Dem geschenkten Gaul ... Auf dem Kindle gelesen

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    • Dem geschenkten Gaul ... Auf dem Kindle gelesen

      Täglich schaue ich die Bestseller-Liste der kostenlosen Bücher an, die man sich herunterladen kann. Und immer wieder kaufe ich für 0,00 € ein, um oft genug nach dem Lesen der erste(n) Seite(n) das elektronische Druckwerk von meinem Gerät zu löschen. Anderes lese ich bis zum (bitteren) Ende. So erklärt sich auch das Nebeneinander verschiedener Lektüren, wenn man allerdings gleich drei Erzählungen/Kurzromane nebeneinander hat, in denen jeweils die besonderen Fähigkeiten eines Jungen/Mädchen entdeckt werden, worauf es auf ein entsprechendes Internat kommt, hat man es nicht immer leicht, die Erzählstränge auseinander zu halten. Manchmal ist es ein Ausflug in die Vergangenheit der 40er, wenn man lakonischen Detektiven in der Art von Dashiell Hammett begegnet, die sich seltsam archaisch in der globalisierten Umwelt bewegen. Auf der anderen Seite, wenn man in der Buchbeschreibung liest "Aber ihr Glück gerät in große Gefahr, als Adam Graf Selzen sich in sie zu verlieben scheint", so ist es allein schon das Adelspartikel, das einem zuverlässig signalisiert, mit welcher Ware man es zu tun hat. Aber wenn im Hexeninternat auch Adelsprädikate auftauchen, wird allein schon der Stilmix interessant.

      Es gibt auch hin und wieder Sachliteratur in dem Bestsellerbereich, heute führt etwa ein Buch übers Management die Liste an, das ich mit Interesse beäugen werde



      Kurz: ich denke in diesem Thread (stilkritische) Betrachtungen, Gedanken über Bücher und (vielleicht nicht immer ernsthaft gedachte) Empfehlungen für den kleinen Kreis der Kindle-Leser zu veröffentlichen und dazu einzuladen, hier mitzumachen - alles höchst subjektiv versteht sich. Wenn ich etwa den Titel

      Wer hält mich, wenn ich weine (Der romantische Adelsroman) [Kindle Edition]
      Sophia Bjenlund (Autor)

      lese, packt mich ein unwiderstehlicher Reiz ... aber nicht zu weinen. Den klassischen Anfang kann man sich auf der Zunge zergehen lassen

      Der Himmel weinte mit Christina Seitz, die ihren Vater auf dem letzten Weg begleitete.


      Die Heldin und ihr Wetter



      Zur Unterhaltung, nicht zur Belehrung also dieser Thread ...

      Liebe Grüße Peter
      .
      Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
      (Hermann Bahr)
    • Peter Brixius schrieb:

      Der romantische Adelsroman

      Was es alles für Genres gibt! :shake:

      Der schwache Morgenwind, der das blonde Haar der jungen Dame leise hob, kräuselte auch die sonnenfunkelnde Wasserfläche – sie schien besät mit zahllosen flatternden und pickenden goldenen Vögeln.

      Droben huschte der scheue, gelbglänzende Kirschpirol durch die Lüfte und flötete einzelne abgebrochene Kadenzen; auch ein erschrockener Frosch, der seinen fleckigen Leib auf einem der weißgebleichten Uferkiesel gesonnt hatte, plumpste klatschend ins Wasser – sonst war es lautlos ruhig auf dem See und in den Wipfeln, und nur die schwarze Hummel, den kleinen zottigen Pelz voll gelben Blütenstaubes, zog durch das hohe, geschonte Ufergras, und ihr monotones Surren und Summen machte die Waldstille noch traumhafter.

      romantischer Adelsroman... Merke: kein Substantiv ohne schmückendes Adjektiv! :D
      (n.B.: Die Dame, die das verbrochen hat, war Opernsängerin, bevor sie mit ihrem unzweifelhaften Talent zum Schreiben viel Geld verdiente...)

      Was ist das dann, wenn der Adelige in einem Dorf eine Arztpraxis eröffnet und sich in die Pferdezüchterin von nebenann verliebt? romatischer Adelsroman, Arztroman, Liebesroman oder Pferdelektüre für präpubertierende weibliche Teenager? Oder alles in einem: das neueste Werk von Rosamunde Pilcher? :stumm:
      viele Grüße

      Bustopher


      Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
      Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)
    • Lieber bustopher,

      Du hast schon etwas weiter gelesen 8+) Normalerweise gehört das Genre "romantische Liebesgeschichten" zu dem, bei dem man noch sorgfältigen Gebrauch der Sprache erwarten kann. Aber diese Autorin formuliert häufig zu hölzern. Die erwähnte Christina begegnet am Grab dem Rechtsanwalt (als "Herr Doktor" angesprochen) und erwidert auf die Einladung zum Gespräch

      Ich werde es schon schaffen. Mein Vater sagte immer, dass man seine Gefühle für sich behalten soll und Stärke zeigen muss. Ich will das tun, was er für richtig hielt. Seine Lebensweisheiten werden mich auf meinem Weg begleiten.


      Das tut weh, sozusagen Sarastrosprak hoch 2. Immerhin wird ihr Vater kurz darauf als Spieler entlarvt, der das Familienvermögen nahezu komplett verspielte, das stimmt mich wieder gnädig. Aber schon kommt der nächste Schlag. Der Rechtsanwalt begründet

      Er suchte verzweifelt nach einem Ersatz, den er im Glücksspiel fand.


      Ein schönes Beispiel dafür, wann ein Relativsatz nicht geht. Aber nun blüht der Scherz auf

      Die Erinnerung an ihren toten Vater bereitete ihr regelrecht körperliche Schmerzen. Was bedeutete schon der Verlust all ihres Habes [!], nachdem der geliebte Vater und einzige Freund für immer für sie verloren war.


      Es fängt mit dem "tot" an, was der Leser weiß, muss nicht dauernd wiederholt werden. Schmerzen sind körperlich - aber "regelrecht" tut weh. Wenn man schon gehoben "Habe" statt "Besitz" oder "Vermögen" gebraucht, sollte man wenigstens wissen, dass es "die Habe" ist. Was Du in Sachen Attribute beobachtet hast, gilt für den ganzen Stil: aufgeschwemmt mit überflüssigen Wörtern. Und anderes kann man einfach erwarten

      Tapfer unterdrückte die junge Frau die Tränen.


      Klar, "tapfer". Aber nun wird "geschickt" und hochmotiviert der künftige Liebhaber eingeführt

      Ich kann sie gut verstehen, Christina. Ihr Vater war eine Seele von einem Menschen, und er liebte Sie sehr. Dennoch dürfen Sie über ihr eigenes Leid nicht vergessen, dass auch anderen Menschen immer wieder Leid geschieht. Jeder von uns hat sein Päckchen zu tragen, und auch an Graf Selzen ist das Leben nicht spurlos vorbeigegangen.


      Wie man sieht, werden beide Personen dadurch charakterisiert, dass sie endlos Gemeinplätze produzieren. Sprachlich sind sie nicht voneinander abgehoben. Ich prognostiziere, dass Graf Selzen dieselbe hölzerne, von ewigen Weisheiten durchflochtene Redeweise pflegen wird - ganz einfach, weil es alle so edle Menschen sind. Man hofft auf einen Bösewicht, der endlich anders spricht. Aber zunächst einmal erfahren wir, dass sie als Hauslehrerin bei Graf Selzen eingestellt werden soll. Die Bühne der großen Gefühle ist bereitet ... Es kommt zu einer Reprise

      Christina erhob sich. Sie fühlte sich so schwach und irgendwie schwindelig, als würde eine schwere Krankheit in ihr stecken. Doch sie bekämpfte tapfer dieses Gefühl. Ihr Vater hätte sicher kein Verständnis dafür gehabt. [...] Christina wollte ebenso stark sein.


      Soweit also klassisch aufgebaut, allerdings mit einer Geschwätzigkeit, die es mir schwer macht weiter zu lesen. War im Anfang noch die Natur bemüht mitzuspielen, so findet sie am Ende des Gespräches wieder statt

      Als sie auf die Straße hinaustrat, blendete sie grelles Licht. Der Regen hatte wie durch ein Wunder aufgehört, und die Wolken hatten sich verzogen. Ob das ein gutes Omen war für die Zukunft.


      Gerade der Gebrauch von Bildern zeigt die Autorin als wenig bildmächtig - Langeweile schleicht sich ein. Aber da entdeckt mein Auge im (über)nächsten Abschnitt eine "heimliche Gänsehaut" - über das Phänomen will ich mehr wissen. Ist die so heimlich wie so mancher Tipp geheim?

