Joseph Haydn: Symphonie g-Moll Hob.I:83 (Huss 84) „La Poule“

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    • Joseph Haydn: Symphonie g-Moll Hob.I:83 (Huss 84) „La Poule“

      Die berühmten sechs „Pariser Symphonien“ komponierte Joseph Haydn 1785/86 im Auftrag des Comte d´Ogny, der ein Mäzen der Pariser „Concerts de la Loge Olympique“ war, bei denen Luigi Cherubini als Geiger mitgewirkt hat. Haydn selbst war nie in Paris, also auch nicht bei den ersten Aufführungen, wohl 1787, persönlich anwesend.

      Die Symphonie g-Moll Hob.I:83 „La Poule“ („Die Henne“) (Huss 84) entstand 1785. Sie hat vier Sätze und dauert je nach gespielten Wiederholungen 22 bis 32 Minuten.
      Eine detaillierte Analyse findet sich bei wikipedia.
      „http://de.wikipedia.org/wiki/83._Sinfonie_%28Haydn%29“

      1. Allegro spiritoso
      Das energische g-Moll Hauptthema kann man sich gut einprägen. Der nicht von Haydn selbst stammende Beiname bezieht sich auf das Seitenthema. Besonders beachtenswert mag auch das reichhaltige Geflecht der Durchführung sein. Der Satz endet nicht in Moll, sondern in Dur.

      2. Andante
      Reclams Konzertführer (Ausgabe 2001) verweist im Zusammenhang mit diesem Es-Dur Satz auf dessen Mozart-Nähe. Einmal mehr fällt Haydns Inspirationskraft auf, „nicht berechenbar“ komponieren zu wollen und zu können, immer wieder mit reizvollen Wendungen zu überraschen. Ein Satz von großer Ernsthaftigkeit! Persönlicher Eindruck des Schreibers: Das ist so ein „Zentrum der Welt“ Satz der Musikgeschichte.

      3. Menuetto. Allegretto & Trio
      Man passe hier auf, wie Haydn das Menuettmotiv rhythmisch „verdichtet“. Im Trio „kommunizieren“ Flöte und Violinen.

      4. Finale. Vivace
      Das 12/8 Jagdfinale nennt Reclams Konzertführer „galant und gelehrt“, es lohnt sich einmal mehr so ein Haydn Finale kennenzulernen und die kompositorische Meisterschaft zu studieren.

      Der Schreiber erlaubt sich die Bemerkung, allein mit diesem Werk ist Joseph Haydn ein großer Symphoniker. Als wäre es selbstverständlich, nach über 80 Symphonien so etwas zu komponieren! Nichts ist selbstverständlich, schon gar nicht solche Meisterschaft.



      Und der Schreiber kann zunächst mal mit der Aufnahme mit Leonard Bernstein und den New Yorker Philharmonikern (Manhattan Center, New York City, 8. und 9.4.1962, aus der Sony 2 CD Box SM2K89566) sehr gut leben. Bernsteins Hingabe an Haydns Musik ist immer spürbar, die Freude an der Musik überträgt sich auf den Zuhörer. Es sind im besten Sinn erbauliche 22 Minuten, vielleicht allenfalls zu streicherdominiert. Bernstein wiederholt Durchführung und Reprise in der Regel nicht.



      Nikolaus Harnoncourt macht schon allein mit seinen Anmerkungen zu jeder der „Pariser“ Symphonien im Beiheft zu seiner CD Veröffentlichung mit dem Concentus Musicus (2 CD Digipack Box BMG/Deutsche Harmonia Mundi 82876 60602 2, aufgenommen 12/2001 und 6/2002, Mozartsaal, Konzerthaus Wien) extrem neugierig. Zum ersten Satz notiert er „Zorn“ und findet ein „Terrormotiv“, zum zweiten nennt er „Zornalbträume“ und „Angstreaktionen“, der dritte zieht den Konflikt „ins Komische“, und im Finale gibt es ein „verwundetes Tier“ (Takte 85 bis 87), weil die Schüsse „echt“ sind.

      Harnoncourt spielt alle Wiederholungen aus, damit ist diese Symphonie bei ihm etwa zehn Minuten länger als bei Bernstein. Die Musik ist aggressiver, die Akzente und Kontraste werden noch mehr verdeutlicht, es wird quasi eine Psychologie der Musik entworfen. Dem Schreiber geht es so wie oft bei Harnoncourt. Hat man eine andere, „harmlosere“ Aufnahme im Ohr und hört man dann ihn, ist man zunächst geschockt von der Radikalität der Musiksprache. Hier gibt es keine erbauliche Musik zum Genießen und zum Auffinden musikalisch inspirierter Genialität, nein, hier geht es um Entscheidungsfragen, hier muss man Position beziehen. Will man sich den Herausforderungen stellen oder lehnt man es ab, auf die alles fordernde Reise mitzugehen? Der Schreiber lässt sich mit wachsender Neugier auf die „Konfrontation“ ein. Harnoncourt macht mit seiner Musik als Klangrede, mit dieser Psychologisierung, auf Passagen und Momente aufmerksam, die man zuvor überhaupt nicht wahrgenommen hat. Der zweite Satz ist geradezu ein völlig anderes Werk, das ist völlig andere Musik als bei Bernstein. Die ersten Schritte hinein verlangen ein „Umhören“. Hier geht es darum, die Musik nur ja nicht zu genießen, sie muss total mitgelebt werden. Es wird dem Hörer ziemlich brutal „das Herz aufgerissen“. Wer abends nach einem anstrengenden Tag heimkommt und zur Entspannung eine Haydn Symphonie anhören will, ist mit dieser Aufnahme schlecht beraten. Wer volle Konzentration und innere Bereitschaft hat, sich auf das Abenteuer einzulassen, ist aber vielleicht nachher ein anderer Mensch. („Was bleibt von der Kunst? Wir als Veränderte bleiben.“ Robert Musil.) Das Menuett erzählt uns ein Harlekin bei Harnoncourt, und das Finale ist bei ihm ungeheuer plastisch eine echte Jagd, wirklich mit Schüssen aus dem Orchester und mit einem verwundeten Tier (zweimal, da es ja wiederholt wird).

      Der Schreiber mag Bernstein und Harnoncourt sehr. Und mit den Aufnahmen dieser beiden Dirigenten dieses Werks hat er zwei völlig unterschiedliche Interpretationsansätze, die beide „in sich stimmen“, aber so als wäre es jeweils ein völlig anderes Werk. Insofern mag es oft schwierig sein, ein musikalisches Werk nach dem Anhören nur einer einzigen Aufnahme einordnen und eventuell beurteilen und bewerten zu können, es lohnt sich, mehrere Sichtweisen kennenzulernen.

      PPS: Auf der wikipedia Seite zur Symphonie findet sich ganz unten ein Link zu einer hier vielen gut bekannten virtuellen Parallelwelt, hier nur vermerkt wegen Zwielichts dort nachzulesenden Bemerkungen (Eintrag 7) zum Werk.

      Hier gackert die Henne bei Capriccio.
      Zur Info: Bis auf weiteres keine aktive Moderationstätigkeit meinerseits.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK