Berliner Philharmoniker, Saison-Eröffnungskonzert am 24.8.2012

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    • Berliner Philharmoniker, Saison-Eröffnungskonzert am 24.8.2012

      Caesar73 schrieb:

      Auf Deine Eindrücke wäre ich sehr gespannt! Falls Du Zeit findest!
      Ok, ein paar Eindrücke, aber aus Zeitgründen nicht mehr:

      Yefim Bronfman als Solist des zweiten Brahms-Konzertes hat mich offen gesagt etwas enttäuscht. Sicher, er beherrscht dieses vielleicht schwierigste aller Klavierkonzerte ohne Probleme, was ihm allein schon meine aufrichtige Bewunderung einbringt. Aber an diesem Abend war er merkwürdig passiv, zu wenig solistisch, tauchte viele Passagen (z.B. die Sprungstelle im ersten Satz) in zu viel Pedal, charakterisierte nicht entschieden genug, war zu pauschal in Klang und Artikulation. Er wirkte über weite Strecken eher wie ein aufmerksamer, aber etwas blasser Kammermusiker als wie ein Solist. Hinzu kam, dass er mit Rattle in Bezug auf Tempi, Übergänge usw. nicht immer einer Meinung zu sein schien. So war z.B. sein Tempo am Beginn des zweiten Satzes deutlich schneller als die Fortsetzung bzw. Ergänzung des Orchesters danach. Möglich ist aber auch, dass er einfach etwas nervös war, zu schnell begann und Rattle ihm mit einer vorsichtigen "Bremse" helfen wollte. Jedenfalls waren manche Stellen etwas atemlos, manche Pausen zu kurz und manche Passagen leicht verhetzt. Am besten gelang ihm der dritte Satz, vor allem das "Piú adagio" vor dem zweiten Einsatz des Solo-Cellos war berückend schön. Die Philharmoniker spielten weitgehend auf dem gewohnten Niveau, wenn man von ein paar kleinen Schnitzern vor allem im Blech (wie z.B. dem etwas "verwackelten" Horn-Solo zu Beginn) absieht. Der Applaus war überwiegend neutral-freundlich, einigen Bravos stand ein einzelner Buh-Rufer gegenüber, dessen Verhalten ich trotz allem ziemlich unanständig fand. Ich weiß aber auch, wie schwer dieses verflixte Konzert ist...

      Nach der Pause Witold Lutoslawskis dritte Symphonie: tolle, spannende, einfallsreiche, dabei immer in sich schlüssige Musik, von Rattle mit enormer Klarheit und Sicherheit dirigiert und vom Orchester großartig gespielt. Als Zugaben sehr charmant den "Marche miniature" aus Tschaikowskys erster Orchestersuite op. 43 sowie sehr fetzig den Slawischen Tanz C-Dur, op. 72 Nr. 7 von Dvorak.

      Christian
      Jeder Eindruck, den man macht, schafft Feinde. Um populär zu bleiben, muss man mittelmäßig sein.
      Oscar Wilde
    • Inzwischen habe ich das Brahms-Konzert noch einmal in der "Digital Concert Hall" gehört und muss meinen live-Eindruck teilweise korrigieren. Zwar fand ich immer noch, dass Bronfman passagenweise merkwürdig passiv spielt, sich sozusagen ab und zu mal eine gestalterische Auszeit nimmt, aber insgesamt hat er doch eine Menge zu sagen. Sein Klang wirkt in der Aufnahme größer und variabler als im Konzert (zumindest auf meinem Platz in Block C, Reihe 9). Sein Pedalspiel ist mir oft zu pauschal, aber seine Stimmführungen sind dennoch klar und überzeugend. Nun ist es nicht so, dass ich von seinen Qualitäten im Konzert nichts gehört hätte, aber der Gesamteindruck war doch ein anderer. Ich habe dafür drei mögliche Erklärungen: 1. Mein Sitzplatz war akustisch zu schlecht. 2. Bronfmans Präsenz im Saal war nicht so groß wie aus der Nähe der Aufnahme. 3. Man hat für die "Digital Concert Hall" korrigiert, vielleicht auch Passagen aus der Generalprobe reingeschnitten. Für letzteres spricht, dass mir das Orchester in der Aufnahme eine Spur perfekter zu sein schien als im Konzert. Der von mir monierte "verwackelte" Hornbeginn ist allerdings geblieben, wahrscheinlich sollte es doch ein Rubato mit gedehntem ersten Viertel sein (welches mich aber auch beim zweiten Hören nicht überzeugte).

      Christian
      Jeder Eindruck, den man macht, schafft Feinde. Um populär zu bleiben, muss man mittelmäßig sein.
      Oscar Wilde
    • Das mache ich auch öfter, dass ich mir ein Konzert später nochmal in der DCH ansehe, in dem ich live war. Ich finde das eine tolle Sache. Allerdings hatte ich auch schon mehrmals den Eindruck, dass da nachgebessert und auch geschnitten wird.
      Im übrigen sitze ich äußerst ungern in C, ich finde die Akustik in D z.B. besser, obwohl weiter hinten. Aber leider gibt es ja oft nicht mehr so viel Auswahl bei den Rattle-Konzerten (warum auch immer).
      Heike
      „Wahrscheinlich werden künftige Generationen sich erinnern, dass dieses Jahrhundert das ,Century of Recordings’ war, in dem die Menschen auf die seltsame Idee verfielen, man könne Musik in kleine Plastikteile einfrieren. Mich erinnert das an die Idee der Ägypter vom Leben nach dem Tod. Eine ungesunde Idee. Studiomusik ist eine Verirrung des 20. Jahrhunderts. Das wird verschwinden.“ (F. Rzewski, Komponist, in der FAZ vom 21.4.2012)
    • Das erste Viertel zu verlängern scheint mit, wenn ich mir das Motiv vorsinge, doch eher seltsam. Wenn überhaupt, das dritte Viertel oder die Triolen oder die letzten beiden Töne (die weibliche Endung) der Phrase. Insgesamt sollte das Horn aber das Thema wohl lieber einigermaßen in Takt und Tempo vortragen, der Pianist kann, wenn er es übernimmt, evtl. etwas schwelgen freier gestalten.
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Kater Murr schrieb:

      Das erste Viertel zu verlängern scheint mit, wenn ich mir das Motiv vorsinge, doch eher seltsam. Wenn überhaupt, das dritte Viertel oder die Triolen oder die letzten beiden Töne (die weibliche Endung) der Phrase.
      Ohne jetzt die konkrete Ausführung zu kennen, auf die Ihr euch bezieht: ich kenne es auch so, mit dem etwas gedehnten ersten Ton, und finde es sehr stimmig... Vielleicht so etwas wie ein kurzes Einschwingen?

      Gruss
      Herr Maria
      Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
      daß Alles für Freuden erwacht
    • Vielleicht hatte im Konzert auch einfach der Hornist einen niedrigeren, der Dirigent einen höheren Puls als in der Probe, so dass der Hornist deutlich langsamer begann, als der Dirigent es sich dachte. Dann hätte der Dirigent den Hornisten beim zweiten Schlag wieder eingefangen. Für den Zuhörer klingt das dann wie ein gedehnter erster Ton.

      (Irgendwo gab es doch in den letzten Tagen die Psychopharmaka-Diskussion für auftretende Musiker. Der Hornist ist zugegebenermaßen am Anfang des Konzertes stark exponiert, auch wenn jeder Hornschüler nach zwei Jahren die Stelle wohl fehlerfrei bewältigt.)

      Gruß
      MB

      :wink:
      "Behalten Sie Ihren Hammer, Sie Rüpel!" (Paul Watzlawick)
    • Das Saison-Eröffnungskonzert der Berliner Philharmoniker mit Rattle habe ich bis einschließlich 2011 eigentlich immer besucht - obwohl mir die ganzen Deutsche Bank-Leute mit Ackermann vorneweg schon manchmal arg auf den Senkel gingen. Blockieren die gesamten Plätze in den Blöcken A und B sowie die besten Plätze in einigen weiteren Blöcken, kommen sich wer weiß wie wichtig vor und werden nach dem Konzert auch noch im Kammermusiksaal mit großen Tamtam empfangen, während der treue Konzertgänger, der die gesamte Saison über zu den Berliner Philharmonikern pilgert, in diesem Konzert mit schlechteren Plätzen als sonst vorlieb nehmen muss - und das dann auch noch zu höheren Eintrittspreisen als bei regulären Konzerten (in welcher Form "sponsort" eigentlich die Deutsche Bank das Eröffnungskonzert, wenn die Eintrittskarten dann trotzdem mehr kosten als bei jedem anderen Konzert?). Musikalisch gelohnt hat es sich jenseits solchen Ärgers immer, denn man kann Rattle nicht nachsagen, dass er für die Saisoneröffnung auf "gefällige" Programme setzt. Lutoslawskis Sinfonie Nr. 3 im Eröffnungskonzert 2012 hätte mich auch sehr gereizt, aber ich "streike" ab diesem Jahr. Denn die Eintrittspreise, die für ein reguläres Rattle-Konzert in Berlin höchstens 90 Euro (für einen superguten Platz in den Blöcken A und B) betragen, waren für den 24. August 2012 ins Unverschämte gestiegen. 175 Euro für eine Karte der obersten Preiskategorie, erinnere ich das richtig? Ich jedenfalls lehne bei einer solchen Preispolitik dankend ab.
      "Mir ist noch nie ein solches Talent begegnet. Sie ist einzigartig unter den Pianisten unserer Zeit."
      (Martha Argerich über Gabriela Montero)
    • Kater Murr schrieb:

      Das erste Viertel zu verlängern scheint mit, wenn ich mir das Motiv vorsinge, doch eher seltsam. Wenn überhaupt, das dritte Viertel oder die Triolen oder die letzten beiden Töne (die weibliche Endung) der Phrase. Insgesamt sollte das Horn aber das Thema wohl lieber einigermaßen in Takt und Tempo vortragen, der Pianist kann, wenn er es übernimmt, evtl. etwas schwelgen freier gestalten.
      Ich habe mir den ersten Satz noch einmal angehört: Das Horn-Solo am Beginn ist definitiv leicht verunglückt. Es ist weniger eine Dehnung des ersten als eine Abkürzung des zweiten Tones, und das kann eigentlich keine musikalische Idee sein. Den ersten Ton ganz leicht gedehnt könnte ich mir noch vorstellen, wenn die beiden folgenden dann jeweils minimal kürzer würden, um so die Triole mit einem ganz leichten accelerando vorzubereiten, welches sie dann wieder auffangen könnte. Aber eigentlich stimme ich Dir zu, dass man da noch nicht zu viel Zauber veranstalten sollte.

      music lover schrieb:

      Denn die Eintrittspreise, die für ein reguläres Rattle-Konzert in Berlin höchstens 90 Euro (für einen superguten Platz in den Blöcken A und B) betragen, waren für den 24. August 2012 ins Unverschämte gestiegen. 175 Euro für eine Karte der obersten Preiskategorie, erinnere ich das richtig? Ich jedenfalls lehne bei einer solchen Preispolitik dankend ab.
      Kann ich verstehen. Ich konnte ein bisschen meine Beziehungen einsetzen...

      Christian
      Jeder Eindruck, den man macht, schafft Feinde. Um populär zu bleiben, muss man mittelmäßig sein.
      Oscar Wilde