      Liebe Grüße Peter
      .
      Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
      (Hermann Bahr)
    • Ein - wie ich dachte - inzwischen ausgestorbener Literaturzweig ist die Wissensvermttlung durch literarische Einkleidung. Ich hatte früher einmal eine Anzahl solcher Werke (Anfang des 20. Jahrhunderts und davor), in denen zB. Physik in einer Reihe von Dialogen Lehrer-Schüler vermittelt wurden. Ich erinnere mich, das mal in einer Klassenarbeit (Sachbericht) nachgeahmt zu haben. Nun treffe ich auf



      ... ein Krimi mit vielen Gartentipps. Zwei Seiten werden wir verschont. Es beginnt mit der allbekannten Metaphorik

      Einsam lag die Brücke im Licht der letzten Sonnenstrahlen.


      Mit Recht vermutet man, dass sich "einsam" auf den Protagonisten der Handlung bezieht, gleich am Ende des zweiten Abschnitts wird man bestätigt - er musste "Kummer hinunterspülen".. Nach einer Landschaftsbeschreibung mit zu erwartenden Attributen (natürlich ist der Rhein majestätisch und überträgt das auf die Rheinebene). Thomas hat seine Schwester auf dem Fahrrad an einer leichten Steigung abgehängt, Nun nähert sich die "arme" Frau und wird "neckisch" begrüßt. Der literarische Offenbarungseid kommt nun bei der Charakterstik (eine andere Form der Klassenarbeit, die mich damals quälte)

      Thomas Sauer - so sein voller Name - mochte seine Schwester sehr. Sie war drei Jahre jünger als er, also 23, etwas pummelig, ein liebes Ding und ihrem großen Bruder stets eine treue Verbündete. Der Öko-Trip, auf dem sie seit einiger Zeit war, ging Tom allerdings gehörig auf die Nerven.


      Die sprachlichen Ungeschicklichkeiten ("sein voller Name" erinnert eher an eine polizeiliche Vernehmung) machen die Flachheit der Charaktere zusätzlich unerträglich. "Ein liebes Ding" würde außerhalb einem Geplauder bei mir am Rande der Beleidigung verstanden - das macht eben den Unterschied zwischen Geplapper (kommt mir eher tantenhaft vor) und Geschriebenen. Da es offensichtlich Thomas zu Worte kommen lässt, ist die Wendung - wie heute Sportreporter zu sagen pflegen - kurios. Vorbereitet wird nun der "Sachteil", denn auf dem Weinfest, von dem die beiden kommen, hat Sabine, so heißt sie mit Vornamen ;+) , "einen ausführlichen Vortrag" vor "ihrem Publikum", hier wohl ihr Bruder, gehalten - und der wird uns nicht erspart. Das Dialogische wird durch die laufenden Kommentare des Bruders hergestellt. Und nun geht es die nächsten vier Seiten um Schnecken im Biogarten. Das ist der Zeitpunkt, zu dem ich mich verabschiede.

      Liebe Grüße Peter
      .
      Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
      (Hermann Bahr)
    • Ich hoffe, man kann hier auch auf ganz und gar klassische Literatur hinweisen, die man kostenfrei bekommt.
      Zur Zeit lese ich "Aurelia" von Gerard de Nerval, und ich bin völlig hingerissen. Da ich justamente eine Kritik zu dem Buch auf meinem Blog veröffentlicht habe, verlinke ich, anstatt zu kopieren.
      Aber den Link zu Gutenberg.org will euch noch mitteilen (wenn die Modration nichts dagegen hat):

      gutenberg.org/ebooks/39575

      Ein bombastisches Buch, verblüffend modern, abgründig, traumhaft. Und umsonst.

      florianvoss.blogspot.de/




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      Ich habe Schrauben in den Himmel gesteckt
      und die Rabenmuttern festgedreht
    • Florian Voß schrieb:

      Ich hoffe, man kann hier auch auf ganz und gar klassische Literatur hinweisen, die man kostenfrei bekommt.
      Zur Zeit lese ich "Aurelia" von Gerard de Nerval, und ich bin völlig hingerissen. Da ich justamente eine Kritik zu dem Buch auf meinem Blog veröffentlicht habe, verlinke ich, anstatt zu kopieren.


      Hinweise auf Empfehlenswertes sind erwünscht. Da steuere ich auch gleich etwas bei. Nach seinem Golem lese ich im Moment



      Gustav Meyrink: Der Engel von westlichen Fenster

      Ich genieße allein schon die Sprache, aber auch die exquisite Erzählkunst. Man kann ja - auch ohne das Buch zu erwerben - es schon mal anlesen. Wem es nicht zusagt, kann es beiseite legen. Ansonsten ist der Download kostenlos.

      Liebe Grüße Peter
      .
      Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
      (Hermann Bahr)
    • Ja, Meyrink habe ich durch das E-Book auch wiederentdeckt, dreißig Jahre nachdem ich ihn das letzte Mal las. Allein der Anfang von "Das grüne Gesicht" weckte sofort Erinnerungen an Nachmittage des Lesens im Herbst 1980, mit Fanta und Gummibärchen... :D





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      Ich habe Schrauben in den Himmel gesteckt
      und die Rabenmuttern festgedreht
    • Ich möchte auch hier meine Bitte unterbringen

      Bitte kümmert Euch mit umd die Verbreiterung des Kindle-Repertoirs
      Auch ich habe mir einen Kindle zugelegt und bin von den vielen verschiedenen Vorteilen des Kindle (Platzersparnis, alles immer dabei, handliches Lesen dicker Bücher und Lesehilfe für schlechte Augen) sehr angetan.
      Nur hätte ich gerne mehr Musik-Bücher auf dem Kindle, da fehlt noch eine Menge. Dabei wäre es doch so praktisch wenn man seine Komponistenlexika, Konzertführer Werkmonografien Komponistenbiografien etc immer wenn man ins Konzert geht mit dabei haben könnte um sich vor Ort direkt mal schnell zu informieren.
      Bücher wie zB die von Renate Ulm, die Harenberg oder Reclam Konzertführer, die Bücher von Gerd Indorf, die Mehler Biografie von J M Fischer usw.

      Deshal wollte ich euch bitten:

      wenn ihr bei Amazon seid und solche Bücher seht, macht unbedingt den Klick bei "Das möchte ich auf dem Kindle lesen" l-l

      je mehr klicken, umso grösser ist die Wahscheinlichkeit sie bald im Angebot zu finden l-l
      Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum (Nietzsche)
      In der Tat spuckte ... der teuflische Blechtrichter nun alsbald jene Mischung von Bronchialschleim und zerkautem Gummi aus, welchen die Besitzer von Grammophonen und Abonnenten von Radios übereingekommen sind Musik zu nennen (H Hesse)
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      Im übrigen bin ich der Meinung, dass immer Sommerzeit sein sollte (gerade im Winter)
    • Eine der anspruchvollsten Herausforderungen als Autor ist - zumindest in deutschen Landen - das komische Genre. Hierzulande hat man mit Satirischem seine Mühe, gerade weil Satirisches treffen will, gibt es in der Mehrzahl Betroffene, die unleidlich reagieren - und gar Satire zensieren wollen: es könnte ja jemand betroffen sein. Im Moment lese ich voll Vergnügen Glossen ovn Glattauer (davon am Ende) nun kam mir heute Morgen
      Schupfnudeln und andere Katastrophen (Satiren und Kurzgeschichten) [Kindle Edition]
      Uli Kreimeier (Autor)




      Ich konnte das E-Druckwerk noch kostenlos herunterladen, nun sehe ich, dass 0,99 € verlangt werden. Wie kann man auf Deutsch komisch schreiben?

      Im oberen Drittel auf der durch meine Guteste erstellten, etwa vierzig Zentimeter langen Einkaufsliste stehen "Schupfnudeln. Also suche ich im Regal bei den Teigwaren. Was immer auch "Schupfnudeln" sind (hört sich jedenfalls etwas eklig an), sie müssen doch der Kaste der Nudelerzeugnisse angehören, jedenfalls finde ich das plausibel.


      Um Schupfnudel geht es - und das notwendige Ausgangs-Gefälle, um Komik zu erzeugen, besteht darin, dass der Sprecher nicht weiß, was Schupfnudeln sind. Nun läst sich aus dem Kosenamen "Guteste" ein Herkunft jenseits des Weißwurstäquators vermuten, wir haben also eine "plausible" Ausgangsspannung. "Guteste" zeigt auch schon eine Taktik des Erzählers - es rutscht ins Private, Triviale, das in Kontrast mit dem ernsthaften Bemühen steht. Dem Superlativ (gut -> guteste) entspricht die Länge des Einkaufszettels. Nun wissen wir nicht um die Schriftgröße der Ehefrau, auf 40 Zentimetern kann man schon einiges unterbringen. Ein anderes Mittel ist der Austausch eines Begriffes durch einen anderen, der aus einem möglichst fernen Bereich kommt, hier also statt "Nudelsorte" "Kaste der Nudelerzeugnisse", wobei für den deutschen Humor offensichtlich bürokratische Begriffe wie "Erzeugnisse" immer noch ein Quell der Heiterkeit sind.

      Was witzige Texte (wenn ich jetzt schriebe "Hervorbringungen" - wäre das witzig?) ausmacht, ist Präzision und Ökonomie: niemand muss für seine Auftritt so viel proben wie der Clown

      Alles türmt sich in den Etagen der Bio- und Extraterrestrischen Abteilung, auch Produkte, die mich an den letzten Urlaub an der See denken lassen wie etwa Seetang zur Sushi-Zubereitung. Direkt daneben finde ich dann auch Schupf... - nein es ist nur ein Scherz. Es gibt hier keine Schupfnudeln.


      Ein schon fast unverzeihlicher Fehler, innerhalb einer etwas schusseligen Rede von einem Scherz zu sprechen, diese Verdoppelung darf man sich nicht leisten. Der Supermarkt ist wohl gut bestückt, hier hilft wieder die Übertreibung mit der "Extraterristischen" Abteilung, bei dem Seetang verlässt den Autor aber die sprachliche Präzision: nicht das Ansehen, allenfalls die Bezeichnung "Seetang" könnte ihn an seinen Urlaub erinnern, aber das alles ist so wenig bild- und sprachkräftig, dass der Witz in sich zusammenfällt.

      Zu Hilfe kommt dem offensichtlich etwas vertrottelten Mann eine Verkäuferin, die mit "Halt, hier bleiben!" eingefangen wird (damit gelänge es mir mit Sicherheit hierzulande nicht). Man informiert sie

      "Entschuldigen Sie meinen Überfall, aber ich brauche unbedingt Schupfnudeln, mein Leben hängt davon ab ... wenn ich keine Schupfnudeln bekomme, werde ich entlasse ...", übertreibe ich ganz leicht (Sie kennen meine Frau nicht).


      Man konstatiert mäßig belustigt: offenbar zu Hause servil, entdeckt man das An-Herr-schen beim Personal, fällt dann aber in einen flehenden, unterwürfigen Ton zurück, weil man ja etwas haben möchte. Damit entfällt aber eine wichtige Fallhöhe bei einem komischen Text: Wenn ich über jemanden lachen will, muss er lachhaft, aber darf nicht lächerlich sein. Um weitere Kunden von seiner Beanspruchnahme einer Verkaufskraft abszuschrecken. stellt sich unser Held als "Oberhuber, Lebensmittelkontrollüberwachungshygieneamt" vor, was im Lande des Geschehens offensichtlich beeindruckt (in kölschen Landen hätte er das Wortungetüm gar nicht zu Ende gebracht).

      Was eine Satire braucht, ist immer eine Schlusspointe. Die lautet hier

      Zu Hause erfahre ich dann, dass ich die geriffelten, nicht die glatten Schupfnudeln hätte kaufen sollen. Die glatten kleben so an Gaumen und Zunge! Wieder was Wichtiges gelernt.



      So matt wie das ganze, so auch der Schluss. Da lobe ich mir meinen Glattauer, der zeigt, wie man's macht (allerdings nicht kostenlos)



      Da fängt eine Glosse ("Weinfloskel") etwa so an

      Die Österreicher verbrauchen im Jahr 2 500 000 Hektoliter Wein. Die Orte, an denen sich der Verbrauch vollzieht, sind vielschichtig (wie die Konsumenten), sie erstrecken sich vom Überlastungsgerinne der Donau, wo vereinzelt noch dem Doppler gefrönt wird, bis hinauf in die gehobene Tiroler Alpingastronomie, in der man Wein aus Kiefernadeln zu gewinnen scheint, so sparsam wird mit den Mengen umgegangen, die man den Gästen zu gesunden Preisen zuzumuten wagt.


