern? Macht sich überhaupt jemand Gedanken darüber?
      Ich tu das hier einfach mal und bin gespannt, was noch so kommt....
      :wink: Tara
      Wenn eine Vergewaltigung unvermeidlich ist - einfach stillhalten und geniessen.
      Konfuzius
    • Philbert schrieb:

      Nocheinmal und nocheinmal: Antidepressiva sind Medikamente und keine Glückspillen, keine zulässigen Dopingsubstanzen,
      Das mag ja theoretisch und im Idealfall so sein, in der Praxis sind sie es, was man so hört, eben doch: zulässige Dopingsubstanzen zur Bewältigung des Alltags.

      Gruss
      Herr Maria
      Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
      daß Alles für Freuden erwacht
    • @philmus: so gesehen sind aber so gut wie alle Medikamente Dopingsubstanzen zur Bewältigung des Alltags. Von der Schmerztablette gegen das Kopfweh, das meine Leistungsfähigkeit herabsenkt, bis hin zum Blutdrucksenker. Richtig ist vielmehr, dass Medikamente sofern richtig eingesetzt eben Medikamente sind, die einen unerwünschten Zustand einem erwünschten annähern (die Diskussion was jetzt erwünscht ist und was unerwünscht, lässt sich bis zum Exzess führen).

      Ein depressiver Patient, der unter funktionierender Therapie, weniger Beschwerden hat und wieder seiner Arbeit nachgehen kann (als Beispiel und oftmals elementarer Bestandteil der Therapie um die Menschen wieder in ein geregeltes normales Leben einzugliedern, was für diese auch als sehr wichtig empfunden wird), ist nicht gedopt! Es würde ja auch kein Mensch sagen, der Bluthochdruckpatient ist gedopt weil er Blutdrucksenker einnimmt.

      Philbert hat schon richtig geschrieben, dass sich Antidepressiva denkbar schlecht eignen irgendeine Leistungssteigerung zu erfahren. Auch Benzodiazepine sind hier nur eingeschränkt brauchbar, weil sie hauptsächlich dämpfen, was für einen Musiker oder Schauspieler wohl nur in sehr geringen Dosierungen sinnvoll ist. Bei Angstpatienten, die zum Beispiel einen längeren Flug absolvieren müssen, sind stärkere Dosen aber gebräuchlich.


      Betablocker mögen ein Zittern verringern, wobei das aber vor allem im Sport gebräuchlich ist (Schießbewerbe!). Bei Musikern kann ich mir das weniger vorstellen, weil hier wohl eher die innere Unruhe aufgrund von Lampenfieber ein Problem ist.

      Amphetamine eignen sich durchaus zur Kurzzeitigen Leistungssteigerung, wobei das natürlich nicht der zu gehende Weg sein sollte.

      Die Frage ist eher, wo fängt das reine Doping bei Musikern an, wo hört eine Berufskrankheit auf? Wenn Musiker aufgrund von Stress Bluthochdruck und andere Beschwerden entwickeln und diese behandeln müssen, ist das eher einer Folgekrankheit aus ihren Arbeitsumständen. Wenn der Trompeter ein Amphetamin einwirft damit er lauter als die anderen tröten kann, ist das Doping. Da muss man genau differenzieren, sonst dopen plötzlich alle.
      Wenn ich F10 auf meinem Computer drücke, schweigt er. Wie passend...
    • Harnoncourt-Fan schrieb:

      Ein depressiver Patient, der unter funktionierender Therapie, weniger Beschwerden hat und wieder seiner Arbeit nachgehen kann (als Beispiel und oftmals elementarer Bestandteil der Therapie um die Menschen wieder in ein geregeltes normales Leben einzugliedern, was für diese auch als sehr wichtig empfunden wird), ist nicht gedopt!

