WAGNER: Parsifal – Kunstreligion aus "Noth um den Geschlechtstrieb"? Klangdenkmäler, ungeahnt, edel und voller Kraft?

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    • WAGNER: Parsifal – Kunstreligion aus "Noth um den Geschlechtstrieb"? Klangdenkmäler, ungeahnt, edel und voller Kraft?

      Wagners letzte Oper ist bis heute dasjenige seiner Werke, das mir am nächsten steht:

      Parsifal. Ein Bühnenweihfestspiel in drei Aufzügen

      Früher, während meiner Studienzeit, war ich ein begeisterter Wagnerianer, auch wenn ich seinen Ideen von Anfang an skeptisch blieb. Am ehesten sprach mich noch der Weltmythos an, der die Ring-Tetralogie beherrscht, da gab es zumindest viel Reibungsfläche und geschichtsphilosophischen Anreiz.

      Die Themen des Parsifal blieben mir bis heute fremd: Ich glaubte schon damals – geprägt u. a. durch Adornos Versuch über Wagner, die Biographie Ernest Newmans und nicht zuletzt Friedrich Nietzsches Kritik, der etwa über Wagners „Noth um den Geschlechtstrieb“ spottete – rassistische, präfaschistische Züge darin zu finden: Das Ideal eines Männerbündnisses (die Gralsritter), dessen Reinheit durch ein Weib (Kundry) tödlich gefährdet wird, der „reine Tor“ Parsifal, der am Ende – nach Vernichtung der teuflisch-zaubrischen Gegenwelt des Klingsor mit seinen betörenden Blumenmädels – die Welt erlöst, dann die Kunstreligion, die Wagner propagiert ("Da wo die Religion künstlich wird, ist es der Kunst vorbehalten, den Kern der Religion zu retten“ – dieses Wagner-Zitat stand am Ende einer von John Dew in Darmstadt inszenierten Aufführung, die ich vor einem Jahr erlebte), der lächerliche Brauch des Beifallsverbots bei Aufführungen, teilweise noch heute (gleichsam verordnete „stumme Ergriffenheit“) – all das läßt mich sympathisieren mit Bewertungen, wie ich sie etwa bei Claude Debussy finde (Gil Blas, 6. April 1903, aus: Claude Debussy, Monsieur Croche. Sämtliche Schriften und Interviews, hrsg. von F. Lesure. Reclam/Stuttgart 1982, S. 146f.):

      Im Parsifal, dem letzten Kraftakt eines Genies, vor dem man sich verbeugen muß, versuchte Wagner, der Musik weniger Zwang anzutun; hier atmet sie freier. Da ist nicht mehr dieses nervtötende, atemlose Keuchen, um der krankhaften Leidenschaft eines Tristan auf der Spur zu bleiben, den tierisch-wilden Schreien einer Isolde sich anzugleichen; da ist auch nicht mehr der großsprecherische Kommentar zu den Unmenschlichkeiten Wotans. Nirgends erreicht die Musik eine so heitere Schönheit wie im Vorspiele zum dritten Akt des Parsifal und im ganzen „Karfreitagszauber“, obgleich sich selbst hier die persönliche Auffassung Wagners von der menschlichen Natur im Verhalten bestimmter Personen des Dramas kundtut: Schauen Sie nur auf Amfortas, den traurigen Gralsritter, der klagt wie eine kleine Modistin und greint wie ein Kind... Zum Donnerwetter! Wenn man Gralsritter und Königssohn ist, stößt man sich die Lanze in den Leib und trägt nicht drei Akte lang seine selbstverschuldete Wunde auf melancholischen Kantilenen spazieren. Und Kundry? Die alte Höllenrose hat zwar der Wagnerliteratur viel Stoff geliefert, doch muß ich gestehen, daß ich für diese sentimentale Straßendirne wenig Sympathie aufbringe. Den schönsten Charakter in Parsifal hat Klingsor (ein ehemaliger Gralsritter, der wegen allzu persönlicher Ansichten über die Keuschheit vom heiligen Ort verbannt wurde). Er ist wunderbar in seinem grollenden Haß; er weiß, was die Menschen wert sind und prüft die Standhaftigkeit ihrer Keuschheitsgelübde auf den Waagschalen der Verachtung. Woraus man mühelos schließen kann, daß dieser durchtriebene Magier, dieser alte rückfällige Halunke, nicht nur die einzige „menschliche“, sondern auch die einzige „moralische“ Person dieses Musikdramas ist, in dem die falschesten moralischen und religiösen Ideen verkündet werden; Ideen, deren heldenhafter und unerfahrener Ritter der junge Parsifal ist.

      Mit einem Wort, in diesem christlichen Drama will sich niemand opfern (obwohl das Opfer eine der schönsten christlichen Tugenden ist), und wenn Parsifal seinen Wunderspeer wiederfindet, so dank der alten Kundry, dem eigentlichen Opfer in dieser Geschichte. Sie ist sogar ein doppeltes Opfer, das den Teufelskünsten Klingsors wie der frommen Wehleidigkeit des Gralsritters dargebracht wird. Die Atmosphäre ist gewiß religiös, aber warum gibt es bei den Knabenstimmen an manchen Stellen so verdächtige Schnörkel? (Denken Sie einen Augenblick an die kindliche Reinheit, die ein Palestrina in sie hineingelegt hätte.)

      Alles, was ich hier sagte, bezieht sich nur auf den Dichter, den man in Wagner zu bewundern pflegt, und betrifft in keiner Weise den musikalischen Teil des Parsifal, der überall von erlesener Schönheit ist. Man hört da Orchesterklänge, die einmalig sind und ungeahnt, edel und voller Kraft. Das ist eines der schönsten Klangdenkmäler, die zum unvergänglichen Ruhm der Musik errichtet worden sind.

      Der letzte Absatz ist für mich entscheidend: Was auch mich an diesem Werk fasziniert, seit ich es zum ersten Mal gehört habe (zunächst in einer Aufführung in Stuttgart in den 70ern, Regie: Götz Friedrich, Bühnenbild: Günther Uecker, dann auf LP: ich kannte lange nur die Boulez-Aufnahme, Bayreuth 1970), das ist die Musik: ein Dahinfließen in epischer Ruhe, eine Entfaltung von Klangfarbenzauber, die mir neu war und deren Weiterführung ich später bei Debussy lieben lernte, so in Pelléas et Mélisande (das erste Orchesterzwischenspiel z. B. zitiert ganz offen Wagner, an der Stelle „Zum Raum ward hier die Zeit“, und den 2. Akt des Parsifal empfinde ich als sehr französisch!), das Phantastisch-Berückende im Rausch der Klangfarben fand ich später auch bei Franz Schreker (Die Gezeichneten). Die Musik des Parsifal hat mir in mancher Hinsicht geholfen, wichtige Werke des 20. Jahrhunderts zu erschließen und besser zu verstehen.

      Nun noch ein paar Fakten zur Entstehungs- und Aufführungsgeschichte (nach Wilhelm Zentner, Einleitung, in: Richard Wagner, Parsifal. Reclam/Stuttgart 1972):

      Richard Wagner selbst datierte seine erste entscheidende Begegnung mit dem Parsifal-Stoff auf den Karfreitag 1857: „[V]om Karfreitagszauber aus konzipierte ich schnell ein ganzes Drama, welches ich, in drei Akte geteilt, sofort in wenigen Zügen flüchtig skizzierte“. Dann kümmerte er sich allerdings erst um andere Projekte: Tristan und Isolde, Die Meistersinger von Nürnberg und die Tetralogie Der Ring des Nibelungen.

      1865 begeisterte sich Ludwig II. von Bayern, inzwischen Förderer des Komponisten, für das Vorhaben, und Wagner erarbeitete einen ausführlicheren Entwurf, der schon alle Hauptmomente der späteren Handlung enthielt. 1877 – die ersten Bayreuther Festspiele hatten im Vorjahr mit der Uraufführung des Ring-Zyklus ihre Premiere gefeiert – nahm Wagner den Parsifal endgültig in Angriff. Im April 1877 war die Dichtung abgeschlossen; aus „Parzival“, dem um 1200 geschaffenen Epos des Wolfram von Eschenbach, war nun „Parsifal“ geworden.

      Mit der Komposition begann Wagner im Herbst 1877; bis April 1879 waren die Kompositionsskizzen fertig, die Instrumentation erforderte weitere drei Jahre; Anfang 1882 war die Komposition abgeschlossen.

      Nachdem man im Bayreuther Festspielhaus seit 1876 nicht mehr gespielt hatte, fand die Uraufführung des Parsifal am 26. Juli 1882 statt, unter der musikalischen Leitung des Münchener Hofkapellmeisters Hermann Levi. Bis 1913 blieb das Werk, abgesehen von 1884 durch König Ludwig ausbedungenen „Separatvorstellungen“, nach dem Willen des Meisters Bayreuth vorbehalten. 1889 etwa erlebte Debussy, damals nach eigener Aussage ein "fanatischer Wagnerverehrer", dort eine Aufführung. Erst nach Ablauf der Schutzfrist erfolgte, nach heftigen Debatten für und wider, die Freigabe, so daß erst 30 Jahre nach Wagners Tod die Opernhäuser der Welt damit beginnen konnten, den Parsifal in ihr Repertoire aufzunehmen.

      Wie seht und hört Ihr den Parsifal? Was fasziniert Euch, was weniger?

      Besonders interessieren würden mich Ansätze zur besseren Verständnis des Werks – literarisch wie musikalisch. Auch wenn ich dem dichterischen Gehalt, wie beschrieben, eher kritisch bis ablehnend gegenüberstehe, denke ich, daß es da, wie bei allen großen Kunstwerken – denn ein solches ist der Parsifal zweifellos, zumindest musikalisch – tiefere Bedeutungsschichten geben könnte, die mir bislang entgangen sind.

      Interessant wäre auch ein Vergleich der Wagnerschen Adaption mit den mittelalterlichen Vorlagen, vor allem der von Wolfram von Eschenbach. Wie hat Wagner den Mythos verändert und gestaltet? Mit welchen Intentionen, mit welchen Ergebnissen?

      Und was das Besondere an der Komposition ist – „wie sie gemacht ist“ und ihre musikgeschichtliche Bedeutung – darüber wüßte ich gern mehr.
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann

      Dieser Beitrag wurde bereits 10 mal editiert, zuletzt von Gurnemanz ()

    • Wäre eine – krude - Deutung des Parsifals, die eines antisemitischen Stücks ? (wurde bereits in den Musikkonzepten vor ca. 30 Jahren versucht)

      Es wäre allerdings – nach meiner augenblicklichen Einschätzung - keine offene bzw. beabsichtigte antisemitische Propaganda, sondern nicht ungenialer Ausdruck antisemitischer Idiosynkrasien Wagners.

      Kundry wäre die Jüdin, die die Reinheit des Männerbündnis (eine Kriegerkaste, die teilweise faschistische Züge trägt) verletzt . Beim Text des Parsifals fällt mir folgendes Zitat von Günther Anders ein:

      Bundesdeutscher Rundfunk – Geistliche Jugendsendung

      Wenn ich höre: „Bleibet rein!“ dann sträuben sich mir die Haare. Ich sehe die Unberührbaren auf dem Pflaster von Calcutta vor mir und Leichenberge von Majdanek, durch die Europa judenrein gemacht worden war. ...Reinheitswahn ? Aufgeschobener Mord ! (Zitatende)

      Es wäre interessant, ob ein Regisseur auf die Idee käme, Kundry am Schluss durch einen Genickschuss eines uniformierten Gralsritters sterben zu lassen.

      Die Gestalt Kundry als Menetekel für den Genozid durch Nazi-Deutschland ?

      Das sind momentan Fragen, die sich beim Parsifal aufdrängen.

      Es ist sicherlich nicht die einzige Lesart.
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Der "Parsifal" ist meiner Meinung nach musikalisch wunderbar! Die hier angesprochenen inhaltlichen "Probleme" kann ich nur begrenzt nachvollziehen, obwohl sich durch die anderen Beiträge sehr interessante Lesarten aufgetan haben, die ich jedoch nicht ganz schlüssig finde. Andererseits verträgt Wagner sicherlich meistens mehrere, durchaus divergierende Betrachtungsweisen.