      Von Wein wie Glosse gönne ich mir täglich eine(n), bekömmlich und wohltuend.

      Liebe Grüße Peter
      (BTW gekauft habe ich den Glattauer damals für 0,00 € - deshalb lohnt es sich, täglich die Bestsellerlisten zu studieren. Die wissen schon, warum sie's tun)
      .
      Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
      (Hermann Bahr)
    • Die Österreicher verbrauchen im Jahr 2 500 000 Hektoliter Wein.

      echt? einen Liter pro Tag und Kopf? Was will uns der Autor damit sagen?
      viele Grüße

      Bustopher


      Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
      Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)
    • Peter Brixius schrieb:

      Die Österreicher verbrauchen im Jahr 2 500 000 Hektoliter Wein.

      Die Österreicher verbrauchen im Jahr 2 500 000 Hektoliter Wein.

      echt? einen Liter pro Tag und Kopf? Was will uns der Autor damit sagen?
      viele Grüße

      Bustopher


      Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
      Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)
    • bustopher schrieb:

      Die Österreicher verbrauchen im Jahr 2 500 000 Hektoliter Wein.

      echt? einen Liter pro Tag und Kopf? Was will uns der Autor damit sagen?


      Lieber bustopher,

      woher Glattauer seine Zahlen hat, weiß ich nicht. Im Netz findet man Statistiken über den pro Kopf-Verbrauch. Da liegt der Vatikan vorne (Vatikan / 66,67 Liter) ... ob das nur Messwein ist? :mlol:

      Österreich hat in dieser Statistik einen Pro-Kopf-Verbrauch von 30,26 Liter. Wahrscheinlich ist bei Glattauer der Verbrauch der Touristen mit eingerechnet. 2,5 Mio Hektoliter - so steht's in meinem Kindle ...

      Liebe Grüße Peter
      .
      Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
      (Hermann Bahr)
    • noja: er könnt's ja auch erfunden haben, der Glattauer, weils halt so a scheene Zahl is... Dichterische Freiheit halt.... Oder will er uns seine Landleute gar als Alkoholiker... weil: Bier und Schnaps (Marille!) trinkens ja aa no... ned weiter zurechnungsfähig... ähem... :hide:
      viele Grüße

      Bustopher


      Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
      Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)
    • bustopher schrieb:

      noja: er könnt's ja auch erfunden haben, der Glattauer, weils halt so a scheene Zahl is... Dichterische Freiheit halt.... Oder will er uns seine Landleute gar als Alkoholiker... weil: Bier und Schnaps (Marille!) trinkens ja aa no... ned weiter zurechnungsfähig... ähem... :hide:


      oder - peinlich - ein Stellenfehler - wenn man es ausrechnet, kommt man nämlich auf 250 000 000 Liter (oder einfach nicht gewusst, wie man von Liter auf Hektoliter kommt ...)

      Liebe Grüße Peter
      .
      Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
      (Hermann Bahr)
    • Aus einer offiziellen Broschüre der Österreich Wein Marketing GmbH: Die durchschnittliche Erntemenge beträgt 2,4 Millionen Hektoliter (2008 2,9 Millionen hl), der größte Teil davon wird im Inland konsumiert.

      "http://www.oesterreichwein.at/uploads/tx_celumfe/Dokumentat55b874b0ef.pdf"


      Oder der Wiki-Artikel "Weinbau in Österreich", der sich auf diese Broschüre bezieht: Im Jahresdurchschnitt werden 2,5 Millionen Hektoliter Wein produziert, der Großteil davon wird im Inland konsumiert. Daher wird's der Glattauer wahrscheinlich haben.

      Klar wird ein nicht unerheblicher Anteil in den Mägen und Blutbahnen der ca. 26 Mio. ausländischen Gäste in Österreich landen. Allein die ganzen Busladungen in den Heurigen...


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • woher wissen wir, daß der an die ausgeschenke Wein aus Österreich kommt....? Oder daß die ÖSTERREICHeR nicht auch AUSLÄNDISCHEN Wein (pfui!) trinken???
      viele Grüße

      Bustopher


      Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
      Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)
    • bustopher schrieb:

      woher wissen wir, daß der an die ausgeschenke Wein aus Österreich kommt....?


      Ich vermute mal, weil die Weinexporte aus Österreich (aufgrund von Deklarationspflicht etc.) relativ genau beziffert werden können und man daraus Rückschlüsse auf die Menge des in Österreich verbliebenen Weins ziehen kann. Was mit diesem Wein passiert - ob er getrunken, weiterverarbeitet, weggeschüttet wird - lässt sich natürlich nicht kontrollieren. Ich bin aber doch optimistisch, dass der größte Teil in- und ausländische Kehlen hinunterrinnt.


      bustopher schrieb:

      Oder daß die ÖSTERREICHeR nicht auch AUSLÄNDISCHEN Wein (pfui!) trinken???


      Das tun sie in relativ geringem Maße, wie zumindest die Beobachtung lehrt: Die österreichischen Weinregale vom Supermarkt bis zum Meinl am Graben sind zu einem sehr hohen Prozentsatz mit inländischen Weinen gefüllt. Das gilt auch für die Weinkarten der österreichischen Gastronomie jedweden Niveaus.

      Ich hab wirklich zuviel Zeit heute. :D


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Musik kommt eher selten vor. Der Normalfall ist, dass jemand sein Autoradio dudeln lässt. Die "Juwelen", die sich auf Klassische Musik beziehen, werde ich sukzessive vorführen - es sind so wenige bis jetzt, dass ich sie gut merken konnte. In "Rabenblut drängt" (das habe ich damals umsonst herunter geladen)



      ist es der Außenseiter Alexej (im Dialog mit der Krankenschwester)

      "Gibt es nicht irgendein Lied, das Sie besonders gerne singen? Singen hilft immer!" beteuerte sie. "Das bringt den Kreislauf in Schwung."
      Also gut. Wenn sie es unbedingt wissen wollte. "Nummer zwei in e-Moll aus dem Opus zweiundsiebzig von Dvorak." Ich keuchte, weil mir das Atmen so schwer fiel.
      "Was? Opus?" Sie verstand kein Wort.
      "Antonin Dvorak, slawische Tänze-" ich hatte das Waschbecken erreicht, und Schweißperlen tropften von meiner Stirn auf das weiße Porzellan. Meine rechte Hand umkrampfte den kalten Beckenrand. Ich ließ den Kopf sinken, weil ich mich danach sehnte, diese Kühle an meiner Stirn zu spüren.
      "Slawische Tänze? Also ehrlich, ich finde Volksmusik nicht so toll."
      Ich lachte heiser.


      Was auffällt, ist die Inkongruenz der Kommunikation - nach einem Lied gefragt, antwort Alexej mit einem Instrumentalstück, als hätte er die I-Pod-Logik verinnerlicht, die "Track" mit "Lied" übersetzt. Aber die Krankenschwester sprach deutlich von "Singen". Die Antwort ist aber in anderer Hinsicht inadäquat. An Opuszahlen ein Werk zu erkennen, ist absolutes Insiderwissen (wenn auch hin und wieder von einzelnen Klassikfeunden gepflegt. Ich hoffe, dass sich bei dieser Anmerkung nicht jemand angesprochen fühlt, so dass ich diese Bemerkung überarbeiten muss - es gibt im Forum sehr empfindliche Leute). Nun kann man "unter einander" mit der Opusnummer operieren, vor allem wenn alle wissen, worüber man spricht - aber außerhalb dieses erlesenen Zirkels kann es nur Missverständnisse herovrrufen. Bei Opus kann man an eine bestimmte Popgruppe denken (wenn man alte genug ist, sie noch zu kennen) - aber alles andere ist ein Buch mit sieben Siegeln. Es ist Angeber-Protz-Verhalten, so auf eine gutgemeinte Frage zu reagieren - doch das hier zu charakterisieren, liegt - soweit ich das erkennen kann - nicht in der Absicht der Autorin. Eher: das Außenseitertum von Alexej zu kennzeichnen - und offensichtlich eine etwas vorurteilsbehaftete Ansicht von Musikfreunden.

      Ich will ja nun nicht gegenkarten und nachfragen, ob die Waschbecken im Krankenhaus aus Pozellan bestehen - ich mein ja nur. Ansonsten sind die Slawischen Tänze Volkmusik ... meisterhaft bearbeitet von Dvorak.



      Liebe Grüße Peter
      .
      Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
      (Hermann Bahr)