      Harnoncourt-Fan schrieb:

      Amphetamine eignen sich durchaus zur Kurzzeitigen Leistungssteigerung, wobei das natürlich nicht der zu gehende Weg sein sollte.
      Und warum "sollte" es das nicht, wenn es doch an anderer Stelle okay ist, hirnphysiologischen Mängeln chemisch aufzuhelfen? Mir kommen diese Unterscheidungen doch etwas willkürlich gesetzt vor, wie überhaupt die Doping-Hysterie im Sport einer relativ lässigen Haltung einem Arbeitsleben gegenüber, das anscheinend zunehmend nur mit pharmakologischer Hilfe zu bewältigen ist, mir einigermaßen absurd vorkommt. Ohne eine Hinterfragung des Leistungsbegriffes kommt man der Problematik meiner Meinung nach nur oberflächlich bei. Die ewige Perfektion, die technisch perfekte CD-Aufnahmen zum Standard auch für Konzerte haben werden lassen, macht mir schon langsam jeden Fehler sympathisch: wie letztes Jahr Thibaudet im Grieg-Konzert gleich im ersten Takt seines Parts daneben gehauen hat... Sollte halt nicht überhand nehmen. (Tat es auch nicht, ansonsten war alles fehlerfrei...)
      Aber wichtiger als technische Perfektion ist allemal ein Gefühl, und zwar nicht für irgendwas "ausgedrücktes", sondern für die Musik selbst.

      Was die Frage angeht, ob man ausgedrückte Empfindungen in einer Musik als Spielender "fühlen" sollte, bin ich zwiespältig:
      Einerseits löst sich vieles, was beim Hörer als empfindungsvoll ankommt, beim Üben schon in technische Details von Phrasierung und Artikulation auf (wenn auch im Dienste des Ausdrucks). Andererseits: wer sagt denn, daß ich etwas anderes fühlen muß als die konkrete Musik, die konkrete Melodie, Harmonie, Stimmführung? Wenn es darum geht, ob man die Musik selbst mitfühlen sollte, würde ich immer sagen: unbedingt!
      Und für mich ist das auch ein Weg durch die Auftrittsangst bzw das Lampenfieber. ich habe mir zur Gewohnheit gemacht, Konzerte mit langsamen Stücken zu beginnen, die es mir leicht machen, aus der Angst in die Freude am Spiel, in das Fühlen der Musik zu wechseln, und das funktioniert ganz gut.

      An pharmakologischen Mitteln genehmige ich mir u.U. vorher 1 Bier (nein, keine bayrische Maß...). Oder ein Glas Sekt, wenns mir angeboten wird, würde ich auch nicht ausschlagen, aber auf keinen Fall mehr.

      Gruss
      Herr Maria
      Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
      daß Alles für Freuden erwacht
    • Zum Thema leichtsinniger Umgang mit Psychopharmaka: ich lebe in einem Land das der Champion im "Einwerfen" und Verschreiben von Antidepressiiva und Angsthemmern ist. Es ist natürlich richtig, dass Menschen mit psychiatrischen Erkrankungen wie es endogene und chronische oder bipolare Depressionen niun mal sind, ihre Medikamente genauso brauchen wie ein Diabetiker, das wird wohl niemand bestreiten wollen und darum geht es Dezibella auch nicht, wenn ich sie richtig verstanden habe. Aber ich finde Vieles was sie oben schreibt serh richtig und wichtig.
      Nicht wenige Menshcen die zu "Stimmungsaufhellern" oder BerUhigungsmitteln" greifen, gehen nur den Weg des geringsten Widerstands, weil sie keine Lust oder Energie haben, wirklich an sich, den Beziehungen zu ihren Mitmenschen und den Ursachen ihrer Störungen zu arbeiten. Eine Pille ist schnell eingeworfen, eine Therapie kann lange dauern, teuer sein und schmerzliche Tatsachen und Gefühle ans Tageslicht bringen. Manche Ärzte sind auch einfach schlecht ausgebildet oder hilflos oder haben ebenfalls keine Lust auf Auseinandersetzung mit Ursachen und Hintergründen der depressiven Symptome. Wenn z.B. jemand in einem Zustand akuter und normalerTrauer ist oder in einer schweirgen Lebensphase steckt , wird er schnell als depressiv abgestemplet udn bekommt seine Pillen.. Es gibt sehr viele verschiedene Gründe , warum jemand Symptome einer Depression zeigen kann. die echten Depressionen, die Medikamente brauchen , sind nur ein Teil davon.
      Hier in Frankreich sind nur ein geringer Prozentsatz derer, die Psychopharmaka schlucken wirklich medizinisch bedürftig. Der überwiegende Teil löst damit, so wie Dezibella es oben sagt, die Alltagsprobleme und versucht u.A. dem Druck der Arbeitswelt auszuhalten. Womit wir nun ganz beim Thema sind
      Musiker versuchen ebenfalls dem Druck der Arbeitswelt standzuhalten, wenn sie sich betäuben, aufputschen oder beruhigen, auch Alkoholismus ist stark verbreitet!! Ich kann das zwar angescihts des Drucks und des oft brutalen Konkurrenzkampfes gut nachvollziehen, aber auch als Musiker kann man an den eigenen Ängsten und Problemen arbeiten und gerade als Künstler sollte man umsomehr tun,sich weiterzuentwickeln und den inneren Raum für Kreativitât zu schaffen.
      Das von Dezibella erwähnte Schauspieltraining ist ener der Wege und es gibt viele Andere mehr.

      Was ich bei den ausführenden Musikern in der klasssichen Musikszene besonders schwieig finde, ist, dass es nicht viel Freiraum für Abweichungen "Fehler"und eigene Kreativität gibt. Das Erste, was erwartet wird, ist ja fast immer technische Perfektion und das lâsst leider weniger Raum für Eigenes und Neues als in anderen Kunstzweigen. Jemand der Jazz oder eigene songs singt, Gedcihte schriebt, Bilder malt etc hat einen viel grösseren spielraum als jemand der die 5OOste Winterreise oder 2000ste Pamina interpretiert. Je enger das Korsett desto grösser der Druck. Ich habe deshalb immer weniger Lust in ausgetretenen klasssichen Pfaden zu wendeln und grosses Verständnis für die, deren Beruf das klasssiche Musizieren ist und die unter starken Ängsten wegen des Leistungsdrucks leiden. Ich glaube aber nicht, dass Betablocker und Antidepressiva dax Probleme lösen kônnen, es wird damit leider nur verdrängt und vertagt.
      Ich hatte selbst lange extremes Lampenfieber udn habe mir damit manches vermasselt, denn die Stimme ist ja besonders empfindlich. Da ich aber kein Profi bin und weder vom Singen leben konnte noch wollte, war das weniger schlimm als bei jemandem, dessen Existenz von seiner Leistugn abhängt. Ich habe mein Lampenfieber inzwischen gut im Griff- Ohne Medikamente und ohne Risiken und Nebenwirkungen. Innere Distanz zum Lampenfieber zu gewinnen ist m.E. der Königsweg. Um das zu lernen, muss man unter normalen Umständen(d.h. wenn man keine tieferen Störungen hat) ncihtmal eine Psycho- Therapie machen, man kann auch bei den Philosophen und Weisen aller Saecula in die Schule gehen. und/oder eine Meditationspraxis lernen. :fee:
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • FairyQueen schrieb:

      Innere Distanz zum Lampenfieber zu gewinnen ist m.E. der Königsweg. Um das zu lernen, muss man unter normalen Umständen(d.h. wenn man keine tieferen Störungen hat) ncihtmal eine Psycho- Therapie machen, man kann auch bei den Philosophen und Weisen aller Saecula in die Schule gehen. und/oder eine Meditationspraxis lernen.
      Auch nicht schlecht. Das langsamen Stück war vielleicht eine Art, die Meditation mit ins Programm zu nehmen.
      Mit der Meditation vorher - die allerdings bei mir auch eher eine Instant-Meditation war - hab ich nur das Gröbste bewältigt gekriegt - mit einer rasanten Toccata anzufangen hat sich trotzdem als nicht sinnvoll herausgestellt. Es geht da auch nicht um nur technische Schwierigkeit, sondern um die Nähe zum Fühlen der Musik, das dann die Angst unwichtig werden läßt...