      Doch zur Sache: Die Gralsritter als eine Art pseudofaschistische Vereinigung mit "Reinheitswahn" erschließen sich mir insofern nicht, als diese Gesellschaft doch gerade keine Ansammlung schneidiger, dynamischer Kerle ist. Im Gegenteil, man findet eine recht abgewrackte Gruppe vor, die ihre Kraft eingebüßt hat und die eigentliche Grundlage ihrer Aufgabe zu vergessen haben scheint. Wenn überhaupt, so ist das eher eine Truppe von Ex-Faschisten nach der selbstverschuldeten Katastrophe.

      Die Kundry als "verunreinigender Faktor" ist mir insofern nicht ganz klar, als sie doch am Ende nicht brutal beseitigt wird, sondern sie kann ihr Ziel - die Erlösung - erreichen, weil der "reine Tor" ihre Not erkannt hat. Überhaupt kommt sie mir als vielleicht "menschlichste" Gestalt des Dramas vor, und aufgrund dieser Identifikationsfläche kann ich sie mir auch nicht als antisemitisch chiffriert vorstellen.

      Und Parsifal selbst? "Durch Mitleid wissend" - als eine Art Außenstehender mit reinem Herzen kann er die festgefahrene Situation der anderen Protagonisten erkennen und wird so, quasi nolens volens, zum Erlöser. Wie ein Restaurator faschistoider Ordnung wirkt das nicht gerade auf mich, eher wie jemand, der einer Gemeinschaft hilft, zu ihren Grundwerten zurückzufinden.

      :wink:
      "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler
    • Der "Parsifal" ist meiner Meinung nach musikalisch wunderbar!
      Ja musikalisch habe ich nicht so große Schwierigkeiten. In der Tat, größtenteils, faszinierende Musik (auch mit – für mich - weniger gelungenen Momenten)

      Andererseits verträgt Wagner sicherlich meistens mehrere, durchaus divergierende Betrachtungsweisen.

      ja, ich verstehe es nur als eine von vielen möglichen Lesart, das spricht für den Parsifal.


      zur Sache: Die Gralsritter als eine Art pseudofaschistische Vereinigung mit "Reinheitswahn" erschließen sich mir insofern nicht, als diese Gesellschaft doch gerade keine Ansammlung schneidiger, dynamischer Kerle ist. Im Gegenteil, man findet eine recht abgewrackte Gruppe vor, die ihre Kraft eingebüßt hat und die eigentliche Grundlage ihrer Aufgabe zu vergessen haben scheint. Wenn überhaupt, so ist das eher eine Truppe von Ex-Faschisten nach der selbstverschuldeten Katastrophe.[/size][/font]

      Ja, aber nur teilweise Zustimmung. [/size]Es gibt Reinheitswahn, totalitärer Erlösungswahn, Kastenwesen (wenigen ist der Weg zum Gral offen) und die Kriegsbereitschaft (auch vor der Wunde Amfortas).
      ihr wisst, dass nur dem Reinen
      vergönnt ist, sich zu einen
      den Brüdern, die zu höchsten Rettungswerken
      des Grales Wunderkräfte stärken.


      des heiligsten Blutes Quell
      fühl' ich sie giessen in mein Herz;
      des eig'nen sündigen Blutes Gewell'


      das verstehe ich eindeutig als militärisch

      brudergetreu
      zu kämpfen mit seligem Mute!


      Die heil'ge Speisung bleibt uns nun versagt,
      gemeine Atzung muss uns nähren;
      darob versiegte uns'rer Helden Kraft.
      Nie kommt uns Botschaft mehr,
      noch Ruf zu heil'gen Kämpfen aus der Ferne;



      hab' er noch heut zu wirken,
      zu walten eines heil'gen Amtes;
      so sei er fleckenrein,



      Die Kundry als "verunreinigender Faktor" ist mir insofern nicht ganz klar, als sie doch am Ende nicht brutal beseitigt wird, sondern sie kann ihr Ziel - die Erlösung - erreichen, weil der "reine Tor" ihre Not erkannt hat.
      He! Kundry!
      Wie? Schon am Werk ...
      ... die Reinheit dir (
      also Parsifal)entrissen,
      bleibst mir du zugewiesen

      Kundry ist eindeutig ein verunreinigender Faktor, die unkeusche Sünderin, die Parsifal durch sexuellen Kontakt mit Unreinheit auf Befehl Klingsor zu infizieren versucht.
      Dann: die sog. „Erlösung“ ist eine ohne subjektives Substrat („entseelt !“) Orchestral mit wohlklingenden Akkorden; das Orchester klingt für meine Ohren zynisch. Das Weg von Kundry ist das Nichtsein im Gegensatz zum Sein der männlichen Gralskaste. Da kann nicht von Erlösung gesprochen werden.

      Nichtsein ohne Substrat ist nicht Utopie im Parsifal (im Tristan wird über diese Utopie des Nichtseins musikalisch + textlich spekuliert), denn der Gral wirkt lebensverlängernd für die Kriegerkaste, der Tod Titurels wird beklagt. Also wird Kundry nicht erlöst, sondern sie muss sterben.


      Überhaupt kommt sie mir als vielleicht "menschlichste" Gestalt des Dramas vor, und aufgrund dieser Identifikationsfläche kann ich sie mir auch nicht als antisemitisch chiffriert vorstellen.

      Ich will nicht unterstellen, dass Kundry ausschließlich Zerrbild der sündigen Jüdin ist, die „erlöst“ werden muss. Sie wird musikalisch + textlich durchaus nicht undifferenziert gezeichnet.

      Aber sie lachte über den „Erlöser“, hat ihn damit nicht anerkannt. Die Nichtanerkennung (bis hin zum Gottesmord, der wird aber im Parsifal nicht thematisiert) ist - auch in der Gegenwart - einer der wesentlichsten Anschuldigungen der Christen gegen die Juden. Die Assimilation Kundrys ist mit der Auflösung/Zersetzung ihrer Person verbunden; dass sie im 3. Akt kaum redet und als Dienerin geduldet wird, ihre Degradierung; ihr Tod die Konsequenz. Dass als „Erlösung“ zu bezeichnen ist beschönigend. Ihre Existenz wird in der vom Reinheitswahn befallenen Gralsgemeinschaft + Gral nicht geduldet, selbst nach ihrer Konversion. Und da habe ich den Verdacht, dass die Nichtduldung ihrer Existenz rassische Gründe hat.
      Und Parsifal selbst? "Durch Mitleid wissend" - als eine Art Außenstehender mit reinem Herzen kann er die festgefahrene Situation der anderen Protagonisten erkennen und wird so, quasi nolens volens, zum Erlöser. Wie ein Restaurator faschistoider Ordnung wirkt das nicht gerade auf mich, eher wie jemand, der einer Gemeinschaft hilft, zu ihren Grundwerten zurückzufinden.


      Da drängt sich die Frage auf, was das für Grundwerte sind, außer die eines selbstgerechten Kastenwesens, dass sich dem Reinheits- Erlösungs- und Kriegwahn verschrieben hat ? Im 3. Akt erfolgt keine Veränderung der Gralsrittergesellschaft.


      :wink:

      P.S. orchestral neige ich z.B. zu Kegel, Boulez in den 60zigern (mag ich mehr als seine späteren Parsifal- Wiedergaben) , Levine 1979 in NYC, Knappertsbusch 1962, Gui (leider mit Cuts), Urbanek und auch zu Gatti (in Bayreuth). Regiemäßig würde mich Bietos Lesart interessieren, wenn ich die Gelegenheit dazu hätte.
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Calixto Bieito

      Amfortas09 schrieb:

      Regiemäßig würde mich Bietos Lesart interessieren, wenn ich die Gelegenheit dazu hätte.
      Calixto Bieito wird im nächsten Jahr den Parsifal in Stuttgart inszenieren: Premiere am 28.03.2010. Das könnte was werden!
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • RE: Calixto Bieito

      Gurnemanz schrieb:

      Amfortas09 schrieb:

      Regiemäßig würde mich Bietos Lesart interessieren, wenn ich die Gelegenheit dazu hätte.
      Calixto Bieito wird im nächsten Jahr den Parsifal in Stuttgart inszenieren: Premiere am 28.03.2010. Das könnte was werden!


      Und wer heute Karten online oder per Post bestellt, hat sicherlich noch Chancen, Karten für die Premiere zu bekommen. Alviano und ich sind wohl schon auf jeden Fall dabei... ;) Sicher weiß man das aber erst einen Monat vorher, wenn die Karten (chronologisch, nach Eingang der Bestellung) verschickt werden...;-)

      Matthias
      "Bei Bachs Musik ist uns zumute, als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf." (Friedrich Nietzsche)
      "Heutzutage gilt es schon als Musik, wenn jemand über einem Rhythmus hustet." (Wynton Marsalis)
      "Kennen Sie lustige Musik? Ich nicht." (Franz Schubert)
      "Eine Theateraufführung sollte so intensiv und aufregend sein wie ein Stierkampf." (Calixto Bieito)
    • vieleicht ist das eine Gemeinschaftsproduktion mit z.B. Barcelona und es gibt auch mal einen TV-Mitschnitt davon wie vom hervoragenden Wozzeck (geiles Weigle-Dirigat und fetzige Bieto-Regie). Wer dirigiert den Stuttgart-Parsifal - Zagrosek ? Das wäre für mich spannend.
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Amfortas09 schrieb:

      vieleicht ist das eine Gemeinschaftsproduktion mit z.B. Barcelona und es gibt auch mal einen TV-Mitschnitt davon wie vom hervoragenden Wozzeck (geiles Weigle-Dirigat und fetzige Bieto-Regie). Wer dirigiert den Stuttgart-Parsifal - Zagrosek ? Das wäre für mich spannend.


      :wink:

      Siehe hier:

      Spielzeit 2009 / 10

      Um deine Frage zu beantworten:

      Manfred Honeck

      Matthias

      P.S.: NICHT Bieto, der Mann schreibt sich Bieito!
      "Bei Bachs Musik ist uns zumute, als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf." (Friedrich Nietzsche)
      "Heutzutage gilt es schon als Musik, wenn jemand über einem Rhythmus hustet." (Wynton Marsalis)
      "Kennen Sie lustige Musik? Ich nicht." (Franz Schubert)
      "Eine Theateraufführung sollte so intensiv und aufregend sein wie ein Stierkampf." (Calixto Bieito)
    • Alles, was ich hier sagte, bezieht sich nur auf den Dichter, den man in Wagner zu bewundern pflegt, und betrifft in keiner Weise den musikalischen Teil des Parsifal, der überall von erlesener Schönheit ist. Man hört da Orchesterklänge, die einmalig sind und ungeahnt, edel und voller Kraft. Das ist eines der schönsten Klangdenkmäler, die zum unvergänglichen Ruhm der Musik errichtet worden sind.

      Der letzte Absatz ist für mich entscheidend: Was auch mich an diesem Werk fasziniert, seit ich es zum ersten Mal gehört habe (zunächst in einer Aufführung in Stuttgart in den 70ern, Regie: Götz Friedrich, Bühnenbild: Günther Uecker, dann auf LP: ich kannte lange nur die Boulez-Aufnahme, Bayreuth 1970), das ist die Musik: ein Dahinfließen in epischer Ruhe, eine Entfaltung von Klangfarbenzauber, die mir neu war und deren Weiterführung ich später bei Debussy lieben lernte

      Eben. Wagner als Denker: uninteressant, jedenfalls interessant nur für die Geistesgeschichte. Übrigens war - wenn ich mich nicht irre - die Schwanszene und ihr Wiedergeburtshintergrund auch ein Ausgangspunkt für Vegetarismus unter Wagnerianern (Hitler eingeschlossen). Mein Urururgroßonkel - öhem - Karl Klindworth, einer der Wagnerfreunde aus Londoner Zeiten, war (Antisemit und) Vegetarier und lebte am Ende in der Vegetarierkolonie Eden bei Oranienburg. Aber das sind eben die 'Irrwege des Weltgeistes'. :rolleyes: :|

      Bloch: "Der Musiker Wagner ist entscheidend, nicht der vermeintliche Maler oder Bühnenarchitekt oder der Regisseur oder selbst der Textdichter, der hier allemal aus vorangehender musikalischer Konzeption bestimmte." (Ich finde nicht, dass Bloch hier was Dolles sagt, füge das hier nur an, um noch mal zu belegen, dass diejenigen, die diesem Klangrausch erliegen, damit keine weltanschauliche Neigung bekunden.)
      Ich bin weltoffen, tolerant und schön.
    • Ich finde manche Parsifal-Deutungen reichlich komisch: Anitsemitisch, militärisch, etc.

