WAGNER: Parsifal – Kunstreligion aus "Noth um den Geschlechtstrieb"? Klangdenkmäler, ungeahnt, edel und voller Kraft?

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    • Zwielicht schrieb:

      Das Missverständnis, wenn man es denn so nennen will, geht wohl auf Drüners Aufsatz "Judenfiguren bei Richard Wagner" im Sammelband "Judenrollen" zurück,
      genau, diesen Eindruck hatte auch gewonnen.

      Zwielicht schrieb:

      Davon mal abgesehen: Dass die Figur der Kundry auf Ahasver Bezug nimmt, kann man nun wirklich nicht bestreiten
      würde ich auch nicht. Aber das wäre selbstverständlich kein Grund, einen Beleg dort zu konstatieren, wo keiner ist.

      Kater Murr schrieb:

      Ja natürlich ist Kundry eine Ahasver-Figur, aber das ist m.E. nicht per se "antisemitisch".
      auch meine Meinung.
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • Kater Murr schrieb:

      Es ist doch eine Sache, den unbestritttenen Antisemitismus Wagners nicht beschönigen zu wollen, aber eine andere, das Werk quasi nur noch durch diese Brille wahrzunehmen.
      Ich kann nicht erkennen, dass ich das getan hätte. Im Gegenteil: oben habe ich für die - durch die zeitgenössische Rezeption belegte - Möglichkeit verschiedener Lesarten des Parsifal (eine davon: die antisemitische) plädiert. Und kein Autor bezeichnet Parsifal nur deshalb als antisemitisch, weil die Figur Kundry auf die Ahasver-Legende Bezug nimmt. Es geht nicht nur um die Kundry-Figur, sondern auch um die Vorstellung des vom Judentum "gereinigten" Christentums und um die Ideologie des reinen und vermischten Blutes, somit auch um die (natürlich nicht nur bei Wagner vertretene) Verbindung älterer antijudaistischer mit neueren rassistischen, antisemitischen Ideen. Dass solche Lesarten nicht aus der Luft gegriffen sind, kann u.a. die Lektüre von Wagners zeitgleich zum Parsifal verfassten "Regenerationsschriften" (z.B. Heidentum und Christentum, Erkenne dich selbst) lehren, in denen genau solche Vorstellungen expliziert werden.

      :wink:
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Kater Murr schrieb:

      Es ist doch eine Sache, den unbestritttenen Antisemitismus Wagners nicht beschönigen zu wollen, aber eine andere, das Werk quasi nur noch durch diese Brille wahrzunehmen. So in der Art, Ätsch, schon wieder was Antisemitisches zu Tage gefördert!
      In der Diskussion die hier läuft könnte man diesen Eindruck gewinnen. Aber durch die wiederholten Erklärungsversuche in Bezug auf die Bedeutung Kundrys ist eine Fokussierung auf diesen Aspekt entstanden. Eigentlich ist die antisemitische Konnotation ein Sekundäreffekt im Drama. Dadurch das Wagner im Parsifal seine Vorstellung von Religion als "Kunstreligion" (s. dazu auch seine oben von Bernd genannten "Reinigungsschriften") dargelegt hat, macht er auch deutlich, was nicht zu seiner Religion gehört, nämlich das Judentum, von dem er sich in obzessiver Weise umzingelt fühlte. Seine Anhänger, und für die war das "Bühnenweihfestspiel" Parsifal in erster Linie bestimmt (es war sogar von den Wagnervereinen eine Aufführung ausschließlich für seine Anhänger erwogen worden) haben natürlich sofort verstanden worum es Wagner ging, denn sie haben ja seine Schriften und die sie begleitenden Bayreuther Blätter aufmerksam gelesen. Für Wagner kam nur eine Religion in Betracht, die nicht von semitischen Einflüssen besudelt war. Kundry ist dabei nur ein Vehikel um diese Ansichten zu verdeutlichen. Der religiöse Inhalt der Botschaft des Parsifal ist aber in jeder Hinsicht der dominierende.

      Und zu Wagners Frauenverständnis: Da war er ganz ein Kind seiner Zeit. Den Frauen wurden ja in aller Regel schöpferische Fähigkeiten abgesprochen, weswegen ja die sog. "Malweiber" wie sie verächtlich genannt wurden, nur privaten Unterricht nehmen konnten, aber keinesfalls an einer Akademie. Es hat noch bis 1919 gedauert, dass sie aktiv wählen durften. Unter dem modernen Frauenverständnis von Gleichberechtigung wirken indes Wagners Frauengestalten reichlich befremdlich. Aber Wagner selber hatte ja in Cosima eine ihm bedingungslos ergebene Frau an seiner Seite. Das macht auch die Lektüre von Cosimas Tagebüchern so deprimierend. Dieser permanent devote Tonfall ist enervierend. So fällt den Frauengestalten bei Wagner in aller Regel die Rolle der Erlöserin zu (Senta, Elisabeth, Isolde, Brünnhilde). bei Kundry ist es anders. Sie hat durchaus eine andere Funktion, nämlich die eines Störfaktors. Sie verführt Amfortas, der darauhin an seiner Wunde leidet, dann versucht sie es auch bei Parsifal, der ihr jedoch widersteht. Dieser ist es auch der den Fluch überwindet und fortan sein Erlösungswerk vollbringen kann. Und in seiner Gnade erlöst er auch Kundry von ihrem Fluch. Insofern repräsentiert Kundry schon einen anderen Frauentyp, aber keinesfalls einen sympathischeren.

      Peter
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)