      FairyQueen schrieb:

      Jemand der Jazz oder eigene songs singt, Gedcihte schriebt, Bilder malt etc hat einen viel grösseren spielraum als jemand der die 5OOste Winterreise oder 2000ste Pamina interpretiert. Je enger das Korsett desto grösser der Druck.

      Ganz bestimmt, und mitten im Orchester ist ja auch gar ein Platz für großartige individuelle Entwicklungen, die psychischen Krisen und deren Bewältigung idealerweise folgen... Also auch weniger Anreiz. Für Solisten siehts schon etwas anders aus vielleicht...
      ich lebe in einem Land das der Champion im "Einwerfen" und Verschreiben von Antidepressiiva und Angsthemmern ist.
      Hätte ich jetzt nicht gedacht... Passt garnicht in mein Klischee :pfeif:

      Gruss
      Herr Maria
      Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
      daß Alles für Freuden erwacht
    • Meine liebe Fairy! :fee: :fee: :fee:

      Ich hatte, in meiner Zeit, eigentlich kaum Lampenfieber, wenn es arg war habe ich Baldriantee getrunken - aber nur bei den Proben, das hat mir meine Tante eingeredet und Emmy Loose wieder ausgeredet, denn sie hat immer gemeint, Peter du schaffst es. Die Dirigenten und Korrepitoren waren damals, auch, denke ich, geduldiger auch der berühmt berüchtigte Karl Böhm konnte sehr nett sein, er verlangte halt viel, aber wenn es stimmte war er zufrieden. Und ich werde nie vergessen wenn er sagte, wenn bei mir einer den 1. Knaben singt muss er es genauso gut machen, als wenn eine die Pamina singt. Die Kollegen damals ware besonders nett und meine Solopartien in Messen und Oratorien betreuten große Dirigenten.

      Nur heute ist es anders, heute habe ich vor einigen Prüfungen, besonders in Philosophie, Lampenfieber, aber auch da nehme ich keine Tabletten ein, da muss ich das halt auswendig lernen - und das konnte ich schon seit meiner Jugend.

      Liebe Grüße und Handküsse sendet Dir Dein Streiferl aus Wien. :wink: :wink:
    • @Philmus (irgendwie funktioniert bei mir die Zitierfunktion nicht):

      Ich habe mich auch mehr daran gestoßen, dass man bei Psychopharmaka eher dazu neigt von Doping zu reden als bei anderen Medikamenten.

      ad Mängel: Wenn ich einem Defizit pharmakologisch therapiere, damit der Patient auf ein normales Leistungsniveau kommt, dann ist das medizinisch indiziert und dient dazu den Menschen der Normalnull anzunähern. Wenn ich einem völlig Gesunden, irgendwelche Substanzen reinschieße damit der weit über seinem Soll agieren kann, mag das zwar tolle Leistungen hervorbringen, nur finden sich hier andere Vorzeichen, weil ich ihn von Normalnull auf 1000 Meter hochhebe. Das eine ist ein weitgehend objektivierbarer Mangel, das andere eben nicht.
      Mal abgesehen davon, dass hier eine Substanz (welche auf immer) missbraucht wird, finden sich auch hier nicht tolerable gesundheitliche Risiken, die keinem echten Nutzen gegenüberstehen (was letztlich auch das Argument gegen Doping im Sport ist).