      Für mich ist das die humanistischste Oper aller Zeiten




      Dass sich diese Mitleidsethik bei Wagner mit Antisemitismus verband, ist nicht ausgeschlossen, liegt sogar nahe, da diese Verbindung in seinem Denken eben bestand. Aber auf eine Deutung kommt es beim Parsifal aus meiner Sicht gar nicht an, da der Wert hier in erster Linie in der Musik liegt.
      Ich bin weltoffen, tolerant und schön.
    • kunnukun schrieb:


      Dass sich diese Mitleidsethik bei Wagner mit Antisemitismus verband, ist nicht ausgeschlossen, liegt sogar nahe, da diese Verbindung in seinem Denken eben bestand. Aber auf eine Deutung kommt es beim Parsifal aus meiner Sicht gar nicht an, da der Wert hier in erster Linie in der Musik liegt.

      Da kann ich jetzt aber gar nicht folgen. Oper ist Musiktheater. Die Deutung erfolgt daher aus dem Text und der Musik, aber bestimmt nicht aus Geschlecht, Religion, sexueller Neigung oder sonstigen Eigenschaften des Autors. Wenn man mit außermusikalischen Dingen argumentiert, begibt man sich auf sehr dünnes Eis. Den Fehler hat Wagner seinen "Feinden" gegenüber übrigens auch gemacht.

      Ich muss an dieser Stelle zugeben, dass mich vor ca. 14 Jahren meine damalige Freundin darauf gebracht hat. Wir wollten in den Parsifal gehen, zur Vorbereitung gab ich ihr den Führer von Pahlen. Ich fragte sie, ob sie auch alles schön gelesen hätte. Antwort: Ja, aber nur das Libretto, der Rest sei überflüssig. Und dann erklärte sie mir den Inhalt.

      Wenn ich das Libretto lese und anschließend die Oper höre, komme ich zum Schluss: Das Thema lautet "Mitleid". Alles andere ist nur Mittel zum Zweck. Wenn die Nazis das verstanden hätten, wäre der Menschheit einiges erspart geblieben.

      Apropos Mittel zum Zweck: Dass Wagner sich dabei christlicher Motive bedient, ist logisch, schließlich ist das Thema "Mitleid" einer der Grundpfeiler des Christentums (auch wenn man heute nicht mehr viel davon sieht). Kundry wurde verflucht, weil sie Jesus verspottet hatte, also kein Mitleid zeigte. Die Gralsritter versagten, weil ihnen das Schicksal von Amfortas nicht wirklich nahe ging: Sie fühlten sein Leiden nicht, ihnen ging es mehr um die gemeinsame Sache.

      Natürlich kann man wie Nietzsche der Meinung sein, durch Mitleid komme die Welt nicht voran. Und ob Wagner als Mensch dem "Mitleid" so viel Bedeutung zugemessen hatte wie in seinem Parsifal, darf auch bezweifelt werden. Aber wir reden hier ja über Parsifal...


      Thomas
    • OK. Ich gebe zu, dass ich im Text keine Anzeichen für Wagners Antisemitismus aufgespürt habe. Es ist bloß bei Wagner - in seinem Kopf - wahrscheinlich auch hier miteinander verquickt, und da lagen die Cosimaianer, Chamberlain usw. nach des Meisters Tod wohl nicht so sehr abseits seiner Gedankenwelt. Aber richtig, wenn man so werkimmanent sein will, geht es um Mitleid, Wiedergeburt, eben diese weltanschauliche Suppe, die dann eine Weile - fair gesagt: hübsch neben dem Antisemitismus - zum Bayreuther Kult gehörte.
      Ich bin weltoffen, tolerant und schön.
    • kunnukun schrieb:

      OK. Ich gebe zu, dass ich im Text keine Anzeichen für Wagners Antisemitismus aufgespürt habe. Es ist bloß bei Wagner - in seinem Kopf - wahrscheinlich auch hier miteinander verquickt, und da lagen die Cosimaianer, Chamberlain usw. nach des Meisters Tod wohl nicht so sehr abseits seiner Gedankenwelt.