      Dass immer mehr Menschen im Arbeitsleben Medikamente brauchen, spricht jetzt mal nicht primär die Schuld der Medikamente als des Arbeitsleben bzw. dessen Begleitumstände. Dass auch ein immer stärkerer Trend besteht, Probleme gleich mal als psychiatrisch-pathologisch abzustempeln, bestreite ich nicht. Gleichzeitig ist der Themenkreis psychische Erkrankungen immer noch tabuisiert, was vielleicht auch dazu beiträgt, dass man lieber Tabletten schluckt als eine Therapie zu machen. Auch die sehr prestigehafte Diagnose "Burn-out" wird von vielen Patienten bevorzugt, als die weniger attraktive Erschöpfungsdepression.
      Wenn ich F10 auf meinem Computer drücke, schweigt er. Wie passend...
    • Harnoncourt-Fan schrieb:

      Wenn ich einem Defizit pharmakologisch therapiere, damit der Patient auf ein normales Leistungsniveau kommt, dann ist das medizinisch indiziert und dient dazu den Menschen der Normalnull anzunähern. Wenn ich einem völlig Gesunden, irgendwelche Substanzen reinschieße damit der weit über seinem Soll agieren kann, mag das zwar tolle Leistungen hervorbringen, nur finden sich hier andere Vorzeichen, weil ich ihn von Normalnull auf 1000 Meter hochhebe. Das eine ist ein weitgehend objektivierbarer Mangel, das andere eben nicht.

      Harnoncourt-Fan schrieb:

      Dass immer mehr Menschen im Arbeitsleben Medikamente brauchen, spricht jetzt mal nicht primär die Schuld der Medikamente als des Arbeitsleben bzw. dessen Begleitumstände.
      Wenn es einen objektiven Begriff von Gesundheit gäbe...
      Es scheint ja so zu sein, daß das moderne Arbeitsleben Anforderungen stellt, die man als "normaler", "gesunder" Mensch kaum noch bewältigen kann. Also scheint es "normal" zu sein, sich dopen zu ,müssen, um mitzukommen, wie im Sport und in Teilen der Hochkultur auch, nur daß es da eher thematisiert wird.
      In Zeiten, wo schon die Veränderung des Hormonhaushaltes im Alter unter pharmakologisch zu behandelnde "Krankheiten" fallen, wird der Begriff Gesundheit bald sinnlos.
      Das klingt jetzt alles sehr kritisch, ist aber eher gemeint als Hinterfragung der Begriffe, die dazu dienen sollen, Mißbrauch von legitimer Therapie zu unterscheiden. geht meiner Meinung nach nicht oder nur unter bestimmten Prämissen, also Vorgaben, was "gesund" und "normal" sein soll und was nicht - ist also auch eine Frage des Menschenbildes.

      Gruss
      Herr Maria
      Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
      daß Alles für Freuden erwacht
    • oper337 schrieb:

      Ich hatte, in meiner Zeit, eigentlich kaum Lampenfieber, wenn es arg war habe ich Baldriantee getrunken - aber nur bei den Proben, das hat mir meine Tante eingeredet und Emmy Loose wieder ausgeredet, denn sie hat immer gemeint, Peter du schaffst es. Die Dirigenten und Korrepitoren waren damals, auch, denke ich, geduldiger auch der berühmt berüchtigte Karl Böhm konnte sehr nett sein, er verlangte halt viel, aber wenn es stimmte war er zufrieden. Und ich werde nie vergessen wenn er sagte, wenn bei mir einer den 1. Knaben singt muss er es genauso gut machen, als wenn eine die Pamina singt. Die Kollegen damals ware besonders nett und meine Solopartien in Messen und Oratorien betreuten große Dirigenten.
      Danke Peter,
      genau DA wollte ich hin! Wenn einem Menschen in Stresssituationen EINES helfen kann, dann ist es ein verständnisvolles Umfeld. Ein liebevoller Umgang mit der Not des Anderen. Und hier findet man tatsächlich ein Schlüsselchen, welches jeder von und beizeiten benutzen kann : Kollegen, achtet aufeinander, egal, wo ihr seid ! Manchmal helfen ein paar nette Worte. Guter Umgang mit Menschen sollte für einen wirklich Chor- Ensemble- oder Orchesterleiter sowieso selbstverständlich sein !
      Und wenn man sich mal allein auf weiter Flur mit seinen Ängsten findet, ist autogenes Training genauso hilfreich, wie es Karate bei einem Spaziergang in den Slums von Kairo sein kann! 8o
      Wenn eine Vergewaltigung unvermeidlich ist - einfach stillhalten und geniessen.
      Konfuzius
    • Dezibella schrieb:

      Wenn einem Menschen in Stresssituationen EINES helfen kann, dann ist es ein verständnisvolles Umfeld. Ein liebevoller Umgang mit der Not des Anderen.

      Ich bin nicht sicher, ob Karl Böhm gerade in diesen Disziplinen Meister war. Aber ich war ja nicht dabei.

      Bei argem Lampenfieber können ein paar Spritzer kalten Wassers ins Gesicht direkt vor dem Auftritt Wunder wirken.

      Gruß
      MB

      :wink:
      "Nur Hexenverbrennung und Lynchmord gibt es bei uns nicht mehr so oft. Das haben wir erfolgreich in soziale Netzwerke ausgelagert." (Axel Weidemann im Artikel "Dorfkinder über #Dorfkinder" in der Online-Version der FAZ)
    • Hier scheinen merkwürdige Vorstellungen zu herrschen, was Beta-Blocker sind.

      Das sind keine Psychopharmaka, sie dienen dazu einen erhöhten Blutdruck zu senken und helfen Vorhofflimmern in den Griff zu bekommen. Auf die Psyche haben sie keinerlei Einfluss.
      Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum (Nietzsche)
      In der Tat spuckte ... der teuflische Blechtrichter nun alsbald jene Mischung von Bronchialschleim und zerkautem Gummi aus, welchen die Besitzer von Grammophonen und Abonnenten von Radios übereingekommen sind Musik zu nennen (H Hesse)
      ----------------------------
      Im übrigen bin ich der Meinung, dass immer Sommerzeit sein sollte (gerade im Winter)
    • Lieber Erzherzog, rein medizinisch ist das natürlich richtig, aber im hier besprochenen Fall von Lampenfieber/Auftrittsangst werden Betablocker dazu benutzt , die vegetativen Symptome einer psychischen Überbelastung, sprich schlicht und ergreifend: Stress, zu dämpfen. Man könnte sie in diesem Sinne also als "verdeckte" Psychopharmaka bezeichnen, auch wenn es nur um die Folgen und nicht die Ursachen geht. Vielleicht ist es ja sogar nur ein Placebo-Effekt, der so viele Musiker dazu greifen lâsst ? Auch dann wäre es für den Betreffenden ein hypothetisches Psychopharmakon..... ;+)
      Ein menschlich angenehmes und stützendes Umfeld bei Auftrittsangst ist natürlich ideal und wo das existiert, umso schôner, das kann man sich ja nur wünschen! Ich fürchte und erlebe allerdings, dass gerade in Bühnen-und Szenenberufen Egozentrismus und Ellbogenmentalitât, Intrigen und Eifersucht besten Nährboden haben und wenn dann noch Existenzangst und extremer Leistungsdruck hinzukommen ist sich leider oft Jeder selbst der Nächste. Bei Wettbewerben ist das besonders schlimm.
      Stresssituationen wie es öffentliche Auftritte für die meisten Menschen erstmal sind, lassen sich nur dann wirklich gut bewältigen, wenn man Methoden für sich selbst entwickelt hat, vorher und nachher mit dem Stress richtig umzugehen, d.H. aus der Anspannung das Beste zu machen und danach wieder richtig zu entspannen und immer wieder ein gesundes Gleichgewicht zwischen Sympathikus und Parasympathikus zu finden. Das Einnehmen von Betablockern täuscht zwar ein teilweises Umschalten auf den parasympathischen Entspannungsmodus vor, aber hilft nicht, das individuelle Gleichgewicht zu finden.
      Ich habe jedoch wie gesagt Verständnis für Menschen, die solche Medikamente, und sei es nur als Placebo, brauchen um mit dem Druck irgendwie zurechtzukommen.
      Was das traurige Championat der Franzosen in Sachen Antideprerssiva und Angsthemmer angeht: ich wollte das erst auch nicht glauben, es wurde mir aber mehrfach bestätigt. Das liegt aber weniger daran, dass dieses Volk unglûcklicher als Andere ist(ich erlebe das hier jedenfalls überhaupt nciht so! ) sondern wahrscheinlich an einer ausgesprochenen Technikglâubigkeit zu der auch die moderne Medizin zählt. die Pille gegen Angst ist sowas wie der Knopfdruck auf eine Maschine, die man wieder einschaltet. Und was Wettbewerbsstress angeht, werden junge Franzosen schon mit dem Eintritt in die Schule darauf programmiert. auch wenn man einen Beuf lernen will, muss man erst einen Concours (Wettbewerb) bestehen und die vorderen Plätze haben in der Regel die Ortswahl, die anderen mûssen das nehmen, was sie kriegen. Und das gilt keinesfalls nur für künstlerische Berufe: ob Krankenschwester, Arzt oder Physiotherapeut - vor dem Studium steht der Concours. Das solche Ausleseverfahren nciht gerade die allgemeine Solidaritât und die Stressfreiheit fördern, scheint mir logisch.

      :fee:

      Liebes Streiferl, je jünger man ist und als Knabensopran ist man in der Regel sehr jung ;+) , desto weniger ist man im gesunden Fall schon in diesem Stresskarusell gefangen. Ausserdem warst du gewiss schon damals der Liebling und das Maskottchen aller Kollegen un ich kann mir bestens vorstellen, dass sie dich auf Händen getragen und dir die Angst genommen haben. :love:
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • Hallo,
      Was ich bei den ausführenden Musikern in der klasssichen Musikszene besonders schwieig finde, ist, dass es nicht viel Freiraum für Abweichungen "Fehler"und eigene Kreativität gibt. Das Erste, was erwartet wird, ist ja fast immer technische Perfektion...

      Das ist meiner Meinung nach ein wichtiger Punkt und ich bedaure das. Wenn ich mich so erinnere, wieviel Risiko vor einigen Jahrzehnten z.B. Pianisten auf der Bühne eingingen und in dessen Folge auch mal Fehler machten - und wie perfekt und makellos heute die Darbietungen meist sind, dann beglückt mich diese Entwicklung wenig. Ich kann mir vorstellen, dass mit diesem Perfektionsanspruch (des Publikums?) nicht nur der Druck auf den Musiker steigt, sondern es geht auch der Mut zum Risiko und damit viel Individualität verloren.
      Beispiel: Darf sich ein Pianist wie Barenboim bei aller Popularität, Musikalität und Spielfreude heute überhaupt noch auf die Bühne trauen oder sind es nicht gerade wir Musikliebhaber und Kenner, die da größte Bedenken anmelden?
      Heike
      „Wahrscheinlich werden künftige Generationen sich erinnern, dass dieses Jahrhundert das ,Century of Recordings’ war, in dem die Menschen auf die seltsame Idee verfielen, man könne Musik in kleine Plastikteile einfrieren. Mich erinnert das an die Idee der Ägypter vom Leben nach dem Tod. Eine ungesunde Idee. Studiomusik ist eine Verirrung des 20. Jahrhunderts. Das wird verschwinden.“ (F. Rzewski, Komponist, in der FAZ vom 21.4.2012)