      Vielleicht wollte er eine Welt entwerfen, von der er wusste, dass er selbst ihr nicht gerecht werden könnte. Es ist wohl kein Zufall, dass es sein letztes Werk ist.

      Oder stark vereinfacht: Wenn man weiß, dass man Fehler hat, kann man trotzdem eine Welt entwerfen, in der diese Fehler nicht vorkommen. Quasi als "Wiedergutmachung".

      Ich finde eigentlich bei jeder Wagner-Oper naheliegende(!) Punkte, die auch den Nazis gefallen können - außer bei Parsifal.


      Thomas
    • Vor allem hat die Idee eines von jüdischen Verunreinigungen befreiten Christentums mit einem arischen Jesus eine Menge mit der Rassenideologie der Nazis zu tun. Und da sich Wagner zur Zeit der Arbeit am »Parsifal« sehr intensiv mit diesen Ideen auseinandergesetzt hat (wie man an seinen späten Schriften sehen kann, wenn es einem gelingt, das Zeug zu lesen), wäre es nun wirklich seltsam, wenn diese Gedanken in seinem Werk überhaupt keinen Raum hätten. Womit allerdings nicht gesagt ist, dass das Werk darin aufgeht oder dass Interpretationen, die diese Gedankenstränge außer acht lassen, unmöglich wären.
    • "Reinheitsideal" im Parsifal




      Kann sein. Ja, diese reinen Helden. Aber nach wie vor:



      "Der Musiker Wagner ist entscheidend, nicht der vermeintliche Maler oder Bühnenarchitekt oder der Regisseur oder selbst der Textdichter, der hier allemal aus vorangehender musikalischer Konzeption bestimmte." Bloch
      Ich bin weltoffen, tolerant und schön.
    • Amfortas09 schrieb:

      das "Reinheitsideal" im Parsifal hat manche erstaunliche Bezugspunkte zur rassistischen Reinheitsideologie der Nazis.

      Wo??? Ich sehe keinen einzigen. Ach so, du meinst, weil die auch das Wort "rein" benutzen? Und die Waschmittelwerbung ist dann sicher auch rassistisch... :D

      Also im Ernst, bei Parsifal geht's doch wohl um Reinheit des Charakters.

      Ganz ehrlich: Diese Holzhammer-Vergleiche finde ich weder hier noch sonst wo zielführend. Damit kann man jede Arbeit kaputt reden.


      Thomas
    • Ecclitico schrieb:

      Damit kann man jede Arbeit kaputt reden.


      Man aber genausogut jede Sauerei schönreden, wenn man sich auf die "reinen" ästhetischen Gesichtspunkte zurückzieht . Damit sage ich ausdrücklich nicht, dass der Parsifal eine Sauerei ist, auch wenn ich das subjektiv stellenweise so empfinde, zumindest im Hinblick auf das Frauenbild.
      Aber es ist mir entschieden zu einfach , Wagner aus seiner Verantwortung als Gesamtkunstwerkler zu entlassen und einfach so zu behaupten, es ginge ja nur um die Musik. Wagner ging es ausdrücklich nicht nur um die Musik sondern auch um den Text, den Kontext und die Aufführung.
      Ein Regisseur steht für mich da in der besonderen Verantwortung, auch das Ambivalente in diesem Werk und seinem Kontext nicht zu verschweigen, und dieses Bühnenweihfestspiel nicht einfach blind und taub zu beweihräuchern.
      Mir hat der Syberberg Parsifal gut gefallen (so mir überhaupt ein Parsifal gefallen kann....) und ich kann mir auch Inszenierungen wie den Berghaus oder Chereau Ring oder den Konwitschny Tristan gut vorstellen.
      Was ich mir nicht vorstellen kann, sind kritiklose und VogelStraussPolitik "da zählt ja nur die Musik" Aufführungen.
      Wenn mir allerdings jemand nachweist, dass für Wagner nur die Musik allein zählte und Text und Kontext egal waren .......

      F.Q